Musik für kreatives Schaffen

 

Benjamin Appl, der im Mai 2016 einen langfristigen Exklusivertrag mit Sony Classical eingegangen ist, hat seine neueste CD bei Hänssler Classic vorgelegt (HC19081). Warum nun das? Ein Hinweis auf der Rückseite lässt erkennen, dass es sich offenbar um eine geförderte Produktion handelt: „Wir danken Frau Prof. Dr. med. Dr. h.c. Birgit Arabin (Berlin) und der Clara Angela Foundation für die Unterstützung zur Realisierung dieses Aufnahmeprojektes.“ Die Professorin ist eine hochspezialisierte Medizinerin, die Fundation ist inhaltlich breit aufgestellt. So will sie beispielsweise in einem neuen Kreativ-Projekt am Standort Berlin gemeinsam mit werdenden Müttern in Erfahrung bringen, „wie sich kreatives Schaffen positiv auf“  Mutter und ihr Kind auswirken. Dabei dürfte also auch Musik eine Rolle spielen. Ein Zusammenhang mit der Neuerscheinung wäre also gegeben, wenngleich ich mir einige nährende Einblicke in die gegenseitigen Intentionen gewünscht hätte.

Appl singt diesmal Cantatas of the Bach Family. Drei einschlägige Werke werden um zwei Sinfonien ergänzt, die weit mehr als Pausenfüller darstellen. Ein Stück, die Sinfonie in F-Dur für Streicher & Basso Continuo stammt von einem „Mons. Bach de Berlin“, die Carl Philipp Emanuel, dem zweitältesten der Söhne von Johann Sebastian Bach, die überlebt haben, zugeschrieben wird. Er wird auf Grund seiner Wirkungsstätten auch der Berliner oder Hamburger Bach genannt und war in seiner Zeit berühmter als sein Vater. Dieses Werk ist laut Booklet ebenso eine Weltersteinspielung wie die Sinfonie B-Dur Falck 71/CS für Streicher & Basso Continuo von dessen ältesten Bruder Wilhelm Friedemann. Es spielen die Berliner Barock Solisten unter der Leitung von Reinhard Goebel, der – wie er im Booklet zitiert wird – „die Zukunft der Orchestermusik des Barock in den Händen moderner Ensembles“ sieht. Der Fetisch „Originalinstrument“ habe ausgedient, „nicht aber der profund gebildete Fachmann, der ein Orchester in die Tiefendimensionen der Kompositionen führt“. Denn nicht das Instrument mache die Musik, sondern der Kopf. Goebel ist Chef des Solisten-Ensembles. Sein Interpretationsansatz kommt deutlich und nachvollziehbar zum Ausdruck.

Appl beginnt mit der Kantate „Ich bin vergnügt mit meinem Stande“ von Carl Philipp Emanuel Bach, die erst vor wenigen Jahren in einem Kircharchiv wiedergefunden wurde. Wer die Karriere des jungen Baritons verfolgt, wird ihn sofort erkennen. Sein Timbre ist einer seiner Vorzüge, wenngleich Koloraturen  nicht seine Stärke sind. Der Umgang damit ist gelegentlich ziemlich frei und verwaschen. Besonders in der zweiten, das Werk abschließende Arie „Lieber Gott, es ist das Deine“ kommt der Sänger an deutliche Grenzen und kann die musikalische Linie nicht in dem Maße halten, wie es nötig wäre. Dafür hat er in der weltlichen Kantate Pygmalion von Johann Christoph Friedrich Bach wesentlich mehr und besseres zu bieten. „Abgöttin meiner Seele!“: In seiner dramatischen Überspitzung gelingt schon der Beginn wirkungsvoll. Hier ist Appl mit perfekter Wortverständlichkeit ganz der charmante junge Mann als den er sich auch auf seinen offiziellen Fotos gibt. Die Stimme blüht regelrecht auf, ist freier und entwickelt unverhoffte theatralischen Facetten und Talente.

Und es stellt sich wieder die Frage, warum sich dieser Sänger auf der Opernbühne so rar macht, wo er nach meiner Überzeugung am Ende viel besser aufgehoben wäre als vornehmlich auf dem strengen Konzertpodium. Auch in Operetten oder Musicals kann ich ihn mir sehr gut vorstellen. Die Stimme dafür hat er. Nach dieser gedanklichen Abschweifung mahnt das CD-Programm die Rückkehr zu Stenge und Ernst an:Ich habe genug“. Diese Kantate des alten Bach wird in der Leipziger Fassung von ca. 1747 dargeboten. Rüdiger Winter