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Im Schatten Wagners hatte es im letzten Drittel des 19 Jahrhunderts eine eigenständige deutsche, insbesondere komische Oper schwer, galten doch die häufig monströs langatmigen Meistersinger als das Maß der Dinge. Umso mehr erfreut und überrascht eine Aufnahme aus Mariánske Lázné, Marienbad, wo im Dezember 2024 im dortigen Casino der Chor des Theaters aus dem nordböhmischen Ústi nad Laben, früher Aussig, und das Marienbader West Bohemian Symphony Orchester eine 1870 in Weimar uraufgeführte Oper des Deutsch-Schweizers Joachim Raff präsentierten.
Raffs Dame Kobold bleibt bodenständig, besitzt einen eigenen leichtflüssigen Ton, der Parlando und ariose Passagen, kleine Arien und Duette elegant und schwungvoll verbindet. Das klingt natürlich ein bisschen französisch angehaucht, ein wenig nach Rossini-Mustern und vorweggenommenen Wolf-Ferrari, steht aber im Umfeld von Der Widerspenstigen Zähmung (1874) von Hermann Goetz und Hugo Wolfs Der Corregidor (1896) oder in der Folge des ebenfalls in Weimar uraufgeführten Barbier von Bagdad des Peter Cornelius ziemlich eigenständig da und verdient nicht nur wegen seiner leichten Aufführbarkeit unbedingt Aufmerksamkeit. Trotzdem war dem Stück kein Erfolg beschieden, der sich auch nach der von Brigitte Fassbaender inszenierten ersten Wiederaufnahme 2020 in Regensburg nicht einstellte. Nun also die Naxos-Aufnahme (2 CD 8.660619-20). Die Grundlage bietet die Ausgabe der Edition Nordstern von Volker Tosta, der bereits im Herbst 2022 in Weimar die Uraufführung von Raffs nachwagnerisch heroischen Oper Samson 170 Jahre nach ihrer Entstehung durch seine Edition ermöglicht hatte.
Der 1822 im schweizerischen Lachen geborene Raff war weitgehend Autodidakt. Maßgeblichen Einfluss auf seine Laufbahn als Komponist hatte Franz Liszt, dessen Assistent und Sekretär Raff nach Aufenthalten in Stuttgart, wo er in Hans von Bülow einen weiteren Förderer kennenlernte, und Hamburg ab 1849 in Weimar wurde. In Weimar wollte er seinem Traum näherkommen, als Komponist von seiner Musik leben zu können. Der Traum erfüllte sich für Raff erst in den produktiven 1870er Jahren, als er in Wiesbaden lebte, 1878 wurde er Direktor des Hoch’schen Konservatoriums in Frankfurt, wo er vier Jahre später starb. In Weimar kam 1851 seine große heroische Oper König Alfred heraus, hier entstand der besagte Samson und in Weimar folgte 1870 schließlich die erste Aufführung der Dame Kobold. Zwei weitere komische Opern gelangten erst in unserem Jahrhundert zu Aufführung, das symphonische Werk des bedeutendsten Schweizer Komponisten des 19. Jahrhunderts ist dagegen weitgehend erschlossen. Die Anregung zu Dame Kobold stammte von Ludwig Schnorr von Carolsfeld, den sich Raff für seinen Samson gewünscht hätte. Schnorr von Carolsfeld lieferte auch ein Libretto, das sich Raff von dem Basler Gelegenheitsdichter Paul Reber modifizieren ließ. Ausgangspunkt ist die Mantel- und Degenkomödie La dama duende (Madrid 1629) des bis in die 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts noch vielgespielten spanischen Shakespeare-Zeitgenossen Padro Calderón de la Barca, dessen Das Leben ein Traum, Der Richter von Zalamea und Das große Welttheater einst zum Kanon des Welttheaters gehörten. Dame Kobold wurde auch von Felix von Weingartner und später Gerhard Wimberger vertont.

Raffs Dame Kobold in Regensburg 2020/Szene/Foto Martin Siegmund – dazu eine Rezension im Bayerischen Rundfunk.
Raff hat die drei Akte mit Behändigkeit eines virtuosen Verwechslungsspiels komponiert, die Dirigent Dario Salvi und das West Bohemian Symphony Orchestra so lustvoll ausspielen, dass die 110 Minuten rasch vergehen. Im Mittelpunkt stehen Donna Angela, die als Witwe zurückgezogen im Haus ihres Bruder Don Juan lebt und den Umgang mit fremden Männern meidet, sowie Don Manuel, der Quartier im Haus eines Freunde Don Juan bezieht und irgendwie in den Bann der geisternden Witwe gerät. Das ausführliche Duett Don Manuels mit seinem Diener Rodrigo zu Beginn des zweiten Aktes ist ebenso reizvoll wie das Duett der Donna Angela mit ihrer Dienerin Beatrice im ersten Akt (Nun Beatrice?), die Szene der Männer ist aber besonders pikant, da sie sich durch die heimlich im Alkoven auftauchenden Angela zum Terzett weitet.

Der Komponist Joachim Raff/ Schweizerische Joaschim Raff Gesellschaft
Es gibt zahlreiche solcher szenisch wie musikalisch reizvoller Szenen, darunter das Trio Don Juan, Don Manuel und Rodrigo oder das Trio von Don Juan, seiner Schwester und Don Manuel, aber alle Nummern sind kurz und bündig, gleiten von Sprechgesang ins Ariose, eine Ausnahme stellt Angelas ausführlichere Szene und Arie Soll ich mein Glück, mein Leben dar. Das Gegenstück ist Manuels Romanze Sei mir gegrüßt, dämonisches Haus, die der Däne Gustav Wenzel Most auf ideale Weise mit erfreulicher tenoraler Wendigkeit, zarten Piani und edler Innigkeit singt, Lukas Krimmel gibt seinen Diener Rodrigo mit jugendlich kernigem Bass ein Gesicht, die Sopranistinnen Lara Rieken als Angela und Julia Surushkina als Beatrice klingen etwas spitz, doch die Primadonna singt mit gutem Ausdruck und die Zofe besitzt den Spielwitz und die quecksilbrige Singlaune aller Kammerkätzchen. Matthias Lika sorgt mit festem Kavaliersbariton dafür, dass im Haus des Don Juan die Dinge nach den Geistererscheinungen wieder in Ordnung kommen: Die Lerche schlägt, der Tag erwacht! Vorüber ist die bange Nacht! Und Geisterspuk und Zauberlist wird von der Sonne weggeküsst! Rolf Fath
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Foto oben: Raffs „Dame Kobold“ am Theater Regensburg 2020/Ausschnitt/Szene/Foto Martin Siegmund – dazu eine Rezension im Bayerischen Rundfunk.
