Meyerbeers „Feldlager in Schlesien“

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Am 29. April 1986 sendete der WDR eine weitere Folge der musikalischen Sendereihe „Oper kurzgefasst“, die seit den 1980er Jahren bis hinein ins neue Jahrtausend ausgestrahlt wurde. In dieser Ausgabe ging es um Meyerbeers Singspiel Ein Feldlager in Schlesien, das der renommierte Musikkritiker Klaus Geitel wortmächtig und geistreich wenn auch etwas süffisant den Hörern nahezubringen versuchte, unter Mithilfe der (bis heute!) einzigen Aufnahme dieser Oper, die am 18. Februar 1984 in konzertanter Form in der Berliner SFB-Opernserie Einhard Luthers ohne Dialoge entstand. Seit nahezu 150 Jahren ist dieses Werk nicht mehr in Szene gesetzt worden, und hierfür gibt es – natürlich neben den inzwischen allseits genannten und beklagten  historischen Entwicklungen rund um den „deliberately forgotten composer“ (David Faimans gleichnamige Monographie erschien 2020 in Jerusalem) – spezifische Gründe, die mit seiner Genese zu tun haben.

Dazu noch einmal die Entstehungs-Details (weiteres anlässlich des Berliner Mitschnitts ausgiebig nachzulesen hier in operalounge.de): 1843 brannte in der Nacht vom 18./19. August das königliche Hoftheater „Unter den Linden“ in Berlin bis auf die Grundmauern ab. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. beschloss den sofortigen Wiederaufbau, und nach knapp 16 Monaten fand am 7. Dezember 1844 seine Neueröffnung statt. Meyerbeer, seit 1842 „Königlicher General- Musikdirektor und Hof-Kapell- Meister“, war vom König beauftragt worden, hierfür eine Festoper zu schreiben. Bei der Wahl des Sujets spielte Alexander von Humboldt, einflussreicher Berater des Königs und guter Freund des Komponisten, eine maßgebliche Rolle. Er könnte es gewesen sein, der hierfür Ereignisse im Leben Friedrichs des Großen vorschlug. Jedenfalls wissen wir aus einem seiner Briefe an Meyerbeer, dass er detaillierte Vorschläge machte, welche Anekdoten aus dem Leben des Alten Fritz das Gerüst der Handlung bilden sollten, die Meyerbeer in den Siebenjährigen Krieg (=Dritter Schlesischer Krieg) verlegte.  In einem Pariser Brief vom 12. November 1843 an Eugène Scribe  fasst der Komponist sechs wichtige Punkte zusammen, die er bei der Erstellung des Textes berücksichtigt sehen wollte. Dazu gehört die Einbeziehung des volkstümlichen Marsches Der alte Dessauer. „Es wäre sehr zu wünschen, daß dieser Marsch eine Rolle in dem Stück spielte und daß er es ganz durchzöge“ (Meyerbeer). (Scribe schickte die Anregungen für das deutsche Libretto Ludwig Rellstabs und schrieb später sein eigenes für L´Eoile du Nord, die 1854 umgearbeitete Fassung des Feldlagers.)

Meyerbeers „Feldlager in Schlesien“ an der Oper Bonn/Szene/ Foto Thilo Beul

Das Resultat all dieser besonderen Umstände war also Ein Feldlager in Schlesien, ein „Singspiel in drei Akten in Lebensbildern aus der Zeit Friedrichs des Großen“: eine Mischung aus Opéra comique (1.+ 3. Akt) mit der dazu passenden Szenerie (ein Landhaus in Schlesien bzw. das Schloss Sanssouci) und einem eher an entsprechende Szenen aus der grand opéra erinnernden 2. Akt in einem preußischen Militärlager. Es dreht sich alles um Friedrich den Großen, der von ungarischen Reitern gefangengenommen werden soll, und um seine genretypische Rettung. Natürlich durfte ein Mitglied der herrschenden Dynastie der Hohenzollern nicht in persona bei der Bühnenhandlung in Erscheinung treten, aber man hört den der Kunst und Musik zugewandten Monarchen im 3. Akt hinter der Bühne auf seiner geliebten Flöte spielen.

Hier am Corona-geplagten Theater Bonn (etliche Abende mussten ausfallen; Vorstellung am 08. 05- 2022) hatte sich Regisseur Jakob Peters-Messer allerdings die Freiheit genommen, den König höchstpersönlich die Oper beenden zu lassen (sehr frei nach Menzel), indem er mit der Flöte in der Hand langsam zu ein paar letzten Flötentönen auf ein Schlachtfeld von Toten starrt. Der Grundraum der Einheitsbühne (Sebastian Hannak) ist in allen drei Akten ein karger schlesischer Acker, erweitert durch herabschwebende Prospekte wie beispielsweise Schloss Sanssouci im 3. Akt. Die Inszenierung eines Werkes mit solcher Thematik in unseren Tagen wurde verständlicherweise durch den Krieg in der Ukraine beeinflusst, wie die Theaterleitung in einer elektronischen Info-Tafel  im Foyer erläutert, ergänzt durch ein Zitat des ukrainischen Präsidenten Selenskyj, das vor dem 2. Akt per Videoleinwand eingeblendet wurde. Diese Gratwanderung zwischen der Darstellung der Szenen preußischen Soldatenlebens in Kriegszeiten und unserer gegenwärtigen Sicht auf eine solche Sachlage ist Peters-Messer durchaus gelungen, ohne die dem Zeitgeist und dem Kompositionsauftrag geschuldete Glorifizierung von Preußens Herrschern zu verstärken oder ins Lächerliche zu ziehen. Hierbei half ihm die von ihm hinzugefügte Figur eines „Chronisten“ (Michael Ihnow), der  wie ein Kriegsreporter „die Handlung begleitet und den Blick von außen verkörpert“ und sich nebenbei als Requisiteur betätigt. Er übernimmt auch Dialogpassagen, die die Bühnenfiguren fortsetzen, und liest reflektierende Textpassagen vor, auch von Friedrich II. und einem an der Schlacht beteiligten Soldaten. Den außergewöhnlichen 2. Akt – hier beginnend  mit der umgestellten leicht gekürzten Ouvertüre – platzierte der Regisseur ins Parkett, um so die Distanz zum historischen Geschehen aufzuheben. So erlebten die Besucher die drei Bühnenmusiken und vierfachen Chöre rund um den Dessauer Marsch als musikalisches Spektakel, das die Besucher je nach Sitzplatz  (im Saal oder auf der Bühne) in unterschiedlicher Lautstärke genießen konnten.

Der Komponist hat im Übrigen mit seinen dramaturgisch-musikalischen Mitteln klargemacht, welche Figuren re vera die gewichtigsten Charaktere in diesem abwechslungsreichen Geschehen der drei Akte sind: das Roma – Mädchen Vielka und der typisch Meyerbeersche tenorale „Held“ Conrad. Beide sind in Wort und Tat  Gegenpole des patriotisch gefeierten Preußentums, stehen musikalisch und als Paar im Mittelpunkt und prägen nicht zufällig zusammen mit These  das Finale der Oper.

Meyerbeers „Feldlager in Schlesien“ an der Oper Bonn/Szene/ Foto Thilo Beul

In der Jenny Lind – Rolle der Vielka fesselte Elena Gorshunova  mit wunderbar lyrischer Gestaltung (Romanze im 1. Akt und im berührenden Finale III) und glänzenden Koloraturen in ihrem „Terzett“ mit den zwei Flöten von Conrad auf der Bühne und der des Königs in den Kulissen (glänzend gespielt von zwei Flötistinnen des Bonner Orchesters). Den Angsthasen Conrad sang  der finnische Tenor Jussi Myllys stimmschön in der Manier eines Spieltenors – trotz einer angekündigten leichten Indisposition. Nicht nur in ihrer innig gesungenen Cavatine im 3. Akt  erfreute die Therese von Barbara Senator mit ihrem lyrisch grundierten Sopran. Überzeugend und tiefensicher sang und spielte Tobias Schabel den preußischen Hauptmann a.D. Saldorf. Tronk, der Anführer der feindlichen ungarischen Reiter, der nach verlorener Schlacht Anstellung am Hofe Friedrichs findet, war mehr als rollendeckend der bulgarische Bass Martin Tzonev. Ich hätte gerne alle Strophen des Husarenliedes gehört, das Christian Georg zu Beginn des 2. Aktes vom 2. Rang in das Auditorium schmetterte.

Man erlebt es nicht oft, dass der Chor, der den Auftakt der Schlussvorhänge macht, im Publikum erst zögerlich, dann wie eine Welle Standing Ovations auslöst. Aber die Stimmgewalt und Homogenität von Chor und Extrachor des Bonner Theaters (Einstudierung Marco Medved) waren wirklich überwältigend. Der vorgesehene Dirigent war plötzlich erkrankt, und da der  einzige „Ersatzmann“ Generalmusikdirektor Dirk Kaftan erst zum 2. Akt anwesend sein konnte, sprang ein Chor-Repetitor der Oper Bonn Jan Arvid Prée ein und dirigierte zur Erleichterung aller den 1. Akt: Bravo! Der Bonner GMD koordinierte danach souverän die aufeinandertreffenden vokalen und instrumentalen Brennpunkte  des 2. Aktes und gestaltete mit dem ausgezeichneten Beethoven Orchester Bonn die visionäre Finalszene des 3. Aktes, die  nach den martialischen Klängen des voraufgehenden Aufzugs einen versöhnlichen Ausklang bildet.

Meyerbeer-Fachmann Thomas Kliche/Beck-Verlag

In ihrem gerade erschienenen Buch Giacomo Meyerbeer and his family (Chicago 2021) erwähnt Elaine Thornton (S. 270), dass im Jahre 1850 ein Sonderzug von Magdeburg nach Berlin zum Besuch einer Aufführung von Ein Feldlager in Schlesien eingesetzt wurde, eine von 65 Wiederaufnahmen in Berlin bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Diese Fakten belegen einerseits die große Popularität dieser patriotischen Oper des Berliners Meyerbeer, verweisen aber andererseits auf die Tatsache, dass diese Glorifizierung Friedrichs des Großen und durch ihn der Hohenzollern-Dynastie nur lokal begrenzten Anklang finden konnte. Mit unserem heutigen Blick auf diesen großen Komponisten dokumentiert das Werk hingegen programmatisch die musikalische Meisterschaft des Berliner Kosmopoliten Meyerbeer in seiner Schaffensphase zwischen Les Huguenots und Le prophète.

Zu dieser hoch zu schätzenden Pionierleistung des Bonner Opernhauses passte auch der anregende Vortrag „Der deutsche Meyerbeer“, den Thomas Kliche, der Gründungsinitiator und 1. Vorsitzender der Giacomo Meyerbeer- Gesellschaft, vor Beginn dieser 2. Aufführung präsentierte. Walter Wiertz

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Eine kleine kritische Anmerkung der Redaktion mag erlaubt sein: Bearbeitungen sind ja immer so eine Sache. Das elementare Kennzeichen eines Singspiels, als welches ja Ein Feldlager in Schlesien vom Komponisten bezeichnet wird, sind die Dialoge! Und es war ja genau die Kritik an der (reichlich amputierten) SFB-Version aus Berlin, dass eben diese nicht mit aufgeführt wurden. Sie nun in Bonn ebenfalls fortzulassen und sie durch einen Kommentator/Erzähler zu ersetzen scheint mir doch eine recht „diskutable“ Bearbeitung der Oper, die dadurch ihren Stellenwert in der Genregattung verliert. Meyerbeer arbeitete dieses Singspiel dann zum Etoile du Nord um und machte daraus eine veritable opéra de demi-caractère, mit Rezitativen und Dialogen, also wollte er an den Dialogen auch in der umgearbeiteten Fassung festhalten. Auf sie zu verzichten tut ihm, seiner Oper und dem Musikfreund anlässlich einer modernen Erstaufführung sicher keinen Gefallen, pardon. Aber ein Opernhaus muss vielleicht anders denken. G. H.