Eugen Engels „Grete Minde“

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Zu den erstaunlichen Entdeckungen der jüngsten Tage gehört die Oper Grete Minde des Amateur-Komponisten Eugen Engel, dessen Lebenslauf nachstehend im Artikel der Dramaturgin des Magdeburger Theaters skizziert wird. Wie aus dem Dunkel der Geschichte tauchte in Amerika die handschriftliche Partitur (eigentlich eher eine Orchester-Skizze) einer Oper auf, die – nun im Februar 2022 auf den Brettern des Magdeburger Theaters zum Klingen gebracht und anschließend im Radio gesendet – sich als anspruchsvolles und üppigst orchestriertes Bühnenwerk darstellt. Der Presse-Rummel um das Leben und Sterben (1943 im KZ Sobibor) des jüdischen Angestellten Engel blockiert eher die Würdigung seiner musikalischen Schöpfung, die staunen macht. Aber der Reflex, dass hier gleich wieder die Klammer der „Entarteten Musik“ greift und dass die dto. bemerkenswerte Zusammenarbeit eines jüdischen Komponisten mit einem „faschistischen“ Librettisten die heutige Wertung in eine ganz bestimmte, politisch korrekte und opportune Richtung schiebt, ist für die Journalistenkollegen ja allzu verführerisch.

Eugen Engel im Berliner Tiergarten, September 1928; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2012/127/80, Schenkung von Janice Lowen Agee/ Theater Magdeburg

Zu viel bleibt ungeklärt. Eugen Engel und der Journalist Hans Bodenstedt dürften um 1914, als Bodenstedt die Vorlage von Theodor Fontane (auch dem wird heute Antisemitismus vorgeworfen) aufgriff, also weit vor Beginn des Hitlerfaschismus Kontakt aufgenommen haben. Die Daten der Entstehung der Komposition von Grete Minde sind unklar, zumal möglicherweise die Oper nicht für eine Veröffentlichung gedacht war und lange in der Schublade lag. Wenngleich sich Engel deswegen an einige wichtige Leute im Berliner Musikleben wandte („im Kontakt“ heißt es, aber das scheint eher eine einseitige Kontaktnahme gewesen zu sein). Und erst spät, ab 1933, sind ablehnende (weil anti-jüdische) Reaktionen erwähnt.

Und erst in den Dreißigern, also weit nach 1914, wandte sich der Librettist Hans Bodenstedt  (* 25. Oktober 1887 in Sudenburg; † 10. Dezember 1958  in Feldafing, Bayern) dem Faschismus zu, machte aber auch eine bemerkenswerte Karriere beim NWDR nach dem Krieg . Er war, wie bei Wikipedia nachzulesen, ein Rundfunkpionier, arbeitete als Programmleiter, Autor und Sprecher und tat viel für die Entwicklung der Rundfunkreportage und des Hörspiels. Bodenstedt verfasste Libretti, bearbeitete Operetten für die Aufführungen im Rundfunk, schrieb Märchentexte und war der Schöpfer der populären Kinderfunk-Figur „Funkheinzelmann“. Zwischen 1939 und 1944 war er Herausgeber von 26 Bänden der Reihe „Die Bücher der Ährenlese“, die im „Verlag Blut und Boden“ in Goslar erschien.  Aus „gesundheitlichen“ Gründen nahm er 1953 Abschied vom Rundfunk und übersiedelte nach Oberbayern, wo er im 71. Lebensjahr verstarb.

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Der Journalist Hans Bodenstadt, Librettist für Engels „Grete Minde“/ Grammophon-Platten

In Sachen Grete Minde brachte der Hobby-Sänger Uwe Jöckel alles ins Rollen, als er von dem Vorhaben zu einen Stolperstein für den Komponisten Eugen Engel in der Berliner Charlottenstrasse  (Mitte) hörte. Wie der Spiegel schreibt, „wurde Jöckel neugierig, beschaffte sich Noten. »Sie erinnerten mich an die Lieder Gustav Mahlers«, erzählt er.“  Er wandte sich über Umwege an Janice Lowen Agee, die Enkelin von Eugen Engel in Amerika. Dass nun Engels Partitur der Magdeburger Dirigentin Anna Skryleva „sozusagen in die Hände gefallen war“, ist, vermehrt das Rätsel, wie ein Kaufmännischer Angestellter des Warenhauses Tietz ohne jede erkennbare Vorbildung eine so beeindruckende Orchestrierung zustande gebracht hat. Er habe „professionelle Hilfe“ gehabt, mutmaßt Ulrike Schröder in ihrem Einführungsartikel. Aber wer? Natürlich gab es zu Engels Zeiten in Berlin viele Musiker/Komponisten für alle mögliche Musiksparten. Aber für einen Amateur am Klavier ist dies doch ein außerordentlich erstaunliches Werk, zumal sein einziges dieses Formats. Woher also stammt die Orchestrierung, wenn nicht sogar auch die musikalische Vielfalt? Da klingt sehr viel Korngold, Strauss, Schreker, Wagner-Regeny hindurch, auch ein Schuss Wagner (Meistersinger-Zitat) und vielleicht auch Russisches (wie bei so vielen amerikanischen Komponisten) …

Wie auch immer – Grete Minde von Eugen Engel, nun endlich am Theater Magdeburg uraufgeführt, ist eine wirklich überraschende Oper, die hoffentlich auch als CD dokumentiert und so einem großen Kreis zugänglich gemacht wird. Eine Radioaufnahme gibt es ja.

Nachstehend folgt eine Besprechung der Aufführung vom 5. März 2022 von Gerhard Eckels sowie  Einführendes aus dem Programmheft , wofür wir sehr danken. G. H.

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Eugen Engel: „Grete Minde“/ Szene Theater Magdeburg/ Foto Andreas Lande

Die Mühen der Bearbeitung des Notenmaterials durch die Magdeburger Generalmusikdirektorin Anna Skryleva und die Musikdramaturgin Ulrike Schröder haben sich wirklich gelohnt, denn dieses spannende, konfliktreiche Werk könnte eine echte Bereicherung des Repertoires werden.

Die Handlung von Fontanes Novelle und der Oper geht zurück auf Ereignisse in nachreformatorischer Zeit kurz vor Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs im altmärkischen Tangermünde, als im September 1617 bei einem gelegtem Brand mehr als die Hälfte der über 600 Wohnhäuser der Stadt und 52 Scheunen zerstört wurden. Davon weicht die Novelle, die Grundlage des Librettos, deutlich ab; das Schicksal der historischen Margarethe Minde war um Einiges grausamer, indem sie nach Folterung einem Justizmord zum Opfer fiel.

Zum Inhalt der Oper: Die lebensfrohe Grete lebte als verwaiste Tochter einer Katholikin in der lutherisch geprägten Kleinstadt Tangermünde bei ihrem älteren Halbbruder Gerdt und dessen bigotter Frau Trud. Liebe gibt es in dieser strengen, harten Welt nicht: Gerdt flüchtet sich in Geld und Arbeit, seine Frau Trud beneidet den „Hexenspross“, dem die Liebe zufliegt, während sie selbst einsam ist. Grete trifft auf Valtin, der ebenfalls ohne Mutter aufgewachsen ist. Beide sind krasse Außenseiter, was letztlich dazu führt, dass sie die Stadt verlassen, um der hartherzigen, beklemmenden Enge ihrer Heimat zu entfliehen; sie schließen sich einer fahrenden Komödianten-Truppe an. Nur wenige glückliche Jahre sind dem Paar vergönnt, als Valtin ohne Hoffnung auf Rettung erkrankt. Verzweifelt verspricht Grete dem Sterbenden, nach Tangermünde zurück zugehen, um auch im Interesse ihres kurz zuvor geborenen Kindes ihr Erbteil zu erkämpfen. Dass ihm der lutherische Pastor Beistand im Sterben und ein Begräbnis verweigert, die Domina der katholischen Nonnen des Klosters Arendsee aber nicht, ist nur ein kleiner Hoffnungsschimmer. In Tangermünde verweigert der mitleidslose Halbbruder Gerth die Aufnahme von Mutter und Kind in die Familie, aber auch die Herausgabe des ihr zustehenden Erbteils. Selbst beim Bürgermeister Peter Guntz kann Grete ihr Recht gegen den hoch geachteten „Ratsherren Gerth Minde“ nicht durchsetzen. Als auch ein Vermittlungsversuch der Schwägerin Trud scheitert, kommt es zu verzweifelter Rache: Grete setzt die Stadt in Brand und kommt mit ihrem Kind in den Flammen um.

Eugen Engel: „Grete Minde“/ Szene Theater Magdeburg/ Foto Andreas Lande

Die Regisseurin Olivia Fuchs, deren Personenführung insgesamt gut gefiel, hat versucht, die drei Zeitebenen (Tangermünde 1617, Fontanes Novelle 1879 und die Biographie des Komponisten) zusammenzubringen, indem sie, wie sie im Programmheft erläutert, die mittelalterliche Geschichte in die 1940-er Jahre verlegt und mit einigen Koffern in der Bühnenmitte den Holocaust angedeutet hat. Dazu wurden auf die grauen Wände des kargen Einheits-Bühnenbildes Schwarz-Weiß-Videos von Brandenburger Landschaften und – zum lautstark angekündigten Erscheinen des Kurfürsten – von Marschkolonnen der Wehrmacht projiziert. Ohne dies im Programmheft gelesen zu haben, ließen sich die Andeutungen zu Eugen Engels Biographie kaum erkennen. Auch passt die Geschichte mit ihren religiösen Gegensätzen und den fahrenden Komödianten nicht ins mittlere 20. Jahrhundert – dies wirkte jeweils allzu krampfhaft und damit letztlich überflüssig. Durchaus sinnfällig ist die Kostümierung, wenn den bunt gekleideten Komödianten und dem Außenseiter-Paar (Grete mit feuerroten Haaren, Valtin in legerem Look) die feindlich gesonnene Bürger-Gesellschaft in einheitlich zeitlosem, strengen Schwarz gegenüber steht,  wobei man über das Outfit der Trud à la Emmy Göring  streiten kann (Ausstattung: Nicola Turner).

Eugen Engels einzige Oper enthält mit lebhaften Chorszenen, zarten Klängen des Liebespaars und dramatischen Steigerungen so ziemlich alles, was zu großer Oper gehört. Im ersten Akt wirken die Chöre mit einem derben Walzer noch reichlich grob geschnitzt. Das verdichtet sich in Arendsee, wenn im zweiten Akt in der turbeligen Wirtshaus-Szene der Wirt (mit prägnantem Bass Frank Heinrich) Lokalkolorit herstellt, indem er in dem dort üblichen Dialekt über die Einwohner der Nachbarorte Magdeburg, Tangermünde, Salzwedel und Stendal herzieht. Noch stärker wird es in der Sterbeszene mit Gretes innigem Wiegenlied, dem von ihr als Engel aus dem Off gesungenen Marienlied aus dem Mysterienspiel der Komödianten zum Sterben von Valtin und dem Segen der Domina. Besonders im Finale wird alles ineinander verschränkt, die Tonmalerei des sich ausbreitenden Feuers, das Entsetzen des Volks und der ernste Spruch von Gretes Vater über die Ausübung von Gerechtigkeit. Die Stärken der im Ganzen eingängigen Musik liegen damit deutlich in den lyrischen, liedhaften Szenen; dagegen ist die Illustrierung der Dramatik nach meinem Geschmack allzu plakativ und aufdringlich, was wohl auch an der starken Instrumentierung liegen mag, mit der die Akteure auf der Bühne so manches Mal ihre Probleme hatten. Hier hätte Anna Skryleva die sehr präsente Magdeburgische Philharmonie etwas dämpfen müssen, wenn auch der spätromantische Farbenreichtum der vielschichtigen Partitur durchaus angemessen zur Geltung kam.

Eugen Engel: „Grete Minde“/ Szene Theater Magdeburg/ Foto Andreas Lande

Besonders eindrucksvoll war das ausgezeichnete Magdeburger Ensemble, das in allen Positionen eindringlich agierte und stimmlich begeisterte. Da ist zunächst Raffaela Lintl in der Titelpartie zu nennen. Mit ihrer Grete konnte man in jeder Gemütslage mitfühlen, von lebenslustiger Leichtigkeit über intensive Liebe bis zu ausrastender Rache. Dabei führte sie ihren volltimbrierten Sopran sicher und intonationsrein durch alle Lagen; sie hatte keine Mühe, sich trotz starker Orchesterfluten Gehör zu verschaffen. Das gelang auch Zoltán Nyári als ihr Geliebter Valtin mit tenoraler Strahlkraft; der ungarische Gast hätte allerdings stimmlich etwas mehr differenzieren müssen, um einige Schärfen seiner durchschlagskräftigen Stimme zu mildern. Die mit gewagten Intervallsprüngen gespickte Partie der Trud Minde war der norwegischen Sopranistin Kristi Anna Isene anvertraut, die mit einem passenden Rollenporträt der Trud ebenso überzeugte wie durch die beeindruckende Beherrschung der hohen stimmlichen Anforderungen. Die drei Komödianten waren mit markantem Bariton Johannes Wollrab als Puppenspieler, mit flexiblem Tenor Benjamin Lee als munterer Hanswurst und mit feinem Sopran Na´ama Shulman als Zenobia. Da der Sänger des Halbbruders Gerdt erkrankt war, retteten der Regieassistent Florian Honigmann (szenisch) und Johannes Wollrab (Gesang) die Vorstellung. Der warme Mezzosopran von Karina Repova passte gut zur sympathischen Domina; in kleineren Rollen bewährten sich Jadwiga Postrożna mit charaktervollem Mezzo als Valtins Stiefmutter, Paul Sketris mit gepflegtem Bass als lutherischer Pfarrer und mit wie gewohnt sonorem Bass Johannes Stermann als hartherziger Bürgermeister Peter Guntz. Wie inzwischen in Magdeburg gewohnt, erfreute der beweglich geführte Chor in der Einstudierung von Martin Wagner durch ausgewogene Klangpracht. Das Publikum bedankte sich bei den Mitwirkenden mit starkem, lang anhaltendem Applaus. Gerhard Eckels

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Eugen Engel: „Grete Minde“/ Szene Theater Magdeburg/ Foto Andreas Lande

Ulrike Schröder: Eugen Engel – Spurensuche. Der Musiktheaterspielplan verläuft an den meisten Opernhäusern in ruhigem Fahrwasser: Gern verlässt man sich auf beliebte Werke aus einem gut erforschten Repertoire, deren künstlerische Qualität unumstritten ist. Und tatsächlich liegt ein besonderer Reiz darin, sich bekannten und guten Stücken immer wieder aus neuer Perspektive zu nähern. Die Kehrseite dieser Medaille besteht im Versiegen von Neugier und im Festhalten an überkommenen Gewissheiten. So gilt bei vielen: Wer es bis heute nicht ins Licht der Öffentlichkeit geschafft hat, der oder die ist einfach nicht gut genug. Diese Selbstzufriedenheit sollte häufiger gestört werden und dabei kann das Stolpern über neue oder bisher unbekannte Werke helfen. Und plötzlich tauchen neue interessante Fragen auf, z. B. nach den Gründen, die zum Vergessen geführt haben.

Ein solcher »musikalischer Stolperstein« ist die Oper »Grete Minde« von Eugen Engel. Bei den mittlerweile europaweit verlegten Stolpersteinen in Erinnerung an während der Nazizeit aus Deutschland vertriebene und ermordete Juden, Sinti und Roma, Behinderte und aus anderen Gründen Verfolgte besteht ein zentraler Aspekt darin, den Opfern ihre Geschichte und ihr Gesicht zurückzugeben. Deshalb steht auch am Beginn der Beschäftigung mit diesem musikalischen Stolperstein die Frage: Wer war Eugen Engel?

Eugen Engel wurde am 19. September 1875 in Widminnen (Ostpreußen, heute Wydminy in der Ermländisch-Masurischen Woiwodschaft Polens) als Sohn des jüdischen Kaufmanns und Grundbesitzers Samuel Engel (1830-1928) und seiner jüdischen Frau Berta, geb. Salinger (1835-1911) geboren. Er hatte 12 Geschwister (8 Schwestern und 4 Brüder), die zwischen 1857 und 1883 geboren wurden.

Widminnen war in dieser Zeit ein »Marktflecken und Kirchdorf« mit knapp 100 Wohngebäuden. Die gut 1000 Bewohnerinnen waren ganz überwiegend evangelisch, die Statistik zählte im Jahr 1872 »2 Katholiken, 4 sonstige Christen und 42 Juden«.

Eugen Engel: „Grete Minde“/ Szene Theater Magdeburg/ Foto Andreas Lande

Teile der großen Familie Engel zogen im August 1892 nach Berlin, hielten aber enge Verbindungen in die Heimat. Eugen Engel wurde wie sein Vater Kaufmann und handelte mit Damenmäntelstoffen bzw. Damenkonfektionsstoffen. Sein Geschäft ist zuerst 1906 im Berliner Adressbuch nachweisbar. Solcherart wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehend, heiratete er am 18. Juni 1907 – mit fast 32 Jahren – im ostpreußischen Heilsberg die 1883 geborene Lea Jacoby, eine jüngere Schwester seiner Schwägerin Ella. Am 19. Juli 1910 wurde die Tochter Eva geboren und die Familie zog in die Charlottenstraße im heutigen Bezirk Mitte, wo Engel nun auch seine Geschäftsräume hatte.

Lea Engel starb im Alter von nur 46 Jahren am 22. Juli 1929 in der Berliner Charité. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee begraben. Für Eugen Engel war dies ein großer Verlust. Gegenüber dem Grabstein ließ er eine Bank aufstellen, auf der seine Tochter und er oft saßen. Der Grabstein trägt als Inschrift eine Gedichtzeile von Adelbert von Chamisso: »Nun hast du uns den ersten Schmerz getan, der aber traf«.

Obwohl Eugen Engel zeit seines Lebens als Kaufmann arbeitete, war seine Leidenschaft die Musik: als Zuhörer, Komponist und Musikerfreund. Mit seiner Tochter besuchte er Musikgeschäfte, um sich mit ihr dort Schallplattenaufnahmen anzuhören. Wann der junge Geschäftsmann begonnen hatte, sich der Musik zuzuwenden und zu komponieren, ist nicht bekannt. Auch wenn Engel 1938 in einem Brief von sich sagte: »Klavierspieler bin ich nicht«, muss er eine beeindruckende musikalische Persönlichkeit gewesen sein. Seine Nichte Erna, die selbst am Stern’schen Konservatorium in Berlin Klavier studiert hatte, erinnerte sich voller Ehrfurcht an ihn. Offensichtlich war er kompositorischer Autodidakt und hatte Anfang des Jahrhunderts privaten Unterricht genommen, u. a. bei Otto Ehlers, der als Dirigent und Korrepetitor beim Königlichen Ballett engagiert war. Um das Jahr 1905 sind Aufführungen kleinerer Orchesterwerke durch den Dirigenten Carl Zimmer und durch ein »Kaufmännisches Dilettantenorchester« belegt.

Nach 1914 scheint sich Engels kompositorische Tätigkeit ganz auf die Oper »Grete Minde« konzentriert zu haben. Wann und wie genau er mit dem Librettisten Hans Bodenstedt in Kontakt kam, ist ungewiss. Bodenstedt, 1887 in Magdeburg geboren, begann als Journalist im »Harzer Kurier« und war ab 1905 Redakteur verschiedener Zeitungen in Berlin, später München und Hamburg. 1914 verfasste er das »Grete Minde«-Libretto, 1923 entstand das Libretto für Leon Jessels Operette »Der keusche Benjamin«. Danach wendete sich Bodenstedt dem Rundfunk zu, schrieb jedoch unter Pseudonym weiter einige Libretti. Nach 1933 avancierte er zum Verlagspolitischen Direktor der NS-Verlage »Blut und Boden«, »Zucht und Sitte« und »Ährenlese«, ab 1948 fand er eine Anstellung beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Hamburg.

Eugen Engel: „Grete Minde“/ Szene Theater Magdeburg/ Foto Andreas Lande

Die Arbeit an seiner Oper beschäftigte Engel bis 1933, wobei er im Nachhinein bemerkte, wie sehr sich sein musikalischer Stil im Verlauf der Kompositionszeit geändert hatte. An den Dirigenten Bruno Walter schrieb er 1936: »Die ersten Szenen – ihre Komposition liegt etwas länger zurück – werden in manchem an mir nicht mehr ganz gedeckt [?], doch glaube ich, daß vieles andere, namentlich die Szenen am Sterbebett im 2. Akt u. der dritte Akt, textlich u. musikalisch ihre Wirkung nicht verfehlen dürften.« Dieser Brief dokumentiert die letzte Phase im musikalischen Leben von Eugen Engel: Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 war an öffentliche Aufführungen des Juden Engel nicht mehr zu denken. Die letzten Jahre vor seiner Emigration in die Niederlande 1939 verbrachte er damit, seine guten Kontakte im Berliner Musikleben dafür zu nutzen, eine Aufführung von »Grete Minde« im Ausland zu erreichen. Neben dem Austausch mit Bruno Walter ist unter anderem Korrespondenz mit dem Dirigenten Leo Blech und dem Pianisten Edwin Fischer erhalten.

Eugen Engel liebte Berlin und war ein stolzer Deutscher. Er musste sich jedoch eingestehen, dass die „dynamische Kulturnation“, um die er sich so sehr bemüht hatte, nicht länger existierte. Seine Tochter Eva, zu der er eine enge Beziehung hatte, war bereits 1935 nach Amsterdam emigriert, wo sie ihren Freund aus Kindheitstagen, Max Herbert Löwenberger, heiratete. Am 21. Januar 1939 zog auch Engel nach Amsterdam. Er lebte bei Eva und ihrer Familie in demselben Mietshaus.

Stolperstein für Eugen Engel in der Berliner Charlottenstraße 75 in Mitte/ Foto Theater Magdeburg

Nach der Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht ließ sich Engel im Juli 1940 beim Amerikanischen Konsulat in Rotterdam registrieren und kam auf die Warteliste. Sicher ist, dass er versuchte nach Kuba zu emigrieren. Am 12. November 1941 bekam er die Nachricht aus der Kubanischen Botschaft in Berlin, dass er eine Einreiseerlaubnis bekommen hatte. Tragischer Weise scheiterten alle seine Bemühungen auszuwandern in letzter Minute, während Eva mit ihrer Familie im Februar 1941 die Ausreise in die USA gelungen war.

Im März 1943 wurde Engel ins Durchgangslager Westerbork de-portiert. Das letzte Lebenszeichen an seine Tochter Eva über das Rote Kreuz lautete: »Meine lieben Kinder, ich bin gesund und munter und denke ganz viel an Euch. Innige Grüße, Euer Vater Eugen Engel«. Am 23. März 1943 kam er in einem Massentransport zusammen mit 1.250 Gefangenen ins Vernichtungslager Sobibor, wo er drei Tage später, am 26. März 1943, im Alter von 67 Jahren ermordet wurde, höchstwahrscheinlich in der Gaskammer. Von seinen Geschwistern wurden fünf in Theresienstadt, eine Schwester in Treblinka und mindestens drei weitere im Rahmen der Shoah ermordet.

Das ist das furchtbare Ende einer Geschichte, schrecklich bekannt und immer wieder aufs Neue ungeheuerlich – und in diesem Falle auch ein Anfang: Eva Löwenberger, die ihren Namen in den USA in Löwen anglisierte, war es gelungen, einen Koffer mit Kompositionen ihres Vaters mit nach Amerika zu nehmen. Doch erst nach ihrem Tod 2006 fassten ihre Kinder Claude L. Löwen und Janice Ann

Eugen Engel: „Grete Minde“/ Szene Theater Magdeburg/ Foto Andreas Lande

Agee den Mut, sich diesem Koffer und den darin enthaltenen Erinnerungen zu nähern. Neben Dokumenten, Briefen und Manuskripten kleinerer Kompositionen fanden sie eine großformatige Partitur und einen Klavierauszug – die Noten der Oper »Grete Minde«. Dass diese Noten zurück nach Deutschland gelangten, hängt wiederum mit Stolpersteinen zusammen: Janice Agee initiierte die Verlegung zweier solcher Steine am letzten deutschen Wohnort ihres Großvaters und ihrer Mutter in der Berliner Charlottenstraße. Über die lokale Stolperstein-Initiative kam Magdeburgs Generalmusikdirektorin Anna Skryleva in Kontakt mit der Oper und konnte den Klavierauszug durchsehen: Sie war begeistert und überzeugte Generalintendantin Karen Stone von dem Werk. So kommt »Grete Minde« am 13. Februar 2022 endlich zu ihrer verdienten Uraufführung – fast 90 Jahre nach ihrer Fertigstellung und fast 80 Jahre nach dem Tod ihres Schöpfers.

Und auch die Stolpersteine liegen mittlerweile an ihrem Platz: Am 19. Oktober 2019 wurden sie in Anwesenheit der Familie an der Stelle verlegt, wo Engels – im Krieg zerstörtes – Wohnhaus in der Charlottenstraße 74/75 gestanden hat. Damit ist Engel in vertrauter Gesellschaft: An seine Schwester Therese Wronkow erinnert seit 2009 ein Stolperstein in Berlin-Wilmersdorf, an seinen Bruder Nathan Engel, der sich Walter nannte, seit 2014 einer in Lübeck.  Ulrike Schröder (Mit freundlicher Genehmigung des Theaters Magdeburg/Ulrike Schröder)

 

Zur musikalischen Wirkung der Oper bei der Welturaufführung in Magdeburg bemerkt Anja Schmidt in der ZEIT ONLINE: (…) „die Musik (ist) von einer erstaunlichen Qualität“. Ungewöhnlich sei, dass Engel die von ihm verwendeten innermusikalischen Zitate zum Teil schriftlich als solche in der Partitur markiert habe –  „Meistersinger-Zitat“ etwa schreibe er einmal, mit einem Sternchen versehen, Mitte des ersten Aktes. Die Autorin hat in ihrer feinsinnigen Betrachtung für ZEIT ONLINE das Werk analysiert und sein Wesen mit allen Besonderheiten genau erfasst. Klanglich habe der Komponist offenbar eine sehr konkrete Vorstellung von dem gehabt, was er da notierte. Differenzierte Spielanweisungen („etwas majestätisch“) und Feinheiten wie etwa Vorgaben über die Härte der Schlägel in den Pauken „würden ein kluges Ohr und viel Aufführungs- und Orchestererfahrung verraten“. Schmidt glaubt sich beinahe an die Herangehensweise eines Dirigenten erinnert, „der sich weniger für die Komposition als für die Interpretation zuständig“ fühle. „So arbeitet auch Anna Skryleva Ende Januar mit ihrem Magdeburger Orchester besonders an den Nuancen im farbenreichen Sound der Grete Minde“, heißt es in dem Beitrag weiter. Engels Musik sei – das höre man deutlich – unter dem Eindruck der musikalisch und kulturell blühenden 1920er-Jahre in Berlin entstanden. Sie gebe sich harmonisch vielschichtig, erinnere „mit ihren teilweise vom Jazz inspirierten Melodien und Phrasierungen an die Leichtigkeit der Varietés oder mit Streicherschmelz und assoziativen Holzbläserklängen an die Ära des Stummfilms“. Dazwischen sättige Engel seinen zumeist konsonanten Klang mit viel Blech, lüfte den harmonischen Raum aber auch immer wieder mit solistischen Durchgängen und durchschimmernden kleinen Motiven in den filigraneren Stimmen.

Die Chefdirigentin am Theater Magdeburg, Anna Skryleva, orchestrierte die Oper „Grete Minde“ von Eugen Engel/ Foto Andreas Lande

Aus dem überaus informativen ZEIT ONLINE-Beitrag ist weiter zu erfahren, dass das Theater Magdeburg aus der Partitur, die der Dirigentin Anna Skryleva „sozusagen in die Hände gefallen war“, zusammen mit einem Notenschreibbüro die Orchesterstimmen erstellt habe. „Es wurde jede einzelne Stimme heraus- und abgeschrieben, und ich habe alles Korrektur gelesen“, wird Skryleva zitiert. Dafür habe sie anderthalb Jahre gebraucht. Bei vielen Stimmen (etwa bei der der Harfe) sei folgendes deutlich geworden: „Obwohl über Engels Ausbildung so gut wie nichts bekannt ist und er seinen Lebensunterhalt als einfacher Geschäftsmann verdiente (im Berliner Kaufhaus Hermann Tietz, dem Vorläufer von Hertie), notierte Engel in seiner Partitur nichts, was für die entsprechenden Instrumente ungünstig wäre oder gar nicht spielbar.“ Er habe sich mit Sicherheit professionellen Rat geholt, ist Anna Skryleva überzeugt. „Eine solche Oper am Klavier zu komponieren und zu orchestrieren – dafür müsste man schon Mozart sein.“