Nicolais „Heimkehr des Verbannten“

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Der Berliner Komponist Otto Nicolai ist heute vor allem bekannt durch seine letzte Oper Die lustigen Weiber von Windsor. Doch wie steht’s eigentlich um sein restliches Werk? Seit einiger Zeit gibt es Versuche, andere Opern von Nicolai wiederzubeleben. Jetzt ist die Oper Die Heimkehr des Verbannten beim Label cpo erschienen (777654-2, 2 CD).

100 Schilling Otto Nicolai Silber Münze PP (1992)/ Wiki

100 Schilling Otto Nicolai Silbermünze PP (1992)/ Wiki

Nicolai gehört zu den wenigen deutschen musikdramatischen Genies des frühen 19. Jahrhunderts. Sein wenig umfangreiches Gesamtwerk ist absolut faszinierend, weil es eine Entwicklung dokumentiert, die außergewöhnlich ist für jene Ära. Otto Nicolai hat sich nach italienischen Anfängen bemüht, seine Erfahrungen für Deutschland auszuwerten, also das Beste an deutscher und italienischer Oper zu fusionieren. Die „Heimkehr des Verbannten“ ist eine aufregende Reise von der Italienischen Belcanto-Oper zum deutschen Musikdrama. Dreimal hat Nicolai den Stoff aufbereitet, und jedesmal wurde er persönlicher und weniger formelhaft. Das Werk ist also so etwas wie das ernste Gegenstück zu den Lustigen Weibern.

Drei Fassungen – und ein heftiger Streit um ihre Gültigkeit: Es gibt eine Mailänder Fassung (als Il proscritto), eine Wiener und eine letzte Berliner. Alle drei Fassungen sind erhalten, und der Herausgeber der kritischen Edition, Michael Wittmann, empfahl der Oper Chemnitz  nachdrücklich die Fassung letzter Hand, die nur wenige Tage vor dem Tod Nicolais fertig wurde – vier Fünftel des Materials sind gegenüber der Mailänder Fassung neu komponiert. Aber die Chemnitzer Oper entschied sich zur Frustration des Herausgebers, eine eigene Version der zweiten Wiener Fassung zu spielen.

Das mag manchem, der sich auf einen reifen Nicolai gefreut hat, nicht gefallen. Dennoch würde ich nicht soweit gehen, dies für einen Verrat am Komponisten zu halten. Diese Wiener Fassung von 1844 liegt genau auf der Mitte von Nicolais Weg. Das ist eine sehr italienische Musik mit schon interessanten neuen Ansätzen in Richtung romantische deutsche Oper. Insofern ein spannendes Dokument!

Rosenkrieg in schlechtem Deutsch: Das ist ein äußerst kniffliger Konflikt, der da behandelt wird, nämlich der Heimkehr-Effekt nach langen Kriegen, ein Thema, das auch nach dem 2. Weltkrieg eine wichtige Rolle spielte – hier sind die englischen Rosenkriege des 15. Jahrhunderts die Vorlage. Leonora, die ihren verbannten Ex-Mann für immer in den Kriegswirren verloren glaubt, heiratet neu, und just in diesem Moment kommt der Ex zurück. Der besondere Twist hier in diesem Werk ist, dass entgegen den Opern-Konventionen die Frau überhaupt nicht begeistert ist, dass der Alte wieder da ist, weil sie, wie sich herausstellt, ihn nur unter Zwang geheiratet hat und ihr neuer Gatte sich als ihre eigentliche Liebe entpuppt. Deswegen bringt sich Leonore um, zermürbt vom inneren Konflikt und aus falsch verstandener Opferlust. Auch das ein Skandal um 1840, wo Selbstmord auf der Bühne noch skandalös war. Allerdings muss man sagen, dass die deutsche Übersetzung für die Wiener Fassung schrecklich gespreizt und verquast klingt.  Ist auch das vielleicht ein Grund, warum es diese Oper nicht zurück ins Repertoire geschafft hat?

Die Sängerin Emilia Frezzolini, die die Premiere des „Proscritto" platzen liess (OR / OBA); unten die Berliner Hofoper, an der der ,,Verdammte" seine dritte Premiere hatte (OBA)

Die Sängerin Emilia Frezzolini, die die Premiere des „Proscritto“ platzen ließ (OR / OBA); 

Kein ausgereiftes Werk – aber das könnte auch an der Fassung liegen: Anders als der packende Templario, der grade in Salzburg zu hören war, oder die wunderbaren Lustigen Weiber von Windsor ist diese Version ein Ringen des mittleren Nicolai um dramatische Effekte, eingeklemmt zwischen Konventionen und genialen Ideen. Solch Ringen ist zwar faszinierend, aber selten zeugt das Ergebnis von ganzheitlicher Qualität. Es gibt hier wirklich ergreifende, subtile und effektvolle Momente, aber als Oper im Kontext der Zeit ist das Werk eher zweitrangig. Doch es eröffnet auch neue Ausblicke auf Nicolais Entwicklung; zum Beispiel ist mir aufgefallen, das dieses überdreht pathetische erste Finale in den Lustigen Weibern vielleicht eine Selbstkarikatur ist und Nicolai dort sein lärmendes hochgestochenes erstes Finale aus der Heimkehr parodiert.

Nur ein Appetizer: Die Oper Chemnitz, deren Produktion von 2011 der Aufnahme zugrunde liegt, hat oft den Bonus der abenteuerlustigen enthusiastischen Aufbruchsstimmung. Die Musiker und Sänger fühlen sich als Pioniere – und das überträgt sich auf den Hörer. Leider verraucht diese Aufregung oft dann, wenn man die Sachen auf der CD nochmals hört. Das ist nur ein Verdacht, er er sei mal ausgesprochen: Kann es sein, dass hier viel oder alles im kalten Saal an spielfreien Momenten mühselig nachproduziert wurde und so der Schwung der Live-Performance verdampft?

Auch hier hatte ich das Gefühl, dass diese Emphase der großen tragischen Oper, diese donizettihafte Überdrehtheit in den emotionalen Momenten eigentlich ganz, ganz große Interpreten braucht – die hier mit Ausnahme des exzellenten Tenors Bernhard Berchtold nicht vorhanden waren. Auch Julia Bauer, eigentlich meist angenehm anzuhören, ist hier von dem exaltierten Stil der Oper auch stimmlich überfordert (Leonoras große Arie vor allem) und klingt oft ausgewaschen und angespannt. Und Bariton Hans Christoph Begemann wirkt nicht immer so sonor und vollstimmig, wie wir es von einem Belcanto-Bariton in diesem Repertoire erwarten. Der Tenor Uwe Sickert als Georg ist eigentlich zu dünnblütig in seiner großen  Szene im 2. Akt. Dirigiert ist das Werk allerdings wieder – wie fast alle Frank-Beermann-Aufnahmen – mit erfreulichem Feuer und bemerkenswertem Elan, was auch Nicolais oft extrem aparte Instrumentierung gut heraushebt.

Nicolai: Die Berliner Hofoper, Stich von Schleuen/ Wiki

Nicolai: Die Berliner Hofoper, Stich von Schleuen/ Wiki

Die Idee, die halbfertige Wiener Fassung zu machen, obwohl es eine spätere Berliner gibt, finde ich so schwachsinnig, dass das schon wieder genial ist. Wenn jetzt jemand diese Oper nochmal aus der Versenkung holt, wird er garantiert die Berliner Version nutzen. Denn nach einer erfolgreichen Produktion der Berliner Fassung hätte kein Hahn mehr nach der Wiener gekräht. Und die zu hören wäre doch sehr aufregend!  Matthias Käther

Dazu auch ein Auszug aus dem Artikel von Michael Wittmann, dem Herausgeber der Edition, im Booklet der neuen cpo-Ausgabe…

Zur vorliegenden Aufnahme: Ursprünglich war für die moderne Erstaufführung der Oper in Chemnitz geplant, die Berliner Fassung von 1849 zu wählen. Auf Wunsch des Dirigenten, der auf die Auftrittsarie der Leonore (Nr. 2) nicht verzichten wollte, brachte Chemnitz das Werk dann jedoch in der Gestalt zur Aufführung, die es am Ende der ersten Wiener Aufführungsserie im Frühjahr 1844 angenommen hatte; gleichsam als Dokument des halben Weges, den Nicolai als Komponist zwischen dem Templario und den Lustigen Weibern zurückgelegt hat. Ob mit dieser Wahl angesichts der erwähnten strukturellen Probleme der Sopranpartie dem Werk wirklich gedient wurde, mag der geneigte Hörer selbst entscheiden. Für den Herausgeber der Oper war der Chemnitzer Versuch Anlass genug, Aufführungen der Wiener Fassung bis auf weiteres nicht mehr zuzulassen. (Die vorliegende Aufnahme wird darum auch Unikat bleiben). Für Otto Nicolai aber gilt mehr denn je das Desiderat, dass ein mutiger Intendant sich finden möge, der es unternimmt, dessen bislang noch verkanntes Hauptwerk Der Verbannte in der letztgültigen Fassung, Berlin 1849, auf die Bühne zu bringen.  © 2015 by Michael Wittmann

Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

  1. Sextus Empiricus

    Der sehr ausgewogenen Rezension von Matthias Käther kann man eigentlich nur zustimmen. Zu ergänzen wäre allerdings der Hinweis auf das sehr merkwürdige Libretto, das im Booklet abgedruckt ist. Offenbar ist dieser Text aus dem Klavierauszug abgeschrieben worden. Allerdings von jemandem, der offenbar auch nicht den Hauch einer Ahnung davon hat, daß dem Text eine Vers- und Reimstruktur zu Grunde liegt. Dabei ist das Originallibretto von 1843 seit Jahren digitalisiert und im Internet einsehbar. (Ein direkter Linik findet sich im entsprechenden Wikipedia-Artikel zur „Heimkehr“). Dafür hat der moderne Schreiber sich die Mühe gemacht, den originalen Text moderner Interpunktion und Linksschreibung zu unterwerfen, was natürlich besonders drollig ist, insofern die altertümliche Schreibweise (von vor der Rechtschreibreform von 1900) heutzutage genau jene ironische Verfremdung bewirkt, die den in der Tat unsäglchen Wortlaut der Übersetzung von 1843 erst erträglich macht.

    Ein Geniestreich stellt übrigens auch die gewählte Coverabbildung dar, die mit sicherem Instinkt das Bild von deutscher Mittelalterromantik evoziert und damit prompt eine falsche Erwartungshaltung gegenüber der Musik determiniert, die natürlich an Weber oder Schubert gemessen wird.Dabei ist Nicolai in Berlin mit der Musik Spontinis groß geworden, und in Italien hat er eindringlich die Musik Saverio Mercadantes studiert. Rossis Konstruktion des Librettos von „Il proscritto“ ist die genaue Kopie der Struktur seines Meisterwerkes „Il giuramento“ (Mercadante 1837), das nach zwei großen Finali im ersten und zweiten Akt zu einem Kammerspiel für drei Personen wird und das der italiensichen Oper ganz neue Wege gewiesen hat. Nicolai hat diese Grundstruktur in Wien nicht nur beibehalten, sondern durch die Einfügung eines Tableaux a la Meyerbeer (nämlich das neue Finale 2) noch weiter modernisiert. (Als letztes modernes Element kam dann in Berlin noch die Einfügung eiens Ballettes im ersten Akt hinzu). Ironischerweise hat die Chemnitzer Inszenierung durch Philip Kocheim, der die Handlung in die Gegenwart verlegte, diesen zukunftsweisenden Charakter der Oper durchaus Rechnung getragen und ein Blick in die damaligen Kritiken lehrt, daß die Aufführung auch unter diesen Auspizien rezipiert wurde. Vernünftig wäre es daher gewesen, ein damaliges Szenefoto als Coverabbildung zu verwenden. So aber gewinnt man den Eindruck, daß Selbstüberschätzung der Theaterleute und Profitgier des Labels eine unheilige Allianz zu Lasten des Komponisten und der Tonkunst eingegangen sind. Difficilis est satiram non scribendi!

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