Zum 200. Geburtstag

 

Bereits während der flott bebilderten Ouvertüre sehen wir, wie sich Heloïse Mas in Boulotte, Christophe Gay in Popolani und Yann Beuron in Barbe-Bleue verwandeln. Dann tauchen Zeitungsausschnitte auf, die neben allerlei Unbill auch von den fünf Frauen des Barbe-Bleue berichten. Frühmorgens treffen sich dann der Schäfer Saphir und die Schäferin Fleurette, sie offenbar noch im Nachthemd, er immerhin im Arbeitsoverall, an einer Haltestelle, die ebenso trostlos wirkt, wie das restliche Dorf, bei dem das Wort ländliche Idylle nicht aufkommen mag. Während sie an Hochzeit denkt, hat er ganz anderes im Sinn. Endlich erscheint taucht Boulotte, der gut gepolsterte Weibsteufel des Dorfes – „eine wahre Rubensfigur“/„C’est un Rubens!“ wird Blaubart bei ihrem Anblick schwärmen – die ihrerseits alles unternimmt, um den Schäfer zu erobern. Aus der morgendlichen Öde mit Landarbeitern und Landarbeiterinnen in Latzhosen bzw. Kittelschürzen und Stiefeln, wobei Boulette den Männern ungeniert an die Wäsche geht und die mezzorund satt gurrende Mas einen Vorgeschmack auf eine sicherlich irgendwann nahende Carmen gibt, entwickelt Laurent Pelly eine seiner lustvoll kurzweiligen Offenbach-Erkundungen. Erneut an der Opéra de Lyon, an der er 1997 – in Koproduktion mit Genf – mit Orpheus in der Unterwelt debütierte. Ein halbes Dutzend von Offenbachs Opera Bouffes gehen mit der Schönen Helena, der Großherzogin von Gerolstein, dem Pariser Leben und Roi Carotte mittlerweile auf sein Konto; im Beiheft der zum Ende der Saison im Juni 2019 in Lyon entstandenen DVD (Opus Arte OA 1335D) ist sogar von Pellys „eleventh stage production of a work by this composer“ die Rede.

Zweifellos wird auch Pellys Barbe-Bleue als Gegenentwurf zu Felsensteins ab 1963 drei Jahrzehntelang an der Komischen Opern gehegten Inszenierung, die das 1866 uraufgeführte Stück erst in Deutschland populär gemacht hatte, Geschichte machen. Nach dem Libretto von Meilhac und Halévy, der zweiten Arbeit des Autorenduos für Offenbach, läuft es ein wenig zäh an: Erst, als sich Fleurette aufgrund der Nachforschungen des Kanzlers Oscar als die vor 18 Jahren ausgesetzte Königstochter herausstellt sowie Blaubarts Alchimist Popolani die Dörfler von der Absicht seines Herrn in Kenntnis setzt, sich unter dem Frauen des Dorfes seine sechste Ehefrau zu wählen, und dieser höchstpersönlich seiner Staatskarosse entstiegt, kann Pelly mit den trefflich gezeichneten Gruppen, den neugierig im Takt die Hälse reckenden, glotzenden und einfältig stierenden Dorfbewohnern seine Kunst der Kleinzeichnung entfalten. Vor allem seine Kunst der feinsinnigen Komödie, der diskreten Anspielungen, der alerten Farce, die nie zur groben Gaudi gerät. Yann Beuron ist mit einfarbigem Tenor, dessen dünne Höhe er gut kaschiert, als Blaubart kein charismatisches Bühnentier, doch sein zwischen Mafiosi und milliardenschwerem Investor angesiedelte Kim Jong-un-Imitation bietet taugliche Unterhaltung, wobei im Gegensatz zum nordkoreanischen Diktator seine Leichen zum Leben erwachen. Hinreißend gelungen ist dagegen die gezierte Trump-Kopie, die der formidable Singschauspieler Christophe Mortagne als König Bobèche ausführt. Alle sind – mit tadelloser Diktion – wunderbare Darsteller und ausgefeilte Typen, die von dem 26jährigen Michele Spotti wie an seidenen Fäden geführt werden: Christophe Gay als Popolani, Thibault de Damas als Oscar, Aline Martin als Königin, Jennifer Courcier als Fleurette und Carl Ghazarossian als Saphir. Der schnörkellos klar akzentuierende Spotti ist aber die eigentliche Entdeckung des Abends. Bobèches Palast ist dem Büro des amerikanischen Präsidenten nachgebildet (Chantal Thomas), darin Pelly sein zwischen Parodie und Gesellschaftskomödie, zwischen Tati und de Funès angesiedeltes Spiel exakt austariert. Das Hochzeitsbild ist eine Parodie auf Hochzeitsszenen am englischen Hof mit einem wie die Königsfamilie gekleideten Chor und stiff upper lip. Daneben und darüber sind immer wieder Ausschnitte aus der Klatschpresse zu sehen, die die Ereignisse in der Welt verbreiten.  Rolf Fath

 

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