Stilles Vorüberziehen

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Unter dem Titel Ich sehe still vorüberziehen ist bei Ars ein Debüt-Album von Yvonne Prentki und Benedikt ter Braak mit Liedern von Richard Strauss, Josephine Lang, Nadia Boulanger und Ethel Smyth herausgekommen. Die Sopranistin und ihr seit Studientagen ständiger Klavierbegleiter forschen schwerpunktmäßig nach Werken von Komponistinnen der Romantik. So stehen hier neun ausgewählte Lieder von Josephine Lang im Fokus der Aufnahme, die tieferen Einblick in die „Gebrauchsmusik im Alltag des bürgerlichen Salons“ der damaligen Zeit geben sollen. Mit ihrer gleichmäßig durch alle Lagen geführten Stimme, die in der Mittellage besonders rund und weich klingt, gelingen Yvonne Prentki hübsche Stimmungsbilder von schlicht eingängigen bis zu hoch virtuosen Melodien: Auf das heitere Lied An sie folgt differenziert wiedergegeben das nachdenklich expressive Ob sie meiner wohl gedenkt. Im Lied Nichts über Ruh wird mit unruhig hämmernder Klavierbegleitung klar, dass es eigentlich nicht weit her ist mit der Ruhe. Zu Die scheidende Braut schrieb Josephine Lang den Text selbst, so dass in der Musik ihre positiv vorwärts drängenden Gedanken hörbar werden. Besonders gelungen ist die Justinus-Kerner-Vertonung Stummsein der Liebe, die mit rasanter Klavierbegleitung beginnt und nach einem ruhigeren, atemschöpfenden Mittelteil mit neuem virtuosem Aufschwung endet. Mit großem Tonumfang wartet die Sängerin in Am Grabe auf. Nach einer längeren Schaffenspause entstanden später weitere interessante Lieder, wie das schlicht und natürlich empfundene Auf dem Felsen und Das ist die wehmuthvollste Zeit, aus dem der titelgebende Vers „Ich sehe still vorüberziehen“ stammt, sowie das einfühlsame Liebeslied Einziger Trost.

Diesen Kompositionen werden zwei Lieder von Nadia Boulanger und Ethel Smyth’s kurzer Liederzyklus Three Moods of The Sea – eine ihrer letzten Kompositionen – gegenübergestellt: In Soir d’Hiver  zeigt die Sängerin erneut ihre klaren, sauberen Höhen; in der Interpretation des ebenfalls von Nadia Boulanger stammenden Textes wechseln Hoffnung und Entsetzen gekonnt. Puren Spätimpressionismus in Frankreich verrät La Mer mit ruhig fließenden Wellenbewegungen. In den drei englischen Liedern erkennt man die Herausforderungen eines Seefahrers-Tages: In Requies gelingt es den Interpreten morgendliche mystische Ruhe herzustellen, bevor dann mit Before the Squall böiger Sturm mit aufpeitschenden Wellen heranrollt, toll gemacht auch von dem Pianisten; als erlösender Schluss folgt mit After Sunset ein ruhiger Tagesausklang.

Warum ausgerechnet der frühe Liederzyklus Mädchenblumen von Richard Strauss nach Gedichten von Felix Dahn die CD ergänzt, die so auf Komponistinnen abgestimmt ist, hat sich mir nicht erschlossen. Vielleicht liegt es daran, dass diese schlichten Blumenlieder – eigenwillige Charakterisierungen von vier Frauentypen – unterschätzt und selten geboten werden. Zum Einstieg in einen Liederabend können sie durchaus als Bereicherung gelten. An der stets aufeinander eingehenden Darbietung der beiden Künstler kann man die lange Zusammenarbeit erkennen. Positiv ist zu vermerken, dass das Beiheft interessante Anstöße gibt, sich weiter mit den Komponistinnen zu beschäftigen; leider sind nicht alle Texte der Sopranistin gut zu verstehen, so dass bei diesen noch unbekannten Liedern der Abdruck der Texte sinnvoll gewesen wäre (ARS 38656).  Marion Eckels