Sakrales in Ersteinspielungen

 

Beim Durchforschen der Archive lassen sich immer noch Schätze heben, vor allem unter den Nebenwerken, der Recherche-Aufwand wird allerdings größer. Andrea Buccarella, seines Zeichens Organist, Cembalist und Dirigent, stand vor einem Rätsel, als er auf eine Sequenza de‘ Morti von Gennaro Manna (1715-1779) stieß, die sich erst als teilweise ähnlich und identisch mit einem Dies Irae des älteren Domenico Sarro (1679-1744) erwies, und dann ein Manuskript von Mannas Onkel Franceso Feo (1691-1761) fand, das eine andere Version dieses Dies Irae enthielt. Wer hier von wem kopierte, lässt sich bisher nicht nachvollziehen. Buccarella  war von der gefälligen Vielfalt der Partitur Mannas berechtigterweise so angetan, dass er sie nun als Ersteinspielung vorlegt. Das Abchordis Ensemble besteht aus drei Violinen, Cello, Kontrabass, Fagott, Laute, Orgel und zwei Hörnern, Dirigent Andrea Buccarella ist am Cembalo, das Ergebnis ist virtuos musiziert und mit sehr gutem Klang. Das zehnsätzige titelgebende Dies Irae ist für vier Stimmen komponiert, vor allem der Sopran von Marie Lys ist einnehmend, Maria Chiara Gallo (Mezzosopran), Luca Cervoni (Tenor) und Antonio Masotti (Bass) interpretieren das Werk ohne Manierismen mit schlichter Eindrücklichkeit und in homogener Qualität. Eine weitere Ersteinspielung ist die originelle Mottete O mundi infelix vita!, für die Gennaro Manna ein  obligates Fagott vorschreibt, das sich virtuos und effektvoll präsentieren kann und mit dem Gesangssolisten gleichberechtigt in Dialog tritt. Der Bassist Salvo Vitale hat Stimmumfang und Beweglichkeit, um mit Fagottist Giovanni Battista Graziado die gemeinsamen Passagen spannend zu gestalten. Als Ergänzung des Dies Irae fügte Buccarella zwei weitere Stücke neapolitanischer Komponisten hinzu. Das Trio op.1 Nr.6 von Aniello Santangelo (1710-1771) für zwei Violinen und Basso continuo, ein kurzes viersätziges Werk zwischen Allegro und Larghetto, ist ebenfalls eine Ersteinspielung. Das Concerto di Fagotto solo von Ferdinando Lizio (1728-1778) gibt erneut dem Fagottisten die Chance, seine Virtuosität unter Beweis zu stellen. Eine CD mit Raritäten und Nebenwerken, die hier allerdings so engagiert interpretiert werden, dass man gerne zuhört (1 CD, aufgenommen 2016, erschienen 2018, deutsche harmonia mundi, dhm 19075814543)

 

Bianca Maria Medea (ca. 1661-1733) war eine komponierende Nonne in lombardischen Pavia, im Jahr 1691 veröffentliche ein Verleger in Bologna die einzigen bekannten Werke von ihr: zwölf Motetten (für 1, 2, 3 und 4 Stimmen), begleitet von Basso Continuo und Orgel. Drei Motetten wurden bereits einzeln eingespielt, als Ersteinspielung sind nun die übrigen neun unter dem Titel Lacrimae Amare erschienen. Die geistlichen Motetten sind nicht liturgisch, die lateinischen Texte sind laut Beiheft in italienischer Betonung gesetzt, Latein war wohl nicht die Stärke der Nonne. Die Motetten sind als persönliche und oft direkte Ansprache an Maria bzw. Jesus gerichtet, es geht um Verzicht weltlicher Freuden, Fürbitten und Liebe zu Gott. Die Partien sind für Musiker und Sänger gleichermaßen anspruchsvoll, die ursprünglich für Frauen- und Männerstimmen gesetzten Motetten wurden hier als Klostermusik von einem Frauenchor eingespielt.  Die Cappella Artemisia unter der Leitung von Candace Smith interpretiert diese Musik mit acht Musikern und neun Sängerinnen, die sich die Stimmen aufteilen, man versuchte möglichst abwechslungsreich zu kombinieren, der Klang mag etwas hallig sein, ansonsten hat man hier ein schönes und sehr spezielles Beispiel für die Musik des italienischen Konvents um 1700, die mit einer gefälligen Mischung aus  Flehen, Sehnen und Innigkeit Trost und Zuversicht vermittelte. (aufgenommen 2017, erschienen 2018, Brilliant 95736)



Orazio Colombano (ca.1554-ca.1595) kam 1579 nach Vercelli in Piemont östlich von Turin, wo der junge Franziskaner in den kommenden zwei Jahren die musikalischen Geschicke der Kirche verantwortete. Ein erfolgreicher Karrierestart, der Colombano zu Anstellungen in prestigereichen Kirchenstandorten wie Mailand, Padua, Brescia, Urbino und Venedig verhalf. Colombano veröffentlichte von Vercelli aus seine liturgischen  Psalmen für sechs Stimmen Harmonia super vespertinos omnium solemnitatum psalmos sex vocibus decantanda, die er dem Bischof von Vercelli widmete. Die Psalmen der Vesper-Liturgie komponierte er als Wechselgesänge der vokalen Gruppen auf der Höhe der Zeit, quasi als eine Art Kompendium polyphonen Psalmgesangs. Die vorliegende Aufnahme ist lokalpatriotisch motiviert, die Cappella Musicale Della Cattedrale di Vercelli will das sakrale Erbe von Vercelli zu Gehör bringen, der musikalische Leiter Monsignore Denis Silano hat die Edition der Psalmen selber übernommen, die spezialisierten Sänger sind bei Gottesdiensten in Vercelli aktiv – das Resultat kann sich hören lassen, mit viel Engagement, schönen Stimmen und akustisch mit viel Hall – die Aufnahme erfolgte in einer Kirche in Vercelli- werden hier Colombanos liturgische Gesänge in Ersteinspielung abwechslungsreich zum Leben erweckt (aufgenommen und erschienen 2018, Brilliant 95839). Marcus Budwitius