Orient gegen Okzident

 

Armide ist die letzte beendete Oper von Jean-Baptiste Lully. Die „Tragédie en musique“ in fünf Akten und einem Prolog wurde 1686 uraufgeführt, im Jahr darauf starb der gebürtige Italiener in Paris. Das Thema aus Tassos „La Gerusalemme liberata“ wurde vielfach vertont, die Fassung des Librettisten Philippe Quinault inspirierte noch Haydn zu seiner Armida. Die Geschichte aus dem 1. Kreuzzug über den christlichen Ritter Renaud und die Zauberin Armide konzentriert sich auf die seelischen Zustände der Titelfigur, deren Haßliebe zu Renaud den Handlungsrahmen vorgibt: Dämonen werden beschworen, allegorische Figuren wie der Haß, aber auch „Un amant fortuné“ -ein glücklicher Liebender- treten auf. Leidenschaften und Idyllen, dunkle Streicher und pastorale Szenen, kontrastierende Affekte und psychologisches Gespür bilden die Elemente und Gegensätze in dieser wirkungsvollen Tragödie. Armide besitzt viele bemerkenswerte Szenen, der 5. Akt ist ein Höhepunkt – Armide und Renaud versichern sich ihrer Liebe, doch die Musik drückt schon Wehmut und Abschied aus, eine darauf folgende große Passacaglia leitet über zu einer allegorischen Utopie der glücklichen Liebe, die den Verlust des zu Pflicht und Ruhm in den Krieg zurückkehrenden Ritters umso trauriger wirken läßt. Armide beklagt erst verzweifelt Untreue und Verlust .-l’horreur de l’éternelle nuit“- bevor der Haß durchbricht -„l’espoir de la vengeance“- in der Hoffnung auf Rache beschwört sie Dämonen und Orient und Okzident stehen sich erneut als Feinde gegenüber.

Die Herzogin von Trémoille von Jean Marc Nattier, 1741/ Wiki/ mit den Noten von Lullys „Armide“ auf dem Schoß

Dirigent Christophe Rousset.liefert mit Armide nach Bellérophon, Persée, Phaéton, Amadis und Roland einen weiteren gewichtigen Baustein in der Lully-Diskographie, die beiden nächsten Kandidaten auf seiner Wunschliste sind Isis und Alceste. Rousset bezeichnet Armide als Lullys kompletteste und schönste Oper – beim Zuhören ergibt sich schnell der Eindruck von großer qualitativer Homogenität. Les Talens Lyriques musizieren Lullys abwechslungsreiches Werk präzise, voller Spannung und barocker Atmosphäre. Die neun Solisten dieser Aufnahme wurden ohne Schwachpunkte besetzt. Armide ist eine zerrissene, tragische Figur und hat große Szenen zu singen, Marie-Adeline Henry überzeugt mit präsenter Stimme, die den Zwiespalt und die schwankenden Stimmungen stimmlich mit expressiver Färbung vermittelt, ihre Armide klingt nie eindimensional, sondern hat Konturen, ihr charaktervoller, dunkel gefärbter Sopran paßt außerordentlich gut zur Vielschichtigkeit ihrer Figur. Renaud ist bei Antonio Figueroa in guten Händen. Die Rolle des Kreuzritters bleibt in der Handlung blaß gegenüber der Zauberin, vielleicht liegt es daran, daß der gefällig klingende lyrische Tenor nicht ganz auf Augenhöhe mit seiner Partnerin zu wirken scheint. Hidraot -der König von Damaskus und Onkel von Armide- wird von Douglas Williams mit vornehmen Bassbariton gesungen, sehr schön erklingt der schlanke Tenor von Cyril Auvity in der Doppelrolle als Chevalier Danois und Amant fortuné. Weiterhin wird diese überzeugende Einspielung ergänzt durch Judith van Wanroij (La Gloire, Phénice, Mélisse, Une nymphe des eaux), Marie-Claude Chappuis (La Sagesse, Sidonie, Lucinde, Une bergère héroïque), Marc Mauillon (Aronte, la Haine), Etienne Bazola (Ubalde), Emiliano Gonzalez Toro (Artémidore) und den Choeur de Chambre de Namur. Es handelt sich um eine konzertante Live-Aufnahme aus dem Grande Salle Pierre Boulez der Pariser Philharmonie vom Dezember 2015. Zuvor gab es eine szenische Aufführung an der Opéra National de Lorraine in Nancy anläßlich des 300. Todesjahres des Sonnenkönigs Ludwig XIV, ein Foto dieser Produktion befindet sich auf dem Cover. Das Beiheft mit Erläuterungen und Libretto ist in Französisch und Englisch enthalten. (2 CDs, Aparté Ap135) Marcus Budwitius