Doppelte Rarität

 

Im Zeitalter der Streaming-Dienste beschweren sich die Plattenfirmen über rückläufige Verkaufszahlen ihrer CD. Tun sie aber wirklich alles, um ihre Produkte ansprechend zu machen? Da die meisten Künstler die Aufnahmen inzwischen aus eigener Tasche finanzieren, triumphiert in der Gestaltung die Selbstwerbung, und die Musiker lächeln inzwischen meistens in unmöglichen Klamotten und Posen auf den Covers dem Käufer entgegen, auch dort wo die Physis der Performer – seien wir ehrlich – eher ein schwarz-weißes Photo im Booklet empfohlen hätte. Dort findet man neben reichlichem und unnötigem Glamour-Bildmaterial dünne Texte, denen gegenüber ein Wikipedia-Artikel die Seriosität gelehrter akademischer Abhandlungen ausstrahlt (die Ausnahmen – man denke an CPO – bestätigen die Regel.).

Kommt denn niemand auf den Gedanken, dass kein Musikliebhaber für solch billige Produktionen 20 € und mehr ausgeben möchte? Der Leser wird mir ausnahmsweise nachsehen, wenn ich in einer Rezension zuerst auf die äußere Erscheinung einer CD eingehe. Aber was hier angezeigt wird, ist genau das, was ein Sammler erwerben möchte. Die zu besprechende CD kommt in einem Schuber, der neben der inzwischen üblichen Karton-Hülle für die Platte ein 100seitiges fest gebundenes Büchlein mit klug ausgewählten Farbbildern (etwa der Originalpartituren) enthält. Hinzu kommen nicht weniger als acht kurze, aber inhaltsreiche Beiträge von Spezialisten, die Dusseks Leben und Oeuvre (und in einem Falle Dusseks Hor d’oeuvre: Ivan Day zur Gastronomie der Zeit, mit Rezepten, S. 58-63) erläutern. Sogar eine – leider lückenhafte – Diskographie ist vorhanden (S. 82-84).

Das alles rechtefertigt schon für sich den Kauf. Der Musikliebhaber kommt aber genauso wie der Ästhet auf seine Kosten. Vorgestellt wird eine Messe solemnelle à quatre voix et grand orchestre von Jan Ladislas Dussek (1760-1812), die eine Rarität im doppelten Sinne ist. Richard Egarr hat zum einen ein Werk ausgegraben, das von einem nach wie vor unterschätzten Tonsetzer stammt, obwohl er danke seiner vielen Sonaten für Klavier zu den einflussreichsten und meistgespielten Komponisten der Epoche um 1800 gehörte. Zudem ist dieses Werk im Schaffen Dusseks einzigartig, weil es sich um eine großangelegte, über 60 Minuten lange Messe für Nikolaus II. von Esterházy (1765-1833) handelt, jenen musischen und prachtliebenden Fürsten, dessen verschwenderische Art sein Haus in den Ruin trieb. Dussek, der 1799 hochverschuldet sein Gastland England hatte fluchtartig verlassen müssen, hätte in ihm den richtigen Kumpanen gefunden, falls er sich mit dieser Messe um eine Anstellung in Esterházy bewerben wollte, worüber allerdings nichts bekannt ist. Beim Hören kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Der Liebling von Marie Antoinette und nach 1789 der Klavier-Favorit hochstehender adliger Häuser in England legte mit dieser Komposition, die offenbar vor 1811 entstand, ein monumentales Stück Kirchenmusik im besten mitteleuropäischen Stil vor. Der Rezensent gibt zu, dass er zuerst Zweifel an der Autorschaft hegte. Schließlich waren im 19. Jahrhundert auch andere Messen im Umlauf, die berühmten Komponisten, die in Frankreich tätig waren, zugeschrieben wurden, etwa Boieldieu und Méhul, die indes nichts damit zu tun hatten. Noch 2107 ging der Palazzetto Bru Zane den damaligen schlauen Kopisten auf den Leim und ließ eine „Krönungsmesse“ von Franz Xaver Kleinheinz (1765-1832) unter Méhuls Namen aufführen. Eine andere Möglichkeit wäre, dass Dusseks Bruder Benedikt (1765 – nach 1816) der Autor sein könnte. Er war ebenfalls Musiker, arbeitete in Venedig und Ljubljana tätig und schrieb u.a. auch Messen. Von ihm würde man eher ein solches Stück erwarten Das Vorhandensein einer Handschrift in Florenz, die (so die Forschung) ein Autograph ist und die Angabe „par Jean Louis Dussek, artiste attaché à Son Altesse Sérénissime le Prince de Bénévent“ (d.h. Talleyrand) trägt, muss aber jegliche Zweifel verstummen lassen. Jan Ladislas Dussek, wie sein Bruder Sohn und Neffe von Organisten und Musikern aus Mittelböhmen, wurde in seiner Heimat und später in Prag ausgebildet und brachte somit das Rüstzeug für ein solches Werk mit. Die Virtuosen der damaligen Zeit wurden nicht selten streng und konservativ ausgebildet. Beethoven selbst, Schüler von Albrechtsberger, ist hierfür ein Bespiel unter vielen anderen. Der Berliner Daniel Steibelt (1765-1823), der später zu einem berüchtigt eitlen Tastenlöwen avancierte, soll Schüler von Johann Philipp Kirnberger (1721-1783) gewesen sein und war somit nur einen Handschlag von Bach entfernt, dessen Schüler Kirnberger vielleicht war. Dusseks Messe zeichnet sich durch die großzügige Anlage und den strengen Stil aus, der aber durch im besten Sinne opernhafte Momente aufgelockert wird (etwa in einem ergreifenden Duett für Sopran und Tenor). Der Chor wird effektvoll eingesetzt, die Instrumentierung ist bewusst feierlich gehalten mit breitem Einsatz von Hörnern und Trompeten (die in der Aufnahme vielleicht zu stark in den Vordergrund geschoben wurden). Das Werk kann neben den großen Messen großer und kleiner Tonsetzer der Zeit (beide Haydns, Beethovens C-Dur-Messe, Hummel, Cherubini, Ryba, Lickl, Kleinheinz) bestehen, und diese edle Veröffentlichung kann gerade all denjenigen empfohlen werden, für die eine CD kein getarnter Download ist, sondern ein Kulturprodukt. Michele C. Ferrari

J.L. Dussek, Messe solemnelle. Stefanie True (Sopran), Helen Charlston (Mezzosopran), Gwilym Bowen (Tenor), Morgan Pearse (Bariton), Chor und Orchester der Academy of ancient Musik, Richard Egarr, CD AAM (Academy of Ancient Musik) 011