Sie wäre neunzig geworden…

 

Maria Callas wäre am 2. Dezember 2013 neunzig Jahre alt geworden. Sie gilt als die ‚Primadonna assoluta‘ des 20. Jahrhunderts; am 16. September 1977 verstarb die Operndiva einsam in ihrem Pariser Appartement.

Das sind die Eckdaten eines allzu öffentlichen Lebens, über das absolut alles gesagt worden ist, das zum Hauhaltswort jedes Opernbegeisterten und vieler anderer geworden ist, die über ihre Gewichtsprobleme, ihre Liebessehnsucht, ihr Lebensunglück, ihre Karriere und ihre Familienverhältnisse mehr wissen als über ihre Kunst. Und ganz ehrlich – es ist die Kunst dieser großen Interpretin, dieser ersten Sängerin der Moderne im 20. Jahrhundert, die noch heute zu uns spricht. Mir ist es egal, ob sie mit Onassis schlief und mit Meneghini nicht, ob sie ein uneheliches Kind oder eine Abtreibung hatte, ob sie gemein zu ihrer Mutter war oder umgekehrt unter dieser litt, ob sie Skandale provozierte (sie war wie alle kreativen Menschen hoch sensibel und eben hochempfindlich, aber unendlich zuverlässig). All das hat nur sekundär etwas mit der einmaligen interpretatorischen und instinktiven Kraft zu tun, die man noch heute in ihren Dokumenten hört. Denn eben diese sind es – ausgekocht, zu häufig durch Computer  geschickt, überkommerzialisiert und allgegenwärtig bis zum Erbrechen ob in Schnipseln, Auszügen, Gesamtaufnahmen mit und ohne Rauschen -, die uns als Zeugnis dieser fast seherischen Kraft überliefert sind. Alles andere ist Projektion, Ausbeutung, Willkür. Ist zu oft Material für jene, die kaum etwas mit Musik und Kunst zu tun haben. Wie sagte eine berühmte Kollegin so richtig (in unserem Interview): “ Ich fülle das leere Leben vieler Fans!“ und da hatte sie wirklich recht. Und was die Einschätzung des Callas-Mentors betrifft: Tullio Serafin hielt die Ponselle für die größte Sängerin seines Jahrhunderts, nicht M. C.. Dennoch hat kaum keine in ihrer Generation so sehr das Repertoire geöffnet wie sie, neue Opernpartien einstudiert und ein ganzes Segment des Vergessenen ans Licht gehoben.

EMI-Promotionfoto/EMI

EMI-Promotionfoto, wie auch oben/EMI

Und auch das ist ein Aspekt meiner Callas-Rezeption: Ich höre sie mir heute kaum noch an. Ich hatte meine Callas-Total-Phase von mehr als 40 Jahren, als ich mich ihr Tag und Nacht auslieferte (diese wunderbaren Livemitschnitte aus den USA, als die LPs noch 25.- DM kosteten und ich mir als armer Student das Geld dafür vom Essen absparte), ihre Stimme so verinnerlichte, ihre Interpretation mich so beherrschte, dass ich sie heute kaum noch auflege, selten ans Regal gehe, um ihre CDs herauszuholen. Ich hab sie einfach in mir, in meinem Kopf und meinem Ohr, ich kenne fast jede Phrase. Und ich habe kürzlich vieles an (für mich) Lässlichem, Entbehrlichem wieder fortgegeben, vor allem die späten Aufnahmen aus London und Paris, die für mich nicht so gültigen Mementi live in Athen/Stuttgart/Hamburg/Berlin usw., in Amerika, die Tourneen, auch die ganz frühen Dokumente in Mexico oder Buenos Aires, ihre Duette mit Pudel oder ihre beklagenswerten Auftritte am Juilliard College, wo sie ihre brüchige Stimme noch einmal vorführt und zeigt, wie gering ihre pädagogische Begabung und ihr Selbstbewusstsein waren.

EMI-Promotionfoto/EMI

EMI-Promotionfoto/EMI

Mich interessieren ihre Dokumente als Widerhall ihrer Kunst und ihres Willens zum individuellen Ausdruck. Und die teilen sich in drei Gruppen – in die frühen, kraftvollen von 1949 bis ca. 1955, in die passablen, erträglichen und immer noch überraschenden bis 1957 und in die unerträglichen, bemitleidenswerten, tränentreibenden bis zum Schluss – wir sprechen von maximal 15 Jahren! Je dünner die Stimme wurde, desto pathetischer das Resultat, denn der Wille reichte zum Schluss nicht mehr aus, wie man den herzergreifenden Mitschnitten der Abschiedstournee entnehmen kann und wie sie sicher selber erkannte. Je mehr die Frau Maria Callas hervortrat, desto blasser wurde die Künstlerin. Oder anders herum: Je unbedingter sie sich der Musik zuwandte, desto etonnanter, nachdrücklicher war ihre Kunst.

La Gioconda, Verona 1948/Cetra

La Gioconda, Verona 1948/Cetra

Meine Lieblingsaufnahmen sind daher die frühen, die das Versprechen aufzeigen, etwas ihre erste Gioconda von 1952 bei der Cetra, überhaupt die Cetra-Aufnahmen der ersten Stunde (1949) mit den ganz wunderbaren Auszügen aus den Puritani, dem bis heute unerreichten Liebestod der Isolde (in Italienisch, so wie sie weise alles in Italienisch und später leider in rollendem Französisch sang – ihre Carmen von 1964 gehört zu meinen Albträumen). Ihr Parsifal 1950 und ihr Live-Nabucco 1949 profitieren von diesem Versprechen in der dunklen, üppigen Stimme, von diesem tastenden Gestaltungswillen, bei dem die schiere Kraft eben noch die Oberhand hat und sich nachdrücklich und sensationell durchsetzt, fast brutal im Macbeth 1952 – was der Rolle der Lady eine bis heute unerreichte Authentizität gibt. Niemand nach ihr hat das je wieder so gesungen, und das ist ein Attribut, das für einige ihrer Rollenproträts bis heute gilt. Die Phrase „In vostra man`“ aus den Vespri unter Kleiber 1951 ist mir wie eingebrannt im Hirn, „La luce langue“ aus dem Macbeth 1952 an der Scala ebenfalls – das hat das niemand nach ihr so gemacht, selbst die von mir hochverehrte Scotto nicht (und dieses unglaubliche „Ho dato tutto a te“ aus der Norma geht mir bis heute nach, vom ordinär-elementaren „Suicidio“ aus der Gioconda 1 ganz zu schweigen).

Aufnahme-Foto zu den EMI-"Puritani" mit Giuseppe Di Stefanoi, Maria Callas, Rolando Panerai und Nicola Rossi Lemeni/Piccagliani/EMI

Aufnahme-Foto zu den EMI-„Puritani“ mit Giuseppe Di Stefano, Maria Callas, Rolando Panerai und Nicola Rossi Lemeni/Piccagliani/EMI

Es sind diese frühen, experimentierenden Versuche zu einem eigenen Ausdruck, die durch die geballte power hindurch scheinen, die sich dann in den Belcanto-Rollen zeigen, wie die unglaubliche Anna Bolena von 1957 (eine ihrer Sternstunden) mit dem fast unanständig ausgehaltenen „Giudici ad Anna, ad Anna?“, wo die Welt erst still steht und dann explodiert. Von den vielen Lucia di Lammermoor-Mitschnitten ist mir der aus Rom 1957 der liebste (unter Serafin/Melodram/Arkadia), mehr noch als der aus Berlin unter Karajan 1955 (das ist mehr Karajans Show) – in Rom ist sie kränklich und rafft alle ihre und ihr bewusste Kunst zusammen. Man hört die Künstlerin, die ums Überleben kämpft und aber auch alles aufwendet dafür – eine absolut große Leistung. Und natürlich die Norma – die Rolle, in der ich bis heute kaum eine andere Sängerin hören kann. Es gibt viele Aufnahmen von ihr damit, die wichtigste scheint mir die von der RAI/Cetra 1955 zu sein, im Sommer vor der Eröffnung der Scala mit Stignani und dem wirklich seriösen Del Monaco, der mal nicht brüllt (es gibt auch einen Video-Clip daraus). So konzentriert, so rollengerecht, so hochdifferenziert und stimmlich in Bestform kenne ich keine andere Norma-Einspielung von ihr (und anderen). 1955 ist für mich der Apex ihrer Karriere, von da an geht´s sukzessive bergab. Wobei man immer vergisst, wie lange die Callas wirklich aufgetreten ist, nämlich schon in den deutschen Besatzungszeiten Athens, immer voll aussingend und sich in den Proben auch nie schonend, das macht eine Stimme nicht langlebiger. Sie war eben keine Kalkulierende, sondern eine Brennende.

Publicityfoto für "Manon Lescaut" der EMI-Aufnahme/Piccagliani/EMI

Publicityfoto für „Manon Lescaut“ der EMI-Aufnahme/Piccagliani/EMI

Ich würde fast immer die Live-Aufnahmen vorziehen, wenn es Alternativen zu Studioaufnahmen gibt und würde bei den Studio-Aufnahmen absolut immer die Naxos-Überspielungen haben wollen. Sie sind von den alten LPs abgenommen und werden dem originalen, etwas trockenem Klang gerecht, der die Stimmen voranstellt und Tiefe und Fülle besitzt. Man hört sogar auf den Puritani die Straßenbahn wieder um die Scala rumpeln. Die EMI hat keinen guten Job mit den Callas-Schätzen gemacht. Die beiden Veröffentlichungsschübe Ende 1990 und 2000 (blaue und schwarze Edition und dann nochmal die Großschuber Anfang dieses Jahrhunderts) sind lieblos durch die Einheitsmaske eines Equalizers geschoben. Und der Skandal, den Macbeth mit ihr erneut in der mit der Stimme der Gencer geflickten Version herauszugeben (Finale 1. Akt), ist schon bezeichnend.

"Oh giovinetta" - Norma in London mit Ebe Stignani/Cetra

„Oh giovinetta“ – Norma in London mit Ebe Stignani/Cetra

Inzwischen sind die Live-Aufnahmen weitgehend bei der EMI (heute Warner) gelandet, auch da ziehe ich in fast allen Fällen die älteren Melodram-Ausgaben vor, zumal Stephan Felderer, Sohn der Firmenchefin Ina del Campo, ein begnadeter Tontechniker war/ist und zum Beispiel aus der Rossinischen Armida Wunderwerke an Informationen herausholte. Natürlich ist die De-Sabata-Tosca von 1955 mit der Callas wunderbar und einmalig und auch als Rolle unerreicht bis heute, natürlich ist sie hoch effektvoll in der Cavalleria (1954 in den „fetten“ Jahren, so oder so gemeint), und selbst als Butterfly (1955 unter Karajan) zeigt sie Facetten der Partie auf, die ich so woanders nicht höre, wenn ich sie höre (s. oben). Sie ist für mich eine der spannendsten Elviren in den Puritani (1953 bei EMI unter Serafin – jung, und süß und sogar höhensicher), eine ravissante Leonora im Trovatore (1956 ebenfalls unter Karajan), auch eine spannende Turandot (menschlich und sehr differenziert und eben keine Brüllmaschine/1957 unter Serafin mit der zickigen Schwarzkopf fehlbesetzt wie auch die Ludwig in der 2. EMI-Norma mit dem glorios-stentoralen Corelli). SonnambulaPuritaniAnna Bolena, Lucia di Lammermoor sind die Belcanto-Hinterlassenschaften der Sängerin und zeigen sie im Kern ihres Schaffens. Die kaum wirklich hörbaren Auftritte bei Gluck lasse ich mal aus, das ist nur was für Hordcore-Fans. Wobei man auch gern  die eindrucksvolle Medea vergisst, von der es viele gibt und wo ich die Ricordi/Mercury/Cetra/EMI-Aufnahme vorziehen würde (1957 unter Serafin mit dem rollendeckenden Mirto Picchi als Giasone), weil sie die klassizistische Vorlage des Werkes voranstellt und nicht wie woanders das veristische Element der Bastard-Bearbeitung darüberstülpt. Natürlich soll man einzelne andere nicht vergessen. So den Barbiere di Siviglia, wo das „Ma…“ der Callas in ihrer Auftrittsarie Geschichte geschrieben hat und man sie auch mal humorvoll erlebt (EMI 1957). Auch die bewusste Aida (1951) aus Mexico mit Del Monaco, den sie auf der hohen Note aushungert, ist eine Erwähnung wert, sicher auch ihre anderen Verdi-Partien, aber da finde ich sie nicht so einzigartig, „nur“ interessant. Das gilt auch für den Pirata New York 1957 und den Poliuto (dto., Scala mit einem fetzigen Corelli).

Tosca mit Giuseppe Di Stefano in Mexico City 1959/Melodram

Tosca mit Giuseppe Di Stefano in Mexico City 1950/Melodram

Und schließlich ist da die Traviata, die sie nach frühen Erfahrungen in Südamerika wie eine Blaupause erstmal bei der Cetra 1953 einspielte (das Exklusivpaket mit Arien, Gioconda 1 und Traviata) und wo die gestalerische Kunst hinter der aus den Nähten knackenden Robustheit zurückbleibt – Violetta pumperlgesund, aber doch schon mit einem Krankenschein in der Hand. Aber es gibt so viele aufregende Versionen der Partie, namentlich die unter Giulini an der Scala in der berühmten Visconti-Produktion 1955 (EMI, Melodram und viele andere), und die sie wie bei der Norma im selben Jahr in ihrem Zenit zeigt, in der unglaublichen Balance zwischen Kunst und Können.

An Einzelaufnahmen liebe ich neben den erwähnten Cetra-Erstaufnahmen ihre früheren EMI-LPs/CDs, so die herrlichen Puccini-Arien unter Serafin (1954), die dto. „Lyric & Coloratura Arias“„Callas alla Scala“ (1955 Serafin, und was für ein ungewöhnliches Programm!), sogar die schon angegriffenen „Mad Scenes“ (1958 unter Rescigno, diese wie die vorhergehenden inzwischen im Großschuber der EMI, Callas als Stapelwaren eben). Die späteren Einzel-LPs/CDs sind gewöhnungsbedürftig und ich höre da zuviel rohes Fleisch.

"Trovatore"-Leonora in Mexico City 1950/Melodram

„Trovatore“-Leonora in Mexico City 1950/Melodram

Es gibt eine Theorie (von Harold Rosenthal, dem Begründer des englischen Opernmagazins Opera und eminenter Stimmenkenner seiner Zeit), dass die vielbeschworene Belcanto-Ausbildung der Callas bei Elvira del Hidalgo in Athen die ursprünglich riesige Stimme der Callas wie durch ein Nadelöhr zwängte und dadurch zwar wendig, aber auch klein machte, so als ob man einen Jeep mit einem Porsche-Motor versehen würde, was zur Kurzlebigkeit der Stimme beitrug. Darüber kann man sich streiten, wenngleich die Dokumente aus der üppigen, robusten Nachkriegsphase dem zuarbeiten würden. Es gibt aber noch eine Anekdote um Rosenthal, der – befragt zu seiner Meinung zur Callas-Norma in London 1952 – antwortete: „Wonderful, but isn´t it sad?“ und andeutete, dass er den kommenden Verschleiß bereits hören konnte – eine weitsichtige Bemerkung.

Angeblich Isolde in Venedig 1947/OBA

Angeblich Isolde in Venedig 1947/OBA

Was bleibt – bei allen Hinterlassenschaften der Callas (und ich rede jetzt auch von den zum Teil sehr altmodisch anmutenden Video-Dokumenten aus London, Paris und andernorts – wenngleich es aus Paris das „Concert idéal“ von 1958 mit einer absolut charismatisch-leuchtenden Callas unter Georges Prêtre gibt), ist eine Handvoll an Aufnahmen, die sie in ihrer unbestrittenen Glorie zeigen – modern in punkto Rollenauffassung, hochindividuell und leiser, intensiver, menschlicher als viele Stimmen ihrer Zeit in der Folge des Klangideals des italienischen Faschismus (Gina Cigna und Kollegen), entdeckungsfreudig und stets frisch in der Interpretation, unverkennbar und ungeheuer intensiv. Vielleicht so intensiv, dass sie mich verfolgt, dass ich sie nicht nebenbei spielen kann, dass ich zuhören muss. Sie hat ganz sicher die Welt der Oper verändert, hat etwas Eigenes, Unverwechselbares geschaffen. Aber sie hat es nicht verdient, von vielen nur zur Projektionsfläche wie ein Popstar gemacht zu werden, ihr Nachleben auf Fotos zwischen klebrigen Plastikhüllen zu verbringen, nur Kommerzware auf Grabbeltischen zu werden, quergeschnitten und ausgekoppelt für Kaffee-Reklame oder als Objekt der Selbstdarstellung missbraucht zu werden (ich erinnere mich genau an die Callas-Schwester Jackie mit deren Riesen-Smaragd-Collier auf der faltigen Brust bei einer Pressekonferenz morgens um 11.00 in Mailand). Das, was sie heute nur noch zu sein scheint, war sie sicher nicht.

Geerd Heinsen

Violetta Mexico 1950/OBA

Violetta Mexico 1950/OBA

Und auf Arte/Arthaus DVD: Der Filmemacher Philippe Kholy gestaltete sein Porträt der Diva auf Arte als großangelegten biografischen Roman über ein außergewöhnliches und am Ende tragisches Schicksal. Zahlreiche Archivausschnitte zeigen die Callas auf der Bühne, im Interview aber auch als Mitglied der High Society, zusammen mit Aristoteles Onassis oder Grace Kelly. In diesem Dokumentarfilm offenbart sich die unergründliche Doppelnatur der Callas. Sie ist die strahlende Heldin der großen Bühnen der Welt, von der Mailänder Scala über die Metropolitan Opera bis zur Pariser Oper, die Künstlerin, die sich mit harter Arbeit und eisernem Willen ihre Rollen erarbeitet. Sie ist aber auch die ungeliebte Tochter ihrer Mutter, die emotional Abhängige, die in Aristoteles Onassis ihren Traumprinzen ersehnt und am Ende an diesem Traum zerbricht. „Callas Assoluta“ lässt eine tragische Heldin wieder aufleben, der alles im Übermaß zuteil wurde: eine unvergleichliche Stimme, musikalische Begabung, Zielstrebigkeit, Ruhm und Ehre, aber auch Enttäuschung und Einsamkeit. Auf DVD bei Arthaus (101-476 Bluray) – absolut habenswert!

 

Foto oben: Cover-Foto auf dem Buch von Nicholas Petsalis-Diomides, „The unknown Callas – The Greek years“ bei Amadeus Press