Ein geschöntes Leben

 

„Frida Leider – Sängerin im Zwiespalt ihrer Zeit“ von Eva Rieger: Der Titel ist semantisch vage, doch vielversprechend, die Autorin renommiert. Es gibt viele Gründe, auf dieses Buch sehr gespannt zu sein. Zumal für einen wie mich, der von den Aufnahmen der Leider heute genau so elektrisiert ist wie vor dreißig Jahren. Noch bevor das Buch auf dem Markt war, hat der Musik- und Theaterwissenschaftler Stephan Mösch, der das kluge Vorwort beisteuerte, wissen lassen, dass er sich vieles habe angestrichen, „um es möglichst im Kopf zu speichern“. Ich habe mir auch vieles angemerkt. Nicht alles taugt dazu, memoriert zu werden.

Der Reihe nach. Das Buch folgt dem klassischen Muster einer Biographie, beginnt mit der Geburt am 18. April 1888 am Berliner Arkonaplatz und endet mit dem Tod am 4. Juni 1975 in einem Krankenhaus in Charlottenburg. Je näher es zum Abschluss kommt, umso dürrer werden die Informationen. Das ist verwunderlich, zumal es auch mehr Zeitzeugen geben dürfte, die Frida Leider noch gekannt haben. Bemüht werden sie nicht. Die in der Schweiz lebende Freundin Liva Lagger, Witwe des 1979 verstorbenen Bassisten Peter Lagger, findet lediglich einmal Erwähnung mit der Mitteilung über den Selbstmord der Mutter der Leider 1948 (S.184). Wer so ein Geheimnis kennt, das die legendäre Sängerin offenbar genau so mit ins Grab nehmen wollte wie die von Friedelind Wagner behauptete Tatsache, dass auch der Vater freiwillig aus dem Leben schied (S. 21), der dürfte nach aller Erfahrung noch mehr wissen. Dem Vernehmen nach stand Frau Lagger der alternden Leider sehr nahe, soll auch den Nachlass betreut und notwendige Formalitäten erledigt haben.

Ihre letzte Ruhe fand Frida Leider an der Seite ihres Mannes Rudolf Deman auf dem Friedhof Heerstraße am Olympiastadion. Deman war Konzertmeister der Staatskapelle, Gründer eines eigenen Streichquartetts und Hochschulprofessor. Nach der Hochzeit 1930 war er der ständige Begleiter seiner zweiten Frau, eben Frida Leider. Als Jude durfte er nach 1933 keine öffentlichen Ämter mehr begleiten und ging in Schweiz, wo er die Nazizeit überlebte. Deman starb 1960 im Westen Berlins, nachdem er als Hochschullehrer wieder in seine alten Rechte eingesetzt worden war. Auf dem Friedhof hat das Ehepaar mit Frieda Hempel, Margarete Klose, Ludwig Suthaus, Michael Bohnen, Leo Blech und Dietrich Fischer-Dieskau prominente Nachbarn. Wer vor dem Ehrengrab steht, entdeckt ein ovale Platte mit der Aufschrift „Hilde“, die pharmacy school in canada requirements in die grüne Bedeckung eingelassen ist. Wer ist Hilde? Das Buch gibt darauf keine Antwort. Es kann sich nur um Hilde Bahl handeln, die von „einer guten Bekannten“ (S. 78) schließlich doch noch zu „einer guten Freundin“ (S. 108) wird. Sie liefert im Buch einige interessante Details. So „beschloss das Ehepaar, sich bei den Nazis als treue Untertanen mit großer Präsenz in Deutschland beliebt zu machen“. Sie gibt außerdem zu Protokoll, dass delayed ejaculation and cialis die Sängerin „zur Tarnung“ ein Bild Hitlers auf ihrem Flügel stehen hatte. Viel mehr wird über die Bahl, die am 13. Mai 2003 im Alter von 104 Jahren starb, nicht bekannt. Sie wird aus der Biographie herausgehalten, obwohl sie über viele Jahre mit Frida Leider in einer Wohnung in Charlottenburg zusammenlebte und dort bis zu ihrem Umzug in ein Altersheim blieb. Ein Nachruf mit biographischen Angaben und einem Foto findet sich auf der Homepage der Frida-Leider-Gesellschaft, nicht aber im Buch. Hat die Bahl das Foto Hitlers auf dem Flügel aus eigener Anschauung gekannt? Gehen die Beziehungen zwischen beiden Frauen bis in diese Zeit zurück? Es ist unverständlich, wie die Autorin, die sich „noch immer als Feministin“ bezeichnet (www.eva-rieger.de), mit dem Andenken an diese Frau, die sich – wie es auf der Seite der Gesellschaft heißt – „unermüdlich um Nachlass und Nachruhm der Künstlerin“ kümmerte, umgeht. Über die Gründe kann nur spekuliert werden (persönliche Erinnerungen an Leider und Bahl von Geerd Heinsen folgen nachstehend).

"Abscheulicher, wo eilst du hin?" Frida Leider als Leonore in Beethovens Fidelio. Die Arie hat sie auch aufgenommen. Das Foto gehört zur Porträtsammlung Manskopf.

„Abscheulicher, wo eilst du hin?“ Frida Leider als Leonore in Beethovens Fidelio. Die Arie hat sie auch aufgenommen. Das Foto gehört zur Porträtsammlung Manskopf.

Bemerkenswert offen wird hingegen ein Detail aus dem Lebenslauf Demans ausgebreitet (S. 39). Als er 29 Jahre alt war, „verliebte sich Prinz Max von Baden, der letzte Kanzler des Kaisers, in den gutaussehenden Geiger“. Es wird ein Brief des Prinzen an einen Freund zitiert: „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was ich empfunden habe in dieser Sache und noch empfinde. Ich wandelte fast wie berauscht umher, und lebe hochgestimmt.“ Seine Frau „verfolge diese Vorgänge mit rührendem Verständnis und Interesse“, schreibt er weiter. Sie habe „vermutlich aus Ahnungslosigkeit die Einladung Demans“ auf den adeligen Landsitz in Salem, wo dieser mehr als ein Vierteljahr verbracht haben muss, gebilligt, mutmaßt Rieger. Kann und will sie sich nicht vorstellen, dass Frauen die Obsessionen und intimen Interessen ihrer Männer verständnisvoll begleiten können? Mit Siegfried und Winifred Wagner ist ein solches Paar auch in ihrem Buch sehr präsent, ohne dass auf diesen Aspekt eingegangen wird. Kurz und gut. Die Beziehung des jungen Deman zum Prinzen endete „nach vier Monaten etwas abrupt… Vermutlich benötigte er einige Zeit, um den homosexuellen Charakter der Zuneigung zu erkennen, und war dann abgereist“, heißt es. Es kann aber auch ganz anders gewesen sein.

Jede Menge Fakten sind der Autobiographie (eigentlich: Erinnerungsbuch) von Frida Leider, „Das war mein Teil“, entnommen, das 1959 bei Herbig erschien und 1981 bei Henschel in der DDR neu herauskam, wobei Passagen über Verbrechen sowjetischer Besatzungssoldaten gestrichen worden waren. Wer sich mit der Sängerin beschäftigt, kennt diese Memoiren, die ihre schriftstellerischen und inhaltlichen Grenzen haben. Nun hat Eva Rieger versucht, Lücken zu schließen. Den Ort der Kindheit in des Kaisers Hauptstadt kennen wir, sehen die kleine Frida vor uns, wie sie „stundenlang mit den Leierkastenmännern von Hof zu Hof“ lief und „mit anderen Kindern zur Musik“ tanzte, „was die Bewohner animierte, mehr Groschen hinunter zu werfen“. Wo aber hat später die weltberühmte Sängerin residiert? In welcher Straße? Steht das Haus noch? Welche Wege ist sie gegangen? Nannte sie ein eigenes Auto ihr Eigen? Nahm sie die Öffentlichen, wie es im Berliner Jargon hieß?

Mehr Atmosphäre hätte dem Buch gut getan. Und es hätte gereicht, nur einmal auf den gesegneten Appetit safe viagra des Tenorkollegen Lauritz Melchior zu verweisen, der nicht nur dessen Magen, sondern auch Buchseiten füllt. Können keine Gewissheiten herbeigebracht werden, wird vermutet, angenommen und einfach nur geglaubt. Anders ging es wohl nicht. Daraus ist der Schluss zu ziehen, dass die Materiallage die Veröffentlichung dieses Buch letztlich nicht zwingend rechtfertigt. Mir ist Frida Leider in ihrem Zwiespalt nicht näher gekommen. „Viele Familien sorgten sich um das Leben ihrer Angehörigen an der Front, aber auch daheim fiel die Zivilbevölkerung immer mehr den häufigen Bombenangriffen zum Opfer.“ (S. 165) „In der Bevölkerung herrschte Not wegen des Fehlens von Nahrungsmitteln.“ (S. 161). Solche drögen und simplen Sätze wollen auch gelesen werden. Sie sind nicht dazu angetan, das Buch mit Vorfreude auf das nächste Kapitel zur Seite zu legen.

Als Brünnhilde feierte Frida Leider bei den Bayreuther Festspielen ihre größten Erfolge. Das Foto stammt aus dem Sammlung Manskopf der Frankfurter Universität.

Als Brünnhilde feierte Frida Leider bei den Bayreuther Festspielen ihre größten Erfolge. Das Foto stammt aus dem Sammlung Manskopf der Frankfurter Universität.

Angeboten hätte es sich, einen anderen inhaltlichen Ansatz zu wählen und aus den vielen Kritiker-Zitaten einige mit Fotos versehene Rollenporträts zu entwickeln. Und wenn es schon so wenig neues biographisches Material gibt, das den Titel stützt, warum wurden dann nicht ihre Schallplatten vollständig aufgelistet und genauer analysiert? Auch unter kritischen Gesichtspunkten. Sie sind vierzig Jahre nach ihrem Tod der unmittelbarste Zugang zu der Sängerin. Einige Versuche bleiben im Ansatz stecken. Kundrys Szene „Ich sah das Kind an seiner Mutter Brust“ wird mit einer nicht näher bezeichneten Aufnahme von Waltraud Meier unter James Levine verglichen (S. 214). Mit welcher? Es gibt mindesten zehn verschiedene Parsifal-Dokumente der Meier, bei denen sie von Levine begleitet wird (Andreas Ommer, Verzeichnis aller Operngesamtaufnahmen, Zeno.org). Knappe Gegenüberstellungen als Brünnhilde mit den Interpretationen dieser Rolle durch Gwyneth Jones, Martha Mödl und Birgit Nilsson laufen auf die Feststellung hinaus, dass die Stimme der Leider „einen stärkeren stimmlichen Reiz“ hatte (S. 219). Es bleibt unerwähnt, dass die Leider nur einige Szenen einspielte, von den genannten Kolleginnen aber jeweils mehrere Gesamtaufnahmen existieren, die ganz andere Schlüsse zulassen. Aus allen Vergleichen geht die Leider als strahlende Siegerin hervor, so auch mit der Arie „Ozean, du Ungeheuer“ aus Webers Oberon. Die Autorin verweist auf eine Untersuchung von Geoffrey Riggs. „Kirsten Flagstad, Lotte Lehmann, Eileen Farrell und Maria Callas waren gleichwertige Konkurrentinnen“, heißt es darin. Keine aber sei „Leiders Zugang ebenbürtig“ (S. 209). Niemand darf besser als die Leider sein, auch die Callas nicht, weshalb nur solche Musikbeispiele gewählt werden, mit denen diese Linie einigermaßen durchzuhalten ist. Alles andere bleibt diskret im Schrank. Interessanten Selbstauskünfte, die schriftlich und gesprochen vorliegen („Die goldene Stimme“/Electrola und Musikalisches Selbstporträt/NDR), werden nur gestreift, nicht näher betrachtet und auf künstlerische Inhalte abgeklopft. Nicht der Erwähnung wert ist ein vom BR gesendetes Fernsehinterview, also wirklich ein wichtiges Dokument. Es scheint der Autorin auch entgangen zu sein, dass sich aus Bayreuth ein von 1934 stammender Probenausschnitt aus der Götterdämmerung mit Leider als Brünnhilde und Max Lorenz als Siegfried in den rasanten Bühnenbildern von Emil Preetorius erhalten hat. Dabei handelt es sich um eines der ältesten Bayreuther Filmdokumente, dessen historischer Wert nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Eine ausführliche und kritische Analyse der stimmlichen Mittel der Leider findet sich bei Jürgen Kesting/

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„Die großen Sänger“ – da wäre eine intensive Lektüre seitens der Autorin fruchtbringend gewesen.

"Das war mein Teil": Die Erinnerungen von Frida Leider erschienen erstmals 1959 bei Herbig. Sie sind die wichtigste Quelle des neuen Buches.

„Das war mein Teil“: Die Erinnerungen von Frida Leider erschienen erstmals 1959 bei Herbig. Sie sind die wichtigste Quelle des neuen Buches.

Die Fehlerquote ist auffällig hoch für ein Buch mit 234 reinen Textseiten, einschließlich der Fotos. Was falsch ist, dürfte in den wenigsten Fällen der Flüchtigkeit geschuldet sein. Gerhart Hauptmann (S. 128) mit d statt t im Vornamen und Gustaf Gründgens (S. 149) mit v statt f sind kleine Sünden, wie sie in Schulaufsätzen oder Zeitungsberichten zu finden sind. Für ein Buch aus dem Bereich der Oper ist es peinlich, dass der canadian pharmacy Tenor Rudolf Schock im Wildschütz „die Hauptrolle“ gesungen haben soll (S. 187). Er gab in der Berliner Inszenierung der Leider den Baron, eine Rolle von vielen, die nicht einmal eine eigene Arie hat. Die Hauptrolle ist der Schulmeister Baculus, der in der Dämmerung statt eines Rehbocks seinen eigenen Esel geschossen hat. Darum dreht sich die ganze Geschichte. Liest denn da niemand mehr drüber? Ernst Legal, der erste Intendant der Berliner Staatsoper nach Kriegsende, soll von 1928 bis 1931 gemeinsam mit dem Dirigenten Otto Klemperer die Berliner Kroll-Oper geleitet haben (S. 178). In den Annalen des Hauses, das nicht mehr existiert, wird er als einer unter vielen anderen Regisseuren geführt. Martha Mödl wurde 1951 nach Bayreuth eingeladen, um neben der Kundry „kleinere Rollen“ zu singen (S. 199). Ihre Aufgabe neben der Kundry bestand aus der Gutrune, die nicht unbedingt die kleinste Aufgabe ist. Sonst nichts. Die Wannsee-Konferenz 1942 wurde nicht von Adolf Eichmann durchgeführt (S. 163). Leitung und Vorsitz hatte Reinhard Heydrich. Eichmann war einer der Teilnehmer und Protokollführer. Lucius Clay war nicht amerikanischer Stadtkommandant (S. 182). Nach der deutschen Kapitulation wurde er stellvertretender Militärgouverneur in der US-amerikanischen Besatzungszone. Von 1947 bis 1949 war er dann selbst Militärgouverneur in der amerikanischen Zone. Er ist als „Vater der Luftbrücke“ in die Geschichte eingegangen. Der Berliner Admiralspalast an der Friedrichstraße, Ausweichquartier der zerstörten Staatsoper, ist heute mitnichten das Haus der Komischen Oper (S. 176). Vielmehr fand die Komische Oper im ehemaligen Metropoltheater an der Behrenstraße ihre Heimat. Deshalb wurde aus dem Admiralspalast das Metropoltheater.

Überhaupt sind einige historische Hintergründe sehr frei bzw. bruchstückhaft dargestellt und kommen beim Leser als halbe Wahrheit an. „Für Westberliner war nach dem Mauerbau das geliebte alte Opernhaus Unter den Linden gesperrt.“ (S. 204). So unhaltbar und schlimm dieser Zustand auch gewesen ist, er endete spätestens mit der Unterzeichnung des Viermächte-Schlussprotokolls am 3. Juni 1972. Von da an konnten West-Berliner wieder jederzeit nach Ost-Berlin reisen. Von 1963 an war dies nur mit Passierschein möglich. Ob die Leider davon noch Gebrauch machen konnte, scheint fraglich (schließlich gab es Oper im Westen reichlich: erst im Theater des Westens, ab 1961 in der neuerbauten Deutschen Oper an der Bismarckstrasse – enthusiastisch angenommen von den Westberlinern und Besuchern aus aller Welt). Auf halbem Weg stecken bleiben die verbitterten Schilderungen einer Berlinerin, deren Namen nicht genannt wird. Sie hatte in der Nazizeit jüdische Mitbürger versteckt und sah sich 1945 nun in einen Topf geworfen mit Nazis, nur, weil sie Deutschland nicht verlassen hatte. „Warum bestraft man nicht Streicher und Ley? Herrn Ribbentrop und Herrn Himmler? Hitler ist tot. Herr Goebbels hat sich umgebracht. Wie Aale schlüpfen sie den Rächern aus dem Netz. Sollen zu guter Letzt nur die kleinen Fische darin zappeln, um vor dem Welttribunal seziert zu werden?“, heißt es in ihrem zitierten Tagebuch (S. 223). Zwingend hätte wenigstens in den Anmerkungen der Zusatz folgen müssen, dass Julius Streicher und Joachim von Ribbentrop 1946 in Nürnberg hingerichtet wurden, während sich Robert Ley in Nürnberg und Heinrich Himmler in Lüneburg ihrer gerechten Strafe durch Selbstmord entzogen. So entsteht der Eindruck, als hätten die Kriegsverbrecher überlebt.

Dieses CD-Doppelalbum von Naxos enthält die wichtigsten Aufnahmen von Frida Leider in bestmöglicher Tonqualität. Einige Titel werden auch für das Buch herangezogen.

Dieses CD-Doppelalbum von Naxos enthält die wichtigsten Aufnahmen von Frida Leider in bestmöglicher Tonqualität. Einige Titel wurden auch für das Buch herangezogen.

Frida Leider hat Nazideutschland nicht verlassen. Mehrfach kommt die Autorin darauf zu sprechen. Es mangelt nicht an Erklärungsversuchen. Ihr ist das Thema wichtig, es ist das Thema des Buches. Es gab viele Beweggründe für die berühmte Sängerin, nicht in die Emigration gegangen zu sein: ihr Publikum, das sie vergötterte, die Mutter, die unbedingt bleiben wollte, der jüdische Mann, der in der Schweiz fest saß und ihre Unterstützung brauchte, Depressionen und Krankheit, die wohl begründete Furcht vor dem Nachlassen der Stimme, das Vermögen, der Grundbesitz, die Freunde. Die Leider ist mit ihrer Entscheidung nicht allein. Sie teilte sie mit vielen Kolleginnen und Kollegen. Auch wenn sich die Daheimgebliebenen später Vorwürfen ausgesetzt sahen, fünfundsechzig Jahre nach Kriegsende bedarf es dafür keiner Rechtfertigung mehr. Wie an vielen Stellen sehr anschaulich geschildert, verlangte auch das Ausharren in der Heimat Mut und Standhaftigkeit. Es dürfte im Falle der Leider oft genau so unsicher und ungewiss gewesen sein wie Ausreise oder Flucht. Dieser Konflikt ist sehr deutlich und nachvollziehbar herausgearbeitet und gehört zu den Stärken des Buches.

Unglücklich und bemüht wirkt in diesem Zusammenhang allerdings der Hinweis auf die Sängerkollegin Lotte Lehmann (S. 222). Sie sei in dem von Erika und Klaus Mann 1939 publizierten Buch „Escape to Life“ lobend herausgestellt worden, weil sie „den Exilanten die Gewissheit gegeben“ habe, dass der von Deutschland ausgehende Terror nicht „das“ Deutsche schlechthin“ darstellte. Aufgrund ihrer Emigration habe sie als „sauber“ gegolten und „außerhalb von Deutschland das Wahre und Gute der Heimat repräsentieren“ dürfen. Rieger: „Übersehen wird dabei, dass sie Sängerin keineswegs vor den Nationalsozialisten floh, wie sie in ihrer Autobiographie angibt.“ Ihre Motivation sei in „erster Linie Geld“ gewesen usw. usw. Das ist unrichtig: Lotte Lehmann war mit dem jüdischen Bankier Otto Krause-Jakobowitz verheiratet und befand sich in der gleichen Situation wie die Leider. Die Lehmann jedoch zog für sich und ihre Familie ein Leben in den USA aus Gründen des Überlebens vor (vergl. den Bericht der Universität Wien und der Lotte-Lehmann-Akademie sowie im Detail Alan Jefferson „Lotte Lehmann“).

Frida Leider als Brünnhilde und Max Lorenz als Siegfried in der Bayreuther Götterdämmerung von 1934. Der Screenshot stammt aus einem Filmdokument mit Tonspur, das im Buch nicht erwähnt wird.

„Heil, strahlendes Leben!“: Frida Leider als Brünnhilde und Max Lorenz als Siegfried 1943 in der Götterdämmerung bei den Bayreuther Festspielen.
Der Screenshot stammt aus einem historisch einmaligem Filmdokument mit Tonspur, das im Buch nicht erwähnt wird.

Schwer wiegen die als Zitat vorgetragenen Anwürfe gegen den Dirigenten Hans Knappertsbusch, der auch in Deutschland blieb. Es werden Äußerungen des Musikwissenschaftlers Heinrich Strobel bemüht, der als „jüdisch Versippter“ ähnlich wie Leider unter den NS-Schikanen zu leiden gehabt habe (S. 191). In einem Brief an Verwandte seiner Frau, die offenbar in den USA lebten, heißt es 1949: „Das alte Ober-Nazi-Schwein, Herr Prof. Hans Knappertsbusch … wurde von Euch lieben Amerikanern nach US eingeladen, zweifellos, um den größten aller deutschen Meister, Pg. Wagner zu dirigieren.“ Dazu Rieger: „Richard Wagner als Parteigenossen zu deklarieren, zeigt, wie stark die Verwicklung Bayreuths mit der NS-Politik noch in den Köpfen verhaftet war.“ Das ist alles. Mit dem Zitat von Strobel, das im Kontext seiner Zeit zu sehen ist, ignoriert die Autorin alle späteren Erkenntnisse über die Rolle von Knappertsbusch im Dritten Reich. Er bleibt im Buch der, den Strobel in ihm sah. Und das geht so nicht. Nach Angaben des Wiener Historikers Daniel Hauser, der sich mit intensiv mit Knappertsbusch beschäftigt, ist der Dirigent dieser Einladung nicht gefolgt. Er habe selbst während der den Amerikanern verübelten „Entnazifizierung nicht geltend gemacht, dass er Verfolgten geholfen habe“. Dies sei erst nach seinem Ableben herausgekommen. Den Nazis sei er suspekt gewesen. Sie hätten ihn deshalb 1934 als Münchner Opernchef abgesetzt. Hauser zitiert den österreichischen Pianisten Paul Badura-Skoda, der von anonymen „Anzeigen und Denunziationen“ sprach, mit denen Knappertsbusch „als verdächtiger Nazi eingereiht“ worden sei. Eva Rieger hat im Vorwort ihres Buches zu Recht darauf hingewiesen, „dass schlichte Schwarzweiß-Erklärungen nicht genügen, um die Widersprüche und Ambiguitäten der Vergangenheit zu begreifen“. Zumindest im Fall Knappertsbusch ist sie dann doch im strengen Schwarzweiß hängen geblieben (Eva Rieger: Frida Leider – Sängerin im Zwiespalt ihrer Zeit. Mit einem Vorwort von Stephan Mösch. Olms, 2016. 269 Seiten mit 28 Photos. Gebunden, ISBN 978-3-487-08579-1). Rüdiger Winter

 

 

Das gemeinsame Ehrengrab von Frida Leider und Rudolf Deman auf dem Friedhof Heerstraße am Berliner Olympiastadion. Foto: Winter

Das gemeinsame Ehrengrab von Frida Leider und Rudolf Deman auf dem Friedhof Heerstraße am Berliner Olympiastadion. Foto: Winter

Zum Thema: Frida Leider und Hilde Bahl – persönliche Erinnerungen. Das „neue“ Kompendium von Eva Rieger über Frida Leider, das Rüdiger Winter vorstehend bespricht (Himmel, ist das Buch banal!), verärgert durch akute Auslassungen eines ganzen Bereiches im Leben von Frida Leider. Diese betreffen ihre Lebens-Gefährtin Hildegard Bahl, die hier unter die Räder des Nicht-Wahrhabenwollens und Vergessenmachens geraten ist. Sie hat rund 30 Jahre mit der Leider engstens zusammengelebt. Und nicht nur ich vermute eine mehr als freundschaftliche Beziehung, wie sie sich mir bei meinen Besuchen bei Frida Leider und später bei Hilde Bahl in ihrer gemeinsamen Wohnung in der Oldenburgallee im Berliner Westend offenbarte. Andere Zeitzeugen wurden offenbar ebenso wenig gehört: Schüler, Freundinnen, Hochschulkollegen oder besonders Liva Lagger, die Frau des Berliner Bassisten, die mit beiden Frauen eng befreundet war und die die Übersiedlung von Hilde Bahl ins Altersheim, die Beerdigung der Bahl und den ganzen Nachlass regelte. Auch sie hätte erhellende Details zum Leben der Leider und der Bahl beibringen können…. Dies aber war ganz offensichtlich nicht gewollt.

Ich lernte Frida Leider durch gemeinsame Bekannte meiner Gesangslehrerin Elisabeth Grümmer kennen. 1973 war die Leider 85 Jahre geworden, und man nahm mich zu einer Geburtstagsfeier mit, wo ich auch Hilde Bahl traf – eine bezaubernde Frau, die wie eine älter gewordene Lilian Harvey aussah und sich auch so mädchenhaft bewegte –, die jugendlich-helle Stimme wie ein Vögelchen, ganz reizend. Ich wurde auch der Leider vorgestellt und kam mit ihr ins Gespräch, nur kurz, aber da war Sympathie.

Hilde: Der Gedenkstein ist in das Ehrengabe von Frida Leider und Rudolf Deman eingelassen. Foto: Winter

Hilde: Der Gedenkstein ist in das Ehrengrab von Frida Leider und Rudolf Deman eingelassen. Foto: Winter

Sie lud mich ein, ohne den Trubel alleine wieder zu kommen. Was ich tat. Otto Gebühr frappierend ähnlich, öffnete sie mit Stock und Hochfrisur (Musikfans erinnern sich an ihren TV-Auftritt beim Bayerischen Rundfunk mit dunkelbraunem Putz auf dem Haupt) die Tür, sehr herzlich. Es gab Kaffee und Streuselkuchen („Hildchen, die Herren haben sicher Kaffeedurst“, sagte sie mit ihrer dunklen Sprechstimme). Wir saßen in dem kleinen Besuchszimmer vorne links mit den 50er-Jahre-Möbeln um den Couchtisch herum, die Leider mit tragendem, fabelhaft artikulierendem Alt von der Nachkriegszeit und deren Widernissen erzählend (kein gutes Wort über Konkurrentin Tiana Lemnitz, die ihr die Studioklasse abspenstig gemacht hatte), achselzuckend die Fehlschläge von eigenen Regiebemühungen kommentierend, ganz Generelles zum heutigen/damaligen Opernbetrieb (sie neigte zum Generellen, gab aber doch verschlüsselt Details preis). Sie hatte ein paar vielversprechende Schüler gehabt, wollte eine Stiftung für den Nachwuchs einrichten (die es dann ja auch wohl gab/gibt). Ich war beeindruckt von ihrer sehr starken Persönlichkeit, vor allem von der liebevollen und fast etwas amüsierten Nachsicht gegenüber der Bahl. Die zwischen Küche und http://canadianpharmacyonline-rxed.com/ Zimmer hin und her sauste („Hildchen, nun setz dich doch mal hin!“) und diente. Man merkte die gute, liebevolle Beziehung zwischen beiden ganz deutlich. Das war eine gewachsene, enge Freundschaft. Ich schied mit einem Kuchenpaket („Nehmen Sie nur, Sie können´s brauchen!“ sagte Otto Gebühr mütterlich, während die Bahl mit dem Staniol knisterte). „Kommen Sie doch wieder!“

Ein weiterer Besuch verzögerte sich, und dann war die Leider gestorben (1975). Aber Mitte der Achtziger wollte ich einen Artikel über diese große Sängerin schreiben (vielleicht kamen bei Preiser gerade die umgeschnittenen LPs als CDs heraus?), und ich kontaktierte Hilde Bahl. Die sich freute und zumindest so tat, als wenn sie sich an mich erinnerte. Sie lud mich wieder zu sich nach Hause in die Oldenburgallee ein. Die Wohnung war unverändert. Dasselbe kleine Zimmer, dieselben Fünfziger-Möbel. Fast derselbe Streuselkuchen. Nur der Kaffee diesmal dünner … An der Wand hing, glaube ich, schon beim ersten Besuch ein Großfoto von Gundula Janowitz („Eine sehr gute Freundin! Brigitte Fassbaender auch“). Es war nicht schwierig, die Bahl zum Sprechen zu bringen – sie gehörte zwar der diskreten Generation an, aber sie sprach doch über manches Persönliche, das ich hier nicht wiedergeben möchte. Sie sprach über ihr langes Zusammenleben mit der Leider (stets „Frau Professor“ oder „Frau Kammersängerin“), dass sie mit ihr den kranken Deman nach dem Krieg gepflegt hätte, der hinten auf dem Siechbett lag (Hilde Bahl erinnerte sich an die Hühnerbrühe zur Stärkung), während die beiden Frauen vorne wohnten. Wie sie die Leider nach dem Tod der Mutter und später Demans gestützt hatte, auch als die Erfahrungen an der Staatsoper weniger nett wurden und die Opernklasse sowie die Regiearbeiten aufgegeben werden mussten. (Tiana Lemnitz hob wieder einmal ihr Haupt – parallel zur kleinen Vogelstimme der Bahl).

Hilde(gard) Bahl ist gemeinsam mit ihren Eltern und einer Schwester auf dem Friedhof in Berlin-Schmargendorf bestattet. Foto: Winter

Hilde(gard) Bahl ist gemeinsam mit ihren Eltern und einer Schwester auf dem Friedhof in Berlin-Schmargendorf bestattet. Foto: Winter

Hildegard Bahl (1908 – 2013) kam aus gutem Hause. Der Vater Johannes Bahl war Ingenieur mit Professoren-Titel bei Siemens gewesen – wenn ich mich recht erinnere, die Familie lebte eine Zeitlang in Japan, wo Bahl-Vater für Siemens arbeitete. Sie wurde – höhere Tochter, die sie war – als Sekretärin ausgebildet (sie sprach Englisch und Französisch und war stolz auf ihre Steno) und arbeitete in einer Anwaltskanzlei, später als Gesellschafterin bei einer Sängerin (Altistin? ich kann mich nicht genau erinnern), bis sie das Ehepaar Leider-Deman kennenlernte und – ostentativ als Sekretärin – 1948 nach dem Tod der Leider-Mutter deren Gesellschafterin wurde (Ehemann Deman starb erst 1960). „Hausdame“ las ich irgendwo, was absurd ist angesichts der kleinen Wohnung. Sie war die Freundin, gar kein Zweifel. Nach dem Tod der Leider 1975 blieb sie in der gemeinsamen Wohnung und bewahrte sozusagen das Leidersche Erbe. Es gab ja Dokumente, von der Leider gemalte Bilder, manches mehr, das sie mir zeigte und mit dem sie sich verbunden fühlte.

Hilde Bahl, die ich im Ganzen über die Jahre dreimal besuchte und von der es auf der Website der Frida-Leider-Gesellschaft ein schönes Altersfoto gibt, war eine wirklich entzückende alte Dame, deren funkelnde Augen bei schräggelegtem Kopf viel Humor verrieten, die ihrer Generation entsprechend zwar zurückhaltend blieb, aber doch auch über ihre Beziehung zur Leider sprach und durchscheinen ließ, wie eng sie beide verbunden gewesen waren. Da kamen viele Details des gemeinsamen Lebens zur Sprache…

Und sie wies noch beim letzten Besuch auf die liebevolle Betreuung durch Liva Lagger hin, die für sie alles regelte, die Pausin verkauft hatte und die (als spätere Universalerbin nach der Bahl?) das Geld für sie zusammen hielt. Ihr hat sie einen relativ unbeschwerten Lebensabend und die letzten Monate im Altersheim zu verdanken (sie starb 2013 und liegt bei ihrer Familie auf dem Dorffriedhof in Berlin-Schmargendorf, während auf Frida Leiders Efeu-überwachsenem Grab auf dem Friedhof am Olympia-Stadion immer noch der Stein mit dem Namen „Hilde“ die Nähe der beiden auch nach dem Tode dokumentiert). Dass Hilde Bahl und Liva Lagger, die ja im Komplex Frida Leider eine so große Rolle gespielt haben, in Eva Riegers Buch nur einmal vorkommen, ist mir unverständlich. Das hat Hilde Bahl auch nicht verdient. Weshalb es mir ein Bedürfnis ist, ihr hier einen Kranz zu winden. Danke für den Streuselkuchen, liebe Frau Bahl. Ich denke gerne und mit Rührung an Sie zurück. Geerd Heinsen

  1. Ulrich Drüner

    Die auf dieser Webseite geführte Diskussion zum Thema Frida Leider ergibt eine Reihe von interessanten und ergänzenden Gesichtspunkten und ist deshalb zum Teil durchaus bereichernd. Wenn es jedoch um die privatesten Beziehungen des „Helden“ oder der „Heldin“ einer Künstlerbiografie geht, sind manche der hier geäußerten Kritikpunkte irrelevant, weil jeder Rezensent bedenken muss, welche Art biografischen Materials an einen Qualitätsverlag „verkäuflich“ ist oder was schnell dem Rotstift des Verlagslektor zum Opfer fallen wird.
    Die prinzipielle Richtung, an welche Art von Biografie-Verlag sich der Autor wendet, entscheidet darüber, ob er (etwas überspitzt formuliert) auf dem Niveau von Bahnhofsliteratur schreiben wird oder nicht. Dass Eva Rieger ganz nach oben zielt, kennt man aus ihren bisherigen Büchern, und das ist auch ab den ersten Seiten ihres neuesten Buches spürbar.
    Für das Abfassen einer Qualitätsbiografie gibt es gewisse Regeln. Private Beziehungen, auch deren sexuelle Interaktionen, sind unbedingter Teil der Biografie, wenn sich daraus wichtige Informationen oder Voraussetzungen zum Werk und zur Arbeit des Künstlers ergeben. Wenn dies nicht der Fall ist, muss der Biograf nicht alles aufdecken, er hat das Recht, die Intimsphäre der dargestellten Person zu respektieren, weil der Grat zwischen biografischer Genauigkeit und voyeuristischer Kolportage sehr schmal sein kann; der Biograf, der in diesem Grenzgebiet nicht mit großer Sensibilität agiert, riskiert, sein Buch kaputt zu machen. Jeder, der im Bücherschreiben Erfahrung hat, kennt diese Probleme. Wer diese Erfahrung nicht hat, möge sich im Kritisieren angeblicher „Auslassungen“ und „Lücken“ mäßigen und sich genau fragen, was Qualitätsverlage akzeptieren würden und was nicht.
    Die Art der Kritikasterei an Eva Riegers Buch in diesem Blog ist völlig überzogen,während das Wesentliche, die enorme politisch-historische Expertise Eva Riegers im Umgang mit ihrem Material kaum zur Sprache kommt.

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    1. Geerd Heinsen Artikelautor

      jaja die alte feindschaft der autoren (wie sie, verehrter herr drüner) gegen die kritiker: „schreiben sie doch selbst ein buch!.“ als chefredakteur von operalounge.de (und selber ebenfalls autor) muss ich doch sagen: wer ein lebensbild beschreiben will muss eben auch die privaten umstände beschreiben. wer nur das Werk analysieren will, muss entscheiden wieweit private (i.e. auch sexuelle) präferenzen wichtig sind. das ist zb. für thomas mann wichtig. wenn man nur eine analyse der stimme machen will sind private strukturen sicher weniger von belang (maria callas zum beispiel). das neue buch zur leider will ja deren leben im detail ausbreiten. die intimshpäre (was für ein wort) ist öffentlich, wenn man ein leben in seinen umständen öffentlich machen möchte. da kann man eben nicht wesentliche personen, die 30 jahre das leben der geschilderten geteilt haben und ein teil dieses lebens geworden sind, unterschlagen.
      sie schreiben: „Jeder, der im Bücherschreiben Erfahrung hat, kennt diese Probleme. Wer diese Erfahrung nicht hat, möge sich im Kritisieren angeblicher “Auslassungen” und “Lücken” mäßigen und sich genau fragen, was Qualitätsverlage akzeptieren würden und was nicht.“
      das ist schulmeisterlich und anmaßend, verzeihung. nur wer selber keine eier legt, weiss doch ob eier gut oder faul sind. und wer ein buch zur beurteilung freigibt muss eben auch gewärtig sein, beurteilt zu werden. das ist wirklich die übliche kritikerschelte…
      gh

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    2. Kevin Clarke

      Was bitte schön heißt denn hier „Qualitätsverlag“? Gehört die sachliche Diskussion über mögliche homosexuelle Aspekte eines Künstler_innenlebens nicht in einem Qualitätsverlag? Ist man beim Anschneiden dieses Themas sofort auf „Bahnhofsbuchhandlung“-Niveau abgerutscht, auf die dortige Schmuddelecke, zwischen St. Pauli Nachrichten und dergleichen mehr? Ich hätte erwartet, dass wir da – grundsätzlich – 2016 weiter sind. Gesellschaftlich gesprochen und publizistisch gesprochen. Aber auch musik-/wissenschaftlich gesprochen.

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      1. Ulrich Drüner

        Lieber Herr Clarke, selbstverständlich gehören homosexuelle Aspekte in jede Diskussion. Was ich kritisierte ist, dass im Umkreis von Frida Leider in der auf OperaLounge geführten Diskussion mit zu vielen Hypothesen argumentiert wird. Dass eine Hausdame dies oder jenes erzählt, ist für einen Historiker etwas mager, die Dame kann sich täuschen, kann falsch interpretieren, kann sich nachträglich aufspielen. Für den Historiker müssen zumindest Parallelzeugnisse her, die nicht posthum sind, sondern aus Leiders Lebzeiten stammen. Alles andere hat keine Überzeugungskraft. Es werden aber sicher irgendwann neue Dokumente von Frida Leiders eigener Hand auftauchen, die Klarheit bringen. Dann allerdings wird das Thema hochgradig spannend sein. Vorher nicht.

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        1. Geerd Heinsen Artikelautor

          also an der lauterkeit von frau bahl möchte ich gar nicht zweifeln, SIE haben sie ja nicht gekannt, frau rieger auch nicht, ich hingegen schon. frau rieger ist der spur nicht nachgegangen, weil sie das für absurd hielt und sich den gedanken daran verbat. das nenne ich voreingenommenheit, die nichts mit forschung zu tun hat. eben frei von vorurteilen zu sein (was nicht sein darf, das nicht sein kann) ist ja genau der vorwurf. und wer 30 jahre miteinander gelebt hat spielt sich nicht auf. und irrt sich auch nicht – warum sollte sie? um sich wichtig zu machen? sie haben frau bahl nicht gekannt. g. h.

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          1. Kevin Clarke

            Die Diskussion um Hausdamen, die etwas zu erzählen hätten, aber deren Aussagen für den_die Historiker_in „zu mager“ sind, erinnert mich an Alan Hollighursts jüngsten Roman „The Stranger’s Child“ wo es auch darum geht, dass Generationen von Forschern versuchen, ein Künstlerleben zu rekonstruieren, mit allem möglichen Deutungen aufwarten – und sich dann am Schluss herausstellt, dass der von allen übersehene Hausjunge derjenige war, um den es eigentlich geht und der alles wusste. Was bei Hollinghurst nach 560+ Seiten eine amüsante Schlusspointe ist. Mal sehen, ob es bei Leider irgendwann auch solch eine Pointe geben wird, die Klarheit in die sache bringt. Ansonsten möchte ich verweisen auf das Buch „Stagung Desigre: Queer Readings of American Theater History“, wo die Herausgeber darauf eingehen, wie wichtig es bei LGBT-Biografien ist, „Klatsch“ („gossip“) ernst zu nehmen, weil gerade in Zeiten, wo Homosexualität kriminalisiert oder gesellschaftlich nicht akzeptiert war, Menschen gezwungen waren, diese zu verheimlichen und zu überspielen. Man kann da als Historiker_in kaum mit den üblichen Quellen operieren, sondern muss gewillt sein zwischen den Zeilen zu lesen und zu spekulieren. Dabei kann man selbstverständnlich auch zu dem Schluss kommen, dass Gerüchte sich nicht belegen lassen und dass man deshalb vorsichtig mit solchen Behauptungen umgehen sollte. Wenn es – wie bei Leider – solche Gerüchte gibt und die homoerotische Affäre des Ehemanns in jungen Jahren auch angesprochen wird, dann hätte eine Diskussion der entsprechenden Auswirkungen aufs Künstlerleben der beiden sicher nicht geschadet, es hätte der Qualität des Buches auch nicht geschadet. Aber: Frau Rieger hat sich für einen anderen Weg entschieden, und das ist zu respektieren. (Man kann es auch kritisieren.) Und darauf hoffen, dass Frau Riegers Buch eine_n andere_n Autor_in inspiriert, sich des Themas irgendwann noch einmal neu anzunehmen. Wie das Beispiel Thomas Mann gezeigt hat: solche ständige neue Befragung von Leben und Werk kann sehr aufschlussreich sein und dazu führen, einen Künstler immer wieder neu zu entdecken, für eine neue Generation von Fans. (Und das hat Frida Leider sicher verdient, egal ob die homosexuell veranlagt war oder nicht.)

  2. Eva Rieger

    Kurz einige Korrekturen zu der Rezension, damit die falschen Darstellungen nicht von anderen ungeprüft übernommen werden:

    a) Angabe zu einer Discographie steht in der Literaturliste. b) Ich habe die Zeitzeugin Ingeborg Leuthold mehrfach getroffen, sie war ab 1955 mit FL befreundet. Sie hat teilwerise in der Wohnung von FL übernachtet und stellt die Annahmen bzw. Wunschbilder des Rezensenten als unsinnig hin. c) Der Rezensent hat die Konzeption des Buches nicht verstanden, im Gegenteil, er versucht, seine eigene Konzeption darüberzustülpen. Das ist der größte Fehler, den man bei einer Rezension machen kann. Das Buch handelt mehrheitlich von dem Verhältnis zwischen Bayreuth als Aushängeschild der NS-Zeit und Frida Leiders Problemen. d) Zu Lotte Lehmann: Der Rezensent kennt das Buch von Kater nicht. Er weist nach, dass sie noch bis 1941 (!) eine Pension von der Wiener Oper in die USA überwiesen bekam. d) Zu Knappertsbusch: hätte der Rezensent das Buch sorgfältig gelesen, hätte er auf S. 117 das Gegenteil von dem, was er schreibt, entdeckt. Es wäre noch mehr zu monieren, aber ich belasse es dabei. Fehler, die mir unterlaufen sind, bedaure ich, sie werden in einer möglichen 2. Auflage korrigiert.

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    1. redaktion@operalounge.de

      Sehr geehrte Frau Rieger,
      Ihre Anmerkungen kann ich insofern sehr gut verstehen, als Sie sich wehren müssen gegen eine Rezension, mit der Sie nicht einverstanden sind. Dennoch danke ich Ihnen dafür. Wenn die Redaktion Ihnen nun sogar Platz einräumt, um andere Rezensenten vor uns zu warnen, nehmen Sie dies bitte als Ausdruck von Großzügigkeit und Toleranz. Üblich ist das nicht. Wir aber wollen – wie es unserem Motto entspricht – eben etwas anders sein. In der Tat führen Sie in der Literaturliste eine Diskographie auf, die von 1995 stammt und in einigen Punkten überholt ist. Ich kenne sie und hätte mir eine aktuelle Übersicht mit kritischen Kommentaren in Ihrem Buch gewünscht. Wer kennt schon noch das alte Heft, das keine ISBN-Nummer hat und nur privat zu beziehen war?
      Es freut mich, dass Sie diese ausführlichen Gespräche mit der Malerin Ingeborg Leuthold, deren Werke ich auch sehr schätze, führen konnten. Es ehrt mich, dass Sie nun nochmals mit der hoch betagten Künstlerin über die „Wunschbilder“ in meiner Rezension gesprochen haben, die diese als „unsinnig“ hinstellt. Damit kann ich leben.
      Dass nun Ihr Buch „mehrheitlich von dem Verhältnis zwischen Bayreuth als Aushängeschild der NS-Zeit und Frida Leiders Problemen“ handelt, ist mir in der Tat so nicht aufgegangen. Dagegen sprechen die vielen anderen Schauplätze. Ich habe die betreffenden Zeilen nicht gezählt.
      Nichts lag mir ferner, als Ihrem Buch meine eigene Konzeption überzustülpen. Das ist nun wirklich zuviel der Ehre. Ich bin Journalist und kein Buchautor.
      Zu Lotte Lehmann können wir uns nicht einigen. Ihr Hinweis auf die Pension, die diese aufrechte Künstlerin empfing, genügt mir nicht als Argument gegen sie.
      Was nun Knappertsbusch angeht, habe ich die Bemerkungen auf Seite 117, die allerdings mit einem „angeblich“ versehen war, gelesen. Gut siebzig Seiten weiter aber wird aus dem Dirigenten – wenn auch im Zitat – unwidersprochen „das alte Ober-Nazi-Schwein“. Das geht so nicht.
      Sie unterstellen mir, dass ich Ihr Buch nicht sorgfältig gelesen habe. Mein Problem ist, dass ich es offenkundig zu sorgfältig gelesen habe, sonst wäre mir das, was ich einzuwenden hatte, womöglich nicht so deutlich geworden. Dabei habe ich nicht einmal alles angemerkt, was anzumerken gewesen wäre.
      Sie sehen, ich bevorzuge eine Debatte in der Öffentlichkeit.
      Es grüßt Sie hochachtungsvoll Rüdiger Winter

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  3. Kevin Clarke

    Danke für diese faszinierenden Betrachtungen zum neuen Buch über Frida Leider. Es ist bekanntlich immer schwer, das Privat- und Intimleben von Menschen zu rekonstruieren, besonders, wenn man sie nicht selbst gut gekannt hat oder wenn sie nicht selbst entsprechende Zeugnisse hinterlassen haben (Briefe, Tagebücher etc.) Die enge Frauenfreundschaft zwischen der Künstlerin und ihrer Hausdame Hilde, der Ex-Ehemann mit homoerotischen Erfahrungen: all das wären Gründe gewesen zu fragen, ob es hinter der „offiziellen“ Geschichte, wie sie auch wegen gesellschaftlicher Konventionen in den 20er bis 60er Jahren gelebt werden musste, eine andere Geschichte exisitert haben könnte. Und wenn man das fragt, wäre zu klären, wie solch eine andere „unsichtbare“ Geschichte ausgesehen haben mag, warum sie unsichtbar bleiben musste und ob es vergleichbare Beispiele gibt (etwa Claire Waldoff….). Kaum jemand ist „eindeutig“ heterosexuell, und gerade das große Spektrum der alternativen Möglichkeiten – für die ja alle Stichpunkte geliefert werden, wie es scheint – hätte mich als heutiger Leser in einer freieren Gesellschaft extrem interessiert. Man kann fragen: Ist die Homo/Hetero/Bi-Zuordnung überhaupt wichtig? Für die Beurteilung des künstlerischen Rangs von Frida Leider sicherlich nicht. Fürs Verständnis ihres Privatlebens allerdings schon. Wie sehr richtig bemerkt wird mit Bezug auf die NS-Zeit: es gibt keine klare Schwarzweißeinteilung. Das gilt sicher auch fürs Leben jenseits des Rampenlichts, wenn man es denn thematisieren will. Ich hoffe sehr, dass Geerd Heinsen die Details, die er von Hilde Bahl vor ihrem Tod zu hören bekam, noch zu Papier bringt. Nicht weil ich versessen wäre auf Indiskretionen, sondern damit diese Punkte für die Nachwelt nicht verloren gehen und damit irgendwann jemand anderes ein neue Leider-Biografie schreiben kann, wo all das mitbehandelt wird.

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  4. H. Hanff

    Habe Ihren Beitrag interessiert gelesen;leider vermisse ich einen knappen Überblick über den Aufbau und die Vorgehensweise des Buches, wie ich ihn von einer Rezension erwarte. Zu jedem Thema und zu jeder Person gibt es immer wieder Spezialisten, die zu Einzelaspekten mehr wissen; aber das kann unmöglich in einer Biographie dargestellt werden, deren Umfang von vorneherein auf eine bestimmte Seitenzahl reduziert werden muß.
    Was mir allerdings bei Ihrer Besprechung auffiel: Immer wieder mahnen Sie Fehler und schlechtes Lektorat an, dabei schreiben Sie z.B. schon direkt zu Beginn Ihres Artikel, daß die Leider 1974 verstorben sei, obwohl sie 1975 verstarb, und „von Ribbentrob“ schreibt sich mit „p“. Das sind nur einige Beispiele von mehreren, die ich nicht weiter aufzählen möchte.

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    1. redaktion@operalounge.de

      Sehr geehrte Frau Hanff, ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie in meinem Text die um eine Stelle verrutschte Jahreszahl und den falschen Buchstaben herausgefunden haben. Solche Fehler dürfen nicht unterlauten, nicht in einer Rezension und nicht in einem Buch. Im Gegensatz zu Druckerzeugnissen haben Onlineangebote aber den Vorteil, dass Korrekturen sofort angebracht werden können. Wenn Ihnen weitere Ungereimtheiten aufgefallen sein sollten, müssten Sie diese schon konkret benennen. Mit allgemeinen Hinweisen kann ich nichts anfangen. Die von Ihnen vermisste strenge Struktur einer Rezension, wie ich sie vor vielen Jahren im Studium gelernt habe, finde ich persönlich langweilig. Meinen Beitrag verstehe ich als eine feuilletonistische Betrachtung nach der Lektüre eines Buches. Mehr nicht. Operalounge will eben ein etwas anders Opernmagazin sein. Mit freundlichen Grüßen Rüdiger Winter

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  5. Eva Rieger

    Der Rezensent hat einiges völlig zu Recht moniert, aber auch einige Punkte erwähnt, bei denen er selber im Irrtum ist. Gerne würde ich mit ihm Kontakt aufnehmen, wenn ich die e-mail Adresse erhalten könnte.

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    1. Geerd Heinsen Artikelautor

      Eine private Kontaktaufnahme halte ich nicht für sinnvoll: Rüdiger Winters Artikel ist ja ebenso öffentlich zugänglich wie das neue Buch über Frida Leider, und eine Auseinandersetzung darüber sollte dann auch öffentlich stattfinden – in Form von Leserzuschriten, nicht bei Kaffee und Kuchen…

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  6. Eva Rieger

    Zur Lerserzuschrift von Kevin Clarke: Ich kann das selber beantworten – Frida Leider war mit Rudolf Deman, dem 1. Konzertmeister des Opernorchesters Unter den Linden in Berlin, verheiratet. Er musste als Jude 1938 Deutschland verlassen und blieb als „Tourist“ in der Schweiz, weil er nicht als Emigrant erkannt werden wollte (denen ging es in der Schweiz nicht gut). 1943 liess sich das Ehepaar in aller Stille scheiden, weil die Repressionen für Frida Leider als „jüdisch Versippte“ zu stark wurden, man heiratete nach dem Krieg nicht wieder, um die Scheidung nicht öffentlich zu machen. Sie war eindeutig heterosexuell und so viel ich erkennen kann, auch treu.

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  7. Kevin

    Diese Zuschrift betraf die Vorab-Ankündigung des Rieger-Buches über Frida Leider: Es freut mich sehr zu hören, dass gerade Eva Rieger diese Biografie verfasst hat, mit der ich erst kürzlich bei der Tagung Homosexualität und Musik in Bremen zusammentraf. Daher frage ich mich, ob in ihrer neuen Arbeit auch auf Leiders Beziehungen und/oder sexuelle Orientierung eingegangen wird – und deren Auswirkungen auf ihr Leben und ihre Karriere? (Eventuell auch vorm Hintergrund der NS-Politik?)

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