Klemperer zum Zweiten

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Wie bereits erwartet, schiebt Warner Classics nun den zweiten Teil seiner Otto Klemperer Remastered Edition nach (5 054197 528996) nach. Zwar sind es diesmal bei Vol. 2 „nur“ 29 CDs (statt 95), jedoch ist auch diese Box nicht von schlechten Eltern und deckt gut die Bandbreite dieses legendären Dirigenten ab. Die Einspielungen sind bereits sämtlich in Stereophonie festgehalten und entstanden in den Jahren zwischen 1960 und 1971, weithin als Klemperers „Indian Summer“ bekannt geworden.

Mit Johann Sebastian Bach bringt man Otto Klemperer nicht unbedingt gleich in Verbindung, doch ging seine Bach-Begeisterung soweit, dass er die h-Moll-Messe gar als die größte Musik überhaupt bezeichnete. Mit Agnes Giebel, Janet Baker, Nicolai Gedda, Hermann Prey und Franz Crass stand 1967 ein hervorragendes Solistenensemble zur Verfügung. Trotz aller Monumentalität, die Klemperer dieser gewaltigen Messe angedeihen lässt, ist sein stets transparenter Ansatz auch hier spürbar. So sind die Chormassen des BBC Chorus keineswegs verwaschen oder undeutlich. Das New Philharmonia Orchestra ist bestens aufgelegt und der Klang erfreulich klar und detailliert.

Wenig bekannt, hatte Klemperer die Chöre der h-Moll-Messe bereits 1961 erstmals für EMI eingespielt, hier mit dem Philharmonia Chorus und dem Philharmonia Orchestra. Die Erstveröffentlichung war erst Jahrzehnte später beim Label Testament erfolgt. Hier nun folgt eine Wiederauflage, die zum Vergleichen anregt. Tempomäßig gibt es kaum Unterschiede, jedoch ist der Klang sechs Jahre früher hörbar unterlegen, so dass dieser Bonus eher von historischem Interesse bleibt und der Gesamtaufnahme keine wirkliche Konkurrenz machen kann. Ungleich berühmter wurde bereits seinerzeit Klemperers Einspielung der Matthäus-Passion von 1960/61. Die Solisten könnten nicht prominenter besetzt sein: Dietrich Fischer-Dieskau, Peter Pears, Elisabeth Schwarzkopf, Christa Ludwig, Nicolai Gedda und Walter Berry brillieren sämtlich. Aus heutiger Sicht auffällig die besonders getragenen Tempi, die die meisten HIP-Befürworter ratlos zurücklassen dürften. Ebenfalls dem Spätbarock zugeordnet werden muss Händels Messiah, den Klemperer 1964 vorlegte. Elisabeth Schwarzkopf, Grace Hoffman, Nicolai Gedda und Jerome Hines bildeten das Solistenquartett. Verglichen mit den zeitgenössischen Interpretationen von Leonard Bernstein (Columbia) und Hermann Scherchen (Westminster) mutet Klemperers Lesart beinahe modern an. Im Zuge der Originalklang-Bewegung geriet sie indes bereits bald nach ihrem Erscheinen ins Abseits und war seither lediglich Enthusiasten weiterhin geläufig.

Chronologisch am nächsten sind Klemperers Einspielungen diverser Mozart-Opern einzuordnen. Vor allem die 1964 als erste produzierte Zauberflöte (u. a. mit Lucia Popp, Gundula Janowitz, Nicolai Gedda, Walter Berry und Gottlob Frick) gilt bis heute als absoluter Klassiker und wird nicht selten nach wie vor als Referenzaufnahme benannt. Der Don Giovanni von 1966 (u. a. mit Nicolai Ghiaurov, Claire Watson, Christa Ludwig, Walter Berry und Franz Crass) hat als besonders titanenhafte Darbietung zurecht ebenfalls einen festen Platz in der Diskographie gefunden. Weit weniger vorteilhaft wurden bereits bei ihrem Erscheinen Klemperers Le nozze di Figaro (1970) und Così fan tutte (1971) beurteilt. Diese seien zu spät entstanden und insgesamt zu schwerfällig ausgefallen. Freilich hat gerade der Figaro eine der überzeugendsten auf Tonträger überlieferten Besetzungen vorzuweisen (Geraint Evans, Reri Grist, Elisabeth Söderström, Teresa Berganza und Gabriel Bacquier) und muss nach über einem halben Jahrhundert als viel besser als sein Ruf betrachtet werden. Die Così stellte tatsächlich Klemperers letzte Operneinspielung überhaupt dar (Margaret Price, Yvonne Minton, Lucia Popp, Luigi Alva, Geraint Evans und Hans Sotin).

Seit langem bewährte Klassiker stellen Klemperers Einspielungen von Beethovens einziger Oper Fidelio (Christa Ludwig, Jon Vickers, Gottlob Frick, Walter Berry, Gerhard Unger, Franz Crass, Ingeborg Hallstein – wobei erwähnt werden sollte, dass die Dialoge nicht von ihr sondern von Elisabeth Schwarzkopf gesprochen werden, eine Trouvaille für Kenner!) und BrahmsEin deutsches Requiem (Elisabeth Schwarzkopf, Dietrich Fischer-Dieskau) dar. Sie entstanden zu einem Zeitpunkt, als das Philharmonia Orchestra in seiner ursprünglichen Form noch existierte (1962 bzw. 1961). EMI-Produzent Walter Legge ließ es 1964 auflösen, wonach es sich als New Philharmonia Orchestra selbstverwaltete. Insofern ist es nur folgerichtig, wenn letzteres 1965 bei der Einspielung der Beethoven’schen Missa solemnis zum Einsatz kam (Elisabeth Söderström, Marga Höffgen, Waldemar Kmentt, Martti Talvela).

Den letzten großen Themenkomplex der Kollektion bildet die Musik von Richard Wagner. Obwohl zeitlebens ein Wagnerianer, erhielt Klemperer erst im hohen Alter die Möglichkeit, dessen Opernschaffen innerhalb der eigenen Diskographie zu berücksichtigen. So dirigierte er zwar bereits 1949 die Meistersinger in Budapest (Auszüge in ungarischer Sprache haben sich erhalten) und 1963 den Lohengrin in Covent Garden (die BBC verpasste die Chance, dieses Ereignis mitzuschneiden), doch die erste Gesamteinspielung einer Wagner-Oper stand erst 1968 mit dem Fliegenden Holländer an. Klemperer, inzwischen beinahe 83, legte dirigentisch eine atemberaubende Aufnahme vor, die in dieser Wucht ihresgleichen sucht. Mit Theo Adam, Anja Silja, Martti Talvela, Gerhard Unger, Ernst Kozub und Annelies Burmeister sehr gut bis hervorragend besetzt, wurde sie rasch zu einer Standardempfehlung. Insofern als der Dirigent die frühere Fassung des Finales ohne Erlösungsthema wählte, blieb er seiner mitunter schroffen Nüchternheit treu, der jeder Anflug von Romantisierung ein Dorn im Auge war. Leider zu spät wurde das Projekt einer Ring-Einspielung in Angriff genommen.

Lediglich der erste Aufzug der Walküre (mit Helga Dernesch, William Cochran und Hans Sotin nicht ganz optimal besetzt) sowie Wotans Abschied (mit Norman Bailey) konnten Ende 1969 bzw. Ende 1970 noch vorgelegt werden. Die Kräfte des mittlerweile 85-Jährigen reichten bedauerlicherweise nicht mehr, um zumindest diese populärste Ring-Oper zu Ende zu bringen. Was erhalten ist, gewissermaßen eine Art großer Querschnitt, vermittelt zumindest einen groben Eindruck, wie Klemperer die Tetralogie angelegt hätte. Die mitunter exorbitant breiten Tempomaße (fast 20 Minuten für den Wotan-Abschied) dürften freilich ein Tribut an das hohe Alter gewesen sein. Nichtsdestoweniger ist das Ergebnis auf seine Art für sich einnehmend. Gleichsam als Schmankerl sind noch die deutlich früher, nämlich 1962 eingespielten Wesendonck-Lieder sowie Isoldes Liebestod mit der großartigen Christa Ludwig beigegeben.

Abgerundet wird die Box durch zwei Dokumentationen, zum einen Behind the Scenes der besagten Don Giovanni-Produktion, zum anderen die Doku An Opera Souvenir, beides durch Jon Tolansky betreut, der auch den lesenswerten Einführungstext im recht ausführlichen Booklet verfasste. In der Summe also eine lohnenswerte Investition, welche auch für diejenigen von Interesse ist, die das Gros der Einspielungen bereits vorliegen haben, nicht zuletzt dem insgesamt vorbildlichen Remastering von Art & Son Studio (192 kHz/24 Bit) geschuldet, das hie und da mehr herausholen konnte als bisher möglich schien. Daniel Hauser