Ehrgeizige Meisterschülerin

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Nach eigenem Bekunden ist Helmut Deutsch seit früher Jugend ein großer Verehrer von Franz Liszt und er findet auch dessen Liedschaffen, obwohl es keine herausragende Rolle in seinem Gesamtwerk einnimmt, immer noch unterschätzt. Seinen Freund Jonas Kaufmann konnte er vor einiger Zeit zu einem Recital überreden (Sony Classical  19439892602), das ausschließlich diesen Liedern gewidmet war. Die Popularität des Tenors versprach dabei erhöhte Aufmerksamkeit für das etwas vernachlässigte Repertoire. Nach meinem Eindruck schien darin – bei allen bekannten Qualitäten des Sängers (vorbildliche Diktion, plastischer Vortrag) – der Heldentenor den Lied-Interpreten etwas zu überlagern.

Deshalb ist die Sopran-Alternative, die uns Deutsch nun mit der jungen Sängerin Sarah Traubel anbietet und die fünf Titel des Kaufmann-Recitals enthält, nicht unwillkommen. Sarah Traubel, eine Großnichte der Met-Primadonna Helen Traubel, hat als Opernsängerin vor allem in Partien von Mozart und Strauss von sich reden gemacht, zählt die Königin der Nacht zu ihren Glanzpartien. Auf dem Gebiet des Kunstlieds ist sie noch relativ unerfahren und bekennt in einem kurzen Geleitwort zum Album, dass die Begegnung und Zusammenarbeit mit Helmut Deutsch ihr „Leben verändert“ habe. In der Loreley lässt sie sich von Liszts Klavierpoesie tragen, in den beiden „Schlagern“ Es muß ein Wunderbares sein und O lieb, so lang du lieben kannst! (bekannter in der Klavierversion als Liebestraum Nr. 3) bezaubert sie mit weiblicher Anmut, ohne in die Nähe des Sentimentalen oder Operettenhaften zu geraten.

Auch in den vier Liebesgesängen von Erich Wolfgang Korngold (Drei Lieder op. 22, Vergänglichkeit op. 27/5) entspricht der vokale Ausdruck dem gesungenen Inhalt und dem nachromantischen Stil. Die Eckpfeiler des Programms, Gustav Mahlers Rückert-Lieder und Vier letzte Lieder von Richard Strauss, stellen dagegen eine echte Herausforderung für die Sängerin dar. Denn genau genommen kommen diese Lieder ihrem Stimmfach des lyrischen Koloratursoprans nicht entgegen und sie kann mit ihren eigentlichen Stärken („kristallklare, gestochene Koloraturen“), die Bernd Hoppe auf dieser Seite anlässlich ihres vorangegangenen Albums „Arias for Josepha“ zu rühmen wusste, hier nicht wirklich punkten.

In beiden Fällen handelt es sich um Zyklen, die vom Komponisten nicht als solche geplant waren. Beide haben sich im Konzertsaal vor allem in der Orchesterversion behauptet. Wobei es sich im Falle von Strauss um reine Orchesterlieder handelt. Die nicht vom Komponisten stammenden Klavierfassungen sind nach Deutschs Auffassung nicht gut und teilweise fehlerhaft, so dass er hier eine eigene Revision vorgenommen hat. Das Ergebnis ist gleichwohl irritierend, denn der Verlust an Klangfarben wird nicht durch strukturelle Klarheit ersetzt. Wir erleben eine skelettierte Version, bei der auch die Sängerin (auf deren Wunsch die Lieder ins Programm genommen wurden!) nicht recht zur Wirkung kommt, denn zweifellos sind diese Lieder für eine Ariadne­- und nicht für eine Zerbinetta-Stimme geschrieben.

Mahlers Rückert-Lieder wiederum sind gemeinhin ein Privileg tiefer Stimmlagen (Mezzosopran oder Bariton) und in den Interpretationen von Christa Ludwig und Dietrich Fischer-Dieskau jedem Musikfreund im Ohr. Einer der fünf diesem Zyklus zugeordneten Titel, Um Mitternacht, bleibt hier ausgespart, weil er „viel eher zu einer Männerstimme paßt“ (Deutsch).

Sarah Traubel gelingen in allen Fällen sehr imponierende Annäherungen an Stil und Inhalt der Musik, wobei die Abschiedsstimmung und Todesahnung in Ich bin der Welt abhanden gekommen (wie später auch in Strauss’ Eichendorff-Adaption Im Abendrot) ihrer stimmlichen Ausstrahlung und wohl auch ihrem Künstler-Naturell nicht unbedingt entsprechen.

Im Gespräch mit Thomas Voigt rühmt Helmut Deutsch seinen Schützling in den höchsten Tönen: „Sie hat mit einer Arbeitswut geprobt, wie ich sie seit Hermann Prey nicht mehr erlebt habe.“ Das Ergebnis bei ihren Mahler- und Strauss-Beiträgen vermittelt eine Ahnung davon. Nach meinem Empfinden hört man hier eine ehrgeizige Meisterschülerin, von der noch einiges zu erwarten ist (Aparté AP 288). Ekkehard Pluta