Mehr oder weniger Gelungenes

 

Vielleicht ist Jonas Kaufmann noch kein Otello, aber ganz sicherlich ist er kein Nadir oder Roméo mehr, und ausgerechnet mit des Letzteren „L’amour“ beginnt er seine neueste CD unter dem Titel „L’Opéra“, die ganz dem französischen Fach gewidmet ist. Die Aufnahme entstand im Frühjahr 2017, also ungefähr zur gleichen Zeit, in der der Tenor seinen ersten Otello vorbereitete, eine Kombination, die sich nicht jeder Sänger zumuten würde. Nicht genau auszumachen ist, ob die natürliche Entwicklung der Stimme oder die Arbeit an der dramatischsten Partie der italienischen Oper oder auch beides der Grund dafür sind, dass der Tenor  zu schwer, zu unbeweglich, zu dunkel und an einigen Stellen auch zu tief im Hals des Interpreten steckend für den Veroneser Jüngling klingt, die Partie hier die eines gestandenen Mannes zu sein scheint, so dass  weder der französische Stil noch die Figur adäquat getroffen werden. Ganz anders sieht es mit dem letzten Track, dem Abschied des Enée (das für Covent Garden geplante Rollendebüt fand leider nicht statt) aus Karthago aus, der von dem klugen Aufbau der Interpretation, der strahlenden Höhe am Schluss und dem lyrisch genommenen „Ah! Quand viendra“ profitiert. Dazwischen liegt mehr oder weniger Gelungenes, so ein weit mehr nach Puccini als Massenet klingender Des Grieux, in dessen Duetten mit Manon nur diese, Sonya Yoncheva, dem französischen Komponisten die Stange hält, womit nichts gegen das durchweg perfekte Französisch des deutschen Tenors gesagt sein soll. Gar nicht gefallen können ein zu baritonal klingender Nadir, der sich erst im Refrain des berühmten Duetts vom Partner Ludovic Tézier abhebt, ein in der Höhe zu hauchiger Mylio, der heller und leichter klingen müsste, oder generell bei vielen Tracks die Durchbrechung einer einheitlichen Stimmung zugunsten harter Kontraste, worüber man bei der Blumenarie, die mit einem schönen Schwellton schließt, durchaus diskutieren könnte.

Bei Werthers „Pourquoi“ zieht man natürlich Vergleiche mit der wunderbaren Aufnahme aus Paris und muss feststellen, dass der Tenor spröder geworden ist und verhangener klingt, erfreulich ist die poetische Seite, die er  bei Vascos berühmter Arie entdeckt, für deren Schluss er dann das wünschenswerte heldische Strahlen hat, von dem auch Le Cid und der im zweiten Teil sehr empfindsam auftretende Éléazar profitieren. Gut zu den Berlioz‘schen Orchesterfarben passt die Stimme nicht nur für den Enée, sondern auch für Fausts „Merci, doux crépuscule“, und nicht nur hier, sondern durchgehend erweist sich das Bayerische Staatsorchester unter Bertrand de Billy  als stilsicherer Partner, so dass es fast als undankbar erscheint, dass der Tenor sich in einem Video zur CD in den Räumlichkeiten des Palais Garnier ergeht – weil die CD ja L´Opéra heißt…(Sony 88985390762). Ingrid Wanja