.
Mit der zweiten Veröffentlichung von mehr als zwanzig Mélodies für Gesang und Orchester von Jules Massenet schließt der Palazzetto Bru Zane die vollständige Aufnahme seiner Werke von Massenet ab und setzt seine vor genau zehn Jahren begonnene Verteidigung und Illustration des Genres fort.
Anlässlich eines Festivals, das Camille Saint-Saëns gewidmet war, entdeckte das Redaktionsteam des Centre de musique romantique française 2017 etwa dreißig Werke von Massenet für diese Besetzung, die ein reichhaltiges und farbenfrohes Korpus bilden, das bisher nur wenige Musiker oder Musikwissenschaftler identifiziert hatten. Das Lied mit Orchesterbegleitung – das in Frankreich noch immer auf wenige Beispiele von Duparc und vor allem Berlioz – einen neuen Aspekt und weckte neues Interesse. Unsere Forschung wurde dann mit der schrittweisen Wiederentdeckung Dutzender solcher Stücke von Gounod, Hahn, Dubois, Guilmant, Godard, Jaëll, Bonis, Holmès, Thomas, Caplet, Vierne, Fauré und anderen Und es stellte sich heraus, dass auch Massenet dem Reiz dieser lyrischen Miniaturen nicht widerstehen konnte: Mehr als fünfzig seiner Werke warteten noch auf ihre Veröffentlichung und Aufnahme. Mit dem Erscheinen dieser CD ist diese Mission nun erfüllt.
Die Schwierigkeiten der Covid-Pandemie im Jahr 2020 boten eine unerwartete Gelegenheit, einen ersten Band mit Massenet-Liedern aufzunehmen, an dem sechs Solisten in Zusammenarbeit mit dem Orchestre de Chambre de Paris unter der Leitung von Hervé Niquet mitwirkten. Die sehr positive Resonanz auf diese CD, insbesondere in der Presse, veranlasste die Fortsetzung des Projekts und die Entscheidung, einen zweiten (und letzten) Teil aufzunehmen. Diesmal tritt ein Sängerquartett mit dem Orchestre de l’Opéra Normandie Rouen unter der Leitung von Pierre Dumoussaud.
Der zweite Band präsentiert zwei Zyklen von beeindruckender Originalität. Zunächst Chansons des bois d’Amaranthe, oft fälschlicherweise für eine Reihe von Chören mit Klavier gehalten, die verschiedene Kombinationen eines Solistenquartetts und eines flexiblen Orchesters nutzt; die Fluidität des letzteren beruht auf der unerwarteten Präsenz eines Klaviers, das die orchestrale Textur mit seinen wortreichen Noten belebt. Der Ton wechselt zwischen dem Opernhaften, insbesondere im abschließenden Chantez!, und dem Introspektiven, dank der Verwendung von A-cappella-Kompositionen oder intimeren Duetten und Trios. Die im Februar 1901 komponierte Partitur wurde kurz darauf – im Sommer 1902 – orchestriert, aber diese Orchesterfassung scheint nicht veröffentlicht worden zu sein. Der andere bemerkenswerte Zyklus hier wurde für die Altistin Lucy Arbell komponiert, eine enge Freundin von Massenet, für die er mehrere anspruchsvolle Opernrollen schrieb (darunter Perséphone in Ariane und Posthumia in Roma).
Die Originalität des Zehn-Teile-Zyklus Expressions lyriques liegt im Wechsel von gesungenen Passagen und gesprochenen Passagen mit musikalischer Begleitung. Massenet hielt einige dieser Stücke für so gelungen, dass er sie orchestrierte und so einen neuen, kleineren Zyklus schuf. Wie im Fall der Chansons des bois d’Amaranthe ist auch diese Orchesterfassung bis heute unveröffentlicht geblieben.

Lucy Arbelle war Massenets Favorin/ (hier aals Perséphone in Massenets „Ariane“) BNF Gallica
Das Programm wird durch eine Anthologie einzelner Lieder ergänzt, von denen einige in letzter Minute bei öffentlichen Auktionen wieder auftauchten oder nur wenige Wochen vor Abschluss des Projekts gefunden wurden, wie beispielsweise das hervorragende La Nuit, in dem Harfe und Klavier ihre kristallklaren Klangfarben miteinander verweben und so eine beunruhigende Atmosphäre schaffen. Es liegt in der Natur dieses Repertoires, „lyrische Ausdrucksformen” zu bieten, die alle unterschiedlich, alle bemerkenswert und alle originell sind. Wie hätte Massenet, dieser Meister der opernhaften Emotionen, bei ihrer Komposition nicht sein vollendetes musikalisches Handwerk unter Beweis stellen können? Palazzetto Bru Zane/DeepL
.
Dazu die Besprechung: Von Jules Massenet gibt es frisch im Archiv gefundene Orchesterlieder Vol. II, herausgekommen beim Label Palazzetto Bru Zane. Es gibt eine ganze Menge Lieder mit Orchesterbegleitung aus Frankreich. Ein gewaltiges Liedschaffen. Und davon sind ungefähr 10% tatsächlich kostbare, nämlich selbst instrumentierte Orchesterlieder. Die anderen sind Klavierlieder. Ein wichtiger Grund für diese Ausgrabungen ist, dass eben diese intensive Liedforschung selbst in Frankreich relativ jung ist. Verstärkt in den letzten 20 Jahren hat man sich wirklich nach dem nationalen Erbe gefragt. Was ruht eigentlich noch in den Archiven? Dann hat man systematisch diese durchkämmt und erstaunlicherweise erst so um 2015 darauf gestoßen, dass es wirklich sehr viel davon gibt. Man hat an Orchesterliedern 1000 Stück ungefähr gefunden. Zuerst hat man sich mit der Veröffentlichung den wichtigsten Komponisten gewidmet. Nun kommen wir in den Genuss dieser wirklich sehr, sehr schönen Massenet-Lieder, hier nun mit dem Orchester de l’Opera Normandie Rouen.
Massenet ist ein großer Komponist, natürlich nicht so ein Schwergewicht wie Debussy oder Saint-Saëns. Aber er kann eigene Akzente setzen und wurde ja auch im 21. Jahrhundert als Opernkomponist rehabilitiert. Natürlich er hat auch die Ambition, das ist nicht zu leugnen, dass eben die Orchesterlieder auch ein bisschen so klingen: Sie unterscheiden sich manchmal nicht so sehr von den Highlights seiner Opern. So ein Tenorlied könnte auch ein Trinklied aus einer Oper sein. Es ist nur filigraner orchestriert. Da fällt einem diese typische Massenet-Sinnlichkeit auf. Das Besondere ist hier, dass er zwar auf seine Erfahrung als Opernkomponist zurückgreift, aber er will nicht überwältigen. Er war ja ein guter Orchestrierer und gilt darin als einer der Besten in seinem Fach neben Rimsky und Schreker. Aber hier ist alles doch diskreter, fast ätherisch. Vielleicht auch, weil er nicht wollte, dass die Sänger von dieser Orchestermusik. zu sehr erdrückt werden. Er wollte sie in den Vordergrund stellen. Das finde ich was sehr Besonderes. Massenet war eben auch ein innovativer Liedkomponist und auf Augenhöhe mit den Großen seiner Zeit.
Mit dieser zweiten CD liegt das Gesamtschaffen an seinen Orchesterliedern vor. Die knapp 40 sind jetzt alle da. Er hat sie über eine lange Zeit komponiert, von den 1870ern bis ungefähr 1910. Natürlich gibt es auch schwächere – oder sagen wir mal höflich – dekorativere Stücke. Aber in seinen besten Momenten schließt er überraschend auf zur Avantgarde. Eine große Überraschung auf diesem Album ist ein ganz später Zyklus für Mezzosopran. Es ist ein Zyklus, hier zum ersten Mal zu hören, der um 1910 entstanden ist, also kurz vor seinem Tod, mit einer spannenden Mischung aus Deklamation und Gesang auf engstem Raum. Das nimmt ähnliche Experimente von Schönberg vorweg, oder von Weill, und hat mir doch großen Respekt eingeflößt.
Die neue CD umfasst den zweiten Teil dieser Orchesterlieder, die aufgenommen wurden. So gut wie der erste? Ich habe es schon erwähnt: Es gibt ungefähr 40 Orchesterlieder, die kriegt man gut auf jeweils zwei CDs unter. Die neuen knüpfen an den ersten Teil von 2020 an, der eine kleine Sensation war. Und natürlich bindet der jetzt nicht so viel Aufmerksamkeit wie Nummer 1, weil damals eben der Hauch der Sensation noch da war. Man hat insgesamt gut gemischt, innovative Knaller hören wir eben erst jetzt auf dem zweiten Album.

Apropos Massenets Liebe zu Goethe: Alain Vanzo als Werther/OBA
Das hat aber vielleicht auch mit der Qualität der Kompositionen überhaupt zu tun, die durchgehend sehr gut ist. Hier nun gibt es auch kleine Ensembles, Lieder, die er quasi wie eine Mini-Opernszene geschrieben hat. Das finde ich wunderbar. Man hört diesmal Hélène Guilmette, Marie-Andrée Bouchard-Lésieur, Julien Henric, Thomas Dolie und das Orchester de l’Opera Normandie-Rouen unter Leitung von Pierre Dumousseaud. Nicht die Sänger von der ersten Ausgabe. Das ist vielleicht eine winzige Schwäche dieses zweiten Teils. Der erste Teil von 2020 war eine Charmeoffensive sondergleichen. Mit dabei die leider inzwischen verstorbene Jodie Devos, der wirklich bezaubernde französische Tenor Cyril Dubois, damals in Bestform, sowie Véronique Gens. Und am Pult standApropos ein Meister des Repertoires, Hervé Niquet. Das haben wir hier nicht mehr. Die „neuen“ sind eben noch nicht so bekannte Sänger, die gerade auch ihre Karriere machen. Und wenn das jetzt noch nicht so legendär ist, ist es vielleicht doch in ein paar Jahren legendär, ähnlich wie das erste Album. Wenn man nicht immer auf die Namen schaut und wirklich nur zuhört, sehe ich hier überhaupt keinen Qualitätsabfall. Ich finde das neue, genau wie das erste Album, rundherum sehr sehr gelungen.
Zum Schluss ein Hinweis auf eine Kuriosität, hier quasi als Bonus angehängt. Massenet hat sich sehr für die deutsche Liedtradition interessiert, überhaupt für deutsche Literatur. Er hat sich deutsche Gedichte ins Französische übersetzen lassen, um sie zu vertonen. Seine Liebe zu Goethe ist ja dokumentiert durch seinen berühmten Werther. Und es gibt hier seine Orchesterversion eines Schubert-Liedes, eines späten, Am Meer (aus dem Schwanengesang). Hier nun als eine Orchesterbearbeitung. Überhaupt nicht effekthascherisch, ganz ruhig-verhalten, wunderbar. Obwohl es hier „nur“ als Bonus auftaucht, ist es eigentlich für mich das Highlight des Albums. M. K./G. H.
.
.
Jules Massenet: Songs with Orchestra vol. I; Hervé Niquet conductor
Orchestre de Chambre de Paris, Nicole Car soprano, Jodie Devos soprano, Cyrille Dubois tenor, Étienne Dupuis baritone, Véronique Gens soprano, Chantal Santon Jeffery soprano; 1 CD – 80 pages, Booklet in French, English and German; Sung texts in French and English
.
Jules Massenet: Songs with Orchestra vol. II, Pierre Dumoussaud conductor, Orchestre de l´Opera Normandie Rouen,
Hélène Guilmette soprano, Marie-Andrée Bouchard-Lesieur mezzo-soprano, Julien Henric tenor, Thomas Dolié baritone, 22 Songs with Orchestra / World Premiere Recording, 1 CD – 92 pages, Booklet and sung texts in French, English and German
