Kein Kanon

 

Seltsamerweise erinnere ich mich noch relativ gut an Griffelkin, das Teufelchen im Teufels-Kindergarten und an seine Großmutter. Nicht vielen Opernbesuchern dürfte es ähnlich gehen. Ein wenig darf man sich wundern, unter den 100 Meisterwerken des 20. Jahrhunderts die 1955 zunächst von der NBC in einer Kurzfassung ausgestrahlte und im folgenden Jahr in Tanglewood szenisch aufgeführte Familienoper, die 1973 in Karlsruhe ihre deutsche Erstaufführung erlebte, eingereiht zu sehen. Selbst Lukas Foss dürfte Opernbesuchern nicht allzu vertraut sein.

Doch Bernd Feuchtner, der weitere Merkwürdigkeiten in sein ungemein profundes, dickes und schweres Werk über Die Oper des 20. Jahrhunderts in 100 Meisterwerken (Wolke Verlag,688 S., zahlr. farb. Abb., geb., 978-3-95593-250-3) aufgenommen hat, versteht es klug und kenntnisreich in das jeweilige Werk einzuführen, dass, egal überzeugt man von seiner Auswahl sein mag, eine dichte und informativ zu lesende Geschichte der Oper entsteht. Der 1922 als Lukas Fuchs geboren Foss „war wie Andreas Priwin ein Berliner Junge, bis man die beiden Wunderkinder mit ihren Familien als jüdisch klassifiziere und vertrieb. So werden sie als Lukas Foss und André Previn erfolgreiche amerikanische Komponisten und Dirigenten.“ Feuchtner entfaltet die nicht unspannende Karriere des Lukas Foss und verweist nebenbei auf die Geschichte der amerikanischen Fernsehoper, die mit Menottis Amahl and the Night Visitors einen ersten Höhepunkt erlebte, an den die Kinderoper Griffelkin anknüpfen sollte. Möglicherweise in Ermangelung von Alternativen steht Griffelkin für das Jahr 1955. Jedem Jahr des vergangenen Jahrhunderts ist ein Werk zugeordnet. Man stößt auf Raritäten und Bekanntes. Es gibt Lücken – nicht nur 1919, wo sich Die Frau ohne Schatten gut ausgenommen hätte. Manche Jahre sind dagegen doppelt und dreifach belegt. Strauss ist nur mit der Elektra vertreten, Puccini mit Madama Butterfly, Britten mit Peter Grimes, Henze mit We come to the river. Man stößt aber auf Brands Maschinist Hopkins (1929) – an anderer Stelle verweist Feuchtner auf John Dews wertvolle Bielefelder Arbeit, der wir diese Ausgrabung verdanken – zwei Jahre davor, also 1927, hätte Kreneks Jonny spielt auf gut reingepasst, dafür gibt es 1927 Schoecks Penthesilea und Korngolds Wunder der Heliane. Daniel Sternefelds Mater dolorosa (1935) überrascht ebenso wie Per Nørgǻrds Der göttliche Tivoli (1983 neben Messiaens Saint Francois) – bei der Auswahl spielt viel Selbsterlebtes und Gesehenes eine Rolle. Egal, ob man beim Aufschlagen Saties Sinfonisches Drama Socrate oder Lou Harrisson Puppenoper Young Caesar erwischt, Feuchtners 20. Jahrhundert erweist sich als formidables Lesebuch. Und immer wieder spricht der erfahrene Bühnenpraktiker, der bei seinen Ausführungen zu der 1970 in einer neu kompilierten Fassung der Peking-Oper vorgelegten Oper über das Dorf Schadjiabang meint, „Die Oper würde ich weder empfehlen noch aufführen wollen. Für nichtchinesische Opernhäuser wäre das auch kaum möglich, denn sie arbeitet mit chinesischen Instrumenten und dem Gesangs- und Instrumentalstil der Peking Oper.“ Es folgt eine instruktive Ausführung über die Peking-Oper. Breite und Internationalität und Stilvielfalt soll abgebildet werden. „Meine Auswahl war subjektiv und erhob nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Sie wollte kein Kanon sein, sondern folgte meinen eigenen Vorlieben“. Das 20. Jahrhundert beginnt für Feuchtner mit Pfitzners Die Rose vom Liebesgarten, am 9. November 1901 in Elberfeld uraufgeführt; der Palestrina von 1917 hat gegenüber Busonis Arlecchino das Nachsehen. Wie Feuchtner im Fall der Rose Kunst- und Musikgeschichte und gesellschaftliche Entwicklungen zusammenpackt, von Elberfeld nach Wien und zu der erfolgreichen Aufführung unter Mahler an der Hofoper steuert, von Klimts Beethovenfries auf Mahlers Reformbewegung kommt und geistes- und literaturgeschichtliches einstreut, beweist den klugen Dramaturgen, der es zudem versteht derart animierend zu erzählen, dass Die Rose vom Liebesgarten plötzlich ganz anders blüht als ich sie in Erinnerung hatte. Die Fotos sind häufig ein wenig grisselig, zur jeweiligen Aufführungsgeschichte hätte man ein paar Zeilen mehr erwartet – so heißt es lapidar über die Zürcher Aufführung, „Als die Rose vom Liebesgarten 1998 in Zürich aufgeführt wurde, meinte der Regisseur sich von dem Werk („ungesunde Mischung von Ideen und Vorurteilen“) wie dem Komponisten („Er ist nicht sonderlich überraschend, dass Pfitzners Tochter Selbstmord beging“) distanzieren zu müssen“. Franz Welser-Möst hatte dirigiert, David Pountney inszeniert und Francisco Araiza und Stephanie Friede die Hauptpartien gesungen, bleiben aber ungenannt. Außerhalb der 100 Operneinführungen gibt es vier Exkurse über den „Weg der Veristen in die Arme von Mussolini“, die „Politische Oper in den USA“, „Oper in Lateinamerika“ und „Berlin, Hauptstadt der DDR“.   Rolf Fath