Thomas Walker

Vor drei Jahren begeisterte Thomas Walker in der Premiere von Calixto Bieitos Inszenierung der Rameau-Oper Platée an der Staatsoper Stuttgart. Nun kehrt er im März 2015 in der anspruchsvollen Haute-contre-Rolle nach Stuttgart zurück. Im Interview mit operalounge.de spricht der Tenor unter anderem über die Anforderungen der Travestipartie, die Herausforderungen der Stuttgarter Inszenierung und weitere spannende Barockpläne.

Thomas Walker/Foto Robert Workman

Thomas Walker/Foto Robert Workman

Diese Spielzeit singen Sie wieder die Titelpartie in Rameaus Platée an der Stuttgarter Oper, eine Rolle „en travestie“. Worin liegt die größte Herausforderung, diese recht ungewöhnliche Partie darzustellen? Neben den hohen musikalischen Anforderungen ist die größte Herausforderung, dass man überzeugend eine Frau darstellen muss. In Bieitos Inszenierung ist Platée ein Transvestit, also nicht unbedingt eine attraktive Frau. Trotzdem muss sie meist sehr weiblich aussehen und sich vor allem wie eine Frau verhalten und bewegen. Das war erst eine große Herausforderung für mich, da Männer, die Frauen spielen, oft eher wie deine Großmutter aussehen oder einfach übertrieben theatralisch dargestellt werden, wie eine Drag-Queen. Diese Platée ist ganz anders. Sie ist sehr plump, fast schon geschmacklos, was ihre Kleidung und Sprache anbelangt. Da ich von Natur aus nicht so bin, war es erst nicht leicht, einen Weg finden, das überzeugend darzustellen.

Thomas Walker als Platée in Stuttgart/Foto A.T. Schaefer / Staatsoper Stuttgart

Thomas Walker als Platée in Stuttgart/Foto A.T. Schaefer / Staatsoper Stuttgart

Und was sind die stimmlichen Herausforderungen der Rolle? Vor allem die Tessitura. Wir führen das Stück mit einem modernen Orchester in Originaltonart auf – das heißt, dass alles ein Ganzton höher ist. Das Schwierige sind nicht einzelne Töne, sondern, dass die Rolle konstant hoch liegt. Dazu kommt noch, dass man bestimmte Effekte mit der Stimme erzeugen muss, weil viel von dem, was ich singe, das Publikum erheitern soll. Es ist also wichtig, einen Weg zu finden, die Stimme unterschiedlich einzufärben, und das in dieser extremen Lage. Das ist nicht leicht und eine wahre Kunst. Dazu kommt noch die Länge der Partie. Wenn man die Bühne erstmal betreten hat, verlässt man sie bis zum Ende des Stückes nicht mehr. Ich bin sehr froh, Teil dieser Produktion zu sein, und genieße die Herausforderungen dieser Rolle. Was wäre schon der Sinn der Sache, wenn man nicht herausgefordert wird?

In Calixto Bieitos Inszenierung müssen Sie im wahrsten Sinne des Wortes „alle Hüllen“ fallen lassen“… Das stimmt. In dieser Produktion habe ich recht komplizierte Unterwäsche an, die vor allem dazu dient, mir weiblichere Formen zu verleihen, wenn ich mein Kostüm trage. Männer haben ja keine sehr ausgeprägten Hüften und dafür gut definierte Taillen. Ich trage also die ganze Aufführung über ein gepolstertes Korsett, aber abgesehen davon ziehe ich irgendwann alles aus. In meiner Auftrittsarie muss ich meinen Penis entblößen. Für mich ist das kein so schockierender Moment, wie man vielleicht denken könnte. Es ist ein sehr privater und eigentlich ziemlich schöner, intimer Moment. Platée zieht sich an, und das Publikum schaut dabei zu. So einfach ist das. Aber ja, nackt auf einer leeren Bühne in prallem Scheinwerferlicht zu stehen, ist vielleicht nicht unbedingt etwas, das alle Sänger machen würden.

Thomas Walker als Platée in Stuttgart/ Foto A.T. Schaefer / Staatsoper Stuttgart

Thomas Walker als Platée in Stuttgart/ Foto A.T. Schaefer / Staatsoper Stuttgart

Barockrepertoire spielt in Ihrer Karriere insgesamt eine wichtige Rolle, Sie beschränken sich aber keineswegs darauf. Wie groß ist die Gefahr, als „Barocksänger“ in eine Fachschublade gesteckt zu werden? Wahrscheinlich ist diese Gefahr nicht so gering, da ich immer mehr Barockopern singe. Früher habe ich vor allem in Konzerten Barockrepertoire gesungen, und anderes Repertoire auf der Opernbühne. Aber das hat sich über die Jahre geändert. Ich sehe jedoch kein Problem darin, in eine „Barockschublade” gesteckt zu werden, da ich diese Musik liebe und froh wäre, noch viele weitere Barockpartien zu singen, die auf meiner Wunschliste stehen. Viele dieser Wunschpartien sind übrigens von Rameau! Eigentlich ist es so, dass wir modernen Sänger ein weitaus vielfältigeres Repertoire singen, als das Sänger in der Vergangenheit getan haben. Und man erwartet von uns, dass man sich nicht zu sehr in einem Feld spezialisiert, da das sonst andere Türen verschließt. Aber Dank des Inputs meiner Agentin und meinem eigenen Entscheidungsprozess hoffe ich, meinen Kalender so ausgewogen wie möglich zu halten.

Thomas Walker/Foto Robert Workman

Thomas Walker/Foto Robert Workman

Welche neuen Partien stehen in Zukunft auf Ihrem Kalender? Ich fürchte, noch mehr Barockrollen (lacht). Ohne genaue Details nennen zu können, kann ich schon verraten, dass Arnalta in L’incoronazione di Poppea kommen wird. Wieder eine Travestipartie, und wieder eine sehr schwierige. Dann kommt Sospiro in Gassmanns L’opera seria am La Monnaie in Brüssel unter der musikalischen Leitung von René Jacobs. Keine Travestiterolle, und keine besonders hohe Partie. Das geht eher in Richtung Tamino, was sicher mit der gewissen Schwere, die meine Stimme auch haben kann, toll zu singen sein wird. Ich werde dann nicht ständig daran denken müssen, den Stimmklang für die hohen Töne auszudünnen. Außerdem werde ich die Titelpartie von Händels Belshazzar singen – wieder eine Rolle, in der eher die Mittellage und die Koloraturen wichtig sind. Das wird sicher ein Riesenspaß, denn es ist schon eine Weile her, dass ich zum letzten Mal ein Oratorium von Händel szenisch gesungen habe! Von Rameau werde ich die Titelpartie von Zoroastre singen, und damit wieder zum Haute-contre-Repertoire zurückkehren. Bei Zoroastre handelt es sich jedoch im Gegensatz zu Platée um eine opera seria Rameaus, und, noch wichtiger, um einen Mann, nicht um eine Frau. Auch darauf freue ich mich sehr.

Thomas Walker als Platée in Stuttgart/ Foto A.T. Schaefer / Staatsoper Stuttgart

Thomas Walker als Platée in Stuttgart/ Foto A.T. Schaefer / Staatsoper Stuttgart

Und abgesehen davon werde ich wie immer viele Konzerte singen, die meist die Hälfte meines Kalenders füllen. Spielt das Lied in Ihrer Karriere eine Rolle? Ja, das Lied spielt eine Rolle in meiner Karriere, aber ich würde ihm sehr gerne mehr Zeit widmen. Aber es ist sehr schwierig, den richtigen Pianisten, Ort und genug Zeit dafür zu finden. Man muss wirklich intensiv mit dem Begleiter arbeiten, der beim Lied ein gleichwertiger musikalischer Partner ist und man muss eine gemeinsame Stimme finden. Das braucht seine Zeit – Zeit, die ich bisher nicht wirklich hatte, und es scheint mir nicht sehr wahrscheinlich, dass ich sie auf absehbare Zeit finden werde. Aber wer weiß…

Und in Deutschland nach der Stuttgarter Platée? Nach Platée werde ich im Juni für eine Konzerttournee mit Musik Arvo Pärts nach Deutschland zurückkehren, mit Vittorio Ghielmi an der Viola da gamba. Wir werden unter anderem bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen und in Berlin auftreten. Ebenfalls im Juni werde ich mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment in Händels Messiah beim Rheingau Musik Festival zu hören sein.

 

Thomas Walker als Ulisse von Monteverdi in London/ Foto English National Opera/ Robert Workman

Thomas Walker als Ulisse von Monteverdi in London/ Foto English National Opera/ Robert Workman

Und zum Schluss ein paar Worte über die Anfänge? Ich habe sehr spät mit dem Singen angefangen. Als ich herausfand, dass ich eine gute Stimme habe, war ich 21. Bis dahin habe ich ein wenig als Tenor in Chören gesungen, aber wirklich nur zum Spaß. Ich hatte keine Ahnung, dass ich einmal eine Karriere als Sänger machen könnte. Studiert habe ich am Royal College of Music in London mit Ryland Davies. Es war eine Zeit voll von großen Veränderungen und Entdeckungen für mich und ich werde Ryland immer sehr dankbar dafür sein, dass er mir Mut gemacht und mich so gut geleitet hat. Ich wusste nun, dass es Ernst mit dem Gesang wurde, als ich beim Royal College of Music aufgenommen wurde. Ich hatte damals schon ein anderes Studium abgeschlossen und mich dann dafür entschieden, zu schauen, wie weit mich das Gesangsstudium im Hauptfach bringen würde. Ich hatte das Glück, während des Studiums viele Gelegenheiten zu haben, aufzutreten und das hat mich auf den Weg gebracht, den ich heute noch beschreite.

Thomas Walker als Don Pedrarias Dávila in "The Indian Queen" Purcells/ in London/Foto English National Opera/ Robert Workman

Thomas Walker als Don Pedrarias Dávila in „The Indian Queen“ Purcells in London/Foto English National Opera/ Robert Workman

Bedeutend und nachhaltig wurde für mich diese Produktion von Platée. Ja, ich habe in vielen Produktionen mitgewirkt, die mich in jeglicher Hinsicht gefordert haben, aber diese Inszenierung war für mich entscheidend. Es war damals meine erste „Haute contre”-Partie und eine darstellerische Herausforderung. Es ist eine Inszenierung, von der mir der Abschied sehr schwer fallen wird, da sie etwas wirklich Besonderes ist, mit wunderschöner Ausstattung und Bühnenbild. Es wäre nicht fair, hier bestimmte Regisseure und Dirigenten zu nennen, mit denen ich besonders gut zusammengearbeitet habe. Was letztere angeht, kommt man schnell darauf, wer das sein könnte, da ich immer wieder mit denselben Dirigenten und Orchestern arbeite.

„Walker has performed Platée on stage and his experience showed in his confident (despite the frock), even macho negotiation of some fearsomely high-lying music and in expressing not just Platée’s vanity and grossness (guttural consonants spat into various faces) but also her likeability…Walker’s virtuoso turn…“  – The Times

William Ohlsson führte das Interview für operalounge.de

http://www.thomaswalkertenor.com; (und dort auch ein kurzes Live-Interview mit der BBC); facebookTwitter.com/tomwalkertenorFoto oben: Robert Workman/ Termine für die Platée in Stuttgart