Io son´ l´umil ancella

Magda Olivero ist tot – sie starb am 8. September 2014 in Mailand, im hehren Alter von 104 Jahren, immer noch präsent und unvergessen. Geboren wurde sie am 25. März 1910, und ihre Kunst umspannte ein Jahrhundert, nach einer aktiven Laufbahn von rund 50 Jahren sang sie noch immer gerne in der Kirche ihres Ferienortes in den italienischen Alpen. Fans pilgerten zu ihr wie zu einer Heiligen, und die Zeit schien ihr wenig anzuhaben. Wie Renée Fleming (außer „Wow“) in einem Interview sagte, nachdem sie die Olivero mit 93 in Mailand besucht hatte: Sie besaß immer noch diese unglaubliche Atemtechnik und ein Diaphragma wie Eisen.

Magda Olivero: Adriana Lecouvreur/Gross

Magda Olivero: Adriana Lecouvreur/Gross

Was also macht die Wirkung der Olivero aus, dass sie über so viele Jahre immer wieder als Maßstab des italienischen Melodrammas galt (und gilt)? Ich denke es war ihre absolut unverwechsbare  Persönlichkeit, die sofortige Wiedererkennbarkeit ihrer hochpersönlichen Stimme, ihre geradezu  exhibitionistische Auslegung ihrer Rollen, die sie bis zum Exzess ausreizte, ausschöpfte, ausquetschte. Ihre einzigartige Ausdruckspalette ist nicht immer leicht zu ertragen, und ganz ehrlich finde ich ihr „Gebibber“ in der eingenwilligen Sopranstimme mit dem starken und unverstellten Brustanteil vor allem aus ihrer späteren Zeit nicht immer einfach zu hören, aber sie hinterlässt einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck damit. Die großen Frauengestalten des Verismo – Adriana Lecouvreur vor allem, auch die tolle Minnie (mit Corelli besonders), Fedora (sans pareille mit dem unglaublichen, brustigen Schrei „Loris, Loris“ am Schluss), die Wally, Violetta aus jüngeren Jahren, Manon Lescaut (mit Domingo oder dem behäbigen Tucker), auch die stilistisch mehr als zweifelhafte Medea aus Dallas und Amsterdam: Dies alles sind überdimensionale Figuren, sind hypertrophe Portraits übermenschlicher und mythischer Dimensionen. Die „Poveri fiori“ sind Adrianas Lebewohl an die Welt, sind gültig bis in die Ewigkeit.

MI0001037547Man mag in vielem ihren – wie bereits so genannt – stilistisch zweifelhaften Zugang zu den Werken kritisieren, aber für mich ist sie eine der ganz großen Persönlichkeiten der Oper, die furchtlos und unangefochten vom Zeitgeschmack ein Ideal in unsere Zeit herüber gerettet hat, das die Komponisten so erschaffen wollten. Man vergisst leicht, dass die Olivero ja weitgehend zeitgenössische Opern sang, als es noch keinen Rihm oder Berio gab. Cilea, Giordano, Mascagni und selbst Puccini lebten und applaudierten. Mit der Olivero haben wir eine Zeitzeugin. Eine, die skrupulös den Angaben ihrer Komponisten (die oft auch ihre Freunde waren) folgte. Der Hiatus in ihrer Karriere, 1941 bis 1951, fällt mit dem Weltkrieg und dem langsamen Verschwinden der Vorkriegs-Ästhetik (und des Wissens um die Dinge) zusammen, die maximal bis in die frühen Sechziger noch spürbar war. Die aufkommende Globalisierung wurde zur gleichmachenden Kunst-Politik und -Religion, aus der Künstler wie die Kabaivanska, die Callas, die Scotto, vielleicht auch die Tebaldi, die Schwarzkopf und wenige andere herausragten.

Magda Olivero: "Andrea Chénier" mit Placido Domingo/OBA

Magda Olivero: Tosca mit Plácido Domingo/Wiki

Und natürlich die Olivero, die uns immer wieder vor Ohren führte, wie ihre Partien wirken mussten, klingen sollten, wie exzessiv sich die Komponisten ihre Frauenfiguren gedacht hatten. Der greise Cilea, sagt man, habe die Olivero überredet, 1951 wieder aufzutreten – er starb, bevor er sie noch einmal als Adriana Lecouvreur gehört hatte. Aber sie – die Erbbewahrerin des Verismo – trug seine Botschaft in die neue Welt, auch in die Neue, wo sie mit 65 Jahren den Zirkusakt einer Tosca an der Met vollbrachte, Domingo – der Cavaradossi an ihrer Seite – hätte ihr Sohn sein können (sorry – s. die Korrektur in der Leserzuschrift unten: Cavaradossi waren erst King und dann Pavarotti) . Das Haus raste, aber die New Yorker rasen ja gern.

Magda Olivero: Blumen nach der New Yorker Tosca/Gross

Magda Olivero: Blumen nach der New Yorker Tosca/Gross

Ihre dritte oder vierte Karriere führte sie mit Anfang 90 noch einmal zu Aufnahmen der Adriana bei Bongiovanni mit jugendlichem Partner, führte sie als bête celèbre noch einmal um die Welt, bis sie mit 71 offziell aufhörte zu singen, ohne zu schweigen. 1981 war sie offiziell zuletzt in Poulencs Voix humaine zu erleben, aber sie sang weiter Religiöses in der Kirche oder bei Galas. Im Istituto Auxologico in Mailand starb sie im September – eine Mahnerin, eine Bewahrerin, eine Furchtlose, eben eine Künstlerin. Wir wären sehr viel ärmer ohne sie gewesen. Und ich verneige mich vor dieser bedeutenden Frau und Interpretin

Magda Olivero: die berühmte und oft veröffentlichte "Adriana Lecouvreur", hier in Neapel mitr den Traumkollegen Corelli und Simionato/gallerpassion4art

Magda Olivero: die berühmte und oft veröffentlichte „Adriana Lecouvreur“, hier in Neapel mit den Traumkollegen Corelli und Simionato/galleriapassion4art

Eigentlich überlebt ihr Erbe fast nur in Live-Aufnahmen, die wenigen Studioaufnahmen bei Cetra und Decca tun ihr keine Gerechtigkeit, weder die frühe Liù von 1938 bei EIRAR/Cetra noch die Fedora 1969, Francesca da Rimini (in Ausschnitten 1993) noch die eher gruselig-nekrophile Adriana Lecouvreur bei Bongiovanni als Alterswerk. In dem grässlichen Film von Stefan Zucker singt sie live mit 86 Adrianas Monolog – aber sie ist mit den vielen wunderbaren Mitschnitten aus aller Welt viel besser belegt (s. Amazon oder jpc), wo sie auf der Bühne unglaublich loslässt und sich in eine – wie bereits öfter so benannt – exzessive Darstellung stürzt, ob nun als Tosca oder als Adriana oder ungeheuer intensive Iris (wo sie allerdings wie ein Tsunami alles um sich herum niedermacht, aber die Fans in Amsterdam toben, aber in Amsterdam tobt man ebenfalls gerne). G. H.

Magda Olivero: in "La Voix humaine" in San Francisco 1974/SFO

Magda Olivero: in „La Voix humaine“ in San Francisco 1974/SFO

Im Folgenden ein Ausszug aus dem bewährten Wikipediaeintrag, der die wesentlichen Stationen dieser bemerkenswerten Sängerin/Gestalterin aufzählt: Magda Olivero (* 25. März 1910 in Saluzzo; † 8. September 2014 in Mailand) war eine italienische Opernsängerin (Sopran). Nach ihrem Studium am Konservatorium in Turin debütierte sie 1933 dort am Teatro Vittorio Emanuele als Lauretta in der Oper Gianni Schicchi von Giacomo Puccini. Sie trat am Teatro alla Scala in Mailand, am Teatro San Carlo in Neapel und am Teatro Verdi in Triest auf. 1938 wirkte sie für das italienische Plattenlabel Cetra in einer Gesamteinspielung der Oper Turandot von Puccini als Liù mit. Nach ihrer Heirat im Jahre 1941 gab sie ihre Karriere auf. 1951 erfüllte sie postum den Wunsch des Komponisten Francesco Cilea und übernahm die Titelpartie seiner Oper Adriana Lecouvreur. Der Erfolg dieser Aufführung bewog die Sängerin, nach zehnjähriger Pause ihre Karriere wieder aufzunehmen. Sie trat nun erneut am Teatro alla Scala auf, aber auch in London, Paris, Brüssel, Amsterdam, Buenos Aires, Dallas, in der Arena di Verona und an der Wiener Staatsoper. 1975 gab sie, inzwischen 65-jährig, ihr Debüt an der Metropolitan Opera New York in der Titelrolle von Puccinis Tosca. Sie setzte ihre Karriere bis ins hohe Alter fort und trat noch 1990 an der Oper in Jesi als Adriana Lecouvreur auf.  Geerd Heinsen

Magda Olivero: Mit Ende Neunzig in ihrer Mailänder Wohnung/granmilano

Magda Olivero: Mit 102 in ihrer Mailänder Wohnung/granmilano

Literatur: K.J. Kutsch; Leo Riemens: Großes Sängerlexikon. Vierte, erweiterte und aktualisierte Auflage, München 2003, ISBN 3-598-11598-9, S. 18137–18140; Konrad Dryden: Franco Alfano, Transcending ‚Turandot‘. (Vorwort von Magda Olivero) Scarecrow Press Inc., 2009; Konrad Dryden: From Another World: The Art of Magda Olivero (The Opera Quarterly vol. 20, Summer 2004)

  1. Claus Wolff

    Eine schöne Würdigung dieser ganz besonderen Sängerin. Eine kleine Korrektur sei erlaubt: Der Cavaradossi bei ihrem Met-Debut am 3. April 1975 war James King, gefolgt von Luciano Pavarotti in späteren Aufführungen.

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