Interessante Portraits

 

Der Titel weist in eine andere Richtung, als sie Stephen Costello derzeit anstrebt, da der 38jährige momentan seine Partien neu sortiert. „A te, o cara“ singt Stephen Costello tatsächlich auf seinem gleichnamigen CD-Debüt bei Delos (DE 3541). Allerdings keine verzierten hohen Rossini-Partien, wie sie zu erwarten wären, wenn ein Tenor Arturos Arie aus den Puritani als Aushängeschild wählt. Diese Partien überlässt er wohl lieber Kollegen wie Lawrence Brownlee, Javier Camarena. Gleichwohl gelingt Costello „A te, o cara“ ebenso wie das notorisch geliebt-gefürchtete „Ah mes amis“, bei dem Tonio neun hohe Cs verschenkt, um die Regimentstochter Marie zu gewinnen, ohne dass sein Tenor an Stimmqualität und Substanz verliert. Allerdings wirken solche Stücke bei Costello wie in die Luft geworfene Kunststücke in der Manege. Ein wenig scheint es als wolle der in Philadelphia geborene Tenor mit dieser von Kaunas City Symphony Orchestra und Constantine Obelian begleiteten CD Abschied nehmen von Partien, die ihm lieb und teuer waren, bevor er sich weiter mit Don José beschäftigt. Donizetti begleitete ihn seit seinen Anfängen, als er 2007 beim Met-Debüt den Arturo in Lucia und vielmals den Riccardo in Anna Bolena sang; einmal auch Edgardo. Edgardos „Tombe degli avi miei“ und Riccardos „Vivi tu, te ne scongiuro“ zeigen die Farben und die feine Lasur der Stimme, wobei man im Fall des Edgardo fürchten könnte, dass Costello etwas zu sehr auftrumpfen will und ihn die Partie in einem sehr großen Haus zum Forcieren zwingen dürfte. Da wird sein ansonsten schöner Tenor, wie auch in der extremen Höhe, generell etwas steif. Das machen andere besser. Mir gefiel in Ernestos „Sogno soave e castro“ sowie in der Arie aus Don Sebastiano („Deserto in terra“) die Wärme und der Ausdruck, im Fall von „Una furtiva lagrima“ auch die künstlerische Reife, der vibrierende Ton und der charmanter Klang, ein Eindruck der auch beim wiederholten Hören Bestand hat.

 

Ganz im Gegensatz zu Kristian Benedikt, der unter dem Titel Tenore di forza „favorite tenor arias“ (DE 3571) singt. Je häufiger man die Arien hört, desto weniger ist man von einzelnen Interpretationen überzeugt. Berühmt wurde der litauische Tenor als Otello. Dessen letzte Szene gestaltet er, sehr gut begleitet vom Lithuanian National Symphony Orchestra unter Modestas Pitrénas, mit seinem dunklen Tenor überzeugend. Da stimmen die Entwicklung, die Steigerung und die konzentrierte Entfaltung der Stimme, klingt Benedikt auch geschliffener als in den anderen Arien, wo die hemdsärmelige Herangehensweise, die unelegante Phrasierung, das Anbrechen von Gesangsphrasen verstört und auf mich doch sehr provinziell wirkt; in Chéniers „Un di all‘ azzuro spazio“ und  Calafs „Nessun dorma“ wird der Klang breiig oder greinend, der Canio stößt mich fast ein wenig ab, der Eleazar bleibt allgemein ungelenk; der Cid-Rodrigue dagegen ist schöner. Er ist richtig als Dick Johnson mit „O son sei mesi“, überzeugt am meisten als Hermann, der wie der Samson (mit den Szenen aus dem ersten und dritten Akt), zu seinen Lieblingspartien gehört. Zwei interessante Raritäten: der litauische Patriot Walter in Ponchiellis I Lituani von 1874 mit „Esultiamo nel nome del signor“ und, ebenfalls mit dem Chor der Litauischen Nationaloper, eine patriotische Szene des Helden Udrys in einem volksliedhaft hymnischen Tableau aus Vytautas Klovas Oper Pilénai von 1956. Rolf Fath