Michelangelo auf Russisch

 

Bereits russische geistliche und Volkslieder, außerdem Lieder von Tschaikowski, Rachmaninov, Mussorgsky und Taneyev hat der russische Bariton Dmitri Hvorostovsky bei Ondine eingespielt, die vom Flügel begleiteten Aufnahmen sämtlich mit Ivari Ilja am Piano. Auf seiner neuesten CD widmet er sich Werken von Shostakovich und Liszt, wobei letzterer lediglich mit den drei bekannten Kompositionen auf Sonette von Petrarca vertreten ist, während die Lieder des russischen Komponisten weniger bekannt sind. Sie wurden auf von ins Russische übersetzte ebenfalls Sonette von Michelangelo geschrieben, im Booklet befinden sich zudem englische Übersetzungen sowohl aus dem Russischen wie für Liszt aus dem Italienischen.

Für Istina (Wahrheit) legt der Sänger viel Bitterkeit in die Stimme, wandelt sie, eine etwas ins Graue spielende Farbe wählend, in der letzten Strophe in Resignation umschlagend und sich eine schöne Fermate am Schluss gestattend. Bereits hier fällt auf, wie sparsam die Klavierbegleitung ist, man meint oft, sie sei mit einem Finger zu bewältigen. Für Utro (Morgen) erwartet der Hörer wohl Strahlendes, aber auch hier bleibt die melancholische Grundstimmung erhalten, die der Bariton mit der ihm eigenen Geschmeidigkeit des Singens ausstattet. Dynamisch gestaltet ist Ljubov (Liebe), wo auch die Begleitung einen lebhafteren Ton anschlägt. Schöne Klagelaute hat die Stimme für Razluka (Trennung) besonders für „serdtse“ (Herz) und „smerts“ (Tod); für Gnev  übernimmt das Klavier das Schmiedehämmern, während die Stimme metallischer klingt als zuvor.

Die beiden danach folgenden Lieder sind Dante (der allerdings nur im russischen Text erscheint) gewidmet und seinem traurigen Leben im Exil. Hier nimmt der Bariton einen angemessen feierlichen Ton an. In Tvorchestvo (Kreativität) scheint Michelangelo der eigenen Bildhauertätigkeit zu huldigen, was mit männlicher Entschlossenheit markant geäußert wird, während es in Notsch (Nacht) um ein Gespräch zwischen dem Künstler und seinem Auftraggeber Strozzi geht, das der Skulptur Die Nacht gilt und das der Sänger mit zwei leicht unterschiedlichen Stimmen vernehmen lässt. Ein Gebet ist Smerts (Tod), das tief, aber nicht zu tief für die Stimme liegt, in der letzten Strophe viel Bitterkeit durchschimmern lässt. Davon sticht Bessmertie (Unsterblichkeit) mit dem munteren, melodienseligen Klavier erheblich ab, das sich geradezu lustig zu machen scheint über all das vorherige Pathos, das es  aber ganz zum Schluss selbst wieder ertönen lässt.

In anderer Reihenfolge, als im Booklet vermerkt, erklingen die Sonette nach Texten von Petrarca, die Hvorostovsky angemessen opernhaft singt mit ausuferndem „stare i fiumi“ im Io vidi und  wo das Klavier sich zu einem feinen Verklingen entschließt. Eher auf Expressivität bedacht als auf einen balsamischen Klang ist der Sänger in Benedetto sia il giorno, die „lagrime“ erhalten einen beinahe ironischen Beiklang, insgesamt wird man etwas an Verdi-Gesang erinnert. Ein machtvolles Aufbrausen zeichnet den „abbraccio“ in Pace non trovo aus, bei einer gleichzeitigen Steigerung werden die Gegensätze angemessen zum Ausdruck gebracht (Ondine ODE 1277-2). Ingrid Wanja