Vokalisen der Wiener Sezession

 

Renée Flemings Affinität zur Musik der Neuen Wiener Schule ist bekannt. Bereits 1996 spielte sie (damals noch für Sony) unter James Levine drei Ausschnitte aus Bergs Wozzeck und dessen Drei Stücke op. 6 sowie die Lulu-Suite ein. 2005 folgten für die DG des Komponisten Sieben frühe Lieder und das Sopransolo von Mahlers Vierter unter Claudio Abbado. Zuletzt erschien bei Decca, der Stammfirma der Sopranistin, auf DVD die Aufzeichnung eines Liederabends von 2012 aus dem Wiener Musikverein („Vienna at the Turn of the 20th Century“) mit Kompositionen von Wolf, Mahler, Schönberg, Zemlinsky, Korngold und Strauss. Nun veröffentlicht Decca eine interessante, weil ungewöhnliche Programmzusammenstellung mit der amerikanischen Sängerin und dem Emerson String Quartet (478 8399). Da finden sich Alban Bergs Lyrische Suite mit einer Alternativ-Version des letzten Satzes (Largo desolato) für Sopran, danach die Sonette der Elisabeth Barrett Browning op. 52 von Egon Wellesz und von Eric Zeisl das Lied „Komm, süßer Tod“ in einem Arrangement für Sopran und Streichquartett von J. Peter Koene.

Bergs sechsteilige Suite mit ihrem Wechsel von schnellen und langsamen Sätzen, mit den Zitaten aus Wagners Tristan und Zemlinskys Lyrischer Symphonie sowie dem vom Komponisten selbst niedergeschriebenen Programm  reflektiert eine Episode aus Bergs Aufenthalt in Prag 1925, als er eine Woche bei dem Industriellen Herbert Fuchs-Robettin verbracht und sich in dessen Frau Hanna verliebt hatte. Die Suite zeichnet ein Porträt dieser Frau mit ihren beiden Kindern, schildert eine Liebeserklärung und nachfolgende leidenschaftliche Affäre, die Schmerzen der folgenden Tage bis zu Sehnsucht und Trauer am Ende. Das Emerson String Quartet findet genau die Balance zwischen kantabler Heiterkeit und fiebriger Spannung im Allegretto gioviale, zeichnet das Andante amoroso sehr feinsinnig und sensibel, das Allegro misterioso hintergründig-geheimnisvoll und das Adagio appassionato mit sehrender Intensität. Das Presto delirando führt in seelische Abgründe mit dissonant-schroffen Passagen und zerklüfteten Harmonien, bis das Largo desolato die Komposition zögerlich beschließt und danach nochmals in der Alternativversion mit Sopranstimme erklingt. Fleming singt mit flirrender Stimme betörend, kann den Text aber nur als Vokalisen wiedergeben.

Wellesz war ein Zeitgenosse von Berg, geboren im selben Jahr (1885) und wie er einer der ersten von Schönbergs Privatschülern für Komposition. Seine fünf Sonette der Elisabeth Barrett Browning aus dem Portugiesischen in der deutschen Übersetzung von Rilke entstanden 1934. Sie fußen musikalisch auf der deutsch-österreichischen Tradition und den Harmonien der Neuen Wiener Schule, lassen aber auch Bruckner, Mahler und Strauss anklingen. Das erste Sonett, „Und es geschah mir einst“, ist von grüblerisch-nervösem Charakter mit schwebenden Linien und schroffen Ausbrüchen, das folgende, „Nur drei jedoch“, zunächst introvertiert und später leidenschaftlich bewegt. Im Duktus der Sprachmelodie Bergs sehr verwandt sind „Du bist da droben“ und „Ich denk an dich“.  Die Sopranistin findet hier zwischen rezitativischer Deklamation immer wieder zu imponierenden Ausflügen in die Höhe, wo sie ihr gleisnerisches Timbre ideal ausstellen kann. Ganz träumerisch und wie aus einer anderen Sphäre kommt das letzte Sonett, „Mir scheint“, daher, das den Zyklus sanft und weltentrückt beschließt.

Zeisl ist der jüngste der drei Komponisten, die Fleming in ihrem Programm vorstellt. Er lebte von 1905 – 1959, musste wegen seiner jüdischen Herkunft 1938 nach Paris emigrieren und ließ sich später in den USA nieder. In seinem Schaffen nehmen Lieder einen breiten Raum ein. Oft sind sie von melancholischem oder gar schwermütigem Charakter, wie auch das „Komm, süßer Tod“. Hier ist Flemings Stimme at her best – schwebend, schmeichelnd, berückend. Bernd Hoppe

  1. Kevin Clarke

    Es belustigt mich immer wieder, Bernd Hoppes Fleming-Zelebrationen zu lesen. Aber Stimmen wirken ja bekanntlich auf jeden Hörer sehr individuell. Schön, dass Flemings Gesang Herrn Hoppe so hinreißen kann.

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