Wilma Lipp

 

Es muss um 1970 gewesen sein. Wilma Lipp gastierte in Jena, der Universitäts- und Industriestadt in Thüringen, DDR. Stars aus dem Westen verirrten sich höchst selten in ostdeutsche Provinzen, zumal zu damaliger Zeit, als sich die beiden Systeme im kalten Krieg hochbewaffnet gegenüber standen. Die Lipp traute sich. Das nahm das Publikum zusätzlich für sie ein. Ob sie auch auf dem Höhepunkt ihres Ruhms gekommen wäre, darf zumindest angezweifelt werden. Als ich sie hörte, hatte sie die Grenzen ihrer erfolgreichen Karriere erreicht und begann sich von der Opernbühne zurückzuziehen. Noch immer verbreitete diese Sängerin Glanz. Mehr als an das Programm erinnere ich mich an ihre hinreißende Erscheinung. Sie sah blendend aus. Brillanten funkelten. Sie sang Lieder. Dabei hätte ich sie am liebsten als Königin der Nacht gehört. Ihr Ruhm, der sich vor allem mit dieser Rolle verband, war bis in meinen Winkel gedrungen. Schallplatten, auf denen sie mitwirkte, gab es nicht zu kaufen. Man kannte sie aus dem Westfernsehn. Schubert war dabei und Mozart. Mehr weiß ich nicht. Für ein Programmheft hatte es wohl nicht gereicht.

Erst sehr viel später erfuhr ich, dass es mindesten sechs verschiedenen Zauberflöten-Aufnahmen gibt. In fünfen – die von Furtwängler, Karajan, Böhm und Keilberth dirigiert werden – ist sie die Königin. Als sie zur Pamina wechselte, setzte sie Karajan 1962 für seine Produktion im Theater an der Wien gemeinsam mit Nicolai Gedda ein. Davon hat sich auch ein Mitschnitt erhalten. Professionelle Rollenwechsel waren für sie nicht ungewöhnlich. In Falstaff war sie Nanetta und Alice. In Janáceks Oper Die Ausflüge des Herrn Broucek sang sie 1959 sowohl in der Produktion im Münchner Prinzregentheaters unter Keilberth (deutsche Erstaufführung) als auch bei der von ihm betreuten Aufnahme des Westdeutschen Rundfunks gleich drei verschiedene Rollen. Und in der Fledermaus ging sie von der Adele zur Rosalinde über.

Vor die Wahl gestellt, mich für eine Rolle der Lipp, die sie auf Tonträgern hinterlassen hat, zu entscheiden – ich würde ohne Zögern die Adele nennen. Die Aufnahme entstand 1950 mit den von Clemens Krauss geleiteten Wiener Philharmonikern für die Decca. Sie kommt völlig ohne Mätzchen aus, ist idiomatisch auf dem Punkt und lässt das Ensemble triumphieren. Krauss duldet keinem der Mitwirkenden, auszuscheren und sich herauszuheben. Alle haben dem Komponisten Strauß zu dienen. Es gibt keine Stars. Der Star ist das Werk. Auch die Lipp reißt nicht aus, sondern bringt sich mit stimmlicher Delikatesse einer gewissen Demut als das ein, was sie ist – das legendäre Kammermädchen. Das Kammermädchen an sich. Es ist, als ob sie dieser Gattung ein Denkmal setzt. Damals dürfte Wilma Lipp schon auf dem Höhepunkt ihres Könnens gewesen sein.

Geboren wurde sie am 26. April 1926 in Wien. Sie begann noch als Kind mit Musikunterricht und studierte später bei Toti dal Monte in Mailand, die sie Koloraturen lehrte und in der Heimatstadt bei Anna Bahr-Mildenburg, die ihr auch dramatisches Fähigkeiten vermittelt haben dürfte. In Wien wurde sie von der Staatsoper zunächst als Elevin, danach als vollwertiges Ensemblemitglied aufgenommen. 1948 durfte sie erstmals für eine ausgefallene Kollegin die Königin der Nacht singen. Damit war ihr Weg nach oben geebnet. Noch vor der Wiedereröffnung des im Krieg schwer zerstörten Opernhauses wurde sie 1953 zur jüngsten Kammersängerin ernannt. Am 26. Januar 2019 ist Wilma Lipp in Inning am Ammersee gestorben.

Die Wiener Staatsoper würdigt sie in einem Nachruf: „Wilma Lipp war eine prägende Gestalt des Wiener Mozartensembles nach der Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper. Sie war eine der wichtigsten Sängerinnen der Böhm- und Karajan-Zeit sowohl auf der Bühne als auch auf Aufnahmen. Neben ihrem sängerischen Wirken hinterlässt sie ein Vermächtnis als große Pädagogin und als Vorbild für das heutige Solistenensemble: Wilma Lipp hat hingebungsvoll vorgelebt, wie man als festes Mitglied an einem Haus künstlerisch aufblühen und parallel dazu eine internationale Karriere aufbauen kann. Wir verneigen uns in Dankbarkeit und Demut vor Wilma Lipp, die vier Staatsopernjahrzehnte künstlerisch vergoldet hat“, so Staatsoperndirektor Dominique Meyer.  Rüdiger Winter

 

Foto oben: Im ORF 2012:  „Unsere Wiener Staatsoper“ – Erinnerungen an einen Neubeginn“, Eines der großen österreichischen Nationalsymbole, die Wiener Staatsoper, ist zehn Jahre nach dem Krieg aus den Trümmern neu erstanden. In der Dokumentation kamen jene Zeitzeugen zu Wort, die den Neuanfang miterlebt haben: Künstler wie Waldemar Kmentt, der bei der Wiedereröffnung 1955 im „Fidelio“ den ersten Ton im neuen Haus gesungen hat, Sena Jurinac, die sich zum Zeitpunkt des Bombentreffers im Keller der Staatsoper befunden hat, ferner unter anderen Elisabeth Schwarzkopf in einem ihrer letzten TV-Interviews, Wilma Lipp, Christa Ludwig, Karl Löbl und Ioan Holender. Der Film brachte erzählte Geschichte und räumte mit diversen Legenden rund um den Wiederaufbau der Oper auf. Buch und Regie: Otto Schwarz; Im Bild: Wilma Lipp/ ORF.  SENDUNG: ORF3 – SA – 29.12.2012