Don Davis: „Río de Sangre“

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Kleine Frage am Anfang. Was verbindet die Sciencefiction-Trilogie Matrix, die Kultstatus unter Filmfans genießt, mit der Oper Río de Sangre? Es ist der Komponist Don Davis. Der Amerikaner, Jahrgang 1957, ist eine Kapazität für Film- und Fernsehsoundtracks, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. Im Klassikbereich aber ist er bisher weniger aufgefallen, es gibt vorwiegend Kammermusik von ihm, aber auch eine Symphonie und ein umfangreiches Chorwerk. Fehlte noch die Oper. Die Florentine Oper in Milwaukee gab Davis die Chance, sich in dem Genre auszuprobieren. 2010 erlebte dort Río de Sangre Premiere. Die Story ist, wen wundert es, packend und plakativ, eben filmreif. Sie handelt von kruden politischen Verhältnissen in einem fiktiven südamerikanischen Staat. Im Zentrum steht das Staatsoberhaupt Delacruz, der nicht nur durch Intrigen und Machtansprüche seiner Gegner das Amt verliert, sondern durch den Tod beider Kinder eine private Tragödie erlebt. Real sind die Ereignisse nicht, doch der Plot könnte tatsächlich so stattgefunden haben oder stattfinden. Das Ganze ist großes Drama, das sich im Sologesang allerdings wenig widerspiegelt. In das mehr oder weniger vorherrschende Konversationsparlando sind nur gelegentlich Arien eingestreut, vokal wirklich fesselnd sind nur die teilweise bombastischen Chöre. Viel spannender ist die Orchesteruntermalung, die die Szenen bildhaft illustriert – hier offenbart sich der gewiefte Filmmusiker. Davis mixt Minimal Music mit spätromantischer Üppigkeit und peppt sie mit südamerikanischen Tanzrhythmen auf. Die Meriten der Aufnahme, die auf der Uraufführungsproduktion basiert, liegen denn auch in der Souveränität und Vitalität, mit der Joseph Rescigno am Pult des Milwaukee Symphony Orchestra die ganze instrumentale Farbpalette ausreizt. Sängerisch erfüllt sie nicht höchste Ansprüche, nimmt aber durch die theatralische Atmosphäre für sich ein. Guido LeBron verfügt über einen stabilen Bariton, doch mangelt es ihm an Charisma für die umfangreiche Partie des Präsidenten. Sein Gegenspieler Guajardo ist bei dem scharfen Charaktertenor von John Duykers gut aufgehoben. Die bewegendsten Momente gehören Delacruz’ Gattin Antonia. Kerry Walsh singt die zwei großen Szenen, in denen sie um ihre beiden toten Kinder trauert, mit Hingabe und gut sitzendem Sopran. Von der Stimmfarbe unterscheidet sich Ava Pine als Tochter Blanca kaum von ihrer Mutter, nur klingt die Höhe angestrengter. Nicht allerdings beim Liebesduett mit Igneo, den Vale Rideout mit angenehmem Tenor ausstattet – da gewinnt der Sopran an Wärme. Gut konsumierbar ist Rio de Sangre allemal, doch solchen Kultstatus wie der enorm erfolgreiche Kinostreifen Matrix wird die Oper wohl nicht erlangen.

Karin Coper

Don Davis: Río de Sangre mit Guido LeBron (Christian Delacruz), Kerry Walsh (Antonia Delacruz), John Duykers (Jesùs Guajardo), Ava Pine (Blanca), Vale Rideout (Igneo), Mabel Ledo (Estella), Rubin Casas (Bishop Ruiz) u. a.; The Florentine Opera Chorus (William Florescu), Milwaukee Symphony Orchestra; Leitung: Joseph Rescigno; Albany Records, Troy 1296/97

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