„Bruckners Welt“

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Abseits der großen Sinfonik wird auch ein Gigant wie Anton Bruckner unzureichend beachtet, sieht man einmal vom relativ häufig aufgeführten Te Deum ab. Das heurige Jubiläumsjahr bietet insofern einen zweckdienlichen Anlass, den „anderen Bruckner“ mehr zur Geltung zu bringen. BR-Klassik (Bestellnummer 900940) legt eine wirklich nagelneue Studioproduktion vor (aufgenommen erst Anfang dieses Jahres im Münchner BR-Studio). Es zeichnen verantwortlich der Chor des Bayerischen Rundfunks und das Münchner Rundfunkorchester unter Peter Dijkstra. Im Mittelpunkt steht dabei die Messe Nr. 2 e-Moll WAB 27, 1866 als Auftragswerk des Linzer Bischofs von seinem seinerzeitigen Domorganisten komponiert und drei Jahre später im Dom zu Linz uraufgeführt. Sie ist, wie ihre Vorgängerin, für achtstimmigen gemischten Chor und Bläserensemble gesetzt. Dem Komponisten gelingt die Symbiose zwischen Anlehnung an den gestrengen palestrinischen Stil der Spätrenaissance und damals zeitgenössischer Romantik. Eingespielt wurde die 1882 revidierte und 1885 erstaufgeführte Zweitfassung der Messe. Ergänzt wird adäquat durch fünf Motetten: Ave Maria WAB 6 (1861), Locus iste WAB 23 (1869), Virga Jesse WAB 52 (1885), Os justi WAB 30 (1879) sowie Christus factus est WAB 11 (1884). Sie künden von der tiefen Verwurzelung Bruckners im katholischen Glauben und sind in den Kontext der Wiedererstarkung der katholischen Kirche im Österreich der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts einzuordnen, als die josephinischen Reformen durch das Konkordat von 1855 endgültig ad acta gelegt wurden. Abgerundet wird die einstündige Spielzeit der ersten CD durch die äußerst selten eingespielten zwei knappen Posaunenchoräle aus Bruckners Feder. Dieses als Aequale bezeichnete, beinahe vergessene Genre erlebte durch Bruckner 1847 einen wichtigen Beitrag. Die Stücke weisen schon auf die überlebensgroßen Choralpassagen in seinen monumentalen Sinfonien hin. Gleichsam als Bonus befindet sich auf der zweiten Disc eine fast 72-minütige, ausführliche Werkeinführung von Markus Vanhoefer. Diese widmet sich besagter e-Moll-Messe und ist in drei Teile untergliedert: 1. Herkunft und Selbstfindung, 2. Klangwelten sowie 3. Religion und Lebenskrisen. Als Musikbeispiele werden neben den auf CD 1 inkludierten Werken Ausschnitte aus der Romantischen Sinfonie (unter Mariss Jansons) sowie von Vorspiel und Fuge c-Moll WAB 131 (mit Martin Haselböck an der Orgel) beigesteuert. Der Neuerscheinung liegt ein informatives Booklet in deutscher und englischer Sprache bei, wobei leider auf die Gesangstexte verzichtet wurde. Künstlerisch und klanglich gibt es indes keine Einwände. Daniel Hauser