Indienreise zum Zweiten

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Natürlich begrüßt Vasco da Gama die neuentdeckte Welt nicht mehr mit „Ȏ Paradis“, sondern genießt deren milde Atmosphäre mit „Ȏ doux climat“, so wie es seit der Erstaufführung von Giacomo Meyerbeers L’ Africaine in der „Originalfassung“ als Vasco da Gama 2013 in Chemnitz de rigueur ist.

In den zwischen dem 2. März und 2. April 2018 mitgeschnittenen Frankfurter Aufführungen, die Naxos (3 CD 8.660558-60) jetzt als leicht gekürzte Alternative zur Chemnitzer cpo-Aufnahme vorlegt, machte das noch mehr Sinn, da Tobias Kratzer Meyerbeers gewaltigen Fünfakter damals als Weltraum-Oper inszenierte, in der der Seefahrer und Entdecker da Gama die Weiten des Weltraums erkundet und bei den Avatars des Planeten Pandora landet. Bis es Anfang des vierten Aktes zu dieser zentralen Arie kommt, vergeht sehr viel Zeit.

Doch letztlich könnte Michael Spyres so ziemlich alles singen. In der auf gutem Niveau besetzten Aufführung, die nicht mit den allerersten Stimmen aufwarten kann, wie sie seinerzeit bei der posthumen Uraufführung 1865 zur Verfügung standen, bietet er eine herausragende Leistung. Nicht als Star, sondern als Solitär eingefasst in ein Ensemble, das er nicht sprengt, obwohl in der Diktion, in der sorgfältigen Behandlung der Phrasen, in der üppigen und reich strömenden Mittellage und der fein angebunden und leichten Höhe die besonderen Starqualitäten erkennbar sind. Bereits der großen Ensemblenummer Nr. 3 verleiht er eine besondere Qualität, wie denn überhaupt dem müden ersten Akt, in dessen Finale er eine befeuernde Note bringt. Im Ensemble Nr. 18 und dem Duett im anschließenden Finale des vierten Aktes ist er von faszinierender Präsenz. Antonello Manacorda stützt sich in Frankfurt auf die in Chemnitz gespielte neue historisch-kritische Ausgabe, wobei die Oper mit dem vertrauten Namen L‘ Africaine und dem Untertitel Vasco da Gama benannt wird, kann aber nicht wirklich überzeugend die besonderen Qualitäten der Grand opéra und die Komplexität der weiträumigen Nummern und Szenenkomplexe verdeutlichen, denen es an Wucht und Größe fehlt. Den Matrosenchören des dritten Aktes, aus denen Isaac Lee als Solo-Matrose heraussticht, verleiht Manacorda eine deutsch-romantische Beweglichkeit und Plastizität und mit dem Septett und Finale des dritten Aktes, wo sich das Frankfurter Opern- und Museumsorchester samt dem Frankfurter Opernchor gewaltig ins Zeug legen, gewinnt die Aufführung letztlich an Format. Die Admiralstochter Ines, die bereit ist, den Präsidenten des königlichen Rats zu heiraten, um ihren Geliebten Vasco zu retten, singt Kirsten MacKinnon mit einem angenehmen, etwas anonym und der Partie geschuldet langweilig klingenden Sopran, Thomas Faulkner und vor allem Andreas Bauer Kanabas verleihen den Würdenträger die Fülle ihrer Bässe, der erste eher schlank elegant als Inès‘ Vater Don Diego, der zweite finster und kraftvoller und sehr charaktervoll als Don Pedro. Magnus Baldvinsson, der auch den Großinquisitor in Lissabon übernimmt, ist als Hohepriester des Brahma in der Krönungsszene der Sélika zur Königin von Indien besonders effektiv.

„Vasco da Gama“ an der Oper Frankfurt/Foto Rittershaus

Entstehungsgeschichte und Fassungen wurden in operalolunge.de eingehend behandelt. Eine Annäherung zwischen Sélika und Vasco da Gama ist in dieser Science-Fiction-Variante genauso unmöglich wie zwischen dem christlichen Seefahrer in Diensten des portugiesischen Königs und der geheimnisvollen Inderin hinduistischen Glaubens, die sich als Königin eines indischen Küstenreiches herausstellt; nach dem ursprünglichen Vertrag von Meyerbeer und Eugène Scribe sollte das Libretto eine afrikanische Prinzessin und einen anonymen Marineoffizier behandeln. Nachdem Vasco da Gama die Mitglieder der Ratsversammlung beschimpft und des Hochverrats angeklagt wurde, wird er mit Sélika und ihrem Begleiter Nélusko ins Gefängnis geworfen, wo sich die Fremde und der Seefahrer näherkommen. Auf Claudia Mahnke würde man nicht auf Anhieb als ideale Besetzung der Sélika verfallen, aber sie macht das mit warmem Klang und reifem Timbre und einer sensiblen Deklamation und Prosodie ziemlich gut. Die Schlummerarie „Sur mes genoux“ klingt mütterlich voll und nicht sehr verführerisch, die Höhe ist manchmal steif, die Stimme durchwegs nicht sehr beweglich. Im anschließenden Duett verbindet sich ihre Stimmfarbe aber sehr schön mit dem dunklen Edelglanz von Spyres, ihr Engagement, ihre Intensität in den Ensembles und in der ausdrucksvollen Sterbeszene sind aller Ehren wert. Brian Mulligans wilde Stimmprahlerei passt gut zur Figur des Nélusko, der bei Kratzer ein Alien war, seine Ballade erreicht allerdings nicht ganz die Wucht, die man mit dem Bravourstück verbindet (VÖ Datum 10.5. 2024). Rolf Fath