Sie singen, was sie wissen

 

Ladies first. „La femme c’est moi“ heißt eines der unkonventionellen Musikprogramme der 45jährigen Österreicherin Elisabeth Kulman, die jedoch am 26. August 2017 zusammen mit ihren Begleiter Eduard Kutrowatz ihren Liederabend bei der Schubertiade mit Robert Schumanns „Frauenliebe und -leben“ nach Gedichten ihrer Namensvetterin, der deutsch-russischen Dichterin Elisabeth Kulman, begann. Sie begnügt sich aber nicht mit der Schilderung eines Frauenschicksals, das seine Erfüllung als liebende Ehefrau und Mutter findet, sondern durchbricht und erweitert den Zyklus, gibt ihn gleichsam einen neuen Rahmen, durch weitere Schumann-Lieder von „Von fremden Ländern und Menschen“ (aus Kinderszenen) bis zur „Mondnacht“. Es folgt eine Gruppe von Schubert-Liedern im Wechsel mit Liedern des 1941 geborenen Österreichers Herwig Reiters auf Gedichte Erich Kästners, die in ihrer scharfen Beobachtung, „Sachliche Romanze“ heißt denn auch das erste der Lieder mit den Zeilen „Als sie einander acht Jahre kannten, und man darf sagen: sie kannten sich gut, kam ihnen die Liebe plötzlich abhanden“, eine humorvolle Brechung der Schuman-Lieder darstellen und überraschend gut die Schubert-Lieder ergänzen. Auf der Rückseite der CD finden sich einige Zeilen Kästners aus einer Ankündigung einer Chansonette, die er über die in den 1920 und 30er Jahre bekannte und auch im Londoner Exil als Kabarettistin tätige Annemarie Hase geschrieben hatte: „Sie singt, was sie weiß. Und sie weiß, was sie singt“ (Orfeo 956 181 A). Das soll wohl auch für Elisabeth Kulman gelten, die mit den Schumann-Liedern fremdelt, steif, harsch und distanziert im Klang bleibt. Nicht mehr auf der CD-Rückseite abgedruckt heißt es in Kästners Gedicht, das in Reiters Vertonung als brillante Zugabe erklingt, übrigens weiter, „Und ihr Ton ist nicht immer rund. Das Herz tut ihr manchmal beim Singen weh, denn sie singt nicht nur mit dem Mund“. Kulmans Domäne ist der spielerisch ironische und lapidare Ton und die marketenderinnenhafte kabarettistische Knappheit und Zuspitzung der Kästner-Lieder, die Reiter im Stil Kreneks oder von Schönbergs Brettl-Liedern vertonte.

 

„Ich bin fest überzeugt, dass Robert Schumann auch seine kleineren Zusammenstellungen von Liedern zu Opera zyklisch gedacht und konzipiert hat.“, beginnt Christian Gerhaher seinen sechsseitigen Text zu „Frage“,  die den viel bejubelten Auftakt einer zehnteiligen und bis 2020 abgeschlossenen Gesamtausgabe der Schumann-Lieder mit Gerold Huber, seinem Klavierpartner seit 30 Jahren, bildet (Sony 19075889192). Hier findet sich alles, was die Besonderheit des Duos ausmacht: die gleichwertige Bedeutung von Klavier- und Gesangspart, die penible und geschmeidige Textabstufung, die erzählerische Grundhaltung, die genaue Akzentuierung, introvertierte Momente und emotionaler Überschwang, wie im heroisch-gebrochenen, ironisch bizarren Die zwei Grenadiere, auch ein Aufrauen der Gesangslinie zugunsten einer poetischen Pointierung, die wie eine schlichte Konversation, ein intimes Zwiegespräch wirkt, aber gleichsam kunstvoll gesteigert ist und für jedes Lied einen eigenen Ton findet. Manchmal könnte man denken, das Projekt wäre idealerweise ein paar Jahre früher gestartet, da Gerhahers Bariton nicht durchgehend flexibel klingt. Allerdings wartet er mit einem Reichtum der Farben und Abtönungen auf, beispielsweise in der Abfolge von „Stille Thränen“ und „Was macht dich so krank?“, so dass das konkurrenzlose Vorhaben – nur hyperion bietet alle Schumann-Lieder, mit verschiedenen Interpreten – mit dem er als Maßstäbe setzender Sänger (und Autor) in die Fußstapfen Fischer-Dieskaus tritt, alle Aufmerksamkeit verdient hat. Das Programm besteht aus den 12 Liedern auf Gedichte von Justinus Kerner op. 35, in dem Gerhaher, „den Untergang des vorgestellten Mannes“ erkennt und deren sechstes dem Album seinen Titel „Frage“ gibt, Sechs Gesänge op. 107, Romanzen und Balladen op. 49, 3 Gesänge op. 83 und 4 Gesänge 142 sowie Warnung op. 119/2.

 

Auf fünf CDs hat hyperion alle Lieder Franz Liszts veröffentlicht. Das Pensum, das Ende der 1970er und Anfang 80er Jahre Dietrich Fischer-Dieskau im Alleingang bewältigte, wurde auf fünf Sänger und Sängerinnen aufgeteilt, Matthew Polenzani, Angelika Kirchschlager, Gerald Finley und Sasha Cooke, wobei die fünfte Ausgabe dem Tenor Allan Clayton zufiel (Hyperion CDA68179), dem Label zufolge, „one of the most exciting and sought after singers of his generation“. An der Komischen Oper sang er in Semele und Candide, an Covent Garden war er der David, der 2019 auch in München folgen soll, wie auch der Berlioz Faust in Glyndebourne. Für die Geschlossenheit der fünf Ausgaben bürgt der Pianist Julius Drake. Was der Liszt-Schüler und -Mitarbeiter August Stradal zu Beginn des 20. Jahrhunderts schrieb, gilt auch noch heute, „Als der Meister noch lebte, brachten sämtliche Sänger aus der großen Sammlung seiner Lieder und Gesänge stets nur das einzige Lied „Es muss ein Wunderbares sein“, welches sogar Madame Hanslick sang, wie mir Liszt einmal erzählte. Heute hört man ab und zu auch „Oh! Quand je dors“, „Die Loreley“ und „Wieder möchte ich dir begegnen“. Auch Clayton singt „Oh! Quand je dors“ von 1842, eine von vier Vertonungen von Victor Hugo-Gedichten auf der CD, und die Lorelei in der letzten Version von 1860 – Liszt hat von über einem Drittel seiner gut 70 Klavierlieder zwei oder mehre Versionen geschaffen. Unter den 18 Liedern, die ihren Schwerpunkt auf Liszts Jahre in Weimar von 1848-61 legen, finden sich auf der CD auch die drei Liebesträume, die ursprünglichen Lieder, auf denen die bekannten Transkriptionen für Klavier basieren, darunter O lieb, so lang du lieben kannst. Das letzte Lied zeigt mehr einmal mehr, wie Clayton in der Höhe mehrfach an seine Grenzen kommt, so sehr ansonsten sein unverstelltes, nicht sehr raffiniertes, lyrisch erfülltes Singen („Oh! Quand je dors) „Du bist wie eine Blume“) gefallen mag, während Drake dem Anspruch und der Raffinesse des Klavierparts durchgehend gerecht wird.  Rolf Fath