Slawische Seele aus Archiven

 

Auf insgesamt 27 CDs bringt Warner mit Antonín Dvořák – The Slavonic Soul (Warner 0190296771997) eine Art großzügige, in Teilen sicherlich auch streitbare Selektion der wichtigsten Werke des bedeutenden tschechischen Komponisten heraus, der 1841, vor 180 Jahren also, geboren wurde. Der Schwerpunkt ist auf die Orchesterwerke gelegt, neben den obligatorischen Sinfonien also die Tondichtungen, Ouvertüren und sonstigen orchestralen Instrumentalwerke sowie die kammermusikalischen Stücke. Bewusst ausgespart bleibt das Opernschaffen Dvořáks, welches zehn Bühnenwerke umfasst.

 Anders als bei anderen Komponisten der Fall, muss sich Dvořáks Musik in den Konzertsälen der Welt nicht erst durchsetzen. Zumindest die späten drei Sinfonien gehören seit Jahrzehnten zum Standardrepertoire. Mit zunehmender Tendenz erscheinen auch die früheren, besonders die Sinfonien Nr. 5 und 6, auf den Spielplänen; ab und an hört man eine der Tondichtungen. Dass Libor Pešek hier zwei Drittel der Sinfonien (Nr. 1-6) beisteuert, erstaunt auf den ersten Blick. Ursprünglich zwischen 1987 und 1996 für Virgin eingespielt, stand sein mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra sowie mit der Tschechischen Philharmonie entstandener Zyklus von Anfang an im Schatten anderer. Zu Unrecht, wie man beim Wiederhören konstatiert. Sowohl künstlerisch als auch klanglich können diese Einspielungen sehr gut neben bekannteren bestehen. Insgesamt wählt Pešek eine etwas lyrischere Note als andere, auf Dramatik bedachte Dirigenten. Ebenfalls unter seinem Dirigat sind die Ouvertüre Husitska, die Tondichtungen Meine Heimat, Im Reiche der Natur, Karneval und Othello, die Tschechische und die Amerikanische Suite sowie das Scherzo capriccioso. Für die drei letzten Sinfonien (Nr. 7-9) griff man indes auf die deutlich geläufigeren Klassiker unter Carlo Maria Giulini zurück, die 1962 und 1976 mit dem Philharmonia Orchestra und dem London Philharmonic Orchestra für EMI entstanden. Diese offenbaren einen packenderen Zugriff als Giulinis Spätdeutungen der Werke. Er zeichnet zudem verantwortlich für die hier inkludierte Einspielung des Cellokonzerts mit dem legendären Mstislaw Rostropowitsch. Die übrigen kleineren Cellowerke werden von Paul Tortelier und André Previn (Rondo) sowie von Jacqueline du Pré und Daniel Barenboim (Waldesruhe) interpretiert. Letzterer fungiert auch in den in der Kollektion beinhalteten Violinwerken, dem Violinkonzert sowie der Romanze f-Moll, als Orchesterbegleiter für Itzhak Perlman. Einen großen Sprung gibt es beim Klavierkonzert (Solist: Pierre-Laurent Aimard). Mit dem Königlichen Concertgebouw-Orchester Amsterdam unter Nikolaus Harnoncourt tritt ein ungewohnter, aber auf seine Art ebenfalls überzeugender Dvořák-Dirigent hinzu. Auch die Sinfonischen Dichtungen Das goldene Spinnrad, Der Wassermann, Die Mittagshexe und Die Waldtaube obliegen des gebürtigen Grafen de la Fontaine Verantwortung. Ausgespart bleibt leider das auch andernorts selten aufgenommene Heldenlied. Bei den Slawischen Rhapsodien und den Slawischen Tänzen kommt mit Václav Neumann und der Tschechischen Philharmonie freilich ein idealtypisches Gespann hinzu, was die Mustergültigkeit dieser Aufnahmen beweist. Die vergleichsweise wenig geläufigen Serenaden für Streicher beziehungsweise für Bläser, Cello und Kontrabass steuern Christopher Warren-Green und Sir Neville Marriner bei; letztgenannter dirigiert auch die Nocturne B-Dur. Was die Kammermusik angeht, so ist u. a. eine Auswahl an Streichquartetten (Nr. 9 und Nr. 12 mit dem Britten Quartet, Nr. 13 mit dem Artemis Quartet und das sogenannte Zypressenquartett mit dem New Helsinki Quartet), das Klavierquartett Nr. 2 (mit Polina Leschenko, Ilya Gringolts, Nathan Braude und Torleif Thedéen), das Klavierquintett Nr. 2 (mit dem Nash Ensemble), das Streichquintett Nr. 3 sowie das Streichsextett A-Dur (jeweils mit dem Wiener Streichsextett) beigegeben. Die Slawischen Tänze finden sich zusätzlich in der Klavierfassung für vier Hände (Michel Béroff, Jean-Philippe Collard).

Eine Büste von Ladislav Šaloun schmückt Dvořáks Grab auf dem Vyšehrader Friedhof Wikiwand

Auch der Liedgesang wurde nicht ausgespart. Neben den bereits digital eingespielten Zigeunermelodien mit Barbara Hendricks, begleitet von Steffan Scheja, sind hier auch die ältesten Einspielungen dieser Neuerscheinung versammelt, nämlich die 1955 noch in Mono produzierten Mährischen Duette (Klänge aus Mähren) mit Elisabeth Schwarzkopf und Irmgard Seefried beziehungsweise mit Victoria de los Angeles und Dietrich Fischer-Dieskau, in beiden Fällen mit Gerald Moore am Klavier. Beschlossen wird die Box überraschenderweise dann doch noch großorchestral: Das Requiem unter Stabführung von Armin Jordan verteilt sich auf die letzten beiden CDs. Sicherlich gibt es weit prominentere Einspielungen (denkt man etwa an die beiden von Karel Ančerl, an István Kertész oder auch an Wolfgang Sawallisch), doch kann sich diese ziemlich in Vergessenheit geratene Einspielung aus Paris mit durchaus idiomatischer Besetzung (Teresa Zylis-Gara, Stefania Toczyska, Peter Dvorský und Leonard Mróz) insgesamt gut behaupten. Drei kurze Szenen aus Rusalka und Armida mit Lucia Popp und dem Münchner Rundfunkorchester unter Stefan Soltesz steuern ganz zuletzt dann doch noch etwas Oper in homöopathischer Dosis bei. Das Booklet ist gediegen, aber es fehlen die Aufnahmedaten (s. unten). Es ist dies eine insgesamt etwas unrunde und bunt zusammengewürfelt erscheinende Angelegenheit, die gleichwohl ihre Meriten besitzt und tatsächlich einen Einblick in die „slawische Seele“ Dvořáks bietet.  (Abbildung oben: „Böhmische Landschaft“ von Caspar David Friedrich 1808/ Staatliche Kunstsammlung Dresden/Wikipedia).  Daniel Hauser

 

Ein Wort zu den Aufnahmequellen: Anders als man das von der Warner sonst so beispielhaft gewöhnt ist (so im Umgang mit dem EMI-Nachlass) sucht sich der Interessierte hier wund nach der Herkunft  dieser Einspielungen. Während sich im Booklet absolut kein Wort zu den Herstellerfirmen und Aufnahmedaten findet bringt nur eine Lupe bei Lektüre der einzelnen CD-Hüllen-Rückseiten eben diese zu Tage. Aber woher stammen die Aufnahmen, die lapidar als „Compiled by Lee Daniel Woodland“ im Booklet angegeben werden? Warner Classics verwendet die alte His-Master´s-Voice-Firma Parlophone weitgehend für die EMI-Erbstücke (wie man von anderen Ausgaben weiß). Dazu kommen nun bei dieser Gemischtwaren-Box die Firmen Erato (von Warner nach dem Barenboim-Mozart-Opern-Debakel schnell gekauft) sowie die verblichene Firma Teldec (ehemals unabhängig als vormalige Decca-Tochter Deutschland und von Warner erworben). Und einige Aufnahmen der Firma Finlandia finden sich ebenso wie manche genuine Warner-.France und Warner-UK-Einspielungen. Wenn also Kollege Daniel Hauser von einer „unrunden und bunt zusammengewürfelten Angelegenheit“ schreibt, hat er Recht – eine andere und weniger wohlfeile Auswahl wäre unter diesen gemischten Umständen doch sinnvoller gewesen. Wenn man da an die exzellente Debussy-Ausgabe der Warner denkt … G. H.