Angriffslustiger Beethoven

 

Vor fünfzig Jahren brach im Münchner Nationaltheater der damalige Bayerische Generalmusikdirektor Joseph Keilberth während einer Aufführung von Wagners Tristan und Isolde auf dem Dirigentenpult tot zusammen (wie bereits 1911 Felix von Mottl). Angeblich genau dann, als Tristan sein „Lass mich sterben“ sang. Keilberth war zu diesem Zeitpunkt gerade sechzig Jahre alt und stand auf dem Höhepunkt seiner Dirigentenkarriere. Der gebürtiger Karlsruher legte eine beeindruckende Laufbahn zurück, die ihn über Stationen in seiner Heimatstadt (wo er sich 1935 gegen Herbert von Karajan als GMD durchsetzte) und Prag (wo er seit 1940 dem Deutschen Philharmonischen Orchester vorstand) über Dresden, Berlin und Hamburg vor allen Dingen in bayerische Gefilde führte. Zwischen 1950 und 1968 amtierte er als erster Chefdirigent der Bamberger Symphoniker und ab 1959 zusätzlich als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München. Größte Anerkennung erfuhr er insbesondere im Strauss- und Wagner-Fach, was in den 1950er Jahren in einem mehrjährigen Engagement bei den Bayreuther Festspielen gipfelte, wo er den Fliegenden Holländer, Tannhäuser, Lohengrin und den Ring des Nibelungen dirigierte. Der erst 2006 erstmals veröffentlichte Live-Mitschnitt des 1955er Ring, von der Decca betreut und als erste Gesamtaufnahme überhaupt in Stereo eingespielt, gilt vielen Kennern seither als einsame Referenz. Und doch hat er landläufig auch heute eher den Ruf eines gediegenen Kapellmeisters denn eines „Stardirigenten“, was er aber vermutlich auch nie sein wollte.

Nun also legt Icon/Warner anlässlich des 50. Todestages sämtliche Nachkriegsaufnahmen Keilberths in einer nicht weniger als 22 CDs umfassenden Box vor (90295 68926). Es handelt sich sämtlich um Einspielungen für die deutsche (und inzwischen verblichene) Firma Telefunken, die als eine der ältesten deutschen Firmen lange Jahre als eigenständiges Label existierte und sich dann in Teilen als Teldec mit der Decca Verband. Die hier erwähnten Aufnahmen sind zwischen 1951 und 1963 entstanden. Keilberth muss insofern als bedeutendster Vertragskünstler dieses Labels in den 1950er und frühen 1960er Jahren gelten. Viele der Aufnahmen waren seit langer Zeit vergriffen oder allenfalls als Japan-Import erhältlich; einige erscheinen nunmehr gar zum ersten Male überhaupt auf CD. Die Bandbreite ist gewaltig und legt Zeugnis ab vom sehr ausgedehnten Repertoire Keilberths, der gerne auf die Musik der Spätromantik reduziert wird. Die Wiener Klassiker Haydn, Mozart und Beethoven nehmen bereits viel Raum ein. Neben Haydns Sinfonien Nr. 85 „La Reine“ und 101 „Die Uhr“ sind die späten Mozart-Sinfonien ab der „Haffner“ enthalten (dazu die zumal damals selten eingespielten KV 200 und 202), ergänzt durch diverse Ouvertüren, Serenaden und Divertimenti. Der zupackende Stil des Dirigenten macht diese Aufnahmen, die bereits größtenteils in gut klingendem Stereo vorliegen, auch nach über einem halben Jahrhundert zu einem wahren Hörgenuss. Man fragt sich ernsthaft, wieso Keilberth in Sachen Mozart heutzutage fast vergessen ist. Diese Veröffentlichung könnte dafür sorgen, dass er künftig seinen gebührenden Platz neben den großen Mozart-Interpreten jener Zeit wie Karl Böhm und Otto Klemperer einnehmen kann.

Eine außerordentlich enge Verbindung hatte Keilberth auch zum Œuvre Ludwig van Beethovens. Hier liegt nun nicht nur ein beinahe kompletter Zyklus der Sinfonien vor (es fehlt einzig die Neunte, die indes in einer Aufnahme mit dem japanischen NHK Symphony Orchestra überliefert ist), sondern auch nicht weniger als fünf Ouvertüren. Mit einer einzigen Ausnahme (Sinfonie Nr. 8 noch in Mono) ist auch hier klangtechnisch nichts zu bemängeln. (Bei dieser Gelegenheit sei darauf verwiesen, dass auch die Achte in einem ganz späten Live-Mitschnitt bei Orfeo in Stereo erschienen ist.) Bei den Beethoven-Werken wird ein Charakteristikum dieser Telefunken-Einspielungen ersichtlich, nämlich dass auf verschiedene Orchester zurückgegriffen wurde. Neben den Bamberger Symphonikern und Berliner Philharmonikern, die ein Gros der Aufnahmen bestreiten, sind dies das Philharmonische Staatsorchester Hamburg und in einem Fall auch das Bayerische Staatsorchester. Man kommt nicht umhin, gerade den Berliner Aufnahmen das höchste künstlerische Niveau zu bescheinigen, wenngleich auch die Bamberger bereits in diesen frühen Einspielungen kurz nach ihrer Gründung eine für sich genommen außerordentlich hohe orchestrale Qualität vorzuweisen haben. Keilberths Beethoven ist keinesfalls überromantisiert, sondern kommt unprätentiös und zuweilen fast angriffslustig herüber. Als besonderes Highlight sei hier auf die Einspielungen der fünften und siebten Sinfonie verwiesen.

In der Früh- und Hochromantik dominieren in der Box die Freischütz– und Euryanthe-Ouvertüre von Carl Maria von Weber (leider nur in Mono), die „kleine“ C-Dur und die Unvollendete Sinfonie von Franz Schubert (erstere eine der frühesten Stereo-Aufnahmen überhaupt, Februar 1954, hier erstmals vorgelegt) und die „Frühlingssinfonie“ von Robert Schumann. Als besonders herausragend müssen die beiden Ouvertüren von Felix Mendelssohn Bartholdy, die selten gespielte „Meeresstille und glückliche Fahrt“ und die ungleich bekannteren „Hebriden“, benannt werden, bei denen Keilberth auf die Berliner Philharmoniker zurückgreifen konnte. Sehr prominent vertreten ist freilich die Spätromantik, die auch skandinavische (Griegs „Peer-Gynt“-Suiten Nr. 1 und 2) und tschechische Komponisten (zwei Tondichtungen aus Smetanas „Mein Vaterland“ sowie Dvoráks „Neue Welt“-Sinfonie, das Cellokonzert mit Ludwig Hoelscher, die Slawischen Tänze und die Carnival-Ouvertüre) berücksichtigt. Einen Schwerpunkt macht hier indes Johannes Brahms aus, dessen vier Sinfonien zwischen 1951 (Nr. 1) und 1963 (Nr. 3) mit nicht weniger als drei Orchestern eingespielt wurden. Die „Akademische Festouvertüre“, die „Tragische Ouvertüre“ und drei Ungarische Tänze (Nr. 1, 3 und 10) runden dies adäquat ab. Auch hier zeigt sich Keilberth als Kenner und macht besonders die Brahms-Werke mehr als hörenswert. Weniger als gut ist hier nichts.

Als einer der Klassiker in der Diskographie dieses Dirigenten gilt mit gutem Recht die Einspielung der eher unbeachteten sechsten Sinfonie von Anton Bruckner, die in einer spektakulären Aufnahme von 1963 mit den Berlinern enthalten ist. Hinzu gesellt sich eine kaum weniger überzeugende Interpretation der Neunten Sinfonie aus Hamburg. Von Bruckner ist der Weg zu Wagner nicht weit, so dass auch auf die hier enthaltenen Opernauszüge hingewiesen werden muss: Es handelt sich jeweils um die Vorspiele zum ersten und dritten Aufzug der Opern Die Meistersinger von Nürnberg und Lohengrin. Diese können selbstredend eher als Appetitanreger gelten, haben sich doch Gesamtaufnahmen erhalten, wie auch Keilberths Wagner ansonsten eher in Live-Tondokumenten überliefert ist, die glücklicherweise mittlerweile alle problemlos erhältlich sind. Zumindest lässt sich schon mittels dieser Vorspiele sagen, dass seine Wagner-Auffassung konträr war zu jener seines großen Antipoden Hans Knappertsbusch, des Giganten, hinter dem Joseph Keilberth schon optisch zurückstecken musste. Anders als auf das „Kann“-typische weihevolle Pathos setzt er auf energische, vorwärtsdrängende Zuspitzung und darf insofern als der modernere der beiden großen Wagner-Dirigenten gelten, was vielleicht auch seine Distanz gegenüber Parsifal erklärt, der als einzige Oper des Bayreuther Kanons unter seinem Dirigat nicht überliefert ist.

Doch nicht nur im schweren Fach brillierte Keilberth, wie die auf zwei CDs verteilten Walzer, Polkas und Märsche von Johann Strauss Sohn unter Beweis stellen. Man mag hier allenfalls mokieren, dass ein gewisser wienerischer Touch fehlt, entstanden die Einspielungen doch mit den Bamberger Symphonikern, doch gibt es auch hier handwerklich nichts zu bemängeln. Gut abgedeckt ist auch der andere Strauss, hier repräsentiert durch die Tondichtungen „Till Eulenspiegel“ und „Don Juan“, sinfonische Zwischenspiele aus dem Intermezzo, Walzer aus dem Rosenkavalier, Salomes Tanz sowie einem Potpourri aus der Schweigsamen Frau. Es nimmt nicht wunder, dass Keilberth besonders in Sachen Richard Strauss bereits zu Lebzeiten einen hervorragenden Ruf genoss. Nicht zuletzt setzte sich Joseph Keilberth aber auch für die Musik des zwanzigsten Jahrhunderts ein, wovon die letzten beiden CDs der Box zeugen. Neben der Ballettsuite sowie den Mozart– und Hiller-Variationen von Max Reger ist es vornehmlich Paul Hindemith, dessen Suite zum Ballett „Nobilissima Visione“ und die Sinfonische Metamorphose von Themen Carl Maria von Webers inkludiert sind.

Der informative Begleittext von Markus Bruderreck zitiert Keilberths Sohn Thomas, der keineswegs die zumindest umstrittene Rolle des Vaters im Nationalsozialismus verheimlicht. Der Dirigent spricht in seinem Tagebuch durchaus von eigenen Fehlern. Durch seine Bekanntschaft mit Reinhard Heydrich konnte er allerdings zahlreiche Orchestermitglieder in Prag vor einem Fronteinsatz bewahren und in einem Falle sogar eine Deportation verhindern. In seinem letzten Lebensjahrzehnt kam es zu einem vermehrten Rückzug Keilberths aus dem gesellschaftlichen Leben, sah er sich doch als aus der Zeit gefallen an. Gesundheitliche Probleme machten ihm seit den späten 1950er Jahren zudem zu schaffen (er litt an Diabetes). Freilich nahm die Anzahl seiner Auftritte als Dirigent deswegen mitnichten ab (so ab 1965 auch in Japan), so dass nur der innerste Zirkel von seinem Niedergang wusste und sein früher Tod die Öffentlichkeit umso mehr schockierte.

Alles in allem eine höchst verdienstvolle Neuerscheinung, die Joseph Keilberth besonders jenseits des allseits geschätzten Operndirigenten endlich einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht und ihn auch als bedeutenden Interpreten sinfonischer Werke von der Wiener Klassik bis in die Moderne hinein ausweist. Von wegen gediegener Kapellmeister! Daniel Hauser