Verismo-Ausflug: Leoncavallos „Zaza“

 

Gegenüber der Diva hat die Varieté-Sängerin das Nachsehen. Die wie Tosca 1900 uraufgeführte Zazá kam über die erste Ehrenrunde und einige dutzend Inszenierungen kaum hinweg, so wie ihr Komponist gegenüber dem ein Jahr jüngeren Konkurrenten Puccini mehrfach den Kürzeren zog, sei es bei den Medici, deren Uraufführung Ricordi nicht weiterverfolgte, weil das Haus auf Puccini und seinen Edgar setzte, oder seiner Bohème ein Jahr nach Puccinis Turiner Uraufführungserfolg. Dabei hatte der tüchtige Leoncavallo eine ganze Marketing-Maschinerie in Gang gesetzt, um Zazá nach der von Toscanini geleiteten Uraufführung am Mailänder Teatro Lirico zu einem Erfolg zu machen. An der Met kam sie 1920 mit Geraldine Farrar groß heraus, 1940 wurde sie an der Scala mit Mafalda Favero, Gigli und Bechi aufgeführt. Dann eine kurze Pause. Aber es wagten sich in der Vergangenheit sich immer wieder Diven an die Oper, so der wunderbare Mitschnitt aus New Jersey von 1986 mit der großformatigen Aprile Millo unter Silipigni, der unter Sammlern kursiert.  2005 war sie die Kurtisane mit herz noch einmal in New York. Auch die betörende Clara Petrella war Zaza bei er RAI 1969, Lisa Houben sang die Titelpartie in Rom 2000, die ohne Mittel testende Denia Mazzola eben diese in Palermo unter ihrem Gatten Gavazzeni 1995, die kurzlebige Hoffnung Silvia Mosca gab sie noch einmal in Newark unter Silipigi 1992, Lynn Stow-Piccolo (Spinto-Sängerin mit Liebe zu Holland) sang sie bei der RAI 1978. Und sicher manche mehr, wie zuletzt Ermonela Jaho  im Konzert und anschließend im Studio in London 2015.

Heute ist diese Rarität, genau das Richtige für Opera Rara, die sich damit erstmals außerhalb ihres angestammten Repertoires, der italienischen Oper aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, engagierte. Es ist gut, eine solide Studio-Aufführung der Zazá zu haben, von der es neben der wegen Clara Petrella immer noch hörenswerten Aufnahme der RAI Turin aus dem Jahr 1969 keine nennenswerte gibt (2 CD ORC55, Slipcase, Digipack und ausführliches Beiheft); noch viel gibt es für Opera Rara von der giovane scuola aus den Jahren vor und nach der vorletzten Jahrhundertwende zu entdecken. Möglicherweise trägt die Aufnahme aus den BBC Maida Vale Studios, die sich unter den drei Fassung für die Version von 1919 entschied, zu einer neuen Einschätzung der Oper bei, die vielleicht wieder ähnlich florieren könnte wie Puccinis so lange kaum beachtete Rondine.

Leoncavallo schlägt in seiner vierten, doch erst nach Pagliacci aufgeführten Oper einen Ton an, der ihm seit seinem Paris Aufenthalt 1882 vertraut war, als er in Cafés Sänger begleitete, und zu dem er in seinen Operetten später zurückkehrte. Die Mischung aus Operette, die Situation im ersten Akt nimmt quasi den Anfang von Kálmáns Csárdásfürstin vorweg, Künstlermilieu – ein bisschen Louise – mit sentimentaler Liebesgeschichte hat einen durchaus eigenen Ton, was in Leoncavallos ungleichgewichtigen Schaffen eine Besonderheit ist, ein spezielles Fluidum, pariserische Eleganz und Leichtigkeit: Music Hall und Café chantant.

Die bittersüße Liebesgeschichte von der Künstlerin und Kurtisane Zazá kommt uns irgendwie bekannt vor. Zazá erfährt, dass ihr Geliebter der Geschäftsmann Milio Dufresne verheiratet ist, worauf sie nach Paris reist und sich von ihm trennt, da sie dessen Tochter das Schicksal ersparen will, das sie nach der Trennung ihres Vaters von ihrer Mutter erlitt. Ein bisschen Traviata und ein Hauch Rondine, ein Stoff, basierend – wie so häufig in jenen Jahren – auf einem aktuellen französischen Bühnenerfolg, ein vorweggenommenes Filmmelodram, weshalb es nicht wundert, dass die Geschichte auch einige Male, u.a. mit Gloria Swanson, Claudette Colbert und Isa Miranda, verfilmt wurde.
Der erste Akt spielt im Alcazar von Saint-Étienne, dessen Star Zazá ist. Die Atmosphäre hinter der Bühne, das Kommen und Gegen, die Gespräche Zazás mit dem Regisseur Duclou, ihrem Kollegen Cascart, ihrer Rivalin Floriana, ihrem Dienstmädchen Natalia, dem Journalisten Bussy und ihrer dem Trunk verfallenen Mutter Anaide fängt Leoncavallo mit einem farbigen, tänzerischen und kleinteiligen Konversationsrealismus aus Parlandoszenen, Deklamation, Ariosi und Kleinarien ein, ein Gewoge aus anschmiegsamen Momenten, aus dem es Ermonela Jaho schwer fällt herauszutreten Überhaupt hat Zazá keinen Moment, keine Arie, die als Solonummer heraussticht, allenfalls Cascarts berühmte Baritonnummer „Zazá, piccola zingara“. Zazás große Szenen sind im dritten Akt, wo sie auf Milios Tochter Totò trifft, die am Klavier Cherubinis „Ave Maria“ spielt, ein ähnlicher Moment von Klavier auf der Bühne, wie bereits in Giordanos Fedora von 1898: „Mamma?! Io non l’ ho avuto mai!“ Und „Di che ci sono al mondo creature“, sind keine Primadonnenarien, sondern Momente von großer Leidenschaft und Intensität, die nach der Leinwand schreien und wo es eine Singschauspielerin braucht, die Jaho trotz ihres interessanten Soprans und ihrer Violetta-Erfahrung nicht ist, freilich bietet ihr golden schimmernder Sopran viel auf, was eine Sängerin für die Zaza braucht, aber in der Tiefe fehlt es ein bisschen an Kraft für diese Art von gesteigerten Sprechgesang. Dass ihr Sopran in der Höhe ein wenig scharf wird, muss nicht so stören, aber wirklich faszinierend ist sie bei aller spürbaren Hingabe nicht. Ebenso wenig wie Riccardo Massi viel aus seinen Nummern macht, seinem „È und riso gentile“ im ersten Akt und „O mio piccolo tavolo“ zu Beginn des dritten Aktes. Ein wenig unsympathisch, wie Pinkerton, ist der Typ schon, aber er hat eben auch keine Paradenummern wie Loris` „Amor ti vieta“, eher charmante und nachdenkliche Erzählungen, denen Massi wenig Gesicht verleiht.

Maurizio Benini gelingt es mit dem BBC Symphony Orchestra vor allem die theatralische Kraft und, ja auch, Sentimentalität dieser Musik zu unterstreichen, ihre effektive Orchestrierung und Bühnenmagie. Ganz ausgezeichnet ist Stephen Gaertner als Cascart, der seine Paradenummer mit einem dunklen und profunden Bariton singt und es schafft, dass man jeder seiner Zeilen gerne zuhört. Dazu viele kleinere Partien, von denen mir keine wirklich auffiel, außer die von einer Schauspielerin gesprochen Rolle von Milios Tochter Totò (Julia Ferri). Insgesamt ein fabelhafter Hinweis auf ein wenig bekanntes Werk, dem man nun unbedingt auf der Bühne begegnen möchte. Rolf Fath