Märchenzauber

 

Und es gibt sie doch noch die sich nur aus dem Geist des Librettos und der Musik speisenden Inszenierungen von Opern, die weder die Widerspiegelung des  Gemütszustands des Regieteams noch Abbild einer meistens miesen Gesellschaft sind. Man muss sie nur recht lange suchen, denn wer weiß schon, wohin er sich wenden soll, wenn er von einer Opera Nova von Bydgoszcz hört. Klarer wird die Sache, wenn er ergoogelt, dass es sich dabei um die jetzt polnische Stadt Bromberg handelt, die seit den Siebzigern tatsächlich ein neues Opernhaus besitzt, ganz offensichtlich der Stolz der Stadt und ihrer Bewohner.

Hier also hat Regisseurin Kristina Wuss in Zusammenarbeit mit Bühnenbildner Mariusz Napierala, der auch für die Kostüme verantwortlich ist,   eine hochpoetische Rusalka auf die Bühne gebracht, die dem Zuschauer das Schicksal der Nixe und ihres Prinzen nahebringt. Das Einheitsbühnenbild lässt  die Wassergeister in einem Fluss, die Menschen auf der darüber gespannten Brücke schwimmen bzw. sich ergehen. Nebel wallen, das Licht alter Gaslaternen beleuchtet die Szenerie ebenso wie ein übergroßer Mond. Die  Brücke mit schmiedeeisernen Verzierungen, die tatsächlich in Bromberg existierte,  stammte aus der Entstehungszeit der Oper, sie wurde 1902 eingeweiht, die Oper 1901 uraufgeführt, und je nachdem, ob Deutsche oder Polen die Herrschaft ausübten, zerstört oder wieder aufgebaut.  Viele Sprachen habe sie bereits gehört im Verlauf ihrer Geschichte, meint die Regisseurin, besonders oft natürlich Deutsch und Polnisch, und so wie in der Märchenoper Mensch und Nixe einander nicht verstehen können, so trotz einiger Versuche auch Polen und Deutsche in der Vergangenheit nicht. Wer bei Wikipedia nachforscht, stößt auch auf den Begriff Bromberger Blutsonntag, ein Pogrom polnischer Staatsbürger zulasten der deutschen Stadtbewohner nach dem Einmarsch Deutschlands in Polen 1939.

Wie schön, dass sich nun polnische Theaterbesucher wie deutsche Blu-ray-Besitzer an der Nachbildung der Brücke erfreuen können. Über die fährt einige Male eine Bimmelbahn, es gibt Straßenmaler, Laternenanzünder, Kinder mit Luftballons, und im Wasser schwimmen von den Nixen geflochtene Blumenkränze mit Lichtern in ihrer Mitte. Die Kostüme weisen etwas weiter, nämlich in das Biedermeier, zurück und sind, jedes für sich genommen, Meisterwerke der Kostümbildnerkunst. Die Fremde Fürstin allerdings ist gekleidet wie eine Puffmutter, die Hexe, sehr jung, in braunes Leder, Rusalka und ihre Gespielinnen tragen lange weiße Gewänder. Zum Schluss zieht der Wassermann die Bahre mit dem Prinzen den Fluss hinunter und verschwindet mit ihr in der Ferne. Kein so guter, weil wenig logischer Einfall ist es wohl, die Liebesnacht zwischen Fürstin und Prinz in einer aufgeklappten Riesenmuschel stattfinden zu lassen.

Die Sänger entsprechen optisch wie akustisch den idealen Vorstellungen, die man von ihnen hat. Magdalena Polkowska ist eine sehr schöne Rusalka mit silbrig klingendem Sopran, wie geschaffen für das Lied an den Mond, mit einer schönen lyrischen Klage im 3. Akt und noch an ihre Grenzen kommend in den dramatischen Ausbrüchen. Tadeusz Szlenkier ist der attraktive junge Prinz mit typisch slawischem Tenor, der auch den empfindsamen Schluss sehr gut meistert. Jacek Greszta gibt einen wunderbaren Wassermann, zunächst noch etwas dumpf, aber sich zunehmend steigernd und von beeindruckender Bühnenpersönlichkeit. Die Hexe wird von Darina Gapicz so gesungen, wie man sich auch die Fremde Fürstin gewünscht hätte, mit erotisch geheimnisvoll klingendem Mezzosopran. Wie eine alternde Operrettendiva wirkt hingegen Katarzyna Nowak-Stánczyk in dieser Partie. Pavlo Tolstoy und Victoria Vatutina haben angenehme Auftritte als Heger und Küchenjunge.

Vom Ballett (Iwona Runowska) hätte man sich weniger Hupfdohlenhaftes gewünscht, untadelig hingegen Chor (Henryk Wierzchon) und Orchester (Maciej Figas), die ebenso zaubern, wie es die Optik fertigbringt.

Ein dreisprachiges (polnisch, englisch, deutsch) Booklet, das schon fast ein Buch ist, erhöht den Wert der Blu-ray zusätzlich (DUX 6178). Ingrid Wanja