Hochsolide und wunderbar „normal“

 

„Nein, bitte nicht!“ schickt man als Stoßseufzer gen Himmel, wenn vor Beginn von Puccinis La Fanciulla del West die Intendantin des Teatro San Carlo von Neapel zur Kenntnis gibt, nie sei das Thema dieser Oper so aktuell gewesen wie heute. Damit meint sie die Selbstbehauptung von Frauen in einer von Männern geprägten Welt, und man sieht vor dem entsetzten geistigen Auge bereits einen Jack Rance als Frauenbedränger Weinstein und eine Minnie als me-too-Opfer aufmarschieren. Aber da schließlich Hugo De Ana Regisseur ist, ist solches nicht zu befürchten, eher eine Überfüllung der Bühne à la Hollywood-Schinken, wie sie der Arena di Verona oft schon gut anstand, weniger aber einem konventionellen Theater. Ehe es aber losgeht, dürfen noch die wichtigsten Mitwirkungen jeweils einen Satz zur Aufführung sagen und werden die schönsten Ecken von Neapel ins Bild gerufen, und natürlich verfehlt der Blick in das prachtvolle Riesenopernhaus seine Wirkung auf den Zuschauer nicht. Im Foyer der gewaltige, wild blinkende und blitzende Weihnachtsbaum allerdings kündet von einer eher befremdlichen Auffassung vom Fest der Feste.

Pompös ist es dann tatsächlich trotz des ärmlichen Milieus, in dem das Stück spielt, mit La Polka, dem Häuschen Minnies und dem Lager der Minenarbeiter vor einem mal grauen, mal schneeweißen Rundhorizont, mit echter Postkutsche und phantasievollen Kostümen, so bereits Burberry für Jack Rance. In Minnies Hüttchen aber könnte man einziehen, und es würde an keinem einigen Utensil für eine Haushaltsführung mangeln. Sorgfältig wie die Requisiten sind die einzelnen Typen von Goldsuchern ausgesucht, unverwechselbar und sehr eindrucksvoll in ihren kurzen solistischen Auftritten, nicht ohne eine allerdings durchaus vertret- und ertragbare Romantisierung, zu der eine Gruppe von Knäblein einiges beiträgt.  Da bei den länger währenden Auftritten der drei Protagonisten die anderen zu lebenden Bildern erstarren, wirkt die Bühne oft wie ein naturalistisches Gemälde.

Optisch am meisten Freude bereitet der Jack Rance von Claudio Sgura von dunkler Dämonie und mit einem entsprechenden Bariton, der das Ersetzen des g im Namen durch ein c voll rechtfertigen ließe, vor allem, weil die eindrucksvolle Färbung der Stimme sich bis in die höchste Höhe bewahren lässt. Harmlos wirkt dagegen Roberto Aronica als pummliger Dick Johnson, und man muss unwillkürlich lächeln, wenn davon die Rede ist, man habe ihn bereits „bei den Haaren gepackt“. Der Tenor ist recht hell, kann durchdringend sein und ist am Schluss zu einem flammenden Appell fähig, so wie bereits die Zartheit bei „Minnie, non piangete“ gefallen konnte. Emily Magee ist inzwischen recht korpulent geworden, wirkt deshalb für die Minnie zu matronenhaft und hat wohl zu lange auf den ersten Kuss gewartet. Vokal kann sie eher überzeugen mit einem angenehmen Vibrato, nur leicht scharfen Höhen, einem schönen Leuchten in den lyrischen Teilen. Für den Schluss sammelt sie noch einmal mit Erfolg alle stimmlichen und darstellerischen Kräfte und vermag den Zuschauer mitzureißen wie ihre gerührten Freunde auf der Bühne.  Aus der Reihe der Comprimari ragen Bruno Lazzaretti als mitfühlender Nick in einer schönen Charakterstudie, Gianfranco Montresor als seinem Namen Ehre machender Sonora und John Paul Huckle als würdiger Ashby hervor. Am Dirigentenpult  waltet Juraj Valcuha umsichtig seines Amtes. Man hat zwar nicht Stemme/Kaufmann erlebt, aber eine hochsolide, das Interesse wachhaltende Aufführung (Dynamic DYN-57816). Ingrid Wanja