Diction please!

 

An Liedern von Felix Mendelssohn Bartholdy ist kein Mangel auf dem Musikmarkt. Immer mehr junge Sänger versuchen sich daran. Wobei jung relativ ist. In Texten von Booklets und in Biographien, die im Internet kursieren, findet sich in den seltensten Fällen das Geburtsjahr. Nur aus Angaben über Studienzeiten, Lehrer, Debüts, Engagements oder Gastspielen lässt sich in etwa das Alter rekonstruieren. Kurz, junge Sänger scheinen in dieser Frage oft sehr zurückhaltend, als schade Älterwerden der Karriere. Insofern müsste es richtig heißen, dass sich immer mehr gefühlt jüngere Sänger Mendelssohn zuwenden. So auch bei einer neuen Edition des englischen Labels Champs Hill Records, das die Einspielung der kompletten Lieder von Mendelssohn verspricht. Volume 1 (CHRCD056) und Volume 2 (CHRCD091) sind erschienen. Wie viele Alben noch folgen, ist nicht zu ermitteln. Mendelssohn war in diesem Genre ziemlich tüchtig. Im Werkverzeichnis sind 129 Lieder zu finden, hinzu kommen zwölf Duette mit Klavierbegleitung. Die Übersicht wird nicht dadurch leichter, dass einmal nach Opus-Zahlen, das andere Mal nach dem Thematisch-systematischen Werkverzeichnis der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig von 2009 gezählt wird.

Mendelssohn Lieder 1Die Edition ist mit den Angaben ziemlich frei, benutzt für die Ordnung auch thematische Einteilungen wie „The Boy Mendelssohn“. Und das ist die Liste der Mitwirkenden: Benjamin Appl, Mary Bevan, Sophie Bevan, Allan Clayton, Jonathan McGovern, Paula Murrihy, Robin Tritschler, Kitty Whately. Begleitet werden sie am Klavier von Malcolm Martineau. Bis auf Appl, der sich auch oft in London aufhält, alles Briten. Mendelssohn wird ja fast schon als einer der Ihren angesehen. Insgesamt hatte er zehnmal das Königreich besucht, wo er verehrt und bei Konzerten gefeiert wurde. Sein Oratorium Elias erklang zuerst in London in Englisch. Die deutschsprachige Erstaufführung hat er nicht mehr erlebt. Champs Hill kommt nicht mit der ersten Gesamtaufnahme der Lieder und Duette. Schon die englische Hyperion hatte 144 einzelnen Titel eingespielt, was auf eine komplette Edition hinaus laufen dürfte. Emsig waren auch andere Firmen. Die Lieder sind sehr feinsinnig. Poetische Anregung fand Mendelssohn bei den bedeutendsten Dichtern – darunter viel Goethe, den er noch selbst getroffen hatte, Eichendorff, Rückert, Lenau, Tieck, Gedichte aus des „Des Knaben Wunderhorn“. Heute weitestgehend vergessene Schriftsteller dürften ihn durch ganz bestimmte poetische Bilder inspiriert haben, wie sie beispielsweise in dem Gedicht Die Sterne schau’n in stiller Nacht des Balten Albert Graf von Schlippenbach aufscheinen. In Vol. 2 wird das Lied von Paula Murrihy gesungen. Ihr Sopran ist wie gemacht für Lieder. Der Beginn, der auch dem Titel entspricht, gelingt sehr zart und träumerisch. Wie hingehaucht. Er ist auch gut zu verstehen. Diese Wortdeutlichkeit wird aber nicht durchgehalten. Sie verliert sich, als ob die Konzentration nachlässt. Was, bitte, wird da eigentlich gesungen? Bitte etwas deutlicher! Damit offenbart sich ein grundsätzliches Problem der Edition. Nicht an der Musik, sondern an den Texten wurde nicht gründlich genug gearbeitet. Selbst der muttersprachliche Benjamin Appl, der Lieder als eine Domäne seiner Erfolg versprechenden Karriere gewählt hat, ist in der Diktion nicht perfekt. Diese Einschränkung mindert nicht die Frische des Vortrags insgesamt. Mit den Texten in der Hand, die alle im Booklet abgedruckt sind, macht es Ende Spaß, dem Vortrag zu folgen.

Wenn sich – gefühlt junge Sänger – mit Mendelssohn Bartholdy beschäftigen, haben sie einen Vorteil. Sie brauchen sich nicht ständig an den Altvorderen messen lassen. Seine Lieder sind in den Diskographien berühmter Sängerinnen und Sänger nicht die größten Abteilungen. Mendelssohn war auf Grund seiner jüdischen Herkunft in Nazideutschland geächtet. Das wirkt nach. In der großen Liededition, die der Pianist Michael Raucheisen beim Reichsrundfunk Berlin betreute und die bis heute als beispielhaft gilt, findet sich kein Lied des Komponisten. Erst 1949 wurden mit Erna Berger zwei Lieder eingespielt. Mehr ist nicht zu finden. In der üppigen Hinterlassenschaft von Elisabeth Schwarzkopf ist mit „Auf Flügeln des Gesanges“ gerade mal ein Lied auszumachen. Die Liste ließe sich fortsetzen. Eine Renaissance von Mendelssohn-Liedern setzte in Deutschland ziemlich spät ein, woran Dietrich Fischer-Dieskau im Westen und Peter Schreier im Osten ihren Anteil hatten. Rüdiger Winter