Neue und ältere „Winterreisen“

 

„Vom Abendrot zum Morgenlicht ward mancher Kopf zum Greise.“ Mit dieser Zeile wird in Schuberts Winterreise der dritte Vers des Liedes „Der greise Kopf“ eingeleitet. Die Grafiker des Booklets der neuesten Aufnahme des Zyklus von Ian Bostridge bei Pentatone haben das etwas zu wörtlich genommen (PTC 5186 764). Mit Hilfe eines Computerprogramms ließen sie den englischen Tenor und seinen Begleiter Thomas Adès auf dem Deckblatt drastisch altern. Sie sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ausgemergelt und ausgezehrt – als hätte sie selbst die strapaziöse Winterreise hinter sich. Ein gewisser Mut gehört dazu. Nur, muss das sein? Erschließt sich das? Sollte nicht vielmehr die künstlerische Qualität statt eines solchen Gags für eine Neuerscheinung einnehmen? Wie dem auch sein, ein Hingucker ist das in Sepia gehaltene Album allemal.

Wie Bostridge in seinem Einführungstext herausstellt, ist die Winterreise seit drei Jahrzehnten zentraler Bestandteil seines musikalischen Lebens. Er hat sie bereits zweifach aufgenommen, einmal davon als Film – bei Warner Classics in einer Box mit Müllerin und Schwanengesang herausgekommen (0825646204182). Diesmal war ihm vor allem die inspirierende Zusammenarbeit mit Adès, der eher als Komponist hervorgetreten ist, Anlass, sich abermals im Studio auf das Werk einzulassen. In der Tat wird die Aufnahme stark, gar gleichberechtigt, vom Klavier her geprägt. Adès setzt starke Akzente. Es überlässt der Singstimme nicht das Feld, sondern trägt seinerseits dazu bei, für jedes Wort, jeden Gedanken oder jedes Gefühl einen eigenen Ausdruck zu suchen und gleichzeitig immer wieder mit dem Sänger zusammen zu finden. Keiner von beiden macht sein eigenes Ding. Darin liegt die Stärke der Aufnahme. Die Stimme von Bostridge ist nicht schöner geworden. Für die Winterreise muss das auch nicht zwingend sein. Auch sein Deutsch ist nicht besser geworden. So schleichen sich viele Ungenauigkeiten ein, die nicht mehr als individueller Ausdruck durchgelassen werden können.

 

An der Verknüpfung von Sprache und Musik ist bei seiner Winterreisen-Aufnahme dem 1983 in Böblingen geborene Bariton Johannes Held gelegen. Er ist neben seinem Sängerberuf auch als Sprecher tätig. Gemeinsam mit dem Pianisten Daniel Beskow tritt er regelmäßig in einem szenischen Winterreisen-Projekt auf. „Die Vermeidung des Körperlichen im Liedgesang und der Wunsch der Wächter über die Gattung, nur die Stimme für den Ausdruck zu nutzen, waren mir immer suspekt, und ich wollte herausfinden, welche expressiven Möglichkeiten Schuberts Lieder offenbaren, wenn man sich erst einmal traut, das seit den 50er Jahren gebräuchliche Format zu überwinden“, so Held. Mit seinem Begleiter sei er sich darüber im Klaren gewesen, dass „wir damit nicht nur auf Gegenliebe stoßen würden“. Die dabei gesammelten Erfahrungen sind nun in eine klassische Studioeinspielung eingegangen, die bei ARS Produktion erschienen ist (ARS 38 562). Damit seien sie am Ende wieder Anfang angekommen, „bei der Musik von Schubert und den Gedichten von Wilhelm Müller. Denn bei aller Suche nach einem neuen Format wollten wir doch immer dem Text treu sein“. Das hört man denn auch. Sogar sehr stark. So stark, dass die Musik gelegentlich in den Hintergrund zu geraten droht. Held singt sehr genau und deutlich. Und so offenbart sein Vortrag denn auch die Schönheiten der Müllerschen Lyrik, was einen Wert für sich darstellt und die Neuerscheinung mit einem besonderen Reiz ausstattet.

 

Aber seit wann besteht die Winterreise denn aus fünfundzwanzig einzelnen Nummern? Im Original sind es doch nur vierundzwanzig. Genau hingesehen – und hingehört, wird das erste Lied „Gute Nacht“ zunächst instrumental vorgetragen, ganz zum Schluss dann gesungen wiederholt. Der Kanadier Philippe Sly legt bei Analekta (AN 2 9138) eine Adaption für Bassbariton, Klarinette, Posaune, Akkordeon, Violine, Klavier und Drehleier vor. Angesichts der Fülle traditioneller Einspielungen haben sich Bearbeitungen inzwischen als eine ernst zu nehmende Möglichkeit etabliert, der Interpretation neue Perspektiven zu eröffnen. Sly geht ziemlich radikal ans Werk, ohne Schubert zu beschädigen. Dessen musikalische Erfindungen bleiben weitgehend unangetastet, Bearbeitung ist Zugabe, nicht Reduktion. Der junge Sänger und sein Ensemble Le Chimera Projekt scheinen herausfinden zu wollen, welche Wirkung diese vor fast zweihundert Jahren entstandenen Lieder heutzutage entfalten können. Es ist, als ob sie ein Update Schuberts mit der Gegenwart vollziehen. Tempoverschiebungen verstärken eine im Werk angelegte Gangart, die immer wieder ins Nichts zu führen droht. In dieser Interpretation ist die innere Reise durch das Eis noch gefährlicher und aussichtsloser. Einzelne Wörter werden sängerisch regelrecht seziert. Es drängt sich die Frage auf, ob die Sprache des Dichters überhaupt auszudrücken vermag, was dem Werk innewohnt. Es klingt nie schön. Dabei hätte Philippe Sly durchaus das Zeug für einen traditionellen Vortrag mit Klavierbegleitung. Dafür müsste er allerdings an seinem Deutsch arbeiten. In der vorliegenden Aufnahme wirkt sein Akzent als Ausdrucksverstärker für Fremdheit und Isolation.

Eine Diskographie der Winterreise ist mir nicht bekannt. Dabei täte sie Not. Es gibt Verzeichnisse von Operneinspielungen, sogar mit Kommentaren. Bedeutende Sänger sind mit ihren Aufnahmen, darunter auch Lieder, in der Regel auch gut diskographisch dokumentiert. Einen Redaktionsschluss kann es dabei nicht geben, denn es kommen immer neue Titel hinzu. Bei der Winterreise müssen Sammler ihre Bestände, die eigenen Listen und das Gedächtnis befragen. Als erste komplette Einspielung gilt die des Baritons Gerhard Hüsch von 1933. Zuvor hatte es nur stark gekürzte Aufnahmen gegeben, darunter mit Richard Tauber. Einzelne Lieder tauchen bereits früher in den Katalogen auf. Eine besondere Vorliebe scheint es für den „Leiermann“, das letzte Lied der Winterreise, gegeben zu haben. Er wurde 1910 sogar schon in St. Petersburg von Lev Sibiriakov, einem Bass, in russischer Übersetzung aufgenommen und kann sich noch heute hören lassen, auch wenn die Anklänge an das Idiom russischer Volksmusik nicht zu leugnen sind.

 

Ödnis und Leere. Es marschiert. Erst nach und nach lösen sich aus einer Ansammlung von Geräuschen Klänge heraus, die ihre Herkunft nicht verleugnen können – und wollen. Der Komponist und Dirigent Hans Zender hatte 1993 eine – wie er es nennt – komponierte Interpretation von Schuberts Winterreise vorgelegt, die sich im Konzertbetrieb etabliert hat. Der Tenor Julian Prégardien bietet bei Alpha-Classics.com die neueste Aufnahme an (Alpha 425). Schon sein Vater Christoph Prégardien hatte sich des Werkes angenommen. Liedgesang liegt in der Familie. Ich habe diese Version der Winterreise noch nie live gehört, kann mir aber gut vorstellen, dass sie unter diesen Bedingungen noch wirkungsvoller sein dürfte als aus Lautsprechern. Wer gute Kopfhörer zur Verfügung hat, wird noch mehr raffinierte Details entdecken. Es geht sehr dramatisch zu. Aus der introvertierten Zwiesprache des Sängers mit dem Klavier in der Originalfassung wird über weite Strecken ein sehr bildhaftes und expressives Theaterstück, in dem Passagen sogar gesprochen werden. Dadurch erfährt die Textvorlage von Wilhelm Müller eine stärkere Betonung. Das „small orchestra“ – die Deutsche Radiophilharmonie unter der Leitung von Robert Reimer – klingt so klein nicht. Streicher, Holzbläser, Horn, Trompete, Saxophon und diverses Schlaginstrumentarium entfalten mitunter mächtige Wirkungen, die es ratsam erscheinen lassen, den Klangregler am Abspielgerät zurückzudrehen. Gitarre und Akkordeon setzten traditionelle, volksliedhafte, mitunter gar rührende und zu Herzen gehende Akzente. Zender malt mit Tönen. Wenn – um nur ein Beispiel zu nennen – im Lied „Wasserflut“ die Tränen des unglücklichen Wanderers in den Schnee fallen, die Flocken das „heiße Weh“ einsaugen und „das Eis zerspringt in Schollen“, wird zu musikalischen Mitteln gegriffen, welche die Nähe zum Winter in Vivaldis Jahreszeiten nicht verleugnen können. Im Booklet, das auch einen Text von Zender enthält, wirft der Musikwissenschaftler Thomas Seedorf mehrere Fragen auf: „Wie soll man sich die Gestalt des Wanderers vorstellen? Ist er ein junger Mann oder durchläuft er eine Midlife-Krise? Erlebt er das, was er besingt, in der Realität oder nur in seiner Phantasie? Und wie ist mit Schuberts Musik umzugehen? Muss sie vor allem schön gesungen werden? Oder darf sich der Sänger auch erlauben, die Schönheit aufzurauen, Brüche und Risse hörbar werden lassen?“ Prégardien junior versucht sich in künstlerischen Antworten und schlägt sich dabei vortrefflich. Bei dieser Winterreise kann es nur von Vorteil sein, wenn der Sänger jung ist. Bei der Aufnahme war er gerade mal zweiunddreißig. Dadurch wird die Geschichte für mich glaubhafter. Schließlich ist der Vortragende in dieser Version des Zyklus nicht nur Interpret, er ist auch Darsteller. Prégardien geht es nicht um Schöngesang. Er will das Werk erfahrbar machen und greift dabei auch zu verfremdenden, charaktervollen, ja grellen Einwürfen.

 

Der Tenor Werner Güra beginnt seine Winterreise ausgesprochen verhalten. Tastend und ängstlich. Als wolle er nicht hinaus in diese Dunkelheit, wo „der Weg gehüllt in Schnee“ ist. Die Winterreise als Vorstellung, als Projektion. Güra lotet die einzelnen Worte und die Noten aus. Er verliert sich in Details, schmückt sie fast masochistisch aus. Die Aufnahme entstand bereits 2009 und wurde von harmonia mundi neu aufgelegt (HMA 1902066). Schon dieses höchst individuellen Einstiegs wegen ist das gerechtfertigt. Reinen Schöngesang verbietet sich Güra ausdrücklich, obwohl er dazu bekanntermaßen in der Lage ist. Alles wird Ausdruck. Lyrische Passagen, an denen auch in diesem Zyklus kein Mangel ist, klingen ehr herb, ja hart. Manches wird  fast gesprochen. Seine betont andersartige Interpretation gelingt Güra nur, weil er jedes Wort absolut verständlich herüberbringen kann. Gewisse Stellen, die im ersten Eindruck als verbesserungswürdig erscheinen, entpuppen sich im selben Moment als nicht anders gewollt. Die Begleitung ist nicht weniger eigenwillig. Christoph Berner an einem Pianoforte von 1872 agiert in voller Übereinstimmung mit seinem Solisten und überrascht mit unerwarteten Temposprüngen. Selbst die Pausen zwischen den einzelnen Liedern scheinen unterschiedlich lang. Mal gedehnt, mal nur ein kurzes Innehalten. Von Lied zu Lied gewinnt der gemeinsame Vortrag an Fahrt. Der Zuhören wird, ob er will oder nicht, hineingezogen. Er muss mit auf diese Reise. Bis zum bitteren Ende hinterm Dorf auf dem Eis beim Leiermann. Ein Ende, das so verhalten aushaucht wie diese Winterreise begann.

 

Matthias Goerne hat seine vierte Winterreise vorgelegt. Nach den Audioeinspielungen mit Alfred Brendel (Decca), Christoph Eschenbach (harmonia mundi) und Graham Johnson (hyperion) ist eine Aufnahme in bewegten Bildern bei Cmajor / Unitel (738008) zu finden. Es handelt sich um die visuelle Umsetzung des Liederzyklus durch den südafrikanischen Designer und Regisseur William Kentridge beim Festival in Aix-en-Provence 2014. Mit dieser Produktion ist Goerne auch auf eine weltweite Tournee gegangen, die ihm viel Erfolg einbrachte. Kentridge ist schon in den 1980er Jahren mit Animationsfilmen über die Geschichte und die schwierigen sozialen Verhältnisse in Südafrika bekannt geworden. Damals gab es die Apartheid noch. In seiner Ästhetik wirken diese Themen bis heute nach. Auch in der Winterreise. Der Sänger und sein Pianist Markus Hinterhäuser agieren vor einer Wand, auf die mal in schneller, mal in langsamer Folge Bilder, Collagen, Sprüche, Symbole oder ein Gestrüpp geworfen wird, das an Stacheldraht erinnert. Neigungen, das Publikum belehren und agitieren zu wollen, sind unverkennbar. Nicht immer wird ein Zusammenhang mit den Liedern deutlich, vor allem dann nicht, wenn aus einer Dusche plötzlich Wasser strömt. Alles schon mal dagewesen. Auch die Friedenstaube, die durchs Bild flattert, ist in die Jahre gekommen und hat Federn gelassen. Manchmal dreht der Solist den Zuschauern den Rücken und wendet sich staunend zu den Illustration, als wollte er nachschauen, was da eigentlich hinter ihm abläuft. Was in einem Saal noch wirken mag, verpufft am Fernsehschirm, wo auch Details herausgestellt werden, die die Gesamtschau beeinträchtigen. Der eigentliche Sinn der Veranstaltung, Schuberts Winterreise neu zu deuten, gerät fast zu Nebensache. Dabei hinterlassen Goerne und sein Begleiter einen tiefen und bleibenden Eindruck, der sich den bei diesem Werk überflüssigen Ausstattungen entzieht.

 

Eine Text über Winterreisen, die neu oder wieder auf den Markt gelangen, kommt ohne Dietrich Fischer-Dieskau nicht aus. Zwischen dem Namen dieses Sängers und Schuberts Liedern steht so etwas wie ein Gleichheitszeichen. Fischer-Dieskau dürfte die mit Abstand meisten einschlägigen Produktionen und Mitschnitte von Schubert-Liedern hinterlassen haben, darunter mindestens achtmal die Winterreise. Stimmt diese Aufzählung, dann ist DVD-Ausgabe bei Arthaus die neunte (109317). Am Klavier sitzt Alfred Brendel. Produziert wurde die Aufnahme bereits 1979 in der prachtvollen Berliner Siemens-Villa, in der es einen eigenen Konzertsaal gibt. Ihren Mehrwert gewinnt diese Aufnahme für den ehemaligen Sender Freies Berlin (SFB) durch ihren einzigartigen Bonus. Während der Probe liefen die Kameras bereits mit, was beide Künstler zu vergessen schienen. „Das Resultat ist die Dokumentation einer völlig unbefangenen Arbeitsatmosphäre, bestimmt von persönlichem Respekt voreinander, bei gleichzeitiger großer Offenheit in der Diskussion künstlerischer Fragen“, wird im Vorspann völlig zu Recht herausgestellt. Wie kein anderer Komponist hat Schubert seine lange Karriere geprägt und er die Interpretation des Zyklus´. Der Sänger kam nie von ihm los, hat nach immer neuen Ansätzen und Ausdrucksmöglichkeiten gesucht. Die Ergebnisse sind bekanntermaßen unterschiedlich ausgefallen. Ich bevorzuge die frühen Aufnahmen, die mir nicht so gedankenschwer und ausgeklügelt vorkommen. Wenngleich Fischer-Dieskau auf mich stimmlich nie wirklich jung wirkt, finde ich sie freier und unbekümmerter. Seine einzigartige Begabung, stimmlich wie interpretatorisch, hat nicht erst mit der Zeit Gestalt angenommen. Sie war von Anfang an da – nachzuhören in seiner von Gerald Moore begleiteten Winterreise aus dem Jahr 1955 bei der Columbia/EMI, die nun bei Heritage, gekoppelt mit der Schönen Müllerin von 1951, aufgelegt wurde (HTGCD 288/9). Das Label spricht im Booklet von „debut recordings“. Das stimmt nur für die Studio-Aufnahme, denn die erste Radio-Aufnahme der Winterreise von Fischer-Dieskau entstand bereits 1952 mit Hermann Reutter am Klavier beim Westdeutschen Rundfunk in Köln und kam schon vor Jahren bei  Audite (95.580) heraus.

 

Hermann Prey empfand von Zeit zu Zeit ein „tiefes Bedürfnis, die Winterreise wieder zu singen“. Er freute sich „lange im Voraus darauf“, war gespannt, was er auf dieser Reise Neues erleben werden – nachzulesen in seinen Erinnerungen „Premierenfieber“. In dem Buch widmet er dem Zyklus von Franz Schubert ein eigenes Kapitel, gut fünfzig Seiten lang, mit Analysen und Gedanken zu allen 24 Lieder – und zwar aus der Perspektive des Sängers, nicht des Musikwissenschaftlers. Auf diesen Unterschied kam es Prey, an. Das Werk hatte er auf seinem langen erfolgreichen Weg immer bei sich – wie einen treuen Begleiter. Erstmals hat er die Winterreise 1952 öffentlich vorgetragen. 1981, als das Buch erschien, hielt er es für wünschenswert, sie dereinst bei seinem „allerletzten Konzert“ zu singen. SWR Music hat einen Mitschnitt von den Schwetzinger Festspielen 1987 herausgebracht (SWR19012CD). Begleitet wird Prey von Helmut Deutsch, mit dem er häufig aufgetreten ist. Im Booklet kommt der Pianist selbst zu Wort. Der Musikjournalist Thomas Voigt zitiert ihn in seinem sehr lesenswerten Text mit den Worten: „Die Winterreise war für ihn das Kernstücks seines Repertoires, ein Werk, für das er gebrannt hat. Er konnte ja locker vom Hocker singen, doch bei der Winterreise war er von äußerster Konzentration.“ Prey nimmt sich diesmal auffällig zurück, als wollte er seine Interpretation in sein Innerstes verlegen. Zunächst entsteht er Eindruck, als sei nicht nur der Wanderer sondern auch der Sänger müde geworden. Schließlich ging er auf die sechzig zu. In diesem Alter werden die stimmlichen Ressourcen knapper. Genau hingehört, erschließt sich der interpretatorische Ansatz, mit dem er vielleicht aus der Not eine Tugend macht, indem er die Deutung den eigenen Grenzen anpasst. Diese Müdigkeit ist im Kern Resignation und Selbstaufgabe. Prey erfasst das Ende auf dem Eise gleich im Anfang. Vom ersten Ton an ist klar, wie die Geschichte ausgeht. Das macht den Rang dieses Mitschnitts aus.

 

Eine andere Winterreise beginnt im Booklet mit einem Dank des Sängers für die Hilfe, die er beim Zustandekommen der Aufnahme von vielen Seiten erfahren hat. So etwas kommt selten vor. Dem Bariton Jasper Schweppe ist es ein Bedürfnis, die Produktion, die bei Etcetera (KTC 1534) herausgekommen ist, als ein Gemeinschaftswerk darzustellen, an dem nicht allein der Sänger Anteil hat. Das wirkt sympathisch. Schweppe kommt von der so genannten Alten Musik. Sein Repertoire wurzelt im gregorianischen Gesang. Monteverdi gehört ebenso dazu wie Rameau und Johann Sebastian Bach. Auch um zeitgenössische Werke macht er keinen Bogen. Nun Schubert. Gewiss nicht als Höhepunkt seiner Karriere, sondern als eine weitere Facette seiner musikalischen Vielseitigkeit und Neugier. Seine Winterreise ist anders, nämlich über weite Strecken ziemlich lakonisch. Sie verlässt den Dunstkreis der vielen berühmten und weniger berühmten Interpretationen, die auf Tonträgern nachzuhören sind. Vorbilder sind nicht auszumachen. Schweppe ist Holländer, studierte zunächst am Konservatorium in Zwolle, später in Den Haag. Sein Studium schloss er 1998 ab. Daraus lässt sich auf sein Alter schließen. Genaue Angaben finden sich nicht. Jedenfalls klingt die Stimme jung und hell. Was bei der Winterreise ein Vorteil sein kann. Schließlich geht es um die Geschichte eines jungen Mannes. Was ihm widerfährt auf seiner bedrückenden Reise ins eigene Innere, geschieht in der Jugend, nicht im Alter. Bei Schweppe wird die Vortragsperspektive nicht eindeutig klar. Identifiziert er sich als Vortragender mit der Geschichte oder berichtet er singend darüber. Letzteres unterstellt, ist es egal, welcher Generation er entstammt, ob es sich um einen Sänger oder um eine Sängerin handelt. Selten legt Schweppe einen dramatischen Gang ein, was ihn vor unangebrachten Übertreibungen bewahrt. Das Timbre ist trocken, die Höhe etwas knapp. Er singt ein vorzügliches Deutsch. Mit dem Fortschreiten des Zyklus gewinnt diese Interpretation, was auch drauf zurückzuführen sein dürfte, dass man sich an das Timbre und den Stil zu gewöhnen beginnt. Es wäre ungerecht, die Aufnahme vorschnell beiseite zu legen. Sie verdient eine zweite Chance. Und gar erst beim dritten Hören wird hinlänglich deutlich, dass Schweppe etwas Neues versucht. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass er damit bei jüngeren Leuten gut ankommt. Auch wegen der Begleitung. Der japanische Pianist Riko Fukuda spielt ein Fortepiano. Dieses Hammerklavier von 1830 stammt aus der Werkstatt des berühmten deutsch-österreichischen Klavierbauers Conrad Graf.

 

Daniel Behle hat sich gleich zweifach an dem Zyklus versucht, einmal mit Klavier, einmal mit Begleitung eines Trios. Seine CD ist bei Sony herausgekommen (2 CD 8883788232). Obwohl ich mit Bearbeitungen gewöhnlich meine Probleme habe, hier gibt es beides: Winterreise-Original und -Bearbeitung. Das ist pfiffig. Man kann wählen, sich für die eine oder die andere Variante entscheiden. Beides mögen oder daran herummäkeln. Beginnen möchte ich mit dem Lob. Daniel Behle singt, wie er kann. Er weckt keine falschen Hoffnungen, bleibt im Rahmen seiner lyrischen Möglichkeiten. Stimmlich klingt er noch viel jünger, als er es im wirklichen Leben ist. Das überzeugt. Er ist Jahrgang 1974, hatte eine gründliche musikalische Ausbildung – auch als Komponist. Behle verzichtet auf jegliche theatralische Mittel, er bleibt ganz bei der Musik. Nur vereinzelt und wohl dosiert holt er das dramatische Werkzeug hervor. Dadurch glückt ihm seine Einspielung so gut, so diesseitig. Sie ist nicht bitter, lässt einen nicht mit Tränen zurück. Wäre eine Entscheidung gefragt, meine Wahl würde auf das Original mit Klavierbegleitung (Oliver Schnyder) fallen. Setzen in der zweiten Einspielung die zusätzlichen Instrumente ein, Violine (Andreas Jahnke), Violoncello (Benjamin Nyffenegger) und wieder Schnyder am Piano, zuckt es schon mal im Ohr. Was war denn das, durchschoss es mich beim ersten Hören. Zunächst hatte ich den Eindruck, als liege plötzlich eine ganz andere Musik auf. Und dann war mir, als mische sich ein Streichquartett über einen zusätzlichen Kanal die Winterreise hinein, so wie im Radio, wenn zwei Sender aufeinander liegen. Das dürfte beabsichtigt sein, auch in seiner mitunter verstörenden Wirkung. Im letzten Lied, dem „Leiermann“, wird gar in einem Anflug die Leier simuliert. Weil es aber wie ein Dudelsack aus der Ferne kling, gerät dieser musikalische Moment zu sehr in die Nähe von Folklore. Für mich braucht gerade dieses Lied, in dem alles erstarrt, keinerlei Zutat. Es ist das Ende.

 

Ein düsteres Gemäuer sucht Francisco Araiza für seine Interpretation der Winterreise auf, die ebenfalls als DVD – gekoppelt mit Robert Schumanns Dichterliebe – bei Arthaus erschienen ist (101670). Sein Mantel ist aus feinstem Zwirn. Darunter trägt er braunes Sakko, schwarzes Hemd und schwarze Hose. Araiza bleibt in der Gegenwart. Mehr als zwanzig Jahre alt ist die Produktion, bei der Jean Lemaire am Klavier begleitet. Äußerlich sieht man das auch. Da ist ein gehöriger Schuss Betulichkeit beigemischt. Für die Interpretation selbst kann ich kein Verfallsdatum ausmachen. Sie wirkt ehr zeitlos, kompakt und geschlossen. Manchmal gönnt sich Araiza einen opernhaften Anklang. Schließlich war die Oper das Hauptgeschäft des Tenors. Er nimmt sich viel Zeit. Vielleicht braucht er die auch, um sich besser zu konzentrieren auf die Gattung Lied, obwohl er ganz und gar nicht unsicher wirkt. Das Deutsch des gebürtigen Mexikaners ist perfekt. Seine Winterreise kann es mit jeder anderen Einspielung aufnehmen. Die Wirkung ist noch nachhaltiger, wenn das Bild weg bleibt. Ich habe es von Zeit zu Zeit abgestellt und hatte noch mehr Gewinn von der Aufnahme.

 

Winterreise mit Frauenpower! Im Booklet ihrer eigenen Einspielung hatte sich die französische Altistin Nathalie Stutzmann, noch über einen Mangel an Aufnahmen mit Sängerinnen beklagt. In der Produktion von Et’Cetera werden jetzt gleich fünf Solistinnen auf einmal aufgeboten (KTC 1592). Es handelt sich um Wendeline van Houten, Merlijn Runia, Jannelieke Schmidt, Nikki Treurniet und Ellen Valkenburg, die sich am Königlichen Konservatorium Den Haag kennenlernten und zum Ensemble Coco Collektief zusammengeschlossen haben. Sie treten auch einzeln in Opern und mit Liedprogrammen auf. Ihr Pianist ist Maurice Lammerts van Bueren, der die Bearbeitung für diese ungewöhnliche Besetzung geschaffen hat. Er ist sich über das Risiko im Klaren. Wenn man die Winterreise, die „für viele Musikliebhaber mehr oder weniger heilig ist, arrangiert“, habe man das Gefühl, sich aufs Glatteis zu begeben. „Doch es geht beim Arrangieren selten um ein Verbessern des Originals. Vielmehr geht es um neue Ansätze, um eine Fassung, die neben dem Original bestehen kann.“ Daran sind Zweifel angebracht. Wenn Schubert seine Winterreise mehrstimmig hätte haben wollen, hätte er sie so komponiert. Durch die Bearbeitung wird die Struktur ohne jeden Mehrwert zerstört. Der gut gemeinte Versuch, der live noch eher vorstellbar ist als im Studio, wird zur formalen Spielerei, zumal die Stimme der Solistinnen in ihrer dissonanten Unterschiedlichkeit, die gewollt zu sein scheint, dem Zyklus keinen Halt geben. Die Winterreise ist durch die Vielzahl von Aufführungen womöglich überstrapaziert. Überfluss verführt zu Experimenten, die schnell ins Leere laufen. Wenn aber eine solche Neuerscheinung zur Beschäftigung mit dem Original anregt, dann hat sie auch einen Zweck erfüllt.

Schon frühzeitig haben sich Frauen der Winterreise bemächtigt. Lotte Lehmann ist das prominenteste Beispiel, später traten Christa LudwigBrigitte Fassbaender und – man möchte es kaum glauben – Barbara Hendricks hinzu. In der akustischen Hinterlassenschaft von Kirsten Flagstad stößt man auf die „Krähe“, die „Post“ und den „Wegweiser“. Die im Liedschaffen sehr bewanderte Elisabeth Schwarzkopf – auch das ist eine Information – hat aus gutem Grund auf Lieder aus der Winterreise gänzlich verzichtet. Bearbeitungen sind spätestens seit Franz Liszt in Mode. Er hat zwölf Lieder für Klavier transkribiert. Der „Wegweiser“ ist von Anton Webern mit Orchester versehen worden. Eine Fassung des Zyklus für Tenor und Streichquartett von Jens Josef hat Christian Elsner produziert. Der Tenor Hans Peter Blochwitz hat sich der Bearbeitung von Hans Zender zugewandt. Mit Christoph Prégardian gibt es eine Winterreise für Tenor, Akkordeon und Bläserquintett. Der gehörlose Schauspieler Horst Dittrich übersetzte den Text des 2007 in die österreichische Gebärdensprache und führte ihn in den Jahren in unter anderem in Wien und Salzburg auf. Vom Kantor und Komponist Thomas Hanelt stammt eine Bearbeitung von zwölf Liedern für gemischten Chor und Klavier. Es ließen sich noch viele andere Versionen finden.

 

In die Abteilung, wo die besondere musikalische Ware lagert, gehört für mich die bereits erwähnte Nathalie Stutzmann, die französische Altistin und Dirigentin. Sie ist die einzige Sängerin, die nicht davor zurück schreckte, gleich alle drei Zyklen, nämlich WinterreiseDie schöne Müllerin und Schwanengesang einzuspielen. Die Aufnahmen, die zwischen 2003 und 2008 entstanden, sind gebündelt in einer Box bei Erato herausgekommen (082564237012), wunderbar und sehr präsent im Klang. Zuvor waren sie einzeln beim Label Calliope zu haben. Für die Begleitung ist Inger Södergren zuständig, der die Sängerin nach eigenem Bekunden sehr viel zu verdanken hat. Ohne die Begegnung mit ihr, hätte sie „vielleicht niemals die Liederzyklen von Schubert aufgezeichnet“, sagt sie in einem Interview, das im Booklet abgedruckt ist. Darin wird sie auch gefragt, „ob auch andere Altistinnen Schubert aufgezeichnet haben“. Antwort: „Ich habe danach gesucht, ohne Erfolg…. Kathleen Ferrier hätte es hervorragend machen können, doch vielleicht wagte sie es nicht; schließlich sprechen wir von einer Zeit, in der es für Frauen nicht zum guten Ton gehörte, Lieder mit männlichen Erzählfiguren zu singen.“ Was nun? Die Ferrier hat sehr wohl Lieder von Schubert, nach denen ganz allgemein gefragt worden war, eingespielt, die Altistinnen Maria OlszewskaSigrid Onegin und Ernestine Schumann-Heink auch. Nachweislich nur nichts aus den besagten Zyklen. Das hätte redaktionell deutlicher gemacht werden können. Und die schon erwähnte Lotte Lehmann hat sich an ihre Winterreise immerhin bereits 1931 gewagt. Und weiter im Interview: „Die Dinge haben sich seither ein wenig geändert, auch wenn es immer noch einige hartnäckige Frauenfeinde gibt! Doch würde man sich um die kümmern, wäre das solistische Repertoire der Frauen überaus beschränkt.“ Nathalie Stutzmann gibt sich kämpferisch. Das ist ihr gutes Recht. Nur hat sie nicht so ganz Recht. Wer würde schon den Frauen ihr Repertoire streitig machen wollen? Niemand hat die Lieder gezählt, die jemals für Frauenstimmen komponiert wurden, idiomatisch und inhaltlich. Dabei müssen Frauen nicht zwangsläufig auch als Erzählerinnen in Erscheinung treten. Ob die nicht gar in der Mehrzahl sind?

Es ist die alte Frage, ob es Sinn macht, dass Frauen beim Liedgesang in die Männerrollen schlüpfen und umgekehrt. Mir ist es prinzipiell egal. Immerhin ist Fischer-Dieskau nicht der Versuchung unterlegen, zum Beispiel „Gretchen am Spinnrade“ in seine große Edition der Schubert-Lieder aufzunehmen. Zurück nun zu dem, was die Stutzmann sängerisch zu bieten hat. Das ist sehr viel. Ich finde es immer noch mutig, dass sie sich mit aller Konsequenz den Zyklen zugewandt hat. Ganz glücklich bin ich damit aber nicht geworden. Mit ihrer Erda-Stimme bringt sie für meinen Geschmack zu viel Dunkelheit hinein. Also ob die Geschichten unter der Erde oder bei Nacht spielten. Es fehlt mir Licht, das es in diesen Liedern auch gibt. Manchmal fühle ich mich gar an ein einen Altus, von dem noch die Rede sein wird, erinnert. Legt man aber derlei Einwände und Bedenken zur Seite, findet sich eine starke gestalterische Kraft. Mit leicht opernhaftem, gar veristischem Touch. Im Klavierpart werden solche Eindrücke durch starke dramatische Züge noch verstärkt. Das Spiel ist oft sehr hart, gewollt hart. Ein Schubert also, bei dem wirklich alles anders ist. Darauf zielt die Sängerin wohl auch. Das Experiment ist gelungen, wobei ich mir am Ende doch etwas mehr Wortdeutlichkeit gewünscht hätte, die nicht durchgängig geben ist.

 

Auf eine Winterreise, die aus dem Rahmen fällt, war ich besonders gespannt – auf die Einspielung mit dem in Israel geborenen Altus Zvi Emanuel-Marial. Er ist übrigens nicht der erste Sänger mit dieser Stimmlage, der sich die Winterreise vornimmt. Im Internet kursieren mehrere entsprechende Versuche, wenngleich auch nur ausschnittsweise. Chia Wee-Kiat aus Malaysia ist darunter. Sehr gewöhnungsbedürftig sind die Experimente des Countertenors und Stimmtrainers Reiner Philipp Kais, der sich vom Akkordeonisten Rudi Meier begleiten lässt. Nun also eine ganz offizielle Einspielung beim Label Thorofon (CTH2615), aufgenommen 2013 in Berlin. Der Auftakt dieser CD nun ist bewegend in seiner Schlichtheit und in seinem natürlichen Fluss. Voraussetzungen für dieses Gelingen liegen aber auch im Lied „Gute Nacht“ selbst. Es ist formal nicht sehr extrem, sondern musikalisch ausgeglichen. Schon die Nummer zwei, die „Wetterfahne“ hat es in sich und geht nicht eben leicht über die Lippen. Die Dramatik nimmt zu. Im dritten Lied „Gefrorene Tränen“ ist auch Tiefe gefragt, die nicht organisch angelegt ist in der Tessitura des Sängers. Es scheint, als müsse er sie künstlich erzeugen. Sie wirkt fremd, nicht zu seinem eigenen Organ gehörig. Über vierundzwanzig Lieder, für die Zvi Emanuel-Marial mit seinem Pianisten Philip Mayers gut siebenundsechzig Minuten braucht, stellt sich eine gewisse Redundanz ein. Ist es so, dass ein Altus diesen Brocken am Ende doch nicht durchhält? Technisch schon, nicht aber im Ausdruck? Es wäre wünschenswert, würde er weiter an der Winterreise arbeiten und in ein paar Jahren ein Resultat präsentieren, das ein größeres Spektrum hat. Seine Stärke ist die Mittellage mit ihrem leichten Hang zum Tremolo, was mir gefällt, weil ein Ausdrucksmittel daraus wird. Dieses Tremolo ist wie ein kleines inneres Beben, es illustriert Unruhe, Unglück, Verzweiflung. Wer die CD nicht nur einmal hört, sondern sie mehrfach auf sich wirken lässt, vielleicht auch mal dieses oder jenes Lied einzeln herausnimmt, freundet sich am Ende doch noch mit der Interpretation an. Sie bleibt dann kein Fremdkörper mehr im Regal zwischen Peter Anders, Hans Hotter, Christian Gerhaher oder Dietrich Fischer-Dieskau, sondern wird zur Ergänzung.  Rüdiger Winter