Dubiose Heimkehr

 

Wer im Werkverzeichnis von Franz von Suppé nach einer Oper mit dem Titel Il Ritorno del Marinaio sucht, wird vergeblich etwas finden. Über das Uraufführungsjahr 1885 wird er dann feststellen können, dass es sich um Suppés letzte Oper Die Heimkehr des Matrosen handeln muss, die am Hamburger Stadttheater unter der Direktion des hoch geschätzten Direktor Bernhard Pollini herausgekommen ist. So sehr man der Firma cpo auch dankbar sein muss, ein recht unbekanntes Werk Suppés auf CDs verfügbar gemacht zu haben, so sehr darf man sich aber wundern, warum das Werk nicht in Originalfassung, sondern in italienischer Übersetzung vorgestellt wird.

Pollini kann sich nur in Unkenntnis des Librettos einen italienischen Holländer erhofft  haben. Das Werk konnte trotz eines Hamburger Uraufführungserfolges im deutschsprachigen Raum nicht reüssieren, es schaffte es nicht einmal nach Wien, so angesehen und hoch verehrt Suppé dort auch war. Interesse erregte der Matrose aber in der damals noch zur Habsburger-Monarchie gehörenden kroatischen Heimat Suppés. Denn das Stück spielt 1816 in Lesina, dem heutigen Hvar. Schon zu Lebzeiten des Komponisten wurde mit einer italienischen Übersetzung begonnen, denn diese findet sich zum Teil in der handschriftlichen Partitur der Oper. Vollständig existiert sie aber nur in dem von Cranz herausgegebenen Klavierauszug, wo auch der italienische Titel Il Ritorno di Marinaio aufscheint.

Während der 200. Geburtstag von Franz von Suppé   (* 30. April 1870 ;† 24. Oktober 1948 ) im deutschsprachigen Raum kaum zur Kenntnis genommen wurde, erinnerte sich die Oper von Rijeka des Marinaio, der von ihr verständlicherweise als Bekenntnis des Komponisten zu seiner kroatischen Heimat verstanden wurde, nicht nur wegen des Handlungsortes Lesina, sondern auch wegen einer großen Balletteinlage im zweiten Akt mit kroatischen Nationaltänzen und einer Kavatine mit dem Titel La Dalmatina. Es kam im Jubiläumsjahr zu einer open-air Aufführung des Stückes, die auch vom Fernsehen übertragen wurde. Die Aufzeichnung war auf you tube zu sehen, Auf sie greift die Aufnahme von cpo zurück (davor gab es ebenfalls auf youtube noch 2013 eine frühere Videoaufzeichnung aus Split unter Loris Voltilini, beide sind bemerkenswerter Weise gelöscht/ G. H.).

Wer die italienische Fassung des deutschen Librettos von Anton Langer verfasst hat, ist bis heute nicht feststellbar. Aber selbst diese italienische Fassung konnte aus dem Stück Langers, das mehrere Jahre in einer der Suppéschen Schreibtischladen gelegen hatte und erst nach des Autors Tod einer Vertonung für würdig befunden wurde, keine packende „romantische Oper“ machen, wie der Komponist das Werk bezeichnete. Anton Langer gehörte zur Gruppe der „Dichter“, für die in Wien die Sentenz „Weltberühmt in Wien“ benutzt wird: Er schrieb viele Stücke für die Wiener Theater, die nur einen Zweck hatten: das sich emanzipierende bürgerliche Publikum der rasch wachsenden Stadt zu unterhalten. Die eigentliche Stärke Langers lag in seiner Herausgebertätigkeit einer angesehenen satirischen Zeitschrift. Opernlibrettist war nicht seine Sache. Das könnte auch Suppé so empfunden haben, denn sonst hätte er das Stück nicht so lange „schubladiert“.

Die Geschichte handelt vom Matrosen Pietro, der nach 20 Jahren vom Kriegsschiff Delfino abrüstet. Er hatte sich freiwillig zum Militärdienst verpflichtet, als ihm seine Braut Jela von einem Wüstling „geraubt“ wurde. Jela ist in der Zwischenzeit gestorben. An ihrem Lieblingslied erkennt er ihre Tochter, die ebenfalls Jela heißt. Der Podestà Quirino möchte sie heiraten, obwohl sie Nicolò liebt. Um diesen außer Gefecht zu setzen, will Quirino ihn zum Militärdienst auf dem Schiff verpflichten. Pietro beschließt, sich für die Liebe der Jungen zu opfern und kehrt wieder als Ersatz für Nicolò zum Dienst auf dem Kriegsschiff zurück.

Der Dirigent des „Marinaio“ bei cpo und in Rijeka: Adriano Martinolli d’Arcy/ cpo

Suppé konnte aus dieser sentimentalen Handlung nur lyrische Funken schlagen. Dramatisches Feuer war da nicht herauszuholen. Er hat sich aber hörbar bemüht, den Ton seiner Operettenproduktionen zurückzunehmen und „opernhaft“ zu schreiben. Das gelang nur beschränkt, denn immer wieder blitzen im „hohen Ton“ Walzer und Märsche auf. Natürlich gibt es auch großartige Musik, wie es bei einem Meister wie Suppé, der sein Handwerk gründlich beherrschte, gar nicht anders möglich ist. Allein der formale Aufbau von großen Ensembleszenen – wie das Finale des zweiten Akts – beweist die Meisterschaft des Komponisten, ebenso die lyrischen Solonummern. Merkwürdigerweise wirken die Buffo-Arien des Bürgermeisters seltsam uninspiriert. Verstörend sind auch die ziemlich platten Kopien von Formelementen anderer Komponisten: Da klingen die Märsche wie junger Verdi, da ist der Bürgermeister eine humorlose Kopie van Betts aus dem Zar und Zimmermann von Albert Lortzing, der eine kurze Zeit lang Suppés Dirigentenkollege am Theater an der Wien gewesen war, da lässt der Ausklang des ersten Finales sofort an das erste Finale der Nacht in Venedig mit der aus dem off erklingenden Barkarole Caramellos denken.

Franz Suppé Oper „Des Matrosen Heimkehr“ auf das  Libretto von Arnold Langer für die Uraufführung in Hamburg/ lov.gov

Das kurze Werk (beide Akte dauern zusammen nicht einmal 90 Minuten, weshalb bei der Uraufführung der dritte Akt von Il trovatore inklusive Verdischer Ballettmusik gespielt wurde!) wird vom Dirigenten Adriano Martinolli d’Arcy mit dem Orchester der Ivan-Zajc-Oper von Rijeka (dem damaligen Fiume) zu schwer angegangen. Die Ensembles bleiben auch nicht durchsichtig. Am besten gelingt das auch von der Komposition her bemerkenswerte Vorspiel zum zweiten Akt und die Balletteinlage. Von den Sängern erfreut der bewegliche Sopran von Marjukka Tepponen als Jela und der international tätige Bariton Ljubomir Puškariḉ. Giorgio Surian als Quirino vermag nur seinen schönen Bass beizutragen. Die Figur konnte er damit nicht zum Leben erwecken. Das ist aber allein Schuld des Komponisten.

So dankbar, wie schon gesagt, man cpo sein muss, dieses Spätwerk Suppés musikalisch zugänglich gemacht zu haben, so sehr bedauert man doch, dass cpo sich nicht vorerst großen Werken Suppés angenommen hat. Wie gern wäre man dem Teufel auf Erden, der Donna Juanita, dem Gascogner oder der Afrikareise begegnet. Und außerdem liegt bis heute keine Aufnahme der Originalfassung von Boccaccio mit einem Mezzosopran in der Titelrolle vor. Hans-Dieter Roser   

 

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