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Berlins Opernfreunde erinnern sich noch heute an eine Macbeth-Premiere 2000 an der Staatsoper, in der ein noch unbekannter Tenor als Macduff Ovationen erntete. Wie gebannt war man, als die ersten Töne des Rezitativs („O figli miei“) und danach die Arie („Ah, la paterna mano“) mit geradezu magischem Klang erklangen. In Folge sang Rolando Villazón fast in jeder Saison eine neue Partie (Nemorino, Alfredo, Massenets Des Grieux) und errang einen Erfolg nach dem anderen. Es war der Don José in Bizets Carmen 2006, bei dem er erstmals an seine stimmlichen Grenzen geriet, diese sogar überschritt. Die geplante DVD-Veröffentlichung der Produktion von Martin Kusej kam nicht zustande. 2007 zog sich Villazón von den Bühnen der Welt zurück und nahm für ein Jahr eine Auszeit. Das Comeback 2008 als Werther an der Wiener Staatsoper kam verfrüht – die Stimme war noch nicht wieder vollständig gesundet. 2009 dann das erneute Ende, dem ein Wechsel in der künstlerischen Betätigung folgte. Der Sänger begann mit dem Inszenieren und debütierte 2011 an der Opéra de Lyon mit Massenets Werther als Regisseur.
Seit 2019 ist Villazón auch Intendant der Salzburger Mozartwoche. Seine Auftritte als Sänger hat er reduziert und auf das Bariton-Fach konzentriert. Davon zeugt der Papageno in Mozarts Zauberflöte, den er in diesem Monat in seiner Inszenierung in Salzburg auch singen wird. Andere Partien, die keine exponierten Töne verlangen, sind Debussys Pelléas und Monteverdis Orfeo. Letzteren hat er nach seinem Rollendebüt 2016 beim Musikfest Bremen schon in mehreren Inszenierungen auch szenisch verkörpert und dieser mythologischen Figur nun auch sein neuestes Tondokument gewidmet.
Orfeo son io ist es betitelt, aufgenommen im April/Mai 2024 in Alfortville und bei seiner Stammfirma DG erschienen (4867597). Wie schon in Bremen arbeitet Villazón bei dieser Aufnahme wieder mit Christina Pluhar und ihrem Ensemble L´ Arpeggiata zusammen. Bei vielen Konzerttourneen waren sie Partner gewesen, so auch 2021, als das Orfeo-Programm beim Musikfest Bremen Premiere feierte. Es enthält Ausschnitte aus Monteverdis Orfeo und weiteren Opern zu diesem Thema von Peri, Sartorio, Caccini und Gluck. Nicht weniger als acht Titel sind Monteverdi gewidmet, beginnend mit „Rosa del ciel“, dem ersten, gewichtigen Auftritt des Titelhelden aus Monteverdis Vertonung des Mythos. Aus dem 2. Akt stammt das übermütige „Vi ricorda“, danach zeugt das anfangs fast gemurmelte „Tu se´ morta“ von der Nachricht über Eurydikes Tod. Im 3. Akt erklingt flehentlich „Possente spirto“, in welchem Orfeo um den Eintritt in den Hades bittet. Mit „Orfeo son io… Sol tu, nobile dio“ bekräftigt er seine Bitte. Im 4. Akt besingt er mit „Qual onor di te fia degno“ freudig seine „allmächtige“ Leier. Ungewöhnlich ist die Version Jacopo Peris, Euridice betitelt, die ein Happy End mit einer fröhlichen Schlussarie für Orfeo („Gioite al canto mio“) bietet. In Antonio Sartorios Vertonung gibt Orfeos wehmütige Arie „Rendetemi Euridice“ Auskunft, dass er sie für immer verloren hat. Die Platte beginnt mit dem ungestümen, ausgelassenen Stück von Antonio Brunelli „Non avea Febo ancora“, welches in seinem Temperamentsausbruch dem Sänger ideal liegt. Fast alle Titel sind im Stil des recitar cantando, also einem deklamatorischen Sprechgesang geschrieben. Es fehlen exponierte Töne, dominant ist die Mittellage, was dem Interpreten in seiner stimmlichen Verfassung entgegen kommt. Einzig die Tessitura der berühmten Gluck-Arie „Che farò senza Euridice?“ liegt etwas höher, ihr Gesang ist drängender und steigert sich in der Emphase, was den Interpreten am Schluss an seine Grenzen bringt.
Die Auswahl wird ergänzt um neuere Kompositionen wie Carlos Gardels Tango „Sus ojos se cerraron“ und Luiz Bonfás „Mañana de Carnaval“ aus dem Film Orfeu Negro, was reizvoll kontrastierende Farben einbringt. Und von großer Bedeutung sind die Instrumentalstücke, welche Pluhar mit ihren Musikern zwischen den Gesangstiteln beiträgt. Sie stammen von Giulio Caccini, Lorenzo Allegri, Giovanni Priuli, Giovanni Battista Buonamente, Maurizio Cazzati und Monteverdi. Es sind brillante, temperamentvolle Klänge von tänzerischem Rhythmus, in denen die phänomenal intonierenden Bläser dominieren und die in ihrer mitreißenden Wirkung das Album bereichern. Bernd Hoppe
