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Im Interview mit Beat Schmid spricht die Sopranistin unter anderem über die Entwicklung ihrer Stimme, über seelische Abgründe von Strauss-Partien und über ihre „Ausnahmekarriere“. Hier das Resümée seiner Begegnung mit der Sängerin, wobei ganz ohne Zweifel klar wird, dass Beat Schmid ein Bewunderer der Sängerin ist. Und das soll ja auch so sein.
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Ricarda Merbeth: Salome/ Teatro di Napoli 03_2025 @ David Serra
Beat Schmid: Wer Wagner und Strauss auf den großen Opernbühnen der Welt erleben will, kommt an ihrem Namen nicht vorbei. Seit Jahren fasziniert die Sopranistin Ricarda Merbeth durch vokale Strahlkraft und darstellerische Tiefe. Doch hinter dieser beispiellosen Karriere – mittlerweile im hochdramatischen Fach – steckt eine organische, behutsame Entwicklung.
Wenn man den künstlerischen Weg von Ricarda Merbeth über die Jahrzehnte hinweg betrachtet, zieht sich ein roter Faden durch ihre Vita: In einer Branche, die oft nach schnellen Sensationen verlangt und junge Stimmen zu früh im schweren Fach verschleißt, ist ihr Repertoire organisch und gesund gewachsen. Von Mozart führte ihr Weg über Elsa bis hin zu Isolde, Brünnhilde und Elektra.
„Ich bin sehr dankbar, dass ich über die vergangenen Jahre sagen darf, dass ich meine Partien alle zur rechten Zeit auf der Karriereleiter erklimmen durfte. Es war keine bewusste Entscheidung meinerseits – ich habe im Laufe der Jahre Operndirektoren, Dirigenten und einflussreiche Persönlichkeiten treffen dürfen, die an mich glaubten und mir diese Partien anvertrauten.“
Das Fundament dieser langen Karriere bildet dabei Mozart, dessen Partien Ricarda Merbeth am Anfang ihrer Karriere oft gesungen hat – darunter die Donna Anna, Pamina, die Contessa und Fiordiligi. Eine Basis, die sie bis heute wie einen kostbaren Schatz hütet. Dieses schlanke Singen und der absolut ehrliche Ausdruck seien eine essenzielle Grundlage gewesen, um später Schritt für Schritt in das jugendlich-dramatische und schließlich ins hochdramatische Fach hineinzuwachsen.

Ricarda Merbeth: Elsa/“Lohengrin“/ Bologna, Ortrud @Andrea-Ranzi
Von Chrysothemis zu Elektra: Wie fruchtbar dieses Mozart-Fundament selbst in den gewaltigsten Partien der Opernliteratur ist, zeigt sich in ihrer Interpretation der Elektra von Richard Strauss, die sie im November wieder an der Deutschen Oper Berlin verkörpert. Die Titelpartie erarbeitete sie sich erstmals 2018 für die Mailänder Scala. Zuvor hatte sie über viele Jahre hinweg Elektras Schwester Chrysothemis gesungen. Der Perspektivwechsel innerhalb desselben Werkes offenbarte unerwartete Herausforderungen.
Die Musik der Chrysothemis war nach all den Jahren fest in ihrem Gehör verankert. Die größte Hürde beim Rollenwechsel bestand daher darin, diese vertrauten Klangstrukturen buchstäblich zu verlernen, um Platz für die neue Figur zu schaffen. „Aus dem Ohr hinaustrainieren“, nennt Ricarda Merbeth diesen Prozess, um den Fokus vollkommen auf Elektra zu richten. Doch das Studium der Elektra barg auch Entdeckungen, die direkt auf ihre Anfänge zurückwiesen.
„Überrascht hat mich, wie ich in der Orest-Szene meinen über viele Jahre gelernten und geübten schlanken Sitz der Mozart-Partien anwenden durfte, wie etwa als Donna Anna. Wenn Elektra Orest wieder begegnet, ist sie zwar von ihrem Hass und vom Warten müde, aber der glücklichste Mensch auf Erden.“
Es sind auch diese feinen Nuancen, die Merbeths Interpretationen so packend machen. Trotz des monumentalen Orchesterapparates von Richard Strauss verliert sie nie den Blick für intime, fast schon kammermusikalische Momente. Vor dem Werk des Komponisten empfindet sie heute mehr denn je eine tiefe Ehrfurcht. Strauss ist für sie ein Schöpfer unendlicher Farben – ein Meister, in dessen Partituren jeder psychologische Zustand, jede seelische Erschütterung bereits präzise in den Noten angelegt ist.

Ricarda Merbeth: Isolde/“Tristan und Isolde“/Valencia @Miguel Lorenzo-Mikel Ponce-Les Arts
Die Faszination des Fremden: Ähnlich wie in Strauss’ „Elektra“ vollzog Merbeth auch in Wagners „Lohengrin“ einen bemerkenswerten Perspektivenwechsel: vom unschuldigen Opfer Elsa zur manipulativen Ortrud, die sie im Dezember in Valencia singen wird. Gegensätze dieser Art ziehen die Sopranistin magisch an. Auf die Frage, ob es ihr mehr Freude bereite, Figuren zu spielen, die ihr wesensverwandt sind oder solche, die weit abseits ihrer eigenen Persönlichkeit liegen, antwortet sie ohne Zögern: Je weiter weg, desto reizvoller.
Dennoch ist Ricarda Merbeth davon überzeugt, dass auch in den extremsten Antagonistinnen Menschlichkeit liegt: In Elsa stecke immer auch ein bisschen Ortrud, und in Ortrud zweifellos ein Stück Elsa.
Diese psychologische Neugier treibt sie auch zu neuen Rollen, wie im September in Toulouse, wo sie erstmals als Fremde Fürstin in Dvořáks „Rusalka“ auf der Bühne stehen wird. Eine Figur, deren Kälte und Grausamkeit im krassen Gegensatz zu Merbeths privatem Naturell stehen:

Ricarda Merbeth: Brünnhilde/“Die Walküre“/Semperoper Dresden Februar 2023, @Ludwig
„Die Fremde Fürstin ist auch so eine Persönlichkeit, die weit weg ist von mir in der Art und Weise, wie sie mit Rusalka umgeht. Ich als Ricarda hätte Rusalka natürlich viel Glück gewünscht und fertig. Die Fremde Fürstin aber provoziert bösartig Rusalka – und das reizt mich sogar. Solche Figuren haben auf der Bühne eine besondere Energie. Gerade weil diese Figur so anders ist als ich, ist sie für mich spannend.“
Vorsicht ist keine Option: Auf die Frage, ob sie nach so vielen Jahren Weltkarriere vorsichtiger oder mutiger geworden sei, antwortet sie entschieden: „Mutiger“, und fügt hinzu: „Vorsichtig ist nicht so mein Ding. Dafür habe ich von Natur aus zu viel Energie.“
Ihr handwerkliches Fundament hat sich dabei über fast vierzig Jahre hinweg kaum verändert. Wenn sie eine neue Partie lernt, bleibt sie ihren festen Ritualen treu: Zuerst legt sie sich die Harmonien am Klavier zurecht, erarbeitet sich dann den Text und dessen tiefere Bedeutung, liest intensiv über die historischen Hintergründe und vereint all das schließlich im stetigen Üben. Was sich jedoch verändert hat, ist das gewachsene Bewusstsein. Die Summe der Erfahrungen auf der Bühne, im Konzertsaal und im menschlichen Umgang mit Kollegen sowie dem eigenen Ich fließt heute direkt in ihre Kunst ein.
Neben ihren Paraderollen als Brünnhilde, Isolde, Elektra oder der Färberin zieht es sie auch weiterhin zum Konzertrepertoire. Ob Strauss’ „Vier letzte Lieder“ – für sie „der Weg des Lebens bis zum Tod“ – oder die hochintensiven Brentano-Lieder (wie das virtuose „Amor“ oder das monumentale „Lied der Frauen“): Das Lied bietet ihr eine Ausdrucksstärke, die in ihrer Intensität ganzen Opernpartien gleicht. Ein großer Wunsch bleibt zudem offen: das Verdi-Requiem einmal im Konzert zu singen.

Ricarda Merbeth: Elektra/ Berliner Philharmoniker, Kirill Petrenko @Bettina Stoess
Worte für junge Kolleginnen: Jungen Sängerinnen und Sängern, die am Anfang ihres Weges stehen, gibt Merbeth ein weises Credo mit auf den Weg. Sie wünscht ihnen Geduld und Mut – und zwar „ganz viel davon“. Doch das allein reicht nicht aus.
„Singen ist ein lebenslanges Suchen, immer mit Hoffnung auf Perfektion. Man darf nie denken, man sei mit einer Rolle fertig. Und man muss gut auf sich achten, weil man als Sänger in einer Balance bleiben muss – seelisch, körperlich und natürlich stimmlich.“
Aus dem großen Geschenk der eigenen Stimme das Beste zu machen, bedeutet für Ricarda Merbeth auch eine mentale Disziplin: keine negativen Gedanken zuzulassen und mit unbändiger, positiver Energie nach vorne zu blicken. Eine Lebenseinstellung, die ihr Publikum auch in den kommenden Spielzeiten mit Sicherheit noch in ihren Bann ziehen wird. Beat Schmid
