.
Aus Frankreich kommen gegenwärtig immer neue Opernaufnahmen mit hat – man das Gefühl – immer denselben Sängern, namentlich bei Glossa und dem Chateau de Versailles. Nun eben bei Glossa mit Jean-Baptiste Cardonnes Omphale. Wieder mit wieder dabei sind Judith van Wanroy und Reinoud van Mechelen. Beide eine sichere Bank in solchen Einspielungen von französischen Barockopern. Mir tauchen sie in letzter Zeit zu viel auf. Aber man weiß, wenn man diese Namen sieht, wie auch den des Dirigenten György Vashegyi, da kann man nicht so viel falsch machen. Das ist solide, und bei diesem Namen, Cardonne, von ich auch nie vorher etwas gehört habe, schlägt man dann doch nochmal für eine Einspielung zu. Verdientermaßen?
Wer war Jean-Baptiste Cardonne? Er ist geradezu die Inkarnation eines Übergangskomponisten, wie aus dem Lehrbuch. Wir schreiben das Jahr 1769. Und einerseits gibt es in Paris die Oldschool-Fans, die noch an Lully und Rameau hängen. Aber es gibt andererseits auch die Junge-Wilde-Szene, wo Komponisten wie Gretry und Philidor neue Töne anschlagen. Cardonne sitzt genau dazwischen. Er hängt noch an Lully, vertont mit Omphale ein altes Libretto, lässt aber doch manchmal schon den neuen Stil hören. Besonders bei den Tänzen und Ensemble-Nummern. Da horcht man auf. Gluck ist nicht weit.
Worum geht es in dem angestaubten Libretto? Omphale ist eine Königin aus der Mythologie. Ist das nicht denn auch schon ein Statement und ein eher bequemes Bekenntnis zur Tradition? Cardonne wollte es allen recht machen. Das hat die Kritik von 1769 rügend angemerkt.
Omphale ist eine charismatische Königin, sie liebt einen von zwei Rivalen, gibt das aber nicht zu. Einer dieser beiden wird wiederum von einer mächtigen Zauberin geliebt. Die ist eifersüchtig auf die Königin und auf ihren Favoriten, den sie begehrt. Sie benimmt sich ein bisschen wie die 13. Fee in Dornröschen. Sie stört und nervt die ganze Zeit. Was erstmal ganz spannend klingen könnte. Aber ihre Auftritte werden wirklich dauernd von rein dekorativen Chören und Tänzen unterbrochen. Wie in der alten französischen barocken Oper üblich. Zudem ist dies nicht der spannendste Plot.
Ich habe beim Zuhören gedacht, wie merkwürdig es ist, dass man heute viel leichter den Zugang zu so einer Geschichte aus dem 18. Jahrhundert als zu späteren des 19. Jahrhunderts findet, weil das Frauenbild in der Barock-Oper viel progressiver war. Man findet kaum Frauen in Opferrollen. Sie sind megastarke Akteurinnen, Zauberinnen, Königinnen, auf Augenhöhe mit den Männern und oft den Männern überlegen, die nur ihre Spielbälle sind (man denke an Alcina).
Cardonne hat diese eigentlich eingängige Handlung oft in sehr, sehr langweiligen Rezitativen vertont, die noch wie von Lully klingen. Gefühlt die Hälfte in dieser Oper, und irgendwann schläft man beim Hören ein. Das klingt nicht sehr innovativ und war es auch damals nicht mehr.
Warum kommt das dann auf die CD? Das fragt ich mich manchmal und auch hier. Ich war sehr amüsiert, dass Benoit Dratwitzki, selber großer Experte für barocke Oper, im Booklet schreibt, Omphale sei ein Beispiel für eine elegante Fusion von alten und neuen Stilmitteln. Hatte ich jetzt wirklich die richtige CD eingelegt, weil ich das völlig anders hörte. Ich muss für mich sagen, dass ich kaum je eine Oper gehört habe, in der altes und neues so unglücklich verbunden wurde wie hier. Da klafft schon sehr viel auseinander. Aber zur Ehrenrettung: Es gibt dann doch immer wieder eine Menge Charme. Namentlich bei den Chören und Tänzen, die wirklich flott und wunderschön klingen. Sie erinnern an Rameau, also doch rückwärts.
Die Umsetzung insgesamt ist wieder auf hohem Niveau. Nichts anderes habe ich erwartet. Nun ist es leider auch so, dass man sich so schnell an so ein hohes Niveau gewöhnt hat und schnell eben auf diesem mäkelig wird, weil vieles zu oft immer gleich klingt. Das liegt vielleicht aber auch daran, dass sich bei den Interpreten (und vielleicht auch bei uns Hörern?) eine gewisse Routine eingeschlichen hat. Sie sind eben inzwischen auf fast jeder Aufnahme zu hören. Ich habe namentlich bei barocken Opern aus Frankreich dieses Gefühl immer die sechs selben zugegebenermaßen guten Sänger oder Sängerin zu erleben, so wie hier Judith van Wanrooy, Reinoud van Mechelen und andere (Jerome Boutillier, Jehanne Amzal, Purcell Choir, Orfeo Orchestra, Glossa 2 CDs, GCD924016). Sicher toll, aber sie bestreiten inzwischen gefühlt drei Viertel des Katalogs dieser Opern. Da fehlt mir das frische Blut. Und auch György Vashegyi schaltet mir zu sehr auf Autopilot. Ich vermisse die frechen Dynamiken seiner frühen Jahre, den Mut, ein bisschen effekthascherischer, ein bisschen lauter oder krachender in den Tänzen zu sein, mit den Tempi mehr zu machen. Dies ist eine Zauberoper. Und da könnte man doch wirklich auf den Putz hauen. Und zaubern! Aber zaubern tut er nicht wirklich. Was hätten Pichon oder Minkowski daraus gemacht. Also insgesamt ist dies eine interessante Oper zwischen den Stilen aus dem Mittelfeld der Zeit, gut gesungen, aber ich weiß nicht, ob ich mich nächstes Jahr noch daran erinnere (8. 2. 2026). M. K./G. H.
