Von Berg bis Zemlinsky

 

Brilliant Classics hat alle Lieder von Alban Berg herausgegeben; einschließlich des Melodrams auf den Goethe-Text Klagegesang der edlen Frauen des Asan-Aga (prägnant die Sprecherin Stefanie Köhler) und zwei Duetten sind es insgesamt 93 Lieder, von denen die meisten in der Frühzeit des Komponisten, etwa 1901 bis 1909 entstanden sind und einige von ihnen Welt-Ersteinspielungen sind. So herrscht der spätromantische Duktus vor, in dem sich der junge Alban Berg in der Zeit vor seinem Unterricht bei Arnold Schönberg versuchte. Als Haupt-Verantwortlicher der Gesamtaufnahme kann der Pianist Filippo Farinelli bezeichnet werden, ein Spezialist für Kammermusik und Liedkompositionen. Er ist ein zuverlässiger Begleiter der vier Sängerinnen und Sänger, die sich quasi abwechseln, so dass die manchmal bei Gesamtaufnahmen zu erlebende Eintönigkeit vermieden wird, wenn auch der Bariton Mauro Borgioni fast die Hälfte der Lieder singt. Bei ihm beeindrucken gute Textverständlichkeit, durchweg kluge Gestaltung und sorgsam abgestimmte Führung seiner warmen Stimme. Mit 24 Liedern, dabei die bekannten Sieben Frühen Lieder und die Vier Lieder op. 2, entstanden 1909/10 und sozusagen auf dem Weg in die Atonalität, ist Elisabetta Lombardi beteiligt. Leider klingt ihr heller Mezzo mit starkem Tremolo viel zu unruhig und wird nicht ausgewogen genug durch die Lagen geführt. Mark Milhofer und  Myung Jea Kho singen nur je 10 Lieder: Der britische Operntenor nutzt die wenigen Lieder in recht hoher Tessitura, um guten Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme zu demonstrieren und seine Stimme mit Glanz zu versehen. Die Sopranistin interpretiert die 1911/12 für Singstimme und Orchester komponierten Fünf Lieder nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg op.4.  Das Klavier kann das geforderte stark besetzte Orchester natürlich nicht ersetzen, so dass der Skandal bei der Uraufführung 1913, der zum Abbruch durch den Dirigenten Arnold Schönberg führte, nicht so recht nachvollziehbar ist, Die Koreanerin kommt mit den hohen stimmtechnischen Anforderungen gut zurecht und führt ihren klaren Sopran sicher und intonationsrein durch die schwierigen Intervallsprünge alle Lagen. Das gilt ebenso für die beiden späteren, mit vertrackten Rhythmen und ungewohnten Tonfolgen versehenen Lieder „Schließe mir die Augen beide“ (1925) und das „Lied der Lulu“ (1934) (BRILLIANT CLASSICS 955490, 3 CD).

 

Albert Rubenson (1826-1901) ist und war vor allem in seinem Vaterland Schweden geachtet; liebevoll wird er als „schwedischer Grieg“ tituliert. Rubenson studierte in den 1840er-Jahren Violine und Komposition in Leipzig und spielte dort auch im Gewandhausorchester. 1872  wurde er in die Königlich Schwedische Musikakademie berufen,  wo er bis zu seinem Tod als Direktor der Bildungseinrichtung der Akademie tätig war. Von seinen Kompositionen im Geiste von Mendelssohn und Schumann sind zwei Sinfonien, die Oper En Natt bland fjeilen (Eine Nacht im Gebirge), Klavierstücke, Streichquartette und mehrere Liedsammlungen zu nennen. Das schwedische Label Sterling hat jetzt eine kleine Auswahl seiner Lieder herausgebracht. Die mit dem Komponisten entfernt verwandte schwedische Sopranistin Caroline Gentele und die Pianistin Victoria Power interpretieren fünf Lieder nach Gedichten von Heinrich Heine op.5 und insgesamt zwölf in der Zeit von 1866 bis 1869 komponierte Lieder nach Gedichten des Norwegers Björnstjerne Bjarnson, des im 18. Jahrhundert lebenden Schotten Robert Burns und des Dänen Christian Hostrup. Bei der Ausdeutung dieser Lieder romantischen Inhalts, die sämtlich in schwedischen Übersetzungen gesungen werden, gelingt es der Sängerin, ihren Sopran durchweg intonationsrein mit dahingleitendem Legato zu führen und ihn an passenden Stellen schön aufblühen zu lassen, wie z.B. im Heine-Lied „Wenn ich in deine Augen seh‘“, im traurigen Maria-Stuart-Lied nach Björnson oder in den verschiedenen Liebesliedern von Burns. Am Klavier spürt die Pianistin allen Nuancen der Sängerin nach und ist so eine partnerschaftliche Mitgestalterin. Diese Aufnahme ist eine gute Gelegenheit, die Liedkompositionen des zumindest hierzulande weithin unbekannten Albert Rubenson kennenzulernen (STERLING CDA 1839-2).

 

Das Musée d’Orsay und die Royaumont Foundation haben sich zusammengeschlossen, um im Rahmen einer Akademie junge Sängerinnen und Sänger mit ihren pianistischen Partnern zu fördern und gleichzeitig Brücken zwischen der Welt der Musik und der bildenden Kunst zu schlagen. Die 1. Académie fand in der Saison 2018-2019 statt; es  waren vier Duos, die in Meisterkursen von renommierten Gesangslehrern wie Véronique Gens, Bernarda Fink oder Helmut Deutsch unterrichtet wurden. Dem folgte ein Kunstgeschichtskurs im Musée d’Orsay, bevor es eine Konzerttournee u.a. in Frankreich gab und eine CD der Preisträger aufgenommen wurde. B-RECORDS hat das Konzert der vier Duos im Juni 2019 in der Abtei Royaumont aufgezeichnet und eine CD herausgebracht. Die sehr unterschiedlichen Lieder von Loewe über Schumann und Zemlinsky bis zu André Caplet sind unter dem Titel der drei Debussy-Lieder über die Ode Le Promenoir des deux amants von Tristan L’Hermite (1633) zusammengefasst.

In Bezug auf die Interpretation, die jeweils gekonnte Stimmführung und das pianistische Vermögen beeindruckt das hohe Niveau aller jungen Künstlerinnen und Künstler: Die Debussy-Lieder werden von den Franzosen Jean-Christophe Laniéce (Bariton) und Romain Louveau ausgedeutet; dazu kommen drei Lieder von Robert Schumann, dabei die berühmte Mondnacht. Mit seinem weichen Bariton gelingt es dem jungen Sänger vorzüglich, die impressionistische Stimmung der Debussy-Lieder nachzuvollziehen und die traurigen Kerner-Lieder Stirb, Lieb‘ und Freud‘!“ und „Sehnsucht“ ebenso wie die ausschwingende „Mondnacht“ schön auszusingen, ohne manieriert zu wirken.

Der Amerikaner Alex Rosen (Bass) und der Pole Michal Biel haben sich der deutschen Balladen Der Nöck von Carl Loewe und Schuberts Erlkönig angenommen. Dabei wird die melodische Vielfalt in der Loewe-Ballade mit in allen Lagen abgerundeter Stimme ausgekostet; mit spannender Gestaltung und differenzierter stimmlicher Charakterisierung wartet das Duo im „Erlkönig“ auf.

Die Französin Marielou Jacquard (Mezzosopran) und der Amerikaner Kunal Lahiry interpretieren Maurice Ravels Histoires naturelles. Mit ausgesprochen flexiblem Mezzo und technisch versiertem Klavierspiel werden die poetisch-witzigen Tierporträts und Fabeln in tonmalerischer Atmosphäre wiedergegeben.

Schließlich gestaltet Marie-Laure Garnier (Sopran), aus Französisch-Guayana stammend, gemeinsam mit der Französin Célia Oneto-Bensaid zwei Lieder von Alexander von Zemlinsky (Elend/Afrikanischer Tanz), drei Lieder nach Fontaine-Fabeln von André Caplet (1878-1925) und Schuberts Romanze aus Rosamunde. Im kurzen „Afrikanischen Tanz“ gibt es dramatisches Aufbegehren des voll timbrierten Soprans, während in den Fabeln die Gespräche der Tiere mit Witz und farbenreicher Ausdruckspalette nachgezeichnet werden; nach den aufgeregten Tier-Fabeln endet das Konzert mit Schuberts in ruhigem Legato gesungener „Romanze“ (B RECORDS LBM 021).  Gerhard Eckels

 

Der 1551 in Rom geborene Komponist Giulio Caccini war Mitglied der Florentiner Camerata – einer Gruppe von Musikern, Dichtern und Intellektuellen, die den Stil der griechischen Tragödie wieder beleben wollten und bei ihren Bemühungen zu jener Kunstform fanden, die wir heute Oper nennen. Er selbst trug mit einer Sammlung von Liedern und Arien dazu bei, die in Florenz als Le Nuove Musiche in zwei Bänden veröffentlicht wurden. Dies ist auch der Titel einer neuen CD bei BRILLIANT CLASSICS (9794) mit dem römischen Tenor Riccardo Pisani und dem Ensemble Ricercare Antico. Die fünf Instrumentalisten musizieren unter der Leitung von Francesco Tomasi, der selbst die Theorbe, Laute und Barockgitarre spielt. In der Toccata per spinettina e violino von Girolamo Frescobaldi haben sie auch Gelegenheit für einen  instrumentalen Auftritt.

Der Tenor beginnt das Programm mit zwei Arien von Caccini – „Amor io parto“ und „Dalla porta d’Oriente“. Er hat eine in den Registern ausgeglichene Stimme von schöner Rundung und gebührender Flexibilität für die Melismen der Kompositionen. Das erste Stück ist von schmerzlicher Färbung, das zweite von heiterem Duktus. Danach erklingen noch weitere 13 Stücke dieses Komponisten. Zart getupft mit schmeichelnder Stimme wird „Aur’amorosa“, mit ernstem Unterton vorgetragen „Dovrò duunque morire“. Von heiterer Stimmung ist „Al fonte al prato“, zurückhaltend in der Emotion das getragene „Udite amanti“, während „Amor ch’attendi“  übermütig auftrumpft. Von besonderer Klangfülle und sonorem Reiz ist Pisanis Stimme in „Vedrò“l mio sol“ und „Tu ch’hai le penne“.  „Dolcissimo sospiro“ leitet die letzte Caccini-Gruppe mit fünf Titeln ein – ein in der sensiblen Auslotung besonders gelungenes Stück. Auch „Amarilli“ und „Odi Euterpe“ berühren durch die zarte Tongebung. Mit „Non ha’l ciel contanti lumi“ bietet der Sänger einen munteren Ausklang von heiterem Gestus.

Werke von Zeitgenossen Caccinis ergänzen die Sammlung, so als Weltpremieren zwei Instrumentalkanzonen von Filippo Nicoletti – „La Trictella“ und „La Capricciosetta“, in denen das delikate und rhythmisch pointierte Spiel des Ensembles zu besonders schöner Wirkung kommt. Von Stefano Landi erklingt die instrumentale  Canzona a 3 detta „L’Alessandrina“. Bernd Hoppe

 

Das komische Intermezzo zwischen den Akten einer Opera Seria scheint bei aller Liebe zur historischen Aufführungspraxis als Besonderheit heutzutage kaum noch vorstellbar. La Serva Padrona ist eines der populärsten und bekanntesten Werke dieser Gattung, die Charaktere stammen aus der Commedia dell’Arte, ursprünglich diente es Giovanni Battista Pergolesi 1733 in Neapel als Aufheiterung zwischen den Akten seiner Opera Seria Il prigionier superbo. La Serva Padrona war schon damals beliebt, es existieren viele Abschriften, aber kein Original. Die umfängliche Manuskriptvielfalt wurde erforscht, der maßgebliche Pergolesi-Experte Francesco Degrada erstellte für eine Aufführung beim Pergolesi Spontini Festival 2004 eine kritische Edition, die bis heute leider nicht publiziert wurde. Dirigent Flavio Emilio Scogna orientierte sich an den ihm zugänglichen Material und Expertenaussagen, um seine eigene Version zusammenzustellen, die auch Degradas Forschungen -soweit zugänglich- integrierten. Die Handlung dreht sich um drei Figuren, der in die Jahre gekommene Junggeselle Uberto beauftragt seinen stummen Diener Vespone damit, ihm eine passende Kandidaten als Ehefrau zu suchen, wobei „passend“ als fügsam und unterwürfig übersetzt werden kann. Ubertos aufmüpfige Dienerin Serpina deichselt es mit Unterstützung Vespones durch eine Täuschung, daß Uberto letztendlich sie heiraten will. Der Komponist Aldo Tarabella (*1948) schuf vor wenigen Jahtren für ein Festival eine Fortsetzung auf Basis eines Librettos von Valerio Valoriani. In Il Servo Padrone sind Uberto und Serpina ein Paar, aber noch nicht verheiratet. Uberto steht unter der Fuchtel seiner Verlobten. Der nun mit einer Stimme versehene Diener Vespone ist immer noch Serpinas Verbündeter, wäre aber auch gerne ihr Geliebter. Diesmal täuscht Uberto die beiden, er verkleidet sich als seine Ex-Frau Madama Uragano und fordert sich zurück. Der Trick gelingt, Uberto schmeißt die aufrührerischen Bediensteten nicht aus dem Haus. Sie können bleiben, wenn sie sich gegenseitig heiraten. Die Verhältnisse werden wieder so, wie sie waren – die Ergänzung ist eine Restauration der Machtverhältnisse. Pergolesi benötigt fünf Arien und zwei Duette, die Fortsetzung bedient sich der tradierten Formelemente mittels vier Arien, zwei Duette und vier Terzette. Tarabella kombiniert Tradition und Innovation, er bleibt gebunden an den berühmten Vorgänger, die instrumentelle Besetzung unterscheidet sich nicht wesentlich, die Musiksprache ähnelt einer Collage von Vorbildern mit modernistischer Tonsprache. Den komödiantischen Reiz beim Anhören zu finden, ist nicht immer einfach, das Beiheft enthält kein Libretto, eine Bewertung des potentiellen Unterhaltungswerts dieser Kombination bleibt offen. Musikalisch ist man engagiert, aber ohne konsequente Charakteristik. Erika Liuzzi fehlen als Serpina Verführungskraft und attraktive Höhe, Donato Di Gioia als Pergolesis Uberto und Tarabellas Vespone sowie Paolo Pecchioli als Tarabellas Uberto singen mit klarer Diktion und wohlklingenden Stimmen, Di Gioia klingt fast zu jung und zu attraktiv, zwei Attribute, die eher Serpina zugeschrieben werden sollten und hier fehlen. Das Vincenzo Galilei Orchestra setzt sich aus Studenten des Musikkonservatoriums in Fiesole zusammen, für die vorliegende Aufnahme sind 15 Musiker -Streicher, Flöte, Oboe, Klarinette und Fagott- beteiligt, für Pergolesi wird durch Cembalo, Laute und Viola da gamba ergänzt, bei Tarabella mit einem Klavier. Die Aufnahme erfolgte im November 2017 im Auditorium Sinopoli in Fiesole. (2 CD, Brilliant 95360)

Ebenfalls bei Brilliant ist Alessandro Scarlattis Oratorium Sedecia, re di Gerusalemme in der Einspielung des Alessandro Stradella Consort unter der Leitung von Estevan Velardi aus dem 1999 neu aufgelegt worden. Zusammen mit dem Folgewerk Il primo omicidio gehört Sedecia zu den biblischen Oratorien und entstand 1705 in der Zeit der opera proibita, dem päpstlichen Bühnen- und Opernverbot für Rom. Das Oratorium entwickelte sich zum musikdramatischen Schlupfloch und Opernersatz Il primo omicidio wurde bspw. im Januar 2019 an der Pariser Opéra Garnier in Szene gesetzt und auch Sedecia erzählt Dramatisches, es geht um Sieg und Niederlage, Mord und Heroismus. Die Geschichte von Zedekia und sein Konflikt mit dem babylonischen König Nebukadnezar II. (Verdis Nabucco) findet sich im Buch der Könige. 1999 entstanden zwei Aufnahmen dieses Werks: eine erschien beim Label Virgin mit Il Seminario Musicale und u.a. Gérard Lesne (Sedecia) sowie dem jungen Philippe Jaroussky (Ismaele), die andere ohne Countertenöre bei Bongiovanni und nun bei Brilliant stand dagegen stärker im Hintergrund. Musikalisch ist Velardi getragener, langsamer und wirkt weniger organisch als die Aufnahme bei Virgin. Amor Lillia Perez ist als Sedecia keine Idealbesetzung, der Stimme fehlt es an Agilität und Glanz, Gérard Lesne ist überzeugender – man höre sich bspw. in beiden Aufnahmen „Per punire il mio pubblico errore“ an. Die verschiedenen Ansätze sind auch im bekannten „Caldo sangue“ hörbar, Rosita Frisani als Ismaele fehlt die Jugendlichkeit Philippe Jarousskys. (2 CD, Brilliant 95537) Marcus Budwitius