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Kaum ist Montenegro seit einigen Jahren als Reiseland begehrt, erscheinen auf wundersame Weise montenegrinische Opern auf der Musikbühne. Vor zwei Jahren La montagne noire der Augusta Holmés, deren Pariser Grand Opera von 1895 in Dortmund wiederentdeckt wurde und inzwischen auch eine Wiederaufführung in Frankreich erlebte.
In diesem Februar kam es in Mailands Teatro Dal Verme zu der von Decca (1 CD 576 7566) eingespielten Uraufführung von Umberto Giordanos Marina, wozu eigens der Chor des Teatro Petruzzelli von Bari die weite Reise von Apulien in den Norden unternommen hatte. Das Hausorchester Orchestra I Pomeriggi Musicale di Milano hatte keinen so weiten Weg.
Mit der zu seinen Lebzeiten nie aufgeführten Oper nahm Giordano 1888 an Sonzognos Wettbewerb für Operneinakter teil, ohne eine wertschätzende Erwähnung zu erhalten. Immerhin nahm ihn der Verleger dennoch unter Vertrag. Giordanos folgende Oper Mala Vita wurde ein Erfolg. Von der Wettbewerbsoper hatten sich allerdings alle Spuren verloren. Erst der Musikwissenschaftler Andreas Gies stieß vor vier Jahren in der Koch Collection der Beinecke Library in Yale auf das Autograf und verfertigte die Critical Edition. Es gibt, das soll nicht unerwähnt bleiben, einige wenige originäre Opern Montenegros, darunter Die balkanische Kaiserin des Verdi- und Puccini-Zeitgenossen mit dem schönen Namen Dionisio De Sarno San Giorgio.

Umberto Giordanos Oper „Marina“: konzertante Uraufführung in Mailand 2026/ Eleonora Buratto und Freddi Di Tommaso/youtube
Marina ist eine hübsche Fingerübung des 21jährigen Giordano, der die Schablonen der Oper kennt und geschmackvoll ausprobiert. Die Oper für die Enrico Gorlischi, der vor allem durch zwei Libretti für Wolf-Ferrari bekannt geblieben ist, den Text geschrieben hat, ist wie Cavalleria rusticana durch ein Intermezzo in zwei Teile gegliedert. Marina beginnt mit einer stürmischen Bläserintroduktion, die in einen Chor hinter Bühne mündet, der die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Serben schildert, und packt in die 50 Minuten Spielzeit ungemein viele Nummern. Die beiden Szenen/ Duette der Marina mit dem serbischen Soldaten Giorgio stehen im Mittelpunkt. Marina verliebt sich in den verwundeten Soldaten, dann kommen ihr Bruder Daniele und der Heiratskandidat Lambro hinzu, der den Mann tötete, der für den Tod von Danieles und Marinas Vater verantwortlich ist. Es stellt sich heraus, dass Giorgio der Sohn jenes Mannes ist. Die Blutrache fordert ihren Tribut. Giorgio droht die Hinrichtung. Marina gesteht Giorgio ihre Liebe und verhilft ihm zur Flucht. Bei der Flucht wird er erschossen. Der eifersüchtige Lambro tötet die Verräterin Marina.
Der Konflikt in der zwischen Montenegrinern und Serben spielende Oper besteht in der Zuneigung der Montenegrinerin Marina zum verwundeten serbischen Soldaten Giorgio, dem sie zur Freiheit verhilft und dadurch ihre Heimat verrät. Das ist raffiniert und farbenreich orchestriert, die Ensembleszene am Ende des ersten Aktes lässt den Dramatiker des Andrea Chenier erkennen. Doch alles in allem lodert in Marina das veristische Feuer noch verhalten. Und manches wirkt doch etwas artig aneinandergereiht.
Eleonora Buratto, die für Sonya Yoncheva eingesprungen war, ist eine damenhafte Marina mit einem ausgesprochen schönen Timbre, edel in der Höhe, leuchtstark in den betörend gesponnenen Kantilenen. Freddie de Tommaso ein oft veristisch draufhauender, phlegmatischer Giorgio mit anämischen Piani, der Rumäne Mihai Damian als Lambro, bei dessen Canzona montenegrina man ein bisschen an Alfio denken könnte, und der Brite Nicolas Mogg als Daniele vervollständigen das Solistenquartett. Der Chor aus Bari weiß, was er dem Reißer schuldig ist, das Orchester unter Vincenzo Milletari verschwendet sich. Rolf Fath
