Auf der Spur der Grossen

 

Die Titelrolle in Donizettis Maria Stuarda hat Diana Damrau im April 2018 am Opernhaus Zürich erstmals szenisch verkörpert, einen Monat später an der Deutschen Oper Berlin auch konzertant vorgestellt. So ist es nur folgerichtig, dass sie für ihr neues Recital bei Erato Szenen aus dieser Tragedia lirica ausgewählt hat. Überraschend aber ist die Einbeziehung der beiden anderen Tudor-Königinnen des Komponisten aus Bergamo – Anna Bolena und Elisabetta (Roberto Devereux) -, denn beide hat die deutsche Sopranistin bislang noch nicht interpretiert. Mit diesem Porträt, betitelt Tudor Queens (0190295280932) und aufgenommen im Juli 2019 in Rom, stellt sie sich einer übermächtigen Konkurrenz mit legendären Vorgängerinnen, von Virginia Zeani und Leyla Gencer über Beverly Sills und Montserrat Caballé bis zu Edita Gruberova und Sondra Radvanovsky.

Für ihr Unternehmen hat sich die Sängerin der Unterstützung renommierter Partner versichert – des traditionsreichen Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia Rom und des Dirigenten Antonio Pappano. Sie sorgen für die nötige Energie und italienische Stimmung, befeuern die Solistin, sich dem Strom der Musik hinzugeben, auch das Risiko nicht zu scheuen, wenn es um Wahrhaftigkeit des Ausdrucks geht.

Das Programm folgt der chronologischen Ordnung der drei Werke und beginnt mit der 1830 uraufgeführten Anna Bolena. Deren ausgedehnte Schlussszene„Piangete vuoi/Al dolce guidami/Coppia iniqua“ weist noch an Rossini erinnernde Verzierungen auf, nimmt aber in der energischen Cabaletta schon den frühen Verdi vorweg. Der Coro dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia Rom (Einstudierung: Ciro Visco) leitet die Nummer mit „Chi può vederla“ atmosphärisch ein. Damraus Stimme ist ein lyrischer Koloratursopran, klingt anfangs sehr jugendlich, fast mädchenhaft, findet aber nach dem verinnerlichten „Al dolce guidami“ und dem elegischen „Cielo, a’ miei lunghi spasimi“ am Schluss bei „Coppia iniqua“ zu einem entschlossenen Aplomb, den man so von ihr bislang nicht kannte.

Im Mittelteil gibt es das Finale aus der 1835 uraufgeführten Maria Stuarda. Bei deren Gran Scena e Preghiera und der Aria del Supplizio – auch diese vom Coro mit dem düsteren „O truce apparato“ stimmungsvoll eingeleitet – spürt man die Erfahrungen der Sängerin auf der Bühne und im Konzert. Sie wartet mit zarten Tönen und subtilen Nuancen auf, lässt feinste piano-Gespinste hören, bringt aber vor allem neben der stimmlichen Faszination das Schicksal der Figur dem Hörer bezwingend nahe. In den wenigen Einwürfen des Leicester fällt der strahlende Tenor von Domenico Pellicola auf.

Die Elisabetta aus dem 1837 in Neapel uraufgeführten Roberto Devereux zum Abschluss stellt die größte Herausforderung für die Interpretin dar, denn die Scena ed Aria finale („Vivi, ingrato/Quel sangue versato“) verlangt stärksten dramatischen Aplomb und hohe stimmliche Agilität. Damrau überzeugt hier wieder mit totalem Einsatz und bedingungsloser Hingabe  – sowohl im kantablen „Vivi, ingrato“ als auch in der leidenschaftlichen Cabaletta. Und angesichts der Tatsache, dass sie die Partie noch nie live verkörpert hat, überrascht der lebendige Eindruck, den sie mit ihrer Interpretation hinterlässt. Die CD markiert einen deutlichen Schritt nach vorn in der Entwicklung der Sängerin. Bernd Hoppe