SONGS FROM CHICAGO

 

Auf seiner neuesten Einspielung bei Cedille (CDR 90000180) stellt Thomas Hampson amerikanischen Liedgesang vor, speziell von Komponisten aus oder mit Wurzeln in Chicago. Dabei sind auf Songs from Chicago wahre Schätze zu finden, die sich durchaus mit  europäischen Kunstliedern messen können. Die Auswahl, die Hampson mit dem – Chicago ebenfalls sehr verbundenen – Begleiter Kuang-Hao Huang getroffen hat, umfasst Lieder von Ernst Bacon, Florence Price, Margaret Bonds, Louis Campbell-Tipton und John Alden Carpenter. Lieder und Auswahl der Dichtungen von Walt Whitman, Langston Hughes und Rabindranath Tagore weisen durchweg auf das Ziel, die Psyche und Lebensumstände aller Amerikaner zu durchdringen; unabhängige Ansichten und Empathie für die Menschen um uns sind Gemeinsamkeiten der drei vertonten Dichter.

Thomas Hampson beginnt mit sieben kürzeren der mehr als 250 Liedern von Ernst Bacon (1898-1990), der sich auch mit Sinfonien, Opern, Instrumentalkonzerten und Kammermusik einen Namen gemacht hat. Die Melodien sind sehr eingängig und bieten dem englischen Text weite Interpretationsmöglichkeiten. Der erfahrene Liedsänger kostet das so richtig aus, wenn er z.B. im Gebet „The Last Invocation“ mit fein nuanciertem „tenderly“ um einen „zarten“ Übergang (ins Jenseits) bittet. Da kann man die hohe Gesangskunst echt bewundern. Ganz anders kommt dann „The Divine Ship“ daher, wenn er mit kräftiger Stimme plakativ die Aussage in den Raum stellt, dass alle Völker der Welt in ihrer Bestimmung vereint sein sollten. Die einfühlsame Begleitung von Kuang-Hao Huang kommt am Besten zur Geltung bei den „Tropfen“ in „Lingering Last Drops“ und den eindringlichen „Footsteps“ in „On the Frontiers“.

Die Afro-Amerikanerin Florence Price (1888-1953) war die erste „black woman“, deren Sinfonie in e-Moll von dem Chicago Symphony Orchestra mit Frederick Stock 1932 aufgeführt wurde. Sie stammte aus Arkansas, kam erst Ende der 20er Jahre mit ihrer Familie nach Chicago und fand dort zu einem neueren Stil. Für ihre Lieder bevorzugte sie Texte von Langston Hughes, der zu der afroamerikanischen Künstlerbewegung „Harlem Renaissance“ gehörte. „Songs To The Dark Virgin“ über alles, was man der Schwarzen Madonna zu Füßen legen möchte, gelingt schlichtweg ergreifend; im tänzerischen „My Dream“ kommt neben der Naturbeschreibung die Sehnsucht der Farbigen zum Tragen mit den Worten zur Nacht „dark“ bzw. „black like me“.

Margaret Bonds (1913-1972) traf mit Florence Price in Chicago zusammen, studierte bei ihr Klavier und Komposition und spielte deren Klavierkonzert als erste Afro-Amerikanerin mit dem Chicago Symphony Orchestra zur Weltausstellung 1933/34. Als sie 1939 nach New York ging, lernte sie dort Langston Hughes kennen. Eine enge Freundschaft verband sie und führte zu vielen Liedkompositionen, u.a. zu „The Negro Speaks of Rivers“ und „Three Dream Portraits“. Ersteres ist der Vergleich der Seele mit den großen Flüssen, die Hampson behäbig fließend vorbeigleiten lässt; nur wenn er zum Mississippi kommt, werden die Erinnerungen an Abraham Lincoln in New Orleans lebendig, um dann wieder in ruhigem Fluss zu enden – toll komponiert und ausgeführt von den beiden Künstlern. Von den drei kurzen Traumliedern ist „Dream Variation“ besonders interessant, da es eine Vertonung desselben Textes des Liedes von Florence Price ist.

In „Four Negro Songs“ hat sich auch John Alden Carpenter (1876-1951) mit Hughes-Texten auseinandergesetzt, von denen drei auf dieser CD erklingen; besonders bei „The Cryin‘ Blues“ fallen die Jazz-Elemente aus der Harlem-Szene auf. Kernstück der Einspielung von Carpenters Liedern jedoch sind Vertonungen von sechs Gedichten Rabindranath Tagores aus der Sammlung „Gitanjali“, umrahmt von zwei von Hampson ausdrucksstark gesprochenen Texten, „Credo“ und „Epilogue“. Bei den Liedern gibt es das fröhlich wiegende „When I bring to you colour’d toys“, dem das Lied „On the day when death will knock at thy door“ mit ernster Frage und Antwort folgt, wie man dem anklopfenden Tod begegnet. In der Begleitung wird das Klopfen gut herausgearbeitet, während beim Gesang erste Einbußen verzeichnet werden müssen, d.h. im forte beginnt bei lang gehaltenen Tönen ein zwar gleichmäßiges, aber etwas zu starkes Vibrato. Das gilt auch besonders für „Light, My Light“, während der Bariton in „I am like a Remnant of a Cloud of Autumn“ wieder sein ganzes Können und Erfahrung im differenzierten p- und mezzavoce-Gesang auspackt. Auch die Gegenüberstellung von kindlicher Unwissenheit und stürmischen Wogen des Lebens in „On the Seashore of Endless Worlds“ gelingt ihm und seinem Pianisten Huang grandios.

Abgerundet wird die CD mit der einschmeichelnden „Eleggy“ aus „When Lilacs Last in the Dooryard Bloom’d“, ein Lied des aus Chicago stammenden, aber später in Paris lebenden Louis Campbell-Tipton (1877-1921), der für seine Musik in der Heimat keine Zukunft sah. Seine Lieder kamen auf einem Umweg doch nach Amerika, indem ausländische Sänger dort mit ihnen tourten.

Es hat sich gelohnt, diese Lieder zu veröffentlichen, die allen Sängern und Sängerinnen eine Erweiterung ihres eigenen Repertoires ermöglichen. Und authentischer als Thomas Hampson kann wohl keiner diese Lieder bislang präsentieren, wobei Kuang-Hao Huang sich als passend unterstützender Begleiter mit eigenen Impulsen erweist. Marion Eckels