Tour de Force

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Nicht mit halben Sachen begnügen mag sich der Sopran Sondra Radvanovsky, spielte sie doch 2022 gleich alle drei Königinnen Donizettis ein und ließ diesen nun 2025 so gut wie alle Puccini Heroines  folgen, ausgenommen nur  Liù und Giorgetta aus Il Tabarro , erstere wohl, weil sie allzu weit entfernt von den Anforderungen an die Stimme im Vergleich zur das Konzert beendenden Turandot ist, letztere vielleicht wegen des Fehlens einer populären Arie.

Erstaunlich ist dann allerdings, wie es die Sängerin schafft, nach dem hochdramatischen Auftrittslied der chinesischen Prinzessin als Zugabe, denn es handelt sich um den Mitschnitt eines Konzerts in Chicago, die vokal leichtgewichtige Musetta ihr Walzerlied trällern und  die ebenfalls sehr lyrische Lauretta ihr „O mio babbo caro“ flehen zu lassen.

Debütiert hat die Radvanovsky vor ungefähr dreißig Jahren mit der Mimi, zunächst bildeten der Belcanto und Verdi Schwerpunkte ihrer Karriere, 2023 war sie an der Seite von Jonas Kaufmann Turandot, die künstlerische Heimstatt war neben vielen Gastspielen ihre Geburtsstadt Chicago, wo auch die nun vorliegende Aufnahme mit Enrique  Mazzola am Dirigentenpult entstand.

Um der Sängerin immer wieder Erholungspausen zu gönnen, gibt es neben den Arien , falls vorhanden, Vor- und Zwischenspiele, und es beginnt gleich mit dem Preludio zu dem Erstling Puccinis, Le Villi, aus dem die Arie der Anna folgt, der die Sängerin eine dunkel grundierte Mittellage und eine strahlende Höhe angedeihen lässt, weniger mädchenhaft rein und unerfahren als den Stürmen des Lebens bereits ausgeliefert klingend. Ebenfalls bereits der Partie entwachsen ist der Sopran, was die Bohéme-Mimi im ersten Akt betrifft, für die man sich mehr dolcezza wünscht, die sich Verspieltes erkämpft und in der Höhe recht schneidend erscheint. Eine emphatisch klingende Tosca mit schönem hohem B und einem beeindruckenden Aufschrei auf „Signor“ schließt sich an, auch Butterfly mit ihren hohen Ansprüchen an die Mittellage, mit schöner mezza voce zu Beginn ihres „Un bel di“ und beeindruckenden Schwelltönen entspricht dem Entwicklungsstand der Stimme. La Fanciulla del West lässt das kurze „Laggiù nel Soledad“ zwischen Robustheit und Zartheit mit seinem hohen C ertönen, während die Magda aus La Rondine den „Sogno di Doretta“ elegant und voller Wärme erblühen, eine wissende Stimme vernehmen lässt.

Aus Manon Lescaut wählte die Sängerin wohl mit Bedacht die letzte Arie, stellt geschickt den Gegensatz zwischen dem erhofften „asil di pace“ und dem verzweifelten „non voglio morir“ heraus. Verhangen, nur im Aufschrei sich aufhellend, singt Suor Angelica ihren Abschied von der Welt, sehr dunkel, vor allem wenn man bedenkt, dass es noch eine Mezzopartie in Edgar gibt, klingt die Fidelia.

Wirklich angelangt ist die Stimme in der Partie der Turandot, in deren „In questa reggia“ der dramatische Sopran mit tragischem Unterton nichts erzwungen, alles natürlich erscheinen lässt. Nicht jede Sängerin wäre danach in der Lage gewesen, noch eine Musetta und eine Lauretta zu Wort konmen zu lassen.  Für Enrique Mazzola ist das Konzert natürlich ein Heimspiel und das Orchester der Lyric Opera of Chicago natürlich ein versierter Begleiter (PTC 5187 491). Ingrid Wanja