„Amelia“ von Ivan Zajc

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Schon immer fand ich die sogenannten Kleineren Komponisten (Compositori minori) aus dem Umkreis Verdis so spannend in ihrem Bemühen, eine alternative Musiksprache zum Giganten der italienischen Oper zu entwickeln und damit eine eigenständige Identität zu zeigen. Operalounge.de-Lesern wird nicht entgangen sein, dass wir viel über diese Musiker berichtet haben – Marzano ist so einer, vor allem aber Gomes oder Apolloni, später auch Catalani oder vorher Ponchielli natürlich (und viele mehr wie Bona, Merdadante, Faccio u. v. m.). Alle eint das Bemühen, aus dem Schatten Verdis herauszutreten, der die Musikszene nicht nur Italiens beherrschte – nur Wagner kommt ihm gleich.

Spannend sind auch jene Komponisten, die durch die politischen Entwicklungen in Europa sich von einem Produzenten eher gefälliger Musik zu glühenden Freiheitskämpfern entwickeln und damit ihre schöpferische Kraft in den Dienst der nationalen Sache stellten – Oper als Propaganda (ganz im Sinne des jungen Verdi). Ivan Zajc ist so einer (wie auch seine griechischen Kollegen Carrer oder Samara oder Auber in Belgien/Frankreich). Was zeigt, dass Oper als politische Propagandamaschine durchaus Wirkung zeigen kann oder zumindest die sozialen und politischen Strömungen der Zeit widerspiegelt.

Ivan Zajc, zu Beginn ein hoffnungsvoller K. u. K-Komponist aus dem österreichischen Herrschaftsgebiet, dem heutigen Kroatien, wandelte sich vom italienisch-geprägten Opern-Komponisten zum glühenden kroatischen Nationalisten nach der Ablösung seiner Vaterlandes vom österreichischen „Joch“. Seine Befreiungsoper Nikola Šubić Zrinski rüttelt mit allen verfügbaren Säbeln gegen die ehemaligen Besatzer und hatte eine phänomenale nationale Wirkung. Dennoch – seine „besseren“ Opern stammen aus seiner italienischen Zeit in Fiume, dem heutigen Rijeka. Und eine davon, die Amelia nach Schillers Räubern, wollen wir vorstellen (sie ist bei youtube in trüber Optik, aber gutem Klang nachzuerleben, wie manche andere Zajc-Opern auch.).

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Der junge Johann von Zaytz/HeiB

Der Komponist: Ivan Zajc (eigentlich Johann/Giovanni von Zaytz) wurde 1832 im damaligen italienischen Ort Fiume an der Adria, heute Rijeka, geboren – Italiens Anspruch erstreckte sich bis nach lstrien und zum ostseitigen Adria-Ufer (wodurch auch die Pflege istrischer Komponisten wie Smareglia heute noch am Teatro Verdi von Triest erklärbar ist). Zajcs Karriere beschreibt exemplarisch ebenso das musikalische wie politische Geschehen seiner Zeit. Er studierte in Mailand (1850 – 55) bei Stefano Ronchetti-Montivi, Alberto Mazzucato und vor allem bei Lauro Rossi (dessen „Domino nero“ ebenfalls Gegenstand dieser Opern-Serie sein wird, zuletzt in Jesi aufgeführt wurde und bei Bongiovanni als CD vorliegt). Wie viele seiner Komponisten-Kollegen aus nicht-italienischen Ländern sah auch er in einem Studium am Mailänder Konservatorium die große und einzige Möglichkeit, in der damaligen Musikszene seiner Zeit zu reüssieren. Seine erste Oper La Tirolese gewann 1855 an der Musikhochschule von Mailand den ersten Preis.

Bemerkenswerterweise ging er danach sofort zurück an die Oper (Teatro Civico) seines Geburtsortes, wo er 1860 seine außerordentlich interessante Oper Amelia nach dem Drama Schillers herausbrachte. Romilda da Messina, ebenfalls nach Schiller, von 1862 blieb nur ein Projekt, ebenfalls I Fu­nerali del Carnaval 1862 und La Festa del Ballo 1863. Von 1855 bis 1862 blieb er in Fiume, dann wechselte er nach Wien – die Alternative zu Mailand und das Mekka der Operette, die er nun in großer Anzahl und mit Erfolg herstellte. In diese Jahre fällt Tagesware wie Mannschaft an Bord, Fitzliputzi, Ein Rendezvous in der Schweiz, Meister Puff und vieles mehr – alle deutlich im Strauß/Lanner-ldiom und der populären Unterhaltung an den verschiedenen Theatern verpflichtet. Sogar eine Sonnambula nach dem Libretto von B. Young von 1868 gibt es. 1870 schrieb er nicht nur den Raub der Sabinerinnen für das Friedrich-Wilhelmstädtische Theater zu Berlin, sondern zog wieder zurück in die Heimat, in das damalige Agram, heute Zagreb, wo er zum Leiter und Generaldirektor der ersten festen „Croatischen Nationaloper “ (1870 – 1908) ernannt wurde, säbelrüttelnde Nationalopern (u. a. Nikola Subic Srinski) gegen die ehemaligen K.& k.- Landesherren schrieb und durch diese am nationalen Image seines Landes mitwirkte.

Ivan Zajc: „Amelia“ – das Städtische Theater von Fiume, später Rijeka/ OBA

 Das liest sich für uns heutige Europäer so unverfänglich, steht aber für eine bedeutende nationale Entwicklung und politische Umwälzungen, denn die Loslösung von Österreich-Ungarn und die Rückbesinnung auf einen eigenen Staat Kroatisch-Slawonien (Militärgrenze bis 1881) brachten auch ein erhöhtes Nationalbewusstsein und ein vermehrtes Bedürfnis nach Stärkung der eigenen Kultur mit sich, wie dies in vielen Ländern Osteuropas der Fall war. Smetana oder Dvorák stehen musikalisch-politisch in Tschechien dafür. Noch 1809 – 1814 hatte Kroatien zu den Illyrischen Provinzen Napoleons gehört, danach wurden die beiden Teile wie Nebenländer der ungarischen Krone behandelt. In den Revolutionsjahren 1848/49 kämpften die Kroaten auf kaiserlicher Seite unter Banus Jelacic gegen die Ungarn. Daraufhin wurden Kroatien und Slawonien ein einziges österreichisches Kronland, jedoch 1867 wieder mit Ungarn (nun unter österreichischem Zepter) vereinigt. Die Sonderstellung legte der ungarisch-kroatische Ausgleich 1867 fest. Im 1. Weltkrieg schlossen sich die Kroaten den Bestrebungen zur Schaffung eines südslawischen Na­tionalstaates an (1918), doch traten sie bald entschieden in heftige Gegnerschaft zur aggressiven zentralistischen Politik Jugoslawiens. 1941 – 45 bestand der von den Achsen­mächten gestützte Staat Kroatien, 1946 wurden daraus Kroatien, Dalmatien und Slawonien, die gingen in die Volksrepublik der Bundesstaaten Jugoslawien über. Heute ist Kroatien wieder und endlich eigener Staat mit den beiden Opernzentren Zagreb und Rijeka. (Zajc´s Oper Lisinka fällt in die  letzte Phase im Schaffen und Leben des Komponisten, der in Zagreb 1914 hochgeehrt starb. Sein Andenken ehrt auch die heute in lvan-Zajc-Theater umbenannte Oper in Rijeka, seiner Geburtsstadt.)

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Ivan Zajc: Szene „Amelia“ Rijeka 1999/NKIZJ

Die Musik: Amelia – eine visionäre Jugendoper. Als Alternative zu Verdi und seinen Masnadieri soll hier die Amelia von Zajc vorgestellt werden, die es im vergangenen Jahrhundert auf zwei Aufführungsserien am Heimattheater von Rijeka brachte, einmal 1996 und dann wieder 1999. Zoran Juranic, damals GMD in Zagreb und renommierter Musikwissenschaftler, hat sich in der Vergangenheit wie kaum ein anderer um die Ausgrabung seltener kroatischer Opern gekümmert. Er erstellte die Edition der Amelia für die konzertanten Aufführungen 1996 (Miro Belamaric und Nada Matosevic leiteten dann die szenische Aufführung 1999 in der Regie von Peter Selem, Mirella Toic war neben Antonija Borosa die Amelia). Im Programm zur Bühnenversion schreibt Juranic von der überraschenden Schönheit der Oper, ihrer unumstrittenen Reife, ihrer dramatischen Kraft und ihrem melodischen Reichtum. Damit eröffnet die Amelia des jungen Zajc (um keine ungeliebten Assoziationen bei Kroaten aufkommen zu lassen, bleibe ich bei der späteren Schreibweise des Namens, obwohl die Familie von Zaytz eine lange italo-­österreichische k. & .k-Tradition besaß…) heute neue Fragen über die Möglichkeiten und Grenzen ihres jungen Komponisten. Sie wurde auf der Basis interessanter historischer Informationen im Nachlass des späteren Nationalkomponisten entdeckt und ist vielleicht auch die erste Oper, die in Fiume/ Rijeka aufgeführt wurde. Sie verändert in ihrer Melodienfreudigkeit die bislang bekannten Parameter für die Bewertung von Zajc, der nur durch seine späteren Operetten und darauffolgenden slawisch orientierten Opern bekannt ist. Der Stil der Amelia, ihre Ernsthaftigkeit und ihre erstaunliche musikalische Einheit sind Grundzüge, die man in diesem Maße und dieser Ausprägung nicht aus anderen Werken dieser Schaffensperiode Zajc ‚ kennt.

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Natürlich wurde Amelia im Schatten Verdis geschrieben – und dieser Schatten machte allen zeitgenössischen Kollegen das Leben schwer. Dennoch – Zajc kann sich durchaus gegen diesen Giganten behaupten (und vielleicht ist dessen Primat auch der Grund dafür, dass Zajc nach einem vielversprechen­den Erfolg in Mailand so schnell wieder nach Fiume zurückkehrte). Die Oper ist nach dem konservativen Brauch des Mailänder Konservatoriums dezent instrumentiert, bietet jedoch viel Einfühlungsvermögen für das Kolorit und interessante Lösungen für den Einsatz der Stimmen. Zajc zeigt sich als ein Meister des Belcanto, der sein Repertoire und seine Trickkiste gut beherrscht. In Erinnerungen bleiben viele Momente der im Radio übertragenen Oper – etwa die Arie Amelias im ersten Akt, das Duett Corradino-Ermano oder die Arie des Grafen. Bedeutend klingt auch das effektvolle Finale des 2. Aktes mit den vielen Anklängen an Kompositionen der Zeit und der Kollegen/Lehrer – etwa Lauri-Rossi, dem Zajc in mancher Hinsicht verpflichtet ist. Und Amelias Gebet im vierten Akt ist ein visionäres Vorecho für Verdis Otello. Aber mehr als diese Details überrascht das hohe kompositorische Niveau. Formale Ausgeglichenheit und ein ganz individueller szenischer Ausdruck (trotz des wirklich schwachen Librettos voller verbaler Absurditäten) zeigt einen Komponisten mit einer klaren künstlerischen Vision und hohen Zielen .

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Ivan Zajc: Szene „Amelia“ Rijeka 1999/NKIZJ

Zoran Juranic stellt die interessante Frage, wer nun der eigentliche, wahre Ivan Zajc war. Hat dieser in wechselnder Umgebung (Mailand – Fiume – Wien – Zagreb) die mögliche Weltgeltung einer respektablen, aber lokal begrenzten Umgebung geopfert? Es ist bekannt, dass Zajc von Natur aus sehr anpassungsfähig war, sich mit unnötigen Fragen ganz pragmatisch nicht belastete und an künstlerische Fragen ebenso utilitaristisch heranging. Er schrieb, vor allem nach Fiume in Wien (aber auch später in Zagreb), was man von ihm verlangte oder was er meinte, dass man von ihm erwartete. Dennoch zeigt uns die vor kurzem erst wiederentdeckte, 1899 für die Scala geschriebene und dort nie aufgeführte Oper I Minatori (Die Minenarbeiter) in ihrer verblüffenden spätromantischen Modernität die in der täglichen Routine verschütteten Ambitionen dieses vielseitigen Komponisten (als La Dea della Montana wurde die Oper ca. 1990 von Radio Zagreb gesendet und von der BBC übernommen). Zu denen gehört in ihrer Schönheit, ihrem individuellen Stil und ihrer frühen Meisterschaft seine Jugendoper Amelia, die ihre szenische Rehabilitierung und vor allem weitere Verbreitung absolut verdient.

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Ein Foto unserer tapferen und stets arbeitswilligen Übersetzerin aus dem Französischen Ingrid Englitsch aus Wien – Danke!

Die Amelia folgt – wie der Regisseur Peter Selem für die Aufführung 1999 in Rijeka schrieb – Schillers Räubern, also auf ein Drama, das emblematisch für einen leidenschaftlichen Romantizismus steht: Das Libretto folgt der Vorlage nicht sklavisch – manchmal ist es ihr sehr nahe, manchmal sehr fern. In manchen Momenten meint man, in einer anderen Story zu stehen. Aber überall ist dieses romantische Feuer zu spüren. Selem nennt es ein „überhöhtes Feuer der Romantik'“. Die Musik folgt diesem Feuer. Sie wirkt in sich und legitimiert sich dadurch. Es gibt für diese Ausprägung der Romantik viele bekannte Bilder und Symbole/Topoi: Bergpässe, verwunschene Burgen, Einsiedler, Blitze, Gewitter und Donner, Morgengrauen und Sonnenaufgänge, düstere Nächte, Liebe, Rache. Es gibt Vorgänge, die aus einer anderen Welt herüber zu wirken scheinen und die man heute Horrorstories nennen würde. In dieser romantischen Welt geschieht alles wie im Fieber. Bewegungen, Gesten, Beziehungen sprengen das Normale. Andererseits darf diese Überhitzung nie aus einer Kontrolle des Stils herauslaufen, sie soll sich nie mit dem banalen Repertoire oberflächlichen Opernrepertoires begnügen. Die Temperatur muss – um es praktisch zu sagen – stets unter dem Siedepunkt gehalten werden.
Zajc‘ musikalische Dramaturgie gibt genügend Gründe für einen solchen Zugang zum Werk. Die Personen (vielleicht mit Ausnahme der engelsgleichen Amelia) sind keineswegs schwarz/weiß gezeichnet. Sie sind Gestalten voller Gegensätzlichkeiten, wenn sie in der Dunkelheit ihres Seins die Stimmen des Lichts, der Gnade und auch die düsteren Stimmen des Bösen hören. Obwohl die Dramaturgie der Oper gegenüber der Vorlage Schillers viel einfacher angelegt ist, so scheint sie doch erstaunlich reif genug, hohe musikalische Ansprüche zu erfüllen. Die Duette, Arien und Szenen sind so hervorragend geschrieben, so voller musikalischer Inspiration, dass sie für einen Regisseur (und den Zuschauer) außerordentlich anregend sind. Wie also war es möglich, dass in der Geschichte der Oper Kroatiens es nur diesen einen kurzen Moment eines so hohen künstlerischen Belcanto-Niveaus gab? Geerd Heinsen

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(Dank an Ingrid Englitsch für die Übersetzung der kroatischen Artikel im Programmheft zur szenischen Aufführung in Rijeka 1999. Dank auch an Djurdjan Otrzan von Radio Zagreb für die liebenswürdige Hilfe! Und von Amelia gibt es keine offizielle Aufnahme – was bezeichnend dafür ist, wie viele der post-sozialistischen Länder mit ihrem nationalen Erbe umgehen; Foto oben BR/ Ausschnitt/ 2016.)

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.