Flaka Goranci

.

Die Mezzosopranistin Flaka Goranci versteht sich als universelle Künstlerin und widmet ihr aktuelles CD-Projekt „La Femme“ der gesellschaftliche Wirklichkeit von Komponistinnen, Künstlerinnen und sonstigen weiblichen Menschen, die vor allem aufgrund ihres Geschlechts repressiven Bedingungen ausgesetzt sind. Sie beauftragte Komponistinnen vor allem aus dem südosteuropäischen und vorderasiatischen Raum, erforschte Leben und Werk bedeutsamer historischer Persönlichkeiten und hat mit dem „World Chamber Orchestra“ für dieses Projekt ein eigenes neues Ensemble auf die Beine gestellt. Im Interview mit Stefan Pieper spricht die in Wien lebende, kosovo-österreichische Sängerin und Komponistin über ihren eigenen Werdegang, über gesellschaftliche Lebensumstände und die Vision, die sie zu ihrem aufwändigen Projekt antrieb.

.

Erzählen Sie mir etwas über die Vorgeschichte dieses Projektes. Ich habe mir schon sehr früh Gedanken über den Komponisten-Beruf aus weiblicher Sicht gemacht. Zugleich wollte ich vieles ausprobieren und mich nie zu stark auf eine Sache festlegen. Aber ich möchte hier etwas weiter ausholen, denn in das Projekt „La Femme“ fließt sehr viel persönliches von mir ein: Als Kind habe ich mit dem Klavierspiel begonnen. Ebenso habe ich gerne gesungen. Anscheinend gut genug, dass sich einige sehr gut vorstellen konnten, dass ich eine gute Opernsängerin abgeben würde.

Dann kam der Krieg im Kosovo und das war eine gewaltige Umbruchzeit für mich. Ich war nicht mehr Kind, sondern musste jetzt schnell erwachsen werden. Ich flüchtete nach Albanien und begann mit der Malerei, was ich heute als eine Art Heilungsprozess sehe, um viele Erlebnisse aus dem Krieg verarbeiten zu können.

Haben Sie sich auch mit Komposition beschäftigt? Ich war 16, als ich zum ersten Mal auf die Idee kam, einen Song zu schreiben. Daraus wurden schließlich Klavierstücke und dann dachte ich, dass ich Komponistin werden wollte. Bald lernte ich einen angesehenen Komponisten kennen. Mit ihm ergab sich ein aufschlussreiches Gespräch über die Lebensumstände als Frau in diesem Beruf. Seitdem hat es nicht mehr aufgehört, dass ich mich mit solchen Fragen beschäftige. Wie ist es, als Frau Komponistin zu sein? Wie funktioniert so etwas, wenn du verheiratet bist, Familie hast und Kinder groß ziehst? Wo bleibt dann der kreative Freiraum, den es zum Komponieren braucht? Auch heute in der modernen Welt mit ihrer ganzen Dynamik bleibt so etwas schwierig. Alma Mahler und Clara Schumann sind leuchtende Beispiele aus der Geschichte, dass es dennoch geht. Ich habe mich dann weiter im Gesang ausprobiert, was mir sehr lag. Schon nach den ersten Stunden hatte ich ein schönes Gefühl und sah mich schon sehr bald als Opernsängerin. Zu dem Zeitpunkt war ich gerade 18 Jahre alt. Ich habe dann vier Jahre lang in Tirana studiert. Mit 22 hatte ich mein Debüt auf der Opernbühne als Rosina. Das war mit seinen vielen Koloraturen eine riesige Herausforderung. Zunächst mal wollte ich aus Kosovo- Albanien heraus kommen, weil es anderswo viel mehr Karrieremöglichkeiten gibt.

Danach sind Sie ja nach Israel gegangen. War diese Zeit schon prägend für das aktuelle Projekt? Ich hatte das Glück, ein Scholarship in Tel Aviv zu bekommen und habe dann zwei Jahre bis zum Master-Degree dort studiert. Das war eine wichtige Station für mich. „La Femme“ wäre ohne diesen Aufenthalt in Tel Aviv nicht denkbar. Als ich nach Israel ging, hatte ich noch gar keine Ahnung von diesem Land. Bereichernd war für mich, auf was für ein riesiges Repertoire man in diesem Umfeld stößt. Die Vielfalt ist wirklich immens. Besonders faszinierte mich der Umstand, dass es hier genre-übergreifend so viele überlieferte Volkslieder mit sehr spannenden Einflüssen und Stilmischungen zu entdecken gibt. Dieses Erbe wird in Israel sehr gut gepflegt. Viele Komponisten arrangieren überlieferte Lieder neu. Auch im Schulunterricht werden viele israelische Lieder gelernt. Ebenso erstaunlich fand ich, dass viele Musikstile jener Musik, die ich vom Balkan her kenne, ähnlich sind.

Flaka Goranci als Carmen/ Theater Magdeburg/ Foto Andreas_Lander

Haben Sie sich in diesem Kontext über die Lebensumstände von Komponistinnen Gedanken gemacht?  Ich habe mich unter diesem Aspekt sogar musikologisch beraten lassen. Dabei rückten immer mehr Komponistinnen aus Arabien, dem mittleren Osten und vom Balkan in den Fokus. Mittlerweile war eine Projektidee geboren und erreichte einen immer größeren Level. Ich recherchierte einige Jahre weiter, lernte immer mehr Komponistinnen kennen, die sich zum Teil auch unter schwierigen Bedingungen trotzdem Gehör verschaffen. Da eröffnen sich viele Themenfelder, oft voller Dramatik. Ich denke hier an die Situation der Menschen im Kosovo, im Iran, in den besetzten palästinensischen Gebieten oder in Syrien, welche zum Beispiel das Lied „Those forgotten on the Banks of the Euphrats“ der syrischen Komponistin Dima Orsho abbildet. Dima Orsho singt dieses Lied mit mir zusammen auf dieser Aufnahme. Ebenso bin ich auf viele interessante Biografien aus der Musikgeschichte gestoßen. Es gibt hier einige beeindruckende Erfolgsgeschichten. Man denke zum Beispiel an Francesca Caccini, die im frühen 17. Jahrhundert ein sehr hohes Ansehen genoss und auch zu großem Wohlstand kam. Eine ebenso beeindruckende Figur ist die älteste, hier präsentierte Komponistin, die Byzantinerin Kassia, welche im 9. Jahrhundert lebte.
Fast 40 Menschen aus 11 Nationen waren an dieser Aufnahme beteiligt. Ebenso gibt es 21 Auftragskompositionen. War diese Größenordnung von Anfang an geplant? Ich wurde oft gefragt, wie ich den ganzen Aufwand stemmen wollte – mit so vielen verschiedenen Musikerinnen und Musikern und den ganzen Instrumenten. Aber ich war fest entschlossen, dass ich es mache. Ich brauchte einige Zeit, Menschen, auf die ich angewiesen war, zu überzeugen. Für die Finanzierung habe ich ein Crowdfunding gemacht und bin dankbar für den Vertrauensbeweis von so vielen Menschen. Ebenso glücklich bin ich, dass unter anderem auch der österreichische Musikfonds das Projekt unterstützt hat. Mir war daran gelegen, dass sämtliche Musikerinnen und Musiker angemessen bezahlt werden. Insgesamt hat sich eine sehr freundliche und warme Community gebildet.

Welche Herausforderungen gab es bei der musikalischen Realisation?  Es war nicht einfach Musiker zu finden, die vielseitig genug aufgestellt sind. Sie sollten schon alle klassisch ausgebildet sein, aber auch in der Improvisation zu Hause sein, ebenso die arabischen und anderen Stilrichtungen authentisch verkörpern und solche Spielweisen auf ihren Instrumenten beherrschen. Klassische Musiker können oft nicht improvisieren und Sängerinnen und Sänger sind auch oft aufs klassische Gesangsfach limitiert.

Sie nennen Ihr Ensemble „World Chamber Orchestra“ – ist das ein weiteres Zeichen dafür, dass Sie gerne groß denken?  Vor allem will ich hier nicht auf die Weltmusik-Schublade abheben. Ich würde schon eher von einem Classic-Crossover sprechen, wenn wir nach einer Kategorie suchen. Ich will einfach klarstellen, dass die Welt in diesem Orchester zusammenkommt und so etwas möglich ist. Ebenso ist es mein Traum, dass mehr Menschen in ein Opernhaus gehen – und eben nicht nur das Expertenpublikum, um die Superstars in ihren Paraderollen zu erleben. Mir geht es hier nicht darum, die Virtuosität meiner Stimme heraus zu kehren, sondern die Menschen auf einer anderen, tieferen Ebene zu berühren.

Den Worldmusic-Hit „Pata Pata“ mit der Stimme einer ausgebildeten Opernsängerin zu hören, ist am Ende der CD eine echte Überraschung. Wie kam es dazu?  Ich will konventionelle Vorstellungen aufbrechen und neue Kontexte erschließen. Die Verbindung meines Gesangs mit elektronischer Musik ist ein weiterer Vorstoß in diese Richtung. Genauso, wie Kulturen, Länder und Nationen voneinander getrennt sind, verhält es sich mit musikalischen Disziplinen. Ich finde, wir sollten mutiger werden, über Grenzen hinweg gehen und mehr Diversität zulassen.

Flaka Goranci als Carmen, hier mit Iago Ramos (Don José)/ Theater Magdeburg/ Foto Andreas Lander

Können Sie Ihre persönliche Vision, die hinter diesem Projekt steht, beschreiben? Ich komme aus einem Land, in dem Konflikte an der Tagesordnung sind, vor allem mit Serbien. Es gibt viele politische und wirtschaftliche Krisen. Junge Menschen können kaum ausreisen wegen restriktiver Visabestimmungen und es gibt Arbeitslosigkeit. Die Folgen des Krieges sind noch sehr präsent. Auch in Tel Aviv habe ich viele Spannungen, Unruhen und schlimme Dingen mitbekommen. Ich fühle mich sehr glücklich und dankbar, dass ich hier in Wien lebe, wo es so friedlich zugeht. Deswegen sehe ich es als eine Mission an, davon etwas weiter zu geben. Dafür können die musikalischen Grenzüberschreitungen, die hier möglich wurden, vielleicht etwas beitragen. Wenn hier Komponistinnen und Komponisten aus Israel, aus arabischen Ländern, dem Iran, aus Serbien und aus dem Kosovo vereint sind, sehe ich ein Symbol darin.

Mein Wunsch ist es, Grenzen zwischen scheinbar konträren Welten aufzubrechen. Die sind alle nur politisch, während sie durch Musik überwunden werden können. Immer wieder hat mich die Neugier angetrieben. Vor allem auf erfolgreiche, glückliche und manchmal auch heitere Stories, die auch unter feindlichen Lebensumständen möglich sind. Ich habe durch die Arbeit an „La Femme“ nicht nur neue musikalische, sondern auch gesellschaftliche Erkenntnisse gewonnen. Es ist mehr als nur Musik draus geworden, nämlich eine Form von politischem Protest und eine Botschaft für den Frieden (Foto oben Flaca Goranci). Stefan Pieper