Gloire á Enée

 

Die neue Aufnahme von Berlioz´ opus summus, in der Folge der Konzerte in Strasbourg im April 2017 in der dortigen Salle Erasme, kann in mancher Hinsicht als eine der defintiven Aufnahmen dieses Riesenwerkes gelten. Sie atmet französischen Geist und wurde – Dank an Warner – in einer kongenialen Umgebung, in Strasbourg, aufgeommen, mit einem führenden nationalen Orchester, das einen nativen Klang garantiert (trotz Verstärkung von jenseits des Rheins). Eine große Tat! Und sie bietet doch jede Note, die Berlioz für diese Komposition 1863 geschrieben hat (was allerdings die Decca-Aufnahme unter Dutoit auch für sich in Anspruch nahm!). Darüber hinaus hat man mit John Nelson den Berlioz-Dirigenten unserer Zeit par excellence. Seine Beschäftigung mit dem Werk geht bis in die Sechziger zurück, als er den zweiten Teil Carthage mit Evelyn Lear in Englisch an Covent Garden 1966 dirigierte, 1974 das ganze Werk in Französisch ebenfalls mit der Lear und einer überraschenden Gisela Schröter als Cassandre in Genf. Die Lear ist für mich die einzige, die das -p- in „captivé“ so wunderbar prononciert betont wie einst Maria Callas ihr berühmtes „mà“ im Barbiere. Und sie ist für mich auch eine bedeutende Didon!

Berlioz´Oper „Les Troyens“ neu bei Erato (0190295762209) auf 3 CDs mit einem DVD-Bonus-Hightlights-Mitschnitt

John Nelson bietet uns die originale Fassung von 1863, bevor das Théâtre Lyrique in Paris das Werk zerhackte und nur den 2. Teil (Carthage) aufführte. Christian Wasselin legt in seinem Aufsatz im Booklet die Werkgeschichte dar, und man erinnert sich mit Erstaunen und auch Mitgefühl, dass ja Berlioz den (heute so genannten) ersten Teil (La prise de Troie) nie gehört hat. Nelson optiert für die kompaktere Final-Version des 5. Aktes und streicht auch den Auftritt des verräterischen Boten Sinon im 1. Akt (den Dutoit erstmals vorstellte, dessen Noten aber Berlioz selbst vernichtet hatte und der von Hugh MacDonald aus den Resten wiedererstellt wurde). Insofern also hat man buchstäblich jede Note, wie sie die Bärenreiter Edition vorlegt. Finanziert wurde das Ganze in Strasbourg auch mit Hilfe der amerikanischen Donor-Group Ascanio´s Purse, denen man zu Dank verpflichtet ist. (Interessanter Weise liest man ebenfalls im Kleingedruckten, dass Warner das alte Label Parlophone wiederbelebt hat, die Tochter der späteren EMI, bei der zum Beispiel die ersten Buschaufnahmen aus Glyndebourne erschienen waren.)

„Les Troyens“ in Strasbourg 2017 – Schluss-Applaus/ Foto Grégory Massat/ Warner

Nelson hatte vor Strasbourg die Troyens in Frankfurt und an der Met dirigiert, und man merkt ihm zu jedem Moment das Verwachsensein mit  dieser Musik an. Seine prachtvoll-flexiblen Tempi, seine kriegerischen Momente namentlich der ersten beiden Akte überzeugen absolut. Er schafft mit dem französischen Orchester einen französischen Klang, namentlich bei den Streichern und Holzinstrumenten. Vielleicht bleibt er (oder sind es die Sänger?) gelegentlich zu sachlich, zu wenig erotisch (Liebesnacht). Und er ist mir in manchen Momenten zu langsam, zu retardierend – etwa in den Soli der Cassandre im ersten Akt und vor allem auch Didons. Deren Ansprache  zu Beginn des 3. Aktes zieht sich schleppend dahin. Man erwartet eine royale Persönlichkeit, die sich majestätisch beim Volk bedankt – hier hört man eine grüblerische Frau mit leiser Stimme und mattem Dank. Dennoch – Nelson lässt Chöre und Solisten atmen und breitet ihnen einen luxuriösen Klangteppich aus. Nur Colin Davis hat diese Sinnlichkeit des Klanges auf der älteren und immer noch würdigen Pionier-Aufnahme bei Philips, die erste offizielle gesamte des Werkes. Dutoit bei Decca bleibt bei machtvollem Duktus stets durchhörbar, und auch er betont den  heroischen ebenso wie  den sinnlichen Charakter des Werks.

 

„Les Troyens“ in Strasbourg 2017 – Joyce DiDonato, Hanna Hipp, Marianne Crebassa/ Foto Grégory Massat/ Warner

Und das bringt uns zu den Details der neuen Aufnahme bei Erato, die klanglich präsenter, aufgefächerter, transparenter sein könnte. Ich bin nicht so glücklich mit der Akustik der Straßburger Salle Erasme. Immer mehr offenbart sich, wie sehr wir uns an sogenannte Mitschnitte in großen Locations gewöhnt haben, denn der Vergleich auch in diesem Falle lässt klanglich die älteren Studio-Aufnahmen bei Philips und Decca vor der neuen gewinnen: Man hört einfach mehr, mehr an Nuancen und auch mehr an Diktion, mehr an erzählter Geschichte, vielleicht nicht unbedingt mehr an Spannung. Da ist das Adrenalin einer Live-Aufführung sicher weit im Vorteil. Ein Konzertsaal hat eben eigene Gesetze, und Stimmen dort brauchen andere Bedingungen als im Studio, wo es mehr auf die Feinheiten ankommt. Zumal Live-Mitschnitte ja selten Ein-Abend-Aufnahmen sind, sondern sehr oft aus verschiedenen Aufführungen und Proben bestehen. Wo die stimmlichen Gegebenheiten sind, wie sie in dem Moment sind. Aber das ist vor allem bei so großen „Brocken“ wie den Troyens auch eine Kostenfrage, sans doute. Und so weiß (und hört) man nicht, ob diese neue Warner-Aufnahme nun ein Live-Mitschnitt ist oder „kalt“ aufgenommen ohne Publikum, das am Ende nicht klatschen darf. Eben: Ein Blick in die Aufnahme-Daten und auch die Fotos im Booklet belegen, dass es eine Patchwork-Ausgabe ist. Vieles wurde offenbar nachaufgenommen  (sicher im selben Saal) und korrigiert. Und wie bereits gesagt sind Live-Eindrücke oft ganz anders als unter Studiobedingungen Aufgenommenes. Die beigelegte DVD bringt einen Querschnitt vom Konzert mit den Highlights der Oper; ein Booklet-Foto zeigt Joyce DiDonato mit hochgerissenem Arm für einen hohen Ton in Alltagskleidung. Will sagen: Man sieht die Anstrengung, die man auch auf den CDs hört.

Und ganz ehrlich verstehe ich über weite Strecken – wie der Nuit d´Ivresseden Text nicht! Da wird sicher ganz prononciert gesungen, aber es kommen zu oft mulschige, undeutliche Passagen vom Lautsprecher, die mir den Text nehmen, selbst wenn ich das Libretto vor mir habe. Die Chöre (aus Strasbourg und Karlsruhe) sind machtvoll, aber nicht transparent im Gegensatz zu Dutoit, der seine Chormassen fast solistisch klingen lässt – man hört dort Menschen in ihren Reaktionen, und nicht eine nur breite Chorfront wie im Elias. Die Chorstellen bei Dutoit sind eine Pracht und eine Freude. Bei Erato nun bleiben sie nur Tapete, Masse. Die Solisten klingen in der Wortdeutlichkeit unterschiedlich. Die Herren haben da eindeutig die Nase vorn. Spyres unglaublich prononciert und hervorragend, die restlichen Manner bestens, weil auch weitgehend Franzosen. Marianne Crebassa natürlich mit dem jungen Ascanius superb. Die Lemieux verwischt ihr Französisch in den lauten und kraft-fordernden Passagen. DiDonato bleibt in manchen Momenten unverständlich-allgemein, zumal wenn die Stimme unter Duck gerät. Abgesehen von einigen unschönen Brusttönen und dem ziemlich störenden „Bibbern“ vor allem in höheren Lage geht bei ihr gern mal ab mezzo-forte der Text unter – was sicher auch zu Lasten der Aufnahmetechnik geht. Auch hier haben Decca und Philips die Nase vorn. Und noch dies: Vor allem die Nuit d´Ivresse klingt im Vergleich zu anderen Aufnahmen weniger sinnlich, eher sportlich. Davis beschwört da eine schwüle tropische Nacht unter Palmen, bei Nelson ist es eher eine Partylounge am Pool.

„Les Troyens“ in Strasbourg 2017 – Michael Spyres/ Foto Grégory Massat/ Warner

Im Saal hatte man im April 2017 sicher einen anderen Raum-Eindruck als nun von den CDs (wie die beigelegte DVD sekundiert), wenngleich auch hier Michael Spyres  als ein glorreicher Enée hervortritt. Seine Kraft, sein männliches Timbre, seine exemplarische Diktion und vor allem sein raumsprengender ardeur machen sprachlos – ich stehe nicht an zu sagen, dass er ein aufregender  Sänger für diese Partie ist, in einem Atemzug mit Georges Thill und mit dem von mir in dieser Partie so geschätzten Nicolai Gedda auf der älteren RAI-Aufnahme. Letzterer hatte vielleicht bei weniger Volumen mehr Verletzlichkeit in seiner Darstellung zu bieten (5. Akt), aber Michael Spyres ist alles, was ein differenzierter, jugendlich-stürmischer  Held sein soll. Ein ganzer Mann mit viel Präsenz – ein Siegmund á la francaise. Weder Hymel (bei opus arte) noch Vickers (Philips und auf vielen Live-Mitschnitten), noch andere spielen in dieser Liga. Ungemein beeindruckend! Spyres´ forscher Erstauftritt chez Didon, vor allem seine Verzweiflung später angesichts der Pflicht sind Meilensteine auch seines Gesanges.

„Les Troyens“ in Strasbourg 2017 – Marie-Nicole Lemieux/ Foto Grégory Massat/ Warner

Die Damen sind nicht in dieser Klasse, auch wenn natürlich hochbesetzte Erato-Stars auf dem Papier. Marie-Nicole Lemieux, von mir sonst geliebt und verehrt, hat sich mit der Cassandre keinen Gefallen getan. Die Stimme bleibt dunkel-„plummig“ und geht in den oberen Lagen ins Grelle, ist sehr unruhig unter zu viel Druck. Ein sopranlastiger Mezzo (oder Sopran) wäre da sinnvoller gewesen. Die weitgehend wort-unverständliche Deborah Voigt ist bei Dutoit/ Decca absolut hervorragend stimmlich und umreißt staunenswert die musikalischen Passagen ihrer Partie; Berit Lindholm macht bei Davis einen guten Job; natürlich ist Marilyn Horne auf der RAI-Aufnahme für diese Rolle ganz ideal in ihrer Bossigkeit. Die Lemieux hat zwar den Vorteil der nativen Diktion (gerade in ihrem großen Solo zu Beginn), jedoch geht die auch mal im zu weitschwingenden Timbre unter. In den langen deklamatorischen Passagen weiß man, was man an ihr hat – die seherischen Momente der Eröffnung sind beeindruckend gestaltet.

Von der mir sonst so glanzvoll in Erinnerung weilenden Joyce DiDonato bin ich enttäuscht. Sie bleibt stimmlich sehr unruhig (bibbert zum Teil wirklich störend unter Druck, in den Höhen wird sie auch scharf) und hat – für mich – als karthagische Königin in den Parlando- Passagen, aber auch in ihren dramatischen Ausbrüchen, zu wenig tragisches Gewicht, zu wenig Unvergesslichkeit. Angesichts der überwältigenden Konkurrenz – von Josephine Veasey (Philips) in unangefochtener Größe und Würde über die hinreißende Francoise Pollet (aufregend unter Dutoit/Decca), Shirley Verrett (RAI), Regine Crespin natürlich (auf dem EMI-Torso und bei Malibran sowie auf einigen Live-Aufnahmen), nicht zu vergessen die fulminante Marisa Ferrer bei Beecham (Somm) oder ebenso unvergleichlich Janet Baker (EMI-Szenen und live auf der Bühne in Englisch) sowie die bereits genannte Evelyn Lear (Genf) –  bleibt DiDonato hinter diesen weit zurück. Sie legt die Königin sehr menschlich an, mit vielen Momenten der Individualität. Mit vielen Momenten von fast gesäuseltem Mini-Drama. Aber die Stimme selbst hat für mich zu wenig klassisches Pathos (Veasey), nicht genug Nachdruck (Crespin oder Baker), wenngleich sie natürlich musikalisch  tadellos singt, viele schöne und sinntragende Details in den entsprechenden Szenen aufbietet, wirklich weiß, was sie vorträgt und die Schluss-Szene beeindruckend gestaltet (aber die ist ja auch beeindruckend geschrieben). Im Finale der Didon seul ist sie wirklich packend – aber mir zu veristisch, eher Cavalleria als Troyens:  Sie  fegt durch alle Register der ihr möglichen Dynamiken, bleibt mir zu oft im pianissimo um sich dann ins plötzliche forte zu steigern, bei gelegentlich schnarrenden Brusttönen. Das ist sicher sehr effektreich, aber mir (Veasey oder Crespin im Ohr) zu melodramatisch, zu offensichtlich, zu wenig französische Tragédie (Pollet und Ferrer). Und die Troyens sind ja kein Reißer, sondern eine klassische Tragödie. Dennoch und zweifelsfrei  hochspannend.

Ich muss jedoch gestehen, ich hatte im Ganzen mehr erwartet. Von Händel & Rossini ist es doch ein weiter Sprung zu Berlioz. Und ihre Adalgisa kürzlich an der Met hatte sie an einem ganz schlechten Tag erwischt, wieder eher bibbernd,  leicht scharf  in den extremen Lagen und zu gaumig-verwaschen, trotz Temperament und Drive. Vielleicht ist die Stimme für diese Partien einfach nicht groß genug? Eine Forcierung des Mediums ist nicht zu leugnen, und das rächt sich wie bei der Lemieux. Ist der Fachwechsel von der Virtuosa zum dramatischeren  Spinto-Mezzo-Sopran ein Irrtum? Singt sie zuviel durcheinander? Das Flórez-Syndrom? Man macht sich Gedanken…..

Belioz: „Les Troyens à Carthage“/ Bühnen bild von Philippe Chaperon zur Uraufführung/ BNO

Neben diesen steht man beinahe sprachlos angesichts der Heerschar bester nationalsprachiger Sänger, die meisten hervorragend in ihren größeren oder kleineren Partien. Stéphan Degout balsamisch als mitfühlender Chorèbe, Marianne Crebassa bezaubernd als frecher Ascanius, Nicolas Courjol sonor, aber faserig am  Stimmrand  und mir etwas zu larmoyant als Narbal. Die beiden Tenöre Cyril Dubois und Stanislac De Bayrac betörend als Iopas bzw. Hylas:  herausragend lyrisch und zu Herzen gehend. Nur Hanna Hipp ist der Fleck auf dem Gemälde: eher säuerlich und in der Höhe scharf, dazu recht tremolierend-unruhig  als Didos Schwester Anna – da hätte es doch andere auf beiden Seiten des Rheins gegeben. Dazu jede Menge erster Comprimari, die mit ihrer hervorragenden Diktion und viel Engagement das Ganze auffüllen zu einem breiten, beeindruckenden und rahmensprengenden Tongemälde, dem die vereinigten Chöre (Chor der Opéra National du Rhin, der badische Staatsopernchor und der Choeur Philharmonique de Strasbourg) zusammen mit dem Orchestre Philiharmonique de Strasbourg Substanz verleihen.

Vielleicht hätte Warner die Aufnahme als ungekürzte DVD herausgeben sollen? Die beigefügten visuellen Ausschnitte aus den Konzerten lassen den Zuschauer am Straßburger event teilnehmen, das es zweifellos war, und verbreiten vielleicht mehr Glamour als die CDs? Joyce DiDonato ravissante in der karmesinroten Halb-Schulter-nackten-Abendrobe? Marianne Crebassa im tres! sexy Hosenanzug mit atemberaubenden Pumps, Michael Spyres frech mit hellgrauer Weste zum Frack, Nicole Lemieux in ihrer unübertroffenen Physis mit Perlenbehang? Das alles vermittelt den Eindruck von grandeur und grand opéra. Da kann man verschmerzen, dass man in der riesigen und ziemlich scheußlichen Salle Erasme (verwegene rot-schwarze Optik im Geschmack von 1974) so gut wie nichts versteht. Die auf der Rückwand eingeblendeten riesigen Übertitel kann man nicht erkennen, aber sie halfen sicher auch vielen Franzosen im Saal… Die Konzert-Ausschnitte sind gut gewählt, wenngleich bezeichnender Weise das erste Solo und Duett Cassandre/ Chorèbe fehlen… Ich war gerührt zu sehen, wie Michael Spyres beim Gesang seines Kollegen Cyril Dubois als Iopas schwelgerisch die Augen schließt.  Und die diskrete Interaktion der Sänger erzeugt einen dramatischen Zusammenhalt. Aber eben – man versteht am heimischen TV wirklich nicht viel vom Text der Damen, auch nicht von Didon, die nun ebenfalls optisch-akustisch die eingangs vorgebrachten Einschränkungen bestätigen. Aber das Ereignis einer glanzvollen Live-Aufführung erfüllt sich auf der DVD überzeugender. Man wäre gerne dabei gewesen.  Geerd Heinsen

 

  

„Les Troyens“: die Philips-Aufnahme unter Colin Davis

Noch ein paar Worte zu den Troyens auf anderen Dokumenten, denn erstaunlicher Weise ist dieses Werk, das so aufwendig zu besetzen und erst in unserer Zeit fast repertoir-mäßig zu hören ist (Nürnberg und Dresden sind die neuesten Schauplätze), gut dokumentiert. In der Vergangenheit wurde es ja eher selten gespielt, in Frankreich fast gar nicht, was wieder für die Verachtung der Franzosen gegen ihren großen Komponisten spricht und mit dem Aussterben der Kenntnisse vom eigenen Repertoire und dem Verschwinden der großen Stimmen/Tenöre im eigenen Land zu tun hat. International hingegen sind die Troyens außerordentlich oft auf CD und sammler-live festgehalten worden. Sogar in einer barbarisch gekürzten deutschen Version von 1961 mit Josef Traxel unter Hans Müller-Kray (Walhall) vom SWR. Und apropos deutsch:  Sogar Frida Leider sang die Dido vor dem Krieg neben Helge Rosvaenge 1930 an der Staatsoper in Berlin unter Leo Blech. Aber davon gibt es kein Dokument, nur ein Foto.

Die eigentliche und immer noch unangefochtene Studio-Einspielung ist die der Philips von 1969 unter Colin Davis, erstmalig (fast) komplett und ein Meilenstein in der Werkgeschichte. Covent Garden hat in der Vergangenheit unendlich viel für Berlioz getan – zu Beginn Rafael Kubelik und dann Colin Davis sorgten unermüdlich für Aufführungen erst in Englisch und dann im Original, mit illustren Besetzungen von Veasey bis Baker, Silja, Meyer, Baltsa, Lear, Shuard und vielen, vielen mehr (um nur von den beiden weiblichen Hauptpartien zu sprechen; Dank auch an Freund Sandro für die Erinnerung an Rozhdestvensky mit Felicity Palmer als Cassandra konzertant in Lodon). Ronald Dowd, Gregory Dempsey und Jon Vickers wechselten sich als Enée ab. Die Philips-Aufnahme ist klanglich immer noch beste Ware, hervorragend besetzt (einzig über Vickers mag man sich streiten). Wichtig ist vorher noch die Rundfunkaufnahme im Original unter Thomas Beecham von 1947 (hervorragend neu restauriert unter Aufsicht von Lady Beecham beim Beecham-Trust/ Somm) – immer noch eine packende und überzeugende Aufnahme) mit der beeindruckenden Marisa Ferrer in beiden Partien (Cassandre und Didon) neben einem eher schüchternen  Jean Giraudeau, Enée vom Dienst auch auf der Ducretet-Aufnahme von Carthage unter Hermann Scherchen 1952 neben einer sensationellen Arda Mandikian, auch sie prachtvoll und so unendlich idiomatisch. Den EMI-Torso der gemeinen Kürzungen ziert nur Régine Crespin als bewegende Didon unter Georges Prêtre, Guy Chauvet bölkt   wie sein Landsmann Gilbert Py auf weiteren Dokumenten. Bemerkenswert und für mich neben Davis und Dutoit (Decca) auf dem Siegerpodium ist der leicht gekürzte RAI-Mitschnitt von 1969 mit einer mehr als befriedigenden All-round-Besetzung (Marilyn Horne, Nicolai Gedda, Shirley Verrett), wobei ich die Horne und Gedda als schlicht genial und unendlich beglückend empfinde. Gedda ist der gebrochene Held par excellence, hier in seiner Bestform, und das an einem Abend im Konzert (Arkadia ist da die beste Aufnahme).

„Les Troyens“: die Decca-Aufnahme unter Charles Dutoit

Der große Sprung führt dann zur Decca-Aufnahme unter einem, breite Tempi favorisierenden Charles Dutoit am Pult kanadischer Kräfte, aus denen ebenfalls unique Francoise Pollet als textwissende, cremige und erzfranzösische Didon herausragt – eine große Sängerin in einer kongenialen Partie. Kaum zu überbieten. Deborah Voigt und Gary Lakes sind nicht unrecht, die franco-kanadischen Kräfte eine Wucht. Sehr habenswert und ungekürzt (sogar den fiesen Boten im ersten Akt hat Dutoit eingebaut). Zudem klanglich absolut erste Decca-Ware. Was für ein Rausch! Und dies auch nach Hören der Nelson-Aufnahme…

Als Videos gibt es Eliot Gardiners Pariser Aufführung im TCE mit einer eher schlichten Susan Graham (mit dem Charme einer Arzthelferin) neben einer leidenschaftlichen, wenngleich verwaschen pronincierenden Antonacci und einem zu amerikanischen Kunde (opus arte 2010) sowie eine Aufführung aus Covent Garden mit erneut Antonacci und Eva-Maria Westbroek blusig-allgemein als Didon neben einem stentoralen Brian Hymel als Enée, der virile Kraft und kaum Zerrissenheit einbringt (opus arte). Vergessen will ich die Gergiev-DVD aus dem Mariinski von 2011: Lancy Ryan brüllt unerträglich, und die Damen sind doch recht …. robust (C-Major 2011). Und fast vergessen: Deborah Polaski ist die sicher auf der Bühne erfolgreichere Heldin auf dem Salzburger Mitschnitt bei Arthaus von 2002 in der vielgelobten, wenngleich gekürzten Wernicke-Produktion, die danach durch die Theater zog. Hingegen soll Plácido Domingo nicht unterschlagen werden, der bei der DG mit Jessye Norman und Tatjana Troyanos  den Enée stemmt (2002, aber die Produktion ist älter), die Kolleginnen achtungsgebietend (wenngleich auch nur im allgemeinen Opernpathos verharrend), er nicht so sehr und wie oft nur professionell im Instant-Modus. James Levine auch. Die Produktion schaut abgewetzt aus (ich erinnere mich auch an Abende an der Met mit der Pollet in der falschen Partie als Cassandre neben der bizarren Maria Ewing, die aus der Didon eine Cabaret-Nummer machte).

„Les Troyens“: die RAI-Aufnahme unter Georges Prêtre

Live tummeln sich weiterhin fast unendlich viele Aufnahmen bei Sammlern und auf grauen CDs/LPs/MCs/Minidiscs und Open-reels. Und auch da macht unser Nachbarland keine gute Figur, denn die Troyens wurden nach dem Krieg kaum in Frankreich gegeben. Mal in Marseille, dann beim verstorbenen Berlioz-Festival in Lyon (riskante Besetzungen) und als fast rein-amerikanische Initiative am TCM in Paris. Seit dem Krieg fallen mir nicht mal eine Handvoll Produktionen in Frankreich  ein – im Gegensatz zu Deutschland.

Die vorletzte offizielle Live-Aufnahme ist wohl die unter Colin Davis 2001 aus London (nach Manchester und Edinburg), der irregeleitet einen zu späten Konzertmitschnitt bei LSO zuließ – Michelle de Young, Ben Heppner und Petra Lang können niemandem der Konkurrenz das Wasser reichen, und die Lang hat man noch qualvoll aus der Berliner-Müll-Produktion an der DOB in Erinnerung. Eleanor Steber und Regina Resnik sorgten für die amerikanische Erstaufführung in moderner Zeit (1960) und halten die nationale Glorie aufrecht (VA;, nach einem run in Washington unter Thomas Beecham sprang für New York sein Aisstent ein). Rafael Kubelik, der mit vielen Abenden in London dokumentiert ist, leitete auch die italienisch-sprachige Version an der Scala, wo sich Mario del Monaco, Giulietta Simionato und Nell Rankin an Berlioz abarbeiten. Aber die Übertragung ins Italienische macht daraus etwas ganz anderes, dichter an Mascagni vielleicht, zumal die Sänger mit voller Lunge eben diesen singen (Melodram u. a.).  Natürlich gibt es noch viele andere Dokumente: Christa Ludwig (Gala), die Silja, die Baltsa, Meyer (Caprice), Crespin, vor allem die ganz wunderbare und empfindsame Lorraine Hunt als Didon an der Met (wo ähnlich wie früher in London die Troyens ein festes Zuhause haben), die pastose Troyanos, Ewing, Elkins, Baker (Gala), Palmer, Thebohm, Shuard, Goerke, Elms, ganz sicher Nadine Denize mit ihrem schönen und melancholischen Ton, und viele, viele mehr neben einer knappgehaltenen Riege an empfehlenswerteren Tenören (so Roberto Alagana in Berlin, aber nicht Heppner, Lakes, Grey und verschiedene Osteuropäer) finden sich in den Sammlungen, die ich hier nicht alle aufzählen kann. In Erinnerung bleibt für mich vor allem – weil live erlebt – die Aufführung an der Scottish Opera in Edinburg 1969, wo die Damen mit Helga Dernesch und Janet Baker besetzt waren, was für ein Rausch! Sicher habe ich bei der Aufzählung  einige vergessen. Mea culpa.

„Les Troyens“: die Beecham-Aufnahme der BBC bei Somm, hervorragend restauriert unter den Augen von Lady Beecham beim Beecham-Trust/ Somm-Beecham 26–8, 3 CDs

Was also bleibt? Haben muss man die ältere Philips-Aufnahme wegen Davis, der Veasey und Vickers (egal wie man zu ihm steht) nebst Massard und vielen anderen der älteren Schule. Ganz sicher auch die Decca-Einspielung wegen des Klanges und der unglaublichen Pollet neben vielen Franco-Kanadiern. Und nun die neue von Erato? Wegen Michael Spyres als dem fast idealen Helden und wegen Nelsons erfahrener Leitung am Pult dieser bemerkenswerten Kräfte in einer wirklichen Original-Fassung. Aber ganz sicher auch die alte RAI-Aufnahme (Arkadia) wegen Gedda unvergleichlich in seiner Poesie und seinem Schmerz und wegen der Ideal-Besetzung der Cassandre mit Marilyn Horne. Das Werk ist so gewaltig und überragend, dass man nicht genug Aufnahmen haben kann. Finde ich (Foto oben:Hector Berlioz/ Photographie von Nadar// Wikipedia). Geerd Heinsen.