ALTES UND NEUES bei BRILLIANT

 

Der 1551 in Rom geborene Komponist Giulio Caccini war Mitglied der Florentiner Camerata – einer Gruppe von Musikern, Dichtern und Intellektuellen, die den Stil der griechischen Tragödie wieder beleben wollten und bei ihren Bemühungen zu jener Kunstform fanden, die wir heute Oper nennen. Er selbst trug mit einer Sammlung von Liedern und Arien dazu bei, die in Florenz als Le Nuove Musiche in zwei Bänden veröffentlicht wurden. Dies ist auch der Titel einer neuen CD bei BRILLIANT CLASSICS (9794) mit dem römischen Tenor Riccardo Pisani und dem Ensemble Ricercare Antico. Die fünf Instrumentalisten musizieren unter der Leitung von Francesco Tomasi, der selbst die Theorbe, Laute und Barockgitarre spielt. In der Toccata per spinettina e violino von Girolamo Frescobaldi haben sie auch Gelegenheit für einen  instrumentalen Auftritt.

Der Tenor beginnt das Programm mit zwei Arien von Caccini – „Amor io parto“ und „Dalla porta d’Oriente“. Er hat eine in den Registern ausgeglichene Stimme von schöner Rundung und gebührender Flexibilität für die Melismen der Kompositionen. Das erste Stück ist von schmerzlicher Färbung, das zweite von heiterem Duktus. Danach erklingen noch weitere 13 Stücke dieses Komponisten. Zart getupft mit schmeichelnder Stimme wird „Aur’amorosa“, mit ernstem Unterton vorgetragen „Dovrò duunque morire“. Von heiterer Stimmung ist „Al fonte al prato“, zurückhaltend in der Emotion das getragene „Udite amanti“, während „Amor ch’attendi“  übermütig auftrumpft. Von besonderer Klangfülle und sonorem Reiz ist Pisanis Stimme in „Vedrò“l mio sol“ und „Tu ch’hai le penne“.  „Dolcissimo sospiro“ leitet die letzte Caccini-Gruppe mit fünf Titeln ein – ein in der sensiblen Auslotung besonders gelungenes Stück. Auch „Amarilli“ und „Odi Euterpe“ berühren durch die zarte Tongebung. Mit „Non ha’l ciel contanti lumi“ bietet der Sänger einen munteren Ausklang von heiterem Gestus.

Werke von Zeitgenossen Caccinis ergänzen die Sammlung, so als Weltpremieren zwei Instrumentalkanzonen von Filippo Nicoletti – „La Trictella“ und „La Capricciosetta“, in denen das delikate und rhythmisch pointierte Spiel des Ensembles zu besonders schöner Wirkung kommt. Von Stefano Landi erklingt die instrumentale  Canzona a 3 detta „L’Alessandrina“. Bernd Hoppe

 

Das komische Intermezzo zwischen den Akten einer Opera Seria scheint bei aller Liebe zur historischen Aufführungspraxis als Besonderheit heutzutage kaum noch vorstellbar. La Serva Padrona ist eines der populärsten und bekanntesten Werke dieser Gattung, die Charaktere stammen aus der Commedia dell’Arte, ursprünglich diente es Giovanni Battista Pergolesi 1733 in Neapel als Aufheiterung zwischen den Akten seiner Opera Seria Il prigionier superbo. La Serva Padrona war schon damals beliebt, es existieren viele Abschriften, aber kein Original. Die umfängliche Manuskriptvielfalt wurde erforscht, der maßgebliche Pergolesi-Experte Francesco Degrada erstellte für eine Aufführung beim Pergolesi Spontini Festival 2004 eine kritische Edition, die bis heute leider nicht publiziert wurde. Dirigent Flavio Emilio Scogna orientierte sich an den ihm zugänglichen Material und Expertenaussagen, um seine eigene Version zusammenzustellen, die auch Degradas Forschungen -soweit zugänglich- integrierten. Die Handlung dreht sich um drei Figuren, der in die Jahre gekommene Junggeselle Uberto beauftragt seinen stummen Diener Vespone damit, ihm eine passende Kandidaten als Ehefrau zu suchen, wobei „passend“ als fügsam und unterwürfig übersetzt werden kann. Ubertos aufmüpfige Dienerin Serpina deichselt es mit Unterstützung Vespones durch eine Täuschung, daß Uberto letztendlich sie heiraten will. Der Komponist Aldo Tarabella (*1948) schuf vor wenigen Jahtren für ein Festival eine Fortsetzung auf Basis eines Librettos von Valerio Valoriani. In Il Servo Padrone sind Uberto und Serpina ein Paar, aber noch nicht verheiratet. Uberto steht unter der Fuchtel seiner Verlobten. Der nun mit einer Stimme versehene Diener Vespone ist immer noch Serpinas Verbündeter, wäre aber auch gerne ihr Geliebter. Diesmal täuscht Uberto die beiden, er verkleidet sich als seine Ex-Frau Madama Uragano und fordert sich zurück. Der Trick gelingt, Uberto schmeißt die aufrührerischen Bediensteten nicht aus dem Haus. Sie können bleiben, wenn sie sich gegenseitig heiraten. Die Verhältnisse werden wieder so, wie sie waren – die Ergänzung ist eine Restauration der Machtverhältnisse. Pergolesi benötigt fünf Arien und zwei Duette, die Fortsetzung bedient sich der tradierten Formelemente mittels vier Arien, zwei Duette und vier Terzette. Tarabella kombiniert Tradition und Innovation, er bleibt gebunden an den berühmten Vorgänger, die instrumentelle Besetzung unterscheidet sich nicht wesentlich, die Musiksprache ähnelt einer Collage von Vorbildern mit modernistischer Tonsprache. Den komödiantischen Reiz beim Anhören zu finden, ist nicht immer einfach, das Beiheft enthält kein Libretto, eine Bewertung des potentiellen Unterhaltungswerts dieser Kombination bleibt offen. Musikalisch ist man engagiert, aber ohne konsequente Charakteristik. Erika Liuzzi fehlen als Serpina Verführungskraft und attraktive Höhe, Donato Di Gioia als Pergolesis Uberto und Tarabellas Vespone sowie Paolo Pecchioli als Tarabellas Uberto singen mit klarer Diktion und wohlklingenden Stimmen, Di Gioia klingt fast zu jung und zu attraktiv, zwei Attribute, die eher Serpina zugeschrieben werden sollten und hier fehlen. Das Vincenzo Galilei Orchestra setzt sich aus Studenten des Musikkonservatoriums in Fiesole zusammen, für die vorliegende Aufnahme sind 15 Musiker -Streicher, Flöte, Oboe, Klarinette und Fagott- beteiligt, für Pergolesi wird durch Cembalo, Laute und Viola da gamba ergänzt, bei Tarabella mit einem Klavier. Die Aufnahme erfolgte im November 2017 im Auditorium Sinopoli in Fiesole. (2 CD, Brilliant 95360)

Ebenfalls bei Brilliant ist Alessandro Scarlattis Oratorium Sedecia, re di Gerusalemme in der Einspielung des Alessandro Stradella Consort unter der Leitung von Estevan Velardi aus dem 1999 neu aufgelegt worden. Zusammen mit dem Folgewerk Il primo omicidio gehört Sedecia zu den biblischen Oratorien und entstand 1705 in der Zeit der opera proibita, dem päpstlichen Bühnen- und Opernverbot für Rom. Das Oratorium entwickelte sich zum musikdramatischen Schlupfloch und Opernersatz Il primo omicidio wurde bspw. im Januar 2019 an der Pariser Opéra Garnier in Szene gesetzt und auch Sedecia erzählt Dramatisches, es geht um Sieg und Niederlage, Mord und Heroismus. Die Geschichte von Zedekia und sein Konflikt mit dem babylonischen König Nebukadnezar II. (Verdis Nabucco) findet sich im Buch der Könige. 1999 entstanden zwei Aufnahmen dieses Werks: eine erschien beim Label Virgin mit Il Seminario Musicale und u.a. Gérard Lesne (Sedecia) sowie dem jungen Philippe Jaroussky (Ismaele), die andere ohne Countertenöre bei Bongiovanni und nun bei Brilliant stand dagegen stärker im Hintergrund. Musikalisch ist Velardi getragener, langsamer und wirkt weniger organisch als die Aufnahme bei Virgin. Amor Lillia Perez ist als Sedecia keine Idealbesetzung, der Stimme fehlt es an Agilität und Glanz, Gérard Lesne ist überzeugender – man höre sich bspw. in beiden Aufnahmen „Per punire il mio pubblico errore“ an. Die verschiedenen Ansätze sind auch im bekannten „Caldo sangue“ hörbar, Rosita Frisani als Ismaele fehlt die Jugendlichkeit Philippe Jarousskys. (2 CD, Brilliant 95537) Marcus Budwitius