Nicht die bekannte, sondern die andere

 

Händels Oratorium Semele auf das Libretto von William Congreve von 1744 ist ein Standardwerk der Musikliteratur. Weit weniger bekannt ist die Vertonung dieser Vorlage zu einer Oper durch den 1668 geborenen britischen Komponisten John Eccles. Nach ihrer Uraufführung in den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts geriet sie in Vergessenheit – umso verdienstvoller ist die Wiederbelebung des Werkes durch die Firma AAM, das Eigenlabel des renommierten Ensembles Academy of Ancient Music. Auf zwei CDs bringt sie als Weltpremiere eine Einspielung heraus, die im November 2019 in London und Cambridge entstand (AAMO12). Einzelne Musiknummer wurden anderen Werken des Komponisten entnommen – so die zweiteilige Overture und die Symphony am Ende des 2. Aktes aus Rinaldo and Armida (1699) oder das Aire mit dem Dance of the Zephyrs aus A Sett of Aires Made for the Queen’s Coronation und eine Aria aus der Birthday Ode for 1703. Stilistisch gibt es Verweise zur Musik Händels, doch sind die Soli von Eccles deutlich kürzer und weisen fast nie die Da capo-Form auf, die man beim Hallenser Komponisten findet. Julian Perkins erweist sich als versierter und inspirierender Dirigent, der seine reichen internationalen Erfahrungen auf dem Gebiet der Alten Musik Gewinn bringend nutzt.

Der Cast ist unterteilt in Götter und Sterbliche – erstere Abteilung wird angeführt von dem Bariton Richard Burkhard als Götterkönig Jupiter mit resonanzreicher Stimme von großer Autorität. In seiner Aria im 3. Akt „Come to my Arms“ wartet er aber auch mit zärtlich lockenden Tönen auf. Seine Gattin Juno singt die Mezzosopranistin Helen Charlston mit resolutem, zuweilen keifendem Ton und zupackend-furiosem Vortrag, mit dem sie auch die Rezitative faszinierend formt. Ihre Vertraute Iris ist die Sopranistin Heloïse Bernard mit zarten, verhaltenen Klängen. Der Liebesgott Cupid ist en travestie besetzt mit der Mezzosopranistin Bethany Horak-Hallett. Sie bezaubert mit feiner Stimme und delikaten Nuancen. Der Bariton Jolyon Loy ist als Sonnengott Apollo zu hören, dem die letzten Soli der Oper zufallen, während der Bassist Christopher Foster als Gott des Schlafes Somnus die tiefsten Töne beisteuert.

In der zweiten Gruppe findet sich natürlich die Titelheldin mit der Sopranistin Anna Dennis. Ihr Auftritt zu Beginn des 1. Aktes mit der lieblichen Aria „Ah me!“ ist nur kurz, lässt aber eine körperreiche und leuchtende Stimme hören. Wie bei Händel singt sie die AriaO Sleep“ und füllt sie mit besonderer Innigkeit aus. Das Duett mit Jupiter, „If this be Love“, lässt die harmonische Verblendung der beiden Stimmen hören. Zunehmend ekstatisch gestalten beide die entscheidende Szene im 3. Akt mit Semeles Ende. Ihren Vater Cadmus, König von Theben, gibt der Bariton Jonathan Brown. Semeles Schwester Ino wurde der Sopranistin Aoife Miskelly anvertraut. Ihre lyrische Stimme fällt durch den innigen Ton auf. William Wallace als Prinz Athamas nimmt die große Tenorrolle des Werkes wahr. Gleich zu Beginn des 1. Aktes hat er zwei Arien zu absolvieren („See, the blushing turns her Eyes/Hymen haste“), in denen er sich als stilistisch versiert erweist und mit seiner wohllautenden Stimme punktet. Der Bassist Graeme Broadbent mit brummigen Tönen als Oberpriester fällt etwas ab. Die Besetzung ergänzen die Tenöre Rory Carver und James Rhoads als First und Second Augur. Ersterem fällt die AriaEndless Pleasure“ zu, die bei Händel der Titelrolle anvertraut ist und eine ihrer Glanznummern darstellt. Eccles’ Vertonung ist gefällig, aber weit weniger attraktiv.

In der bereits beachtlichen Werkreihe von AAM Records nimmt diese Neuveröffentlichung einen Ehrenplatz ein – zum einen wegen der Rarität, zum anderen wegen der kompetenten Besetzung. Bernd Hoppe