Nationales Erbe am Klavier

 

Der dänische Komponist Peter Heise (1830-1879), dessen einzige Oper im Laufe der Zeit zur Nationaloper avanciert ist (siehe Artikel von Rolf Fath), hat sich vor allem mit Liedern beschäftigt. Nachdem er ein begonnenes Jurasdtudium nach einem Jahr abgebrochen und auch sonst keinen Ehrgeiz in Karrieren jeglicher Art entwickelt hatte, machte er letztendlich die Musik zu seinem Lebensinhalt. 1830 in eine Akademiker-Familie in Kopenhagen geboren, begann er bereits mit 13 Jahren, Lieder zu schreiben; erste Kompositionsstudien betrieb er seit dem 18.Lebensjahr bei dem dänischen Komponisten Andreas Peter Berggreen. Da er seinem Talent allein nicht vertraute, ging er zur Vertiefung seiner Theorie-Studien 1852 nach Leipzig. Bei Thomas-Kantor Moritz Hauptmann studierte er Komposition und Theorie, spielte auf Bachs Orgel und engagierte sich im breit gefächerten musikalischen Angebot dieser lebendigen Stadt. Anstatt seine guten deutschen Verbindungen zu einer Karriere zu nutzen, kehrte er 1854 als Musiklehrer nach Kopenhagen zurück. 1857 nahm er die einzige Festanstellung in seinem Leben an der Musikakademie in Sorö an, wo er Choräle, Vokal-Quartette und Kantaten für den Universitätschor sowie Schauspielmusiken für Kopenhagen schrieb. In diese Zeit fällt die Hochzeit mit Vilhelmine Hage, Tochter aus sehr reichem Hause, so dass finanzielle Not ihn nicht anspornte, eine Komponisten-Karriere voran zu treiben.

Nachdem das Paar sich 1865 wieder in Kopenhagen – mit einem großen Landhaus in Tarbaek für den Sommer – niedergelassen hatte, schrieb Heise, der ein fähiger Pianist war und auch Geige spielte, mehrere Kammermusikwerke, allerdings ohne nachhaltigen Erfolg auf den Konzertpodien. Er wurde nie eine öffentliche Berühmtheit, obwohl seine Lieder gedruckt wurden und im Laufe der Zeit mehr und mehr bekannt wurden. Drei längere Italienreisen in den 1860er Jahren, auf denen Heise italienische Kultur, Kunst und Leben lieben lernte, wirkten sich nicht entscheidend auf seine Kompositionen aus. Er starb 1879 an Nierenversagen, kurz nachdem der Druck einer dreibändigen Edition seiner Lieder begonnen hatte, die sich nach seinem Tod in Dänemark schnell verbreitete.

Fast sein gesamtes Liedschaffen ist nun erstmals in einer Kassette mit 11 Silberscheiben bei Dacapo erschienen. In der Zeit von Oktober 2016 bis Februar 2020 wurden 272 Lieder – darunter drei bislang unveröffentlichte – eingespielt, gesungen von 18 Sängerinnen und Sängern meist dänischer Muttersprache. Sie wurden alle von Christian Westergaard am Klavier begleitet, der sich als Assistent-Professor an der Königlich-Dänischen Musikakademie in Kopenhagen unermüdlich mit der weiteren Erforschung und Veröffentlichung dänischer Komponisten beschäftigt.

Westergaard teilte die Lieder auf in verschiedene Gruppen entsprechend den Hauptthemen von Heises Arbeit. Wie auch in seiner Oper grif  Heise gerne auf historische Vorlagen und Ereignisse zurück, wobei ihn die Frauengestalten mehr reizten als kriegerische Gesänge. Dass die Psychologie der Frauen ihn so interessierte, mag wohl auf ein zentrales Ereignis seines Lebens zurückzuführen sein, den Tod seiner Mutter bei seiner Geburt.

Zu den musikalischen Frauenporträts nach historischen Vorlagen gehören u.a. Dyvekes Sange, Lieder der Geliebten des Königs Christian II, in denen Heise deren Träume und Ängste nuanciert vertonte. In der Gesamtedition sind die sieben Lieder gleich zweimal enthalten: Die dänische Fassung wird von Mari Eriksmoen mit leichtem, hellem Sopran vorgetragen, während auf Deutsch Clara Cecilie Thomsen mit aufblühendem Sopran und mit dramatischen Akzenten aufwartet.

Das lange Gedicht Bergliot verfasste der norwegische Dichter Björnstjerne Björnson extra für Heise, den er in Italien kennengelernt hatte. Es entstand auf der Basis einer alten nordischen Sage über König Harald Harderade, der Bergliots Ehemann Einar und ihren Sohn Endride ermordete. Heise vertonte den Text in einer Verbindung von Liederkreis und Solokantate. Johanne Thisted Hoejlund gelingt es, mit vollen Mezzo-Timbre die dramatische Entwicklung deutlich herauszuarbeiten.

Gudruns sange, Lieder auf Passagen der nordischen Edda-Sage, drücken die Trauer und auch den Hass auf männliche Gewalttaten aus. Da singt zuerst Francine Vis mit hellem Mezzo die sechs tieftraurigen Lieder im dänischen Original, während J.T. Hoejlund sie in englischer Übersetzung mit dunklerem Mezzo auslotet; beides sind beeindruckende, zum Inhalt passend Interpretationen.

Zu Liederkreisen mit anderen Themen gehört die Gruppe der sieben Sydlandske sange, die Bo Kristian Jensen vorstellt: Mit jugendfrischem, lyrischen Tenor bringt er die italienisch anmutenden Lieder über Karneval und südländisches Leben rüber, darunter eine typische Tarantella mit Rossini-Zitat.

Wenig Raum in Heises Themenwahl nahm z.B. Nationalismus ein. Da gibt es hier nur sechs Krigssange nach dem verheerenden Krieg mit Preußen 1864; seitdem vertonte er überhaupt keine deutschen Texte mehr. Stig Fogh Andersen und Jakob Bloch Jespersen haben sich dieser Lieder angenommen: Dem Wagnertenor Andersen gelingen das ruhige Guds fred med vore doede und das die glückliche Heimkehr preisende Indtoget besonders gut. Jespersen trumpft mit markantem Bass-Bariton bei Krigssalme und Til kamp mächtig auf.

Ein Themenschwerpunkt von Heise waren Erotik- und Liebeslieder. Bei den unter Erotiske digte zusammengefassten Liedern aus dem letzten Lebensjahr des Komponisten zeigt Lars Moeller seine baritonalen Vorzüge: Er gestaltet das ruhige Skovensomhed mit gebundenen innigen Aufschwüngen, setzt  dramatische Impulse bei Til en veninde und beweist gute Tiefen in Advarsel. Zum Vergleich präsentiert J.B.Jespersen die Lieder mit feinen dynamischen und artikulatorischen Abstufungen am Ende derselben CD in deutscher Übersetzung. Bereits in den 60er Jahren vertonte Heise sechs Liebeslieder nach Emil Aarestrup, die der vorwiegend als Konzertsänger gefragte Adam Riis mit leicht ansprechendem Tenor vorstellt; reiner Jubelgesang sind das schwungvolle Hvile pa vandringen sowie das mit Emphase vorgetragene I hjemmet.

Ebenfalls aus dem letzten Jahr stammt der Zyklus Farlige drömme (Gefährliche Träume) nach Texten von Holger Drachmann, dessen sechs Lieder Bo Skovhus erst im dänischen Original, danach in deutscher Übersetzung mit ruhiger Stimmführung gekonnt vermittelt; sein viriler, flexibler Bariton passt gut zu den höchst anspruchsvollen Liedern.

In sieben Liedern zu den historischen Digte fra middelalderen bringt Astrid Nordstad ihren bestens durchgebildeten Mezzosopran zur Geltung; mit klaren Spitzentönen (Gammel fransk romance), dramatischer Attacke (Unge George Campbell) und lockeren Verzierungen (Skoenne fru Beatriz) erfreut sie besonders. Elsa Dreisig präsentiert mit leuchtendem Sopran dieselben Lieder auf Französisch, so dass sie einen ganz anderen Charakter bekommen.

In drei Duetten in Form von Wechselgesängen verbindet sich Astrid Nordstads Mezzo gut mit Simon Duus‘ rauem Bass-Bariton (Gudbrand og Astrid ); bei den beiden Anderen ist Aleksander Nohr mit leicht ansprechendem Tenor ihr kongenialer Partner, der auch mit den Einzelliedern – wie z.B. dem spannungsvollen Nomadeliv – Vielversprechendes hören lässt. Sofie Elkjaer Jensen stellt ihren warmen, lyrischen Sopran mit nahezu perfektem Schöngesang ganz in den Dienst der melodiösen Heise-Lieder.

Bei Vertonungen von englischen Texten im Original sowie Shakespeare in dänischer Übersetzung fühlt sich Signe Asmussens kultivierter Mezzo mit Höhe hörbar wohl wie z.B. mit dem ausdrucksstarken Kom nu kun, doed. Zu dem Drama Bertrand de Born von Ernst von der Recke schrieb Heise sieben abwechslungsreiche Lieder, die David Danholt mit kernigem Tenor (Mod syden i kvaeld), aber auch weicheren Tönen in den lyrischen Passagen (Rosamunde) darbietet. Sehr guten Eindruck macht Jens Söndergaard mit Nikolaus Lenaus fünf Schilfliedern. Mit kräftigem Bariton deutet er die deutschen Texte intensiv aus, was ihm bei Trübe wird’s, die Wolken jagen auch in den ruhigen Momenten zwischen den Boen gelingt.

Nicht hoch genug loben kann man Christian Westergaard, der über die 4 Jahre all diese Sänger und Sängerinnen verschiedener Altersstufen am Klavier begleitet und geführt hat. Wie er pianistisch die Vielfalt der Melodien und spielerischen Charakteristika klingen lässt, hat hohes Niveau. Vom schlichten Schlaflied Childe Harold mit unerwarteten kompositorischen Wendungen bis zu der geforderten Dramatik in Krigssange oder dem extremen Nachspiel von Kaeden sig spraenger – de kaemper ej laenger meistert er die kompositorischen Finessen Heises hervorragend.

Insgesamt lässt sich sagen, dass Peter Heise viele melodische Ideen hatte, die er in seinen Liedern verwirklichte. Vom schlichten Strophenlied bis zu den letzten filigran und abwechslungsreich durchkomponierten Liedern lässt sich durchaus eine Entwicklung erkennen. Insofern hat sich der Aufwand der Gesamteinspielung gelohnt.

Leider stehen die meisten Lieder nur mit dem dänischen Text im Beiheft; genauere Angaben zu den Liedern, wie z.B. die Entstehungszeiten, kurze Inhalte der vielen übrigen Lieder, die nicht noch in anderen Sprachen gesungen werden, fehlen. So kann man beispielsweise nicht immer beurteilen, ob die Texte gut interpretiert werden; das ist dann einfach nur schöner Gesang.

Zur Verbreitung des Liedgutes in aller Welt sollte man aus den interessantesten Liedern eine CD zusammenstellen und zumindest alle dänischen Texte mit einer englischen Übersetzung versehen. Die informativen Artikel von Jens Cornelius über Heises Lebenswerk und von Christian Westergaard über sein Liedschaffen sind wenigstens auch in englischer Sprache vorhanden (DACAPO 8.201101, 11 CDs). Marion Eckels