Fröhliche Wissenschaft

 

Keine Scheu vor diesem Buch mit dem einschüchternd langen Titel zu haben (Scheu vorm Artefakt? – Abenteuer eines kunstbedachten Gambusinos und Wanderpredigers) von Volker Klotz, möchte ich dem unentschlossenen Leser empfehlen. Eine spannende, lehrreiche und unterhaltsame Lektüre erwartet ihn auf stattlichen 540 Seiten, der Untertitel „Abenteuer“ verspricht nicht zu viel. Der längst emeritierte, aber nach wie vor quicke und produktive Literaturprofessor und Theaterexperte Volker Klotz zieht hier eine Lebens- und Schaffensbilanz, die reich ist an „unerhörten Begebenheiten“, denkwürdigen Begegnungen und luziden Gedanken. Pünktlich zum 90. Geburtstag des Autors im vergangenen Dezember erschienen, lässt das Buch über seinen Gegenstand hinaus ein wechselvolles Jahrhundert lebendig werden.

Die Scheu vor dem Artefakt, die Klotz nicht nur großen Teilen der akademischen Zunft, sondern auch den meisten Feuilletonschreibern unterstellt, äußert sich in deren mangelnder Bereitschaft (oder auch Fähigkeit), ein Kunstprodukt in seiner Eigenart und Einzigartigkeit zu erkennen und zu analysieren. Die Frage, was das Besondere an einem Werk der Literatur, der Musik, der Malerei oder der Architektur sei (zum Kino, das alle diese Künste in sich vereint, hat der Autor merkwürdigerweise keine Beziehung), werde in der Regel gar nicht gestellt, stattdessen weiche man aus auf vor allem biographische, psychologische oder ideologische Aspekte und ergehe sich in raunender Bedeutungshuberei (Klotz spricht von „Tiefsinns-Hochstaplern“). Im ersten einleitenden Teil wird der historische Prozeß dieser wissenschaftlichen Fehlentwicklung beschrieben.

Der zweite  liest sich wie ein Entwicklungsroman in der Tradition von Wilhelm Meister und Anton Reiser. Die frühe Kindheit ist von Musik geprägt. Die Mutter spielt hingebungsvoll Klavier, die Oma singt schön und laut, im Kirchenchor übertönt sie alle und antwortet auf die Bitte, sie möge sich etwas zurückhalten: „Entweder singt mer, odder mer lässts bleiwe“. Von ihr hört Volker schon als kleiner Junge die ersten Operettenlieder. Mit vier Jahren begeistert er sich für die Verse von Wilhelm Busch und den Struwwelpeter und versucht das, was ihm vorgelesen wird, auf den Bildern zu ertasten. Erst mit sechs, als er anfängt, selbst zu lesen, entdeckt er Grimms Märchen, die nicht illustriert waren. Vor allem die Zaubermärchen faszinieren ihn durch ihren Kontrast zum wirklichen Leben. Im Kriegsjahr 1941 erlebt der 11jährige Schüler in einer Aufführung des Troubadour und bei der Lektüre von Karl Mays Durchs wilde Kurdistan eine doppelte Initialzündung als Theaternarr und emphatischer Leser.

Nicht in der Schule und auch kaum im Studium lernt er das, was er für seine spätere Tätigkeit braucht. Seine ersten wahren Lehrmeister sind der Schwimmlehrer, der ihm auf jede dumme Frage eine einleuchtende Antwort gibt, und „Meister Ernst“, der Kfz-Mechaniker, der ihm die Funktionsweisen von Krafträdern und Autos erklärt. Auch ein Auto ist letztlich ein Artefakt wie ein Roman oder eine Symphonie, das aus zahllosen ineinander greifenden Elementen besteht.

Volker Klotz/ ZDF

Was es sonst über die Künste zu lernen gibt, erfährt Klotz nach dem Krieg und in den 50er Jahren auch außerhalb der herkömmlichen Institutionen. Im Abitursjahr 1951 ist er Zaungast bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt und findet in dem Komponisten und Dirigenten René Leibowitz einen liebevollen und sendungsbewussten Mentor. Ebenfalls in Darmstadt, dessen Theater 1944 zerbombt wurde, erlebt er in der Orangerie, wo kulissenlos gespielt wird, stilbildende Inszenierungen von Gustav Rudolf Sellner und Harro Dicks. Am Frankfurter Theater imponieren ihm dann die Inszenierungen von Harry Buckwitz (der den damals verpönten Brecht auf die Bühne bringt) und Heinrich Koch. Überwiegend desillusionierend fällt dagegen das literaturwissenschaftliche Studium an der Frankfurter Universität aus.

1959 stellt er seine Dissertation Geschlossene und offene Form im Drama fertig, die in ihrer Buchform noch heute ein Standardwerk ist. Dramaturg und Regisseur will er nun werden, und da kommt ihm das Angebot der Chefdramaturgen-Position durch den Darmstädter Intendanten Sellner gerade recht. Doch die Ernüchterung folgt auf den Fuß. Viel mehr als Programmhefte redigieren hätte er nicht dürfen, Einflußnahme auf den Spielplan war nicht erwünscht. Also trifft er die folgenreiche Entscheidung, die wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen und als Assistent Walter Höllerers an die Berliner TU zu gehen. Die zehn Berliner Jahre sind eine in mehrerer Hinsicht prägende Zeit – privat, beruflich und politisch. Er heiratet seine Frankfurter Kommilitonin Aiga, die später mit Publikationen zur Kinder- und Jugendliteratur wissenschaftliche Bedeutung erlangt, drei Töchter kommen in kurzen Abständen in Berlin zur Welt. Und an der Uni weht ein frischer Wind. Der umtriebige, immer um mediale Präsenz bemühte Höllerer mischt nicht nur den Fachbereich gewaltig auf, sondern setzt mit öffentlichen Dichterlesungen in der Kongresshalle (Literatur im technischen Zeitalter) auch deutliche Spuren im Berliner Kulturleben. Und Klotz macht mit einem Grundkurs Einführung in die Literaturwissenschaft (nicht nur für Philologen, sondern zunächst vor allem für Techniker und Naturwissenschaftler) seine ersten Erfahrungen in der Kunst des Lehrens. Daneben ist er als Theater- und Opernkritiker für die Frankfurter Rundschau, das Spandauer Volksblatt und Fachzeitschriften tätig. Er knüpft zahlreiche Kontakte zu Literaten und Theaterleuten. Eine langjährige Freundschaft verbindet ihn mit dem Schriftsteller Günter Grass, die nicht ohne ästhetische – und nach 1968 – politische Spannungen verläuft, denn Klotz macht keinen Hehl aus seiner Sympathie mit den protestierenden Studenten, bedauert sehr, dass in seinen Frankfurter Jahren die Zeit dafür noch nicht reif war.

Nach seiner Habilitation zum Thema Die erzählte Stadt, die erst nach zahlreichen internen Querelen zustande kommt, ist es für ihn an der Zeit, zu neuen Ufern aufzubrechen. Nach einer unerfreulichen Lehrstuhl-Vertretung in Münster und einer fröhlichen Gastprofessur in Stockholm wird er zu seiner eigenen Überraschung Ordentlicher Professor an der Stuttgarter Universität. Wie konnte man sich in der von jeher schwarz regierten Stadt für einen linken Volvo-Fahrer entscheiden, der vom Verfassungsschutz abgehört wurde!? Die folgenden Jahrzehnte in Stuttgart sollten zeigen, dass so ein Professorenleben gar nicht so lustig ist wegen des immerwährenden zermürbenden Kampfes gegen die Institutionen und das Kultusministerium. Reformen kommen nur sehr schleppend voran. Klotz setzt sich nachdrücklich für interdisziplinäre Dialoge und Debatten über Vorgetragenes ein.

Der dritte Teil des Buches, der mehr als die Hälfte des Gesamtumfangs ausmacht, ist Reise-, Bildungs- und Abenteuerroman (mit teilweise pikaresken Zügen) in einem. Auf ihn bezieht sich auch der Untertitel, in dem sich Klotz als kunstbedachter „Gambusino“ und „Wanderprediger“ zu erkennen gibt, als Schatzsucher also, wie er in einigen Romanen Karl Mays vorkommt, und als nimmermüder Reisender in Sachen Kultur, der in vielen ausländischen Gastsemestern und Vortragsreihen sein reiches Wissen gegen noch vielfältigere neue Erfahrungen eintauscht, Lehrender und Lernender in einer Person. Von Flugangst geplagt, erobert er sich die fernen Länder mit dem Automobil, seinem bewährten Volvo, meist mit der kompletten fünfköpfigen Familie. Dabei sind die angefahrenen Ziele durch seine Lektüren vorbestimmt, er sucht das ihm aus der Literatur Bekannte in der Realität zu entdecken und zu erkennen. Die Reisen führen ihn nach Großbritannien, Dänemark, Jugoslawien, Italien und immer wieder Spanien, aber auch nach Nordafrika, nach Algerien, Tunesien und Marokko. Eindrucksvoll werden die besichtigten Artefakte, aber auch die menschlichen Kontakte beschrieben, Begegnungen mit ausländischen Kollegen und mit Studenten, die sehr unterschiedlich auf sein Angebot eines „Rollentauschhandels“ reagieren (Motto: Ich bringe euch bei, was ihr nicht wisst, ihr bringt mir bei, was ich nicht weiß). Überraschenderweise finden sich in Algier die engagiertesten und diskussionsfreudigsten Hörer. Doch auch viele Anregungen für seine Bücher nimmt Klotz in den fremden Ländern mit. In Stratford wird bei nur mäßigen Aufführungen von Gilbert & Sullivan ein Grundstein gelegt für das erst später avisierte Operettenbuch. Die Casa Beethoven in Barcelona wird zum Sesam-Öffne-Dich auf der Suche nach Material über die Zarzuela.

Im vierten und letzten Teil (Was kam dabei heraus: schwarz auf weiß?) lässt Klotz alle Bücher und Essays seines langen Gelehrtenlebens noch einmal Revue passieren, skizziert deren Inhalte und gibt hilfreiche Einblicke in seine Methodik. Einige Titel sind Standardwerke geworden, die in keiner Bibliothek von Theaterfreunden fehlen dürfen. Neben Operette – Porträt und Handbuch einer unerhörten Kunst (München, 1991; erweiterte Fassung: Kassel, 2004) sind das vor allem die frühere Publikation Das bürgerliche Lachtheater (München, 1980/2007) und das mit vier weiteren Autoren bestrittene Kompendium Komödie – Etappen ihrer Geschichte von der Antike bis heute (Frankfurt /Main, 2013). Ich persönlich nehme auch die Bände Erzählen (München, 2004) und Verskunst (Bielefeld, 2006) immer wieder mit Gewinn zur Hand.

Scheu vorm Artefakt? schließlich krönt das schriftstellerische Werk mit einem anregenden Schmöker, der eine ideale Balance zwischen Essay und autobiographischem Roman findet (Verhältnis etwa 1:4). Er ist auch sehr vergnüglich lesbar, weil er nicht aus der abgeklärten Perspektive eines 90jährigen geschrieben ist, sondern immer wieder den Schelm eines lebenslangen Lausbuben hervorblitzen läßt, der sich über seine diversen Streiche noch heute diebisch freuen kann. In 16 durchnummerierten burlesken Intermezzi mit dem zutreffenden Titel „Unfug“, über die einzelnen Sektionen verteilt, dokumentiert sich diese Haltung am deutlichsten Volker Klotz: Scheu vorm Artefakt? Abenteuer eines kunstbedachten Gambusinos und Wanderpredigers; 540 Seiten; Königshausen & Neumann, Würzburg 2020; ISBN: 978-3-8260-6839-3). Ekkehard Pluta